Karikatur oder Gottesbild (Exodus 13, 1-14 )

Liebe Gemeinde,
Karikaturen des Propheten Mohammed waren der Auslöser der brutalen Morde in Paris vor einigen Wochen. Aus Solidarität wurden neue Zeichnungen der Zeitschrift Charlie Hebdo in vielen anderen Medien nachgedruckt. Das hat in vielen Staaten neue Krawalle ausgelöst. Bei uns ist die Diskussion entbrannt, was erlaubt und was angemessen ist. Darf man religiöse Themen zur Grundlage von Satire machen? Wie ist das eigentlich mit dem Bilderverbot?
Du sollst dir kein Bildnis machen – so heißt es auch in der Bibel. Ganz bewusst halten die drei großen Weltreligionen an diesem Gebot fest. Gott ist mit einem Bild nicht zu beschreiben. Kein noch so gutes Bild könnte ihm gerecht werden. Jeder Versuch ist zum Scheitern verurteilt.
Auf der anderen Seite sind die Heiligen Schriften: Tenach, Bibel und Koran voller Bildworte, die versuchen zu beschreiben, was Gott ist.
Eben habe ich mit den Konfirmandinnen und Konfirmanden versucht, Teile eines Holzpuzzles zu beschreiben, die sie nicht sehen konnten. Mit verbundenen Augen ertasteten sie Formen und versuchten anschließend das Gefühlte aufzuzeichnen. In der Auswertung wurden dann Vergleiche mit den verschiedensten Tieren und Gegenständen gezogen. Wir brauchen Vergleiche mit Vertrautem, um das Unbekannte begreifen zu können. Niemand erkannte das Ganze. Selbst die einzelnen Teile erschienen in den Zeichnungen recht unterschiedlich. Es ist schwer, Dinge zu verstehen, die wir nicht sehen. Manches gerät da zur Karikatur der Wahrheit.
Auch das begegnet uns schon im Alten Testament. Der erste Versuch Israels ein Bild Gottes zu erstellen, scheitert kläglich. Aus Neid auf das Abbild eines großen Stiers, dass den Gott Baal darstellen soll, gießen sie ein kleines Kalb. Ihr Bild reicht nicht annähernd an den fremden Götzen heran. Noch viel weniger an Gottes Wahrheit. Das Goldene Kalb ist so eine der ältesten Satiren auf Gottesdarstellungen der Welt.
Der im Erprobungsvorschlag der EKD für diesen Sonntag vorgeschlagene Predigttext beleuchtet die Suche nach dem Wesen Gottes von einer anderen Seite. Auch dabei geht es um ein eindrückliches Bild. Sie alle kennen es. Ich lese aus dem 2. Buch Mose:
„Mose aber hütete die Schafe Jitros, seines Schwiegervaters, des Priesters in Midian, und trieb die Schafe über die Steppe hinaus und kam an den Berg Gottes, den Horeb. Und der Engel des HERRN erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch. Und er sah, dass der Busch im Feuer brannte und doch nicht verzehrt wurde. Da sprach er: Ich will hingehen und die wundersame Erscheinung besehen, warum der Busch nicht verbrennt.
Als aber der HERR sah, dass er hinging, um zu sehen, rief Gott ihn aus dem Busch und sprach: Mose, Mose! Er antwortete: Hier bin ich. Gott sprach: Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land! Und er sprach weiter: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs.
Und Mose verhüllte sein Angesicht; denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen.
Und der HERR sprach: Ich habe das Elend meines Volks in Ägypten gesehen und ihr Geschrei über ihre Bedränger gehört; ich habe ihre Leiden erkannt. Und ich bin herniedergefahren, dass ich sie errette aus der Ägypter Hand und sie herausführe aus diesem Lande in ein gutes und weites Land, in ein Land, darin Milch und Honig fließt, in das Gebiet der Kanaaniter, Hethiter, Amoriter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter. Weil denn nun das Geschrei der Israeliten vor mich gekommen ist und ich dazu ihre Not gesehen habe, wie die Ägypter sie bedrängen, so geh nun hin, ich will dich zum Pharao senden, damit du mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten führst.
Mose sprach zu Gott: Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehe und führe die Israeliten aus Ägypten?
Er sprach: Ich will mit dir sein. Und das soll dir das Zeichen sein, dass ich dich gesandt habe: Wenn du mein Volk aus Ägypten geführt hast, werdet ihr Gott opfern auf diesem Berge.
Mose sprach zu Gott: Siehe, wenn ich zu den Israeliten komme und spreche zu ihnen: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt! und sie mir sagen werden: Wie ist sein Name?, was soll ich ihnen sagen?
