Jesus besucht den Weihnachtsgottesdienst

<i>[Nach einer Vorlage von Pastorin Inke Raabe]</i>

Liebe Gemeinde,

Ich möchte Ihnen eine Geschichte erzählen:

Als Jesus nach einigen Jahren Abstinenz mal wieder seine Welt besuchte, nahm er sich vor diesmal die Sache andersherum aufzuziehen. Diesmal wollte er nicht selbst die Welt verändern, sondern Menschen zu diesem Zweck aussenden und ausbilden. Damals bei seiner Geburt hatte das doch auch geklappt. Da waren die Hirten, die losgingen, einfach nur weil es der Engel zu ihnen gesagt hatte. „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; euch ist heute der Heiland geboren.“ Der Engel damals war richtig erfolgreich mit diesem Satz, die Hirten haben es in alle Lande getragen. Sie waren von der Krippe in alle Lande gezogen, „priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.“

Ohne sie hätte er es später viel schwerer gehabt.

Der Engel hatte nur getan, was er, Jesus, später auch immer wieder probiert hatte. Auch er hatte Menschen Mut machen wollen. „Sagt weiter, was ihr von mir lernt!“, hatte er gemeint. Ihr seid das Licht der Welt. Wenn ihr mein Licht in die Welt tragt, dann wird es eines Tages überall hell und licht und freundlich sein.“ Er konnte sich gut an die Blicke seiner Zuhörer und Zuhörerinnen erinnern. Da glomm etwas von Hoffnung, aber auch Furcht. Sie hatten nie etwas anderes gelernt, als klein und unbedeutend zu sein und nun sollten sie leuchten?

Nun, so war das damals. Ihr wisst ja, was daraus geworden ist. Die Menschheit war seither durch finstere und finsterste Zeiten gegangen. In Jesu Namen hatten sie furchtbare Kriege geführt und schreckliche Gewalttaten begangen. Er hatte einige Male mit kaltem Grausen auf seine Welt gesehen.

Aber nun schien sich doch das Blatt zu wenden. Europa wurde vereint, der kalte Krieg war zu Ende. Man erklärte sich selbst zu „zivilisierten“ Menschen und war mächtig stolz auf die modernen Errungenschaften und auf die Globalisierung. Jesus dachte: Das guck ich mir mal an. Vielleicht hören sie mir ja diesmal zu.

Und so kam er dann zurück auf die Erde. Vorweihnachtszeit in einer deutschen Großstadt.

Überall Lichter. Viele Menschen vor bunten Buden. Gemütliche Atmosphäre. Und überall Bilder von damals – seinem Stall. Zwar nicht ganz naturgetreu. Aber immerhin. Sie erinnern sich noch. Also wann, wenn nicht jetzt, dachte sich Jesus. „Ihr seid das Licht der Welt. Leuchtet – es ist alles in euch drin. Fürchtet euch nicht!“

Er fing an bei dem Aufsichtsrat einer großen Automobilfirma. „Junge“, dachte er, „da steckt aber Geld hinter!“ Und er blickte hoch zu 56 Stockwerken aus Stahl und Glas, blank poliert wie für den Empfang der englischen Königin. „Bin doch bloß ich“, grinste er und dann ging er hinein und fuhr mit dem Fahrstuhl 56 Stockwerke hoch. „Damals in Babel ging das schief mit dem hohen Turm“, erinnerte er sich. Aber er fand, dieser hier wirkte recht stabil. Nur konnte er sich des Eindrucks nicht erwehren, dass auch hier Anmaßung und Eitelkeit am Werke waren. Zehn Männer in Schlips und Kragen erwarteten ihn an einem mächtigen Rauchglastisch. Sie saßen in hohen Ledersesseln und drehten sich um sich selber. Die Luft roch nach teurem Parfum und nach den Zigaretten, an denen sie gierig sogen. Vor jedem lag ein dicker Stapel Papier. Und einige hielten vor sich einen Blechkasten zum Aufklappen, in den sie aufgeregt mit den Fingern hackten und angespannt starrten. „Das sind Laptops“, erklärte der Aufsichtsratsvorsitzende, als er den neugierigen Blick Jesu sah. „Aber nun zur Sache. Bitte.“ Dabei machte er eine Bewegung mit der Hand, die wohl einladend wirken sollte.

