Jesus Sirach 35, 16-26 (Erprobung Reihe V) Mehr als ein unerhörter Schrei?

Manche haben vielleicht den sich nahe an der tatsächlichen Lebensgeschichte bewegenden Film „Die letzte Stufe“ über Dietrich Bonhoeffer gesehen und die eine Szene vor Augen:
Es ist mitten in Nacht, als der Gefangene Dietrich Bonhoeffer plötzlich aus seinem Schlaf hochgerissen wird. Ein jämmerliches Schluchzen aus der benachbarten Zelle hatte ihn aufwachen lassen. Ohne zu zögern steht er auf, horcht zunächst und klopft dann zaghaft an die Wand. „Hörst Du mich?“ Er bekommt keine Antwort, er ruft noch einmal. „Hörst Du mich?“ Da erst antwortet der auf der anderen Seite Sitzende mit gebrochener Stimme: „Was willst Du?“ „Ich will, dass Du weißt, dass Du nicht allein bist“ antwortet Bonhoeffer. „Ich bin Pfarrer, möchtest Du mit mir beten?“ „Ich glaube nicht an Gott“ hört er es durch die Gefängnismauern. Doch Bonhoeffer lässt sich nicht abbringen. Wenn Du mich hören kannst, dann lege Deine Hände an die Wand, so als ob wir uns berühren würden. Meine Hände sind hier auf der anderen Seite. Dann beginnt er zu beten: „Gott, in mir ist es finster, doch bei dir ist das Licht; ich bin einsam, aber du verlässt mich nicht; ich bin kleinmütig, aber bei dir ist die Hilfe; ich bin unruhig, aber bei dir ist der Friede; in mir ist Bitterkeit, aber bei dir ist die Geduld; ich verstehe deine Wege nicht, aber du weißt den Weg für mich.“ Nachdem Bonhoeffer sein Gebet beendet hat, verharrt das Bild auf der Wand, von der anderen Seite. Sie ist leer. Nach einer langen Weile erst sieht man zwei Hände sich tastend auf den Putz legen. Ein Wachmann hatte die Begebenheit durch einen Spion hindurch beobachtet. Er wird Bonhoeffer am nächsten Morgen erzählen, dass der Zellennachbar in aller Frühe hingerichtet wurde.
So kann man liebe Gemeinde von der Kraft des Gebetes erzählen und behutsam mit einem schlimmen Missverständnis aufräumen…
Wenn ich bete, wenn ich rufe, wenn ich mir die Seele aus dem Leib schreie, dann wünsche ich mir Antwort und habe eine klare Vorstellung, wie diese Antwort auszusehen habe…
Ja, die Not lehrt beten, was aber wenn diese Not, die Gebet geworden ist, mich am Ende um den Verstand bringt, mir alles raubt, was ich liebe, mich am Ende umbringt?
Wie viele Gebete scheinen noch um uns herum unsichtbar ein offenes Ohr und ein empfindsames Herz zu suchen, um wenigstens gehört zu werden, wenn sie schon nicht erhört werden.
Gebete an den Kranken- und Sterbebetten der geliebten Kinder, Eheleute oder Freunde, Gebete der verzweifelt nach den Verschütteten Suchenden, Gebete der von Ängsten Gepeinigten, sich nach Liebe Sehnenden, von Hass und Verfolgung Getriebenen, hilflos dem Meer Ausgelieferten, vom nagenden Hunger schon fast zerstörten Seelen?
Ob wir die Energie ahnen können, die uns mit diesen Gebeten der Ohnmacht und Hilflosigkeit umgibt?
Am Freitag haben wir mit dem 8.Mai an den 70.Jahrestag der Befreiung Europas und Deutschlands von der Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten, dem Ende des Krieges, damit aber auch der Entlarvung der eigenen Abgründe unserer Geschichte , unseres Volkes und oft genug auch unserer eigenen Familie gedacht.
Fast 27 Millionen Opfer auf der Seite der Völker der Sowjetunion, davon mehr als15 Millionen Zivilisten, 6 Millionen Kinder Israels, unzählige Sinti und Roma, Homosexuelle, Kommunisten, Sozialdemokraten und Christen, Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen, Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene, die unvorstellbares Leid gesehen und erlitten haben, ehe der Krieg mit aller Brutalität nach Deutschland zurückkehrte und sein Schrecken auch mit dem Tag der Befreiung nicht wirklich endete.