Gott sprach zu Mose: Ich werde sein, der ich sein werde. Und sprach: So sollst du zu den Israeliten sagen: „Ich werde sein“, der hat mich zu euch gesandt.“
Viele starke Bilder sind hier zusammen gefügt. Der brennende Dornbusch, der durch das Feuer nicht kleiner wird. Der klare Hinweis an Mose: Der Boden, auf dem du stehst, ist heilig. Verhalte dich würdig. Zieh die Schuhe aus. Verbirg dein Gesicht. Niemand kann Gott sehen. Nicht einmal die ganz großen Propheten, die wie Mose Gottes Weisungen zu hören bekamen. Gott zu sehen, sprengt die Denkfähigkeit seiner Geschöpfe. Dann folgt die Ankündigung der Befreiung: „Ich habe das Elend gesehen. Ich werde euch aus der Hand eurer Unterdrücker befreien.
Bei allen Verheißungen bleibt Moses zurückhaltend. Wer wird ihm glauben, was er in der Wüste gesehen hat? Auf wen soll er sich mit diesem ungeheuren Auftrag berufen? Wer wird ihm die Stimme aus dem Feuer abnehmen?
Und Gott nennt ihm einen Namen. In der hebräischen Originalschrift wird er in den vier Buschstaben geschrieben, die Theologen heute als Jahwe aussprechen. Schon in der Übersetzung dieses Textes ist die Scheu erkennbar, mit der das Volk Israel diesen Namen behandelt. Um den Missbrauch zu verhindern, wurde der Name nicht ausgesprochen, sondern beim Lesen durch das Wort Adonaj – Herr ersetzt. Die deutsche Wiedergabe mit „Ich bin da“ oder in einigen Übersetzungen auch: „ich werde sein, der ich sein werde“ ist der Versuch, diesen vier Buchstaben eine Bedeutung zuzuschreiben. Sprachlich sind beide Übersetzungen des hebräischen Textes möglich. Auch im Hebräischen jedoch bleibt eine große Unsicherheit bei dieser Herleitung. Auch mit einem Namen ist Gott nicht zu fassen.
Der Name ist – wie jedes Bild, das wir uns machen, eine Eingrenzung, um das Unfassbare begreiflich zu machen. Wir können nicht ohne – und wir müssen zugleich erkennen, dass kein Bild, kein Wort genügt, um Gottes Herrlichkeit zu fassen.
Gerade darum wird die Vielzahl der verwendeten Bilder bedeutsam. Erst wenn es gelingt, die Vielfalt zusammen zu denken, bekommen wir eine Ahnung, von dem, was Gott wirklich ist. Eine Linie zieht sich hindurch: Gott ist für seine Gemeinde da. Er begleitet sein auserwähltes Volk durch Höhen und Tiefen. Er ist der gute Hirte. Sein Beistand ist beständig, auch wenn das Volk immer wieder die Gebote bricht.
In Jesus wird dieser Bund erweitert. Durch ihn sind auch Angehörige anderer Völker ausdrücklich in Gottes Bund eingeladen. Niemand ist ausgeschlossen. Niemand kann diesen Bund exklusiv beanspruchen.
So sind viele Versuche, Grenzen zu ziehen, zu weiteren – misslungenen – Karikaturen geworden. Die Kreuzzüge des Mittelalters etwa dienten sicher nicht der Verbreitung des Glaubens. Das Kennzeichen Gottes, der sich selber Jahwe, Ich-bin-da, nennt, ist die einladende Zuwendung, nicht die Vernichtung Andersdenkender.
Ähnliche Zerrbilder sind durch Inquisition und Hexenverbrennungen entstanden. Wer Gott und Kirche als Drohbild einsetzt, um eigene Moral oder Macht aufrecht zu erhalten, hat nicht verstanden, was unsere Vorfahren in der Bibel über Gott festgehalten haben. Gott ist die Liebe, sagt Johannes. Nur in der Liebe wird er erkennbar.
Ähnlich grausame Zerrbilder werden zurzeit durch die islamistische Gewalt gezeichnet. Auch diese Bilder haben mit Gott oder dem Islam nichts zu tun. Sie sind selber die Karikaturen gegen die sie sich richten. Wir tun gut daran, diese Karikaturen nicht mit dem Islam gleich zusetzen.
Gott ist da. Das heißt, wir dürfen darauf vertrauen, dass er uns begleitet. Er steht uns zur Seite. Er gibt uns die Kraft, gegen alle Gewalt von seiner Liebe zu künden. Toleranz ist keine Schwäche. So wie Jesus auf Nahe und Fremde zugegangen ist, so sollen auch wir dies tun. Als Boten seines Lichts leuchten wir in dieser Welt. Nachfolge heißt in aller Konsequenz seinen Weg der Liebe zu gehen. das geht nicht ohne Risiko. Dazu gehören auch Rückschläge. Viele seiner Zeitgenossen haben Jesus als bedrohlich erlebt. Gerade weil er auf die vertrauten Wege der Macht verzichtet hat.
Seinen Namen können wir nicht durch Ausgrenzung in die Welt tragen. „Ich werde für euch da sein!“ spricht Gott. Als seine Kirche sind wir erkennbar, wenn wir für das Lebensrecht aller Menschen eintreten. Amen.

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