Jesus holte tief Luft und sprach ein kleines Stoßgebet zu seinem Vater im Himmel. Dann begann er: „Euch ist viel gegeben. Gebt es weiter. Ihr seid das Licht der Welt. Es ist eure Aufgabe, andere zum leuchten zu bringen.“ Die zehn Männer schauten ihn mit hochgezogenen Brauen erwartungsvoll an. „Das wissen wir selber“, sagte schließlich einer von ihnen. „Ohne uns wäre es hier zappenduster. Wir beschäftigen 100 000 Mitarbeiter. Allein schon dadurch haben wir natürlich enormen politischen Einfluss. Aber wir zeigen auch gerne, was wir haben. Sie haben sicher unser Haus gesehen: Es ist ja weithin sichtbar. Und unser Stern leuchtet buchstäblich über das Land.“ Die anderen lachten und klopften auf den Tisch, das sollte wohl Zustimmung signalisieren. Nun wollte Jesus fortfahren. Von Gerechtigkeit wollte er ihnen erzählen und von sozialer Verantwortung, aber da hatte die hübsche Sekretärin ihn schon am Ärmel und schob ihn freundlich, aber bestimmt vor die Tür. „Das hier ist nichts für Gutmenschen“, sagte sie, „das hier ist der Kapitalismus.“

Kapitalismus. Aha. Da wäre doch eigentlich der Satz mit dem Kamel und dem Nadelöhr angebracht, aber wer sich Gerichtsurteile kaufen kann, der kapiert wahrscheinlich nicht wie arm er eigentlich ist. „Na gut – wenn sie mir nicht zuhören wollen, dann probiere ich es halt woanders. Dann müssen eben andere leuchten. Und so versuchte Jesus es woanders. Er ging zu den kirchenleitenden Gremien der EKD, die Versammlung der Bischöfe wollte er sprechen. „Ihr seid das Licht der Welt.“ – die würden es ja wohl verstehen, die hatten ja schließlich studiert. Er wollte ihnen begreiflich machen, dass die Liebe unter Christenmenschen das höchste Gut wäre und dass die Sorge um das Geld nicht der Gemeinschaft der Glaubenden zerstören dürfe. Die Kirche müsse wieder den einfachen, direkten Weg zu den Menschen finden, damit sie Licht für die Welt sein könne – das war es, was er ihnen sagen wollte. Die Herren und Damen Bischöfe sahen müde aus und traurig. Sie hatten verkniffene Lippen und Augen, mit schweren Lidern und dicken Tränensäcken. Fast hatte Jesus Lust, ein paar Späße zu machen, nur damit diese armen Menschen mal wieder was zu lachen hätten. Aber er besann sich auf sein Amt und blieb mit einiger Mühe ernst. „Ihr seid das Licht der Welt.“, sagte er. Aber es fiel ihm schwer, das zu glauben. Sie sahen ihn mit ihren müden Augen an und nickten schwerfällig. „Natürlich“, sagten sie, „das wissen wir doch. Wir kennen unsere Bibel.“ Und dann erzählten sie ihm, was sie alles auf die Beine stellten, um Licht für die Welt zu sein: Große Kirchentage, riesige Events mit Live-Musik, Lasershows und Öffentlichkeitskampagnen. Nun verstand er auch, warum sie so müde waren. „Sieh, dies ist unsere letzte Plakataktion.“ Und sie zeigten ihm eine Seilbahn vor blauem Himmel. „Was ist Glück?“ stand drauf. Und unten rechts, ganz klein, das EKD-Symbol. „Und?“, fragten sie, „Gefällt es dir? Wir haben ganz Deutschland damit plakatiert. Das hat uns Millionen gekostet.“ „Nein“, sagte Jesus nur, „es gefällt mir nicht.“ Und damit ließ er sie stehen und ging.

Jesus versuchte es weiter und dachte: „Dann werde ich es jetzt