Wie wohl all ihre Gebete, ihre Schreie, manchmal auch nur noch ihre Verwünschungen und Vezweiflungsgedanken, ja ihre Flüche inmitten schrecklichster körperlicher und seelischer Qualen geklungen haben mögen? Wir haben klare Vorstellungen, wie die fromme Seele auch in diesen Stunden zu beten habe und ich gebe zu, dass mich dort, wo es gelingt die Tiefe und die Selbstlosigkeit und das unbegreifliche, wundersame, zutiefst tröstliche Gottvertrauen innerlich anrührt:
In mir ist es finster, aber bei dir ist das Licht;
ich bin einsam, aber du verläßt mich nicht;
ich bin kleinmütig, aber bei dir ist die Hilfe;
ich bin unruhig, aber bei dir ist der Friede;
in mir ist Bitterkeit, aber bei dir ist die Geduld;
ich verstehe deine Wege nicht, aber du weißt den Weg für mich.
Ich möchte auch so glauben, so hoffen, so beten können, wenn mir alle Möglichkeiten, alle Auswege, alle Macht aus den eigenen Händen gerissen sind. Aber ich bin mir nicht sicher, ob meine Gedanken dann nicht eher so klingen, wie im Predigttext aus dem alttestamentlichen Buch Jesus Sirach, über das wir uns keineswegs erheben sollten, weil es in seinem Zorn, in seiner Verzweiflung, auch in seiner Sehnsucht nach stellvertretender Vergeltung, wo menschliche Ohnmacht nichts mehr ausrichten kann, eben zutiefst menschlich ist:
„Der HERR wird recht richten und bestrafen und nicht säumen noch Langmut zeigen, bis er den Unbarmherzigen die Lenden zerschmettert, und an solchen Leuten Vergeltung übt und alle Gewalttätigen vernichtet und die Macht der Ungerechten zerschlägt. Er wird den Menschen nach ihren Taten vergelten und wird an ihnen handeln nach ihren Plänen.“
Die Verunsicherung (oder etwa Empörung?) über solch ein Gottesbild, ja mehr noch die zugespitzte Hoffnung auf solch einen sich als mächtig und stark erweisenden Gott, der nicht die Täter und Verbrecher noch über den Tod hinaus triumphieren lässt, muss ausgehalten werden und darf nicht vorschnell mit einem Hinweis auf den sanftmütigen Jesus unterdrückt werden.
Denn der Zorn, die Hilflosigkeit, dieses Vertrauen auch auf vergeltende Gerechtigkeit Gottes ist um der Opfer willen verständlich, sogar notwendig.
Wer soll ihnen denn im Tod Recht geben?
Wer soll auf die Schreie der ermordeten Kinder Israels in den Konzentrationslagern antworten?
Wer stärkt die Hände und den Rücken der trauernden Mütter und Väter denen in einem sinnlosen, auf Vernichtung ausgerichteten Krieg alles an Liebe geraubt wurde, damit ihnen noch einmal spürbar die Sonne aufgehe?
Wer macht den Kindern, die nicht in der Obhut der Eltern aufwachsen konnten, die Krankheit und Tod hinweggerafft haben, Mut, dennoch sich dem Leben und Gott als dem Geheimnis des Lebens anzuvertrauen, auch wenn es so schwer begonnen hat?
Der Gedanke, dass am Ende wenigstens Gott für Gerechtigkeit einsteht, auch wo Menschen sich der irdischen Gerichtsbarkeit entzogen haben, hat für mich zuallererst etwas tröstliches – um der Opfer und ihres erlittenen Unrechts willen. Ich wünsche mir, dass ihre Gebete nicht ziellos umherirren und nie verstummen können, weil sie niemand gehört und auf sein Herz genommen hat.
Und dann muss ich aber zugleich mich nicht nur auf Gottes Gerechtigkeit, sondern genauso auf seine Barmherzigkeit verlassen können, denn auf sie werde auch ich einmal angewiesen sein…
Es ist ja ein Irrglaube, darauf zu hoffen, dass ich ja nicht so schlimm, sondern im Prinzip ganz anständig und integer und rechtschaffen, moralisch halbwegs passabel durch das Leben komme und mich deshalb dann durchaus auch schon mal als Hüter der Moral bewegen und aufspielen kann. Nein, dem ist so wohl ganz und gar nicht so!
Und da begreife ich, wie tief Dietrich Bonhoeffer schon in Gottes Herz geschaut hat und mich auch beten lehren kann: arm, ohne Ansehen der Person in der Welt, bedrückt von meinen Täuschungen und Irrtümern, mit leeren Händen und ganz und gar ohne Recht, überheblich zu sein oder zu werden, darf ich mich ganz und gar mit meinem ganzen Leben, mit allem Guten und Hellen, mit allem Schönen und Reinen, aber ebenso mit allem Schweren, Dunklen, Gefährlichen, Verlogenem, Ungerechten, mit aller Angst und Verzweiflung, mit aller Ohnmacht und Hilflosigkeit in Gottes Hände wagen und zaghaft, flüsternd, schreiend immer auf Antwort hoffend beten. Gott ist ganz und gar Ohr. Und er ist die einzige alles überdauernde Hoffnung auf Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Und dafür kann ich mich dann wahrhaft auf Jesus berufen und gründen.

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