Kein Grund zum Schämen!

2. Timotheus 1,7-10 (27.9.2020 – Berlin-Hellersdorf)

Erinnern Sie sich noch, wann Ihnen das letzte Mal eine Sache so richtig peinlich gewesen ist, wo Sie sich geschämt haben und am liebsten im Boden versunken wären? Manche solcher Situationen hängen einem ja lebenslang an.

Ich weiß noch, wie ich als kleines Kind eine kurze Hose anziehen musste, die ich zuvor von einer Patentante bekommen hatte. Es war keine neue Hose, sondern abgelegt von ihrem Helmut, der sie irgendwann Ende der 30er – Anfang der 40er Jahre getragen hatte. Es war eine blaue Strickhose der Firma Bleyle, ein unverwüstliches Material, aber Anfang der 50er Jahre völlig aus der Mode gekommen und den Kindern in der Ostzone völlig unbekannt. Und die Hosenbeine erinnerten schon ein wenig an abgeschnittene Strümpfe. Mit dieser Hose also trat ich auf die Straße, um mit den anderen Kindern zu spielen, doch die schrien nur. „Schlauchhosen, Schlauchhosen, der Volkmar hat Schlauchhosen an!“ Ich wäre am liebsten unsichtbar gewesen, habe dann aber umgedreht und bin wieder nach oben gegangen und habe mit der Entschiedenheit eines kleinen Jungen erklärt, dass ich diese Hosen nie, nie wieder anziehen würde. Meine Mutter hat das akzeptiert, auch wenn es ihr sicher schwer fiel, weil meine Eltern um diese Zeit schlicht und einfach fast kein Geld hatten und so eine geschenkte Hose, auch wenn sie schon älter und aus der Mode war, einfach ein Kapital darstellte. Sie verschwand im Schrank, und sicher wurde sie irgendwann einmal zu Lappen, mit denen man ganz hervorragend die Schuhe polieren konnte.

Es gibt sicher schlimmere Peinlichkeiten als die hier geschilderte. Zu solchen schlimmen Peinlichkeiten gehört auch, dass uns die Beziehung zu bestimmten Personen irgendwann einmal peinlich wird. Paulus hat diese Sorge in Bezug auf seinen Schüler und Mitarbeiter Timotheus, denn Paulus sitzt im Gefängnis, und das ist ja nun mal nicht gerade ehrenvoll. Ein guter Grund also für Paulus, seinem Mitarbeiter aufmunternde Worte zu schreiben. Und wie Paulus so ist, wird er dabei dann auch gleich wieder grundsätzlich. Aber hören wir erst einmal, was Paulus nach einigen Einleitungssätzen dann am Beginn seines zweiten Briefes an Timotheus schreibt:

7 Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. 8 Darum schäme dich nicht des Zeugnisses von unserm Herrn noch meiner, der ich sein Gefangener bin, sondern leide mit für das Evangelium in der Kraft Gottes. 9 Er hat uns selig gemacht und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht nach unsern Werken, sondern nach seinem Ratschluss und nach der Gnade, die uns gegeben ist in Christus Jesus vor der Zeit der Welt, 10 jetzt aber offenbart ist durch die Erscheinung unseres Heilands Christus Jesus, der dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium.

Wes Geistes Kinder denn Christen sind und also auch Timotheus sein soll, das beschreibt der Apostel zuerst. Kraft, wir könnten auch sagen: Standhaftigkeit, und Liebe und Besonnenheit, das soll Christen auszeichnen. Das soll von ihnen ausgehen, denn das baut die Gemeinde auf und ist auch an anderer Stelle förderlich. Das Gegenteil wären Wankelmut, Eigennutz und Verantwortungslosigkeit. Wo Derartiges um sich greift, funktioniert keine Familie, keine Kirchengemeinde und auch kein politisches Gemeinwesen.

Dass Gemeindeaufbau funktioniert, ist ein ganz wesentliches Anliegen der Briefe an Timotheus und an Titus. Wie ein guter Hirte, wie ein „Pastor“ also, was ja übersetzt „Hirte“ heißt, kümmert sich Paulus oder, wie manche meinen, vielleicht auch erst ein späterer der Briefschreiber unter dem Namen des Apostels Paulus um alle möglichen Probleme in den Gemeinden. Es sind so eine Art Hirtenbriefe. Deswegen nennt man diese Briefe an Timotheus und Titus zusammengefasst auch Pastoralbriefe.

Was in unserem Briefabschnitt nun aber so besonders ist, das ist, dass Paulus oder eben der später im Sinne des Paulus schreibende unbekannte Verfasser ganz klar deutlich macht, worin christliche Standhaftigkeit und Liebe und Besonnenheit denn begründet sind, nämlich in Christus selber. Das ist eigentlich ganz klar. Wie sollte es auch anders sein. Aber nun schreibt der Apostel nicht, dass doch Christus auch so standhaft und voller Liebe und Besonnenheit war. Er nimmt Christus nicht nur als Vorbild, sondern er legt bewusst noch eine ordentliche Schippe drauf. Der Apostel hält sich auch nicht damit auf, Eigenschaften Jesu aufzuzählen, er kommt aufs Ergebnis des Wirkens Jesu zu sprechen: Christus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht. Punkt. Das ist das Evangelium, das ist die gute Nachricht. Daran gibt Gott Anteil, und das nicht aufgrund einer Leistung, sondern umsonst, aus Gnade.

Wenn der Tod, der ja alles hinwegraffen will, verschlungen ist im Sieg Jesu, wenn wir zwar sterben müssen, aber auch dadurch von unserem Urgrund in Gott nicht mehr getrennt werden können, dann ist wirklich eine neue Zeit angebrochen, dann gibt es keinerlei Grund für ängstliches Zurück oder gar Scham wegen dieser Botschaft. Und wenn wir dann diese Sätze im Zusammenhang einer Trauerfeier hören, haben sie dort genau diese Funktion, die Trauer zuzulassen, aber zugleich die Tür zu öffnen für den weiteren den Weg des Lebens.

In meiner sächsischen Dorfgemeinde habe ich es so vorgefunden und unbeirrt weitergeführt: Es gab da keine christliche Trauerfeier, sei es am offenen Grab auf dem Friedhof, sei es in der Kreisstadt im Krematorium, wo die Gemeinde nicht diese eine Strophe anstimmte: Jesus, meine Zuversicht und mein Heiland, ist im Leben… Eben deshalb, weil Gott uns nicht den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit gegeben hat in Christus. Und natürlich gilt das nicht nur auf dem Friedhof, sondern überall im Leben. Amen.

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