Johannes – Gestalt im Advent

Predigt über Lk 3, 1-20

15.12. 2019 – 3.  Advent, Reihe II

 

 

Gnade sei mit euch und Friede

Von dem der da ist

und der da war

und der da kommen wird,

Christus, unserm Herrn. Amen

         Off 1,4

 

Liebe Gemeinde,

Im Advent begegnen uns besondere Gestalten. Und damit meine ich nicht Engelchen und Nikolaus mit Knecht Ruprecht oder Wichtel und den Weihnachtsmann.

Sondern Zacharias, der in unserm Psalm zu Worte kam[1]. Und Maria – sie steht am 4. Advent im Mittelpunkt. Und Johannes der Täufer. Er hat heute, am 3. Advent, seinen Auftritt.

 

Erst einmal ist es eine Familiengeschichte: Vater Zacharias (seinen Lobgesang haben wir eben nachgebetet), Mutter Elisabeth – ihr ungeborenes Kind Johannes hüpfte in ihrem Leib, als Maria, ihre Cousine, sie grüßte – und eben Johannes, der so etwas wie ein entfernter Vetter von Jesus ist.

Familiengeschichten sind populär, in Mythen und in Romanen und in Filmen.

Die Rollen sind oftmals so verteilt: der Patriarch – streng, aber gerecht – oder auch ein Tyrann. Die besorgte Mutter, die weise Großmutter, die Kinderschar. Der Vater. Vielleicht auch noch die schrullige Tante oder der skurrile Onkel. Und manchmal das schwarze Schaf der Familie.

Irgendjemand hat immer ein Problem in diesen Familiengeschichten – oder ein Geheimnis. Da wird gestritten und sich vertragen, intrigiert und zusammen gehalten.

Ich glaube, Familiengeschichten sind auch deshalb populär, weil Familien eine Grundkonstante der Menschheit sind. Jede und jeder von uns hat Familie, selbst wenn er oder sie nicht oder nicht mehr mit ihr zusammen lebt.

Zu Familie kann jeder eine Meinung haben, genauso wie zu Essen, Trinken, zum Wetter und zu Schule. Weil es jeden Menschen irgendwie betrifft – und sei es dadurch, dass Familie gerade fehlt.

Auch heute also eine Familiengeschichte: Vater Zacharias, Priester am Tempel in Jerusalem. Er und seine Frau Elisabeth waren lange kinderlos, hatten die Hoffnung schon aufgegeben – und dann kam doch noch Johannes.

Auch dies eine häufige Geschichte: in der Bibel, aber auch heute: Ein Kind wird geboren, wenn man es schon nicht mehr erwartet.

Johannes wird also geboren, wächst auf mit seinen alten Eltern, bekommt vermutlich eine gute Erziehung und Bildung. Wird erwachsen … und geht in die Wüste.

Welche Rolle hat er nun eingenommen: Der skurrile Onkel? Das schwarze Schaf?

 

Oder fällt er aus all diesen Familienrollen – und in eine ganz andere? Eine Rolle, die sich im Prophetenbuch Jesaja (Jes 40, 3-5) findet: Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn, macht seine Steige eben!

Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden; und was krumm ist, soll gerade werden, und was uneben ist, soll ebener Weg werden, und alles Fleisch wird das Heil Gottes sehen.

Johannes – der Rufer in der Wüste, der das kommende Heil ankündigt und dazu aufruft, alles dafür vorzubereiten.

Johannes geht in die Wüste, wir wissen nicht warum. Doch wir wissen, die Wüste steht für beides: für Versuchung (denken wir nur an Moses und das wandernde Gottesvolk und an Jesus, der dort versucht wurde) und für Offenbarung (denken wir an Moses und den brennenden Dornbusch oder an die Übergabe der Gesetzestafeln am Berg Sinai). Beides also: Versuchung und Offenbarung.

Im Fall von Johannes ist es letzteres, denn ihm „geschieht das Wort Gottes“ dort in der Wüste. Und so bleibt er dort.

Die Wüste – unwirtlicher Ort.

Dorthin kommt man nicht aus Versehen. Sondern wer in die Wüste geht, der tut es gezielt. Und für viele Menschen wird Johannes das Ziel in der Wüste. Oder vielmehr: Das Wort, das Johannes predigt, als Prophet, der das kommende Heil ankündigt, das ganz nah ist.

Doch Johannes macht es denen, die ihn hören wollen, nicht leicht. Denn seine Predigt ist nicht Freudenpredigt, sondern Bußpredigt. Und so beschimpft er seine Zuhörer: Ihr Otterngezücht, wer hat euch gewiss gemacht, dass ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet?

Seht zu, bringt rechtschaffene Früchte der Buße; und nehmt euch nicht vor zu sagen: Wir haben Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott kann dem Abraham aus diesen Steinen Kinder erwecken.

Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt; jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. (V 7-9)

 

Seltsam, die Zuhörer wenden sich nicht ab und sagen: „Alles fake news. Klimawandel gibt es nicht. So, wie es jetzt läuft, ist es richtig und gut. Warum sollten wir unsern Lebensstil ändern?“ Sie sagen auch nicht: „Et hätt noch emmer jot jejange“

Sondern sie fragen Johannes: Was sollen wir nun tun? (V 10)

Und er antwortet ihnen: Wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat; und wer Speise hat, tue ebenso. (V 11)

Johannes gibt einfache Antworten auf ihre einfache Frage. Einfache Antworten, die trotzdem nicht leicht sind.

Johannes sagt: teilt miteinander, was ihr  habt. Gebt dem ab, der weniger hat als ihr. Gebt dem, der bedürftig ist.

Teilt!

Können, wollen wir seinem Ruf folgen? Nicht nur hingeben, was wir zu viel haben? Sondern wirklich teilen?

Ich gestehe: Mir fällt das oft schwer. Denn ich sorge mich manchmal: was, wenn ich das noch brauche? Was, wenn ich selber mal Mangel habe – wird mir dann auch jemand helfen? Ist es da nicht besser, etwas auf der hohen Kante liegen zu haben?

Und was, wenn die andern – nachdem ich ihnen gegeben habe – noch mehr von mir haben wollen?

 

Eine weitere Gruppe spricht Johannes an: die Zöllner. Sie waren damals verhasst, denn sie arbeiteten für die verhasste römische Besatzungsmacht. Und sie standen in dem Ruf, korrupt zu sein und in die eigene Tasche zu wirtschaften. Die Zöllner nun sind auch zu Johannes gekommen und fragen ihn: Meister, was sollen denn wir tun? (V 12)

Und Johannes antwortet ihnen: Fordert nicht mehr, als euch vorgeschrieben ist! (V 13)

Eigentlich eine Binsenweisheit. Aber ob es ihnen leicht fällt, auf ein Zubrot hier, ein Schmiergeld dort zu verzichten? Leicht verdientes Geld. Und die andern machen es doch auch so! Und was werden die Kollegen sagen, wenn man aus dem Chorgeist ausbricht?

Schließlich fasst sich eine dritte Gruppe – die Soldaten – ein Herz und fragt Johannes: Was sollen denn wir tun?

Wieder gibt Johannes eine vermeintlich einfache Antwort: Tut niemandem Gewalt noch Unrecht und lasst euch genügen an eurem Sold! (V 14)

Wieder die Aufforderung, nicht mehr zu nehmen, als einem zusteht – obwohl man sicher häufig die Gelegenheit dazu hätte. Die Forderung, seine Machtstellung nicht auszunutzen.

 

Weil Johannes so machtvoll und überzeugend predigt, sehen die Menschen in ihm den erhofften Heilsbringer, der alles zum Guten wenden wird.

Doch offenbar handelt Johannes so, wie er es predigt. Er nutzt nicht die Gelegenheit sich auf den Schild heben und feiern zu lassen.

Sondern er bleibt bei dem, was tatsächlich sein Auftrag ist: Ich taufe euch mit Wasser; es kommt aber der, der stärker ist als ich; ich bin nicht wert, dass ich ihm die Riemen seiner Schuhe löse; der wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen.

In seiner Hand ist die Worfschaufel, und er wird die Spreu vom Weizen trennen und den Weizen in seine Scheune sammeln, die Spreu aber wird er mit unauslöschlichem Feuer verbrennen. (V 16f)

Johannes ist sich gewiss, dass der verheißene Messias von einem andern Kaliber ist als er selbst.

Auch das spricht für seine Größe.

Und macht Johannes zu einer Gestalt des Advents. Denn er weist hin auf den, der noch kommen wird: Jesus. Und fordert dazu auf, Jesus den Weg zu bereiten: Indem man ebnet, was ungleich ist – nicht nur auf der Oberfläche der Erde, sondern unter uns Menschen.

Er fordert auch uns auf zur Buße, d.h. zur Umkehr.
Ändert euer Leben, ruft Johannes. Schafft Platz für den, der Raum in euch einnehmen will! Verbannt den Hass, die Gleichgültigkeit, den Egoismus. Es reicht nicht aus, dass ihr euch Christen nennt, sondern handelt auch so, wie Christus es will!

Das ist heute so unbequem wie damals.

 

Amen

 

Und der Friede Gottes,

der höher ist als unsere Vernunft

bewahre unsere Herzen und Sinnen

in Christus Jesus.

Amen

         Phil 4, 7

 

 

Lied: EG 10: Mit Ernst, ihr Menschenkinder

[1] Lk 1, 67-80, EG  Niedersachsen + Bremen 783.6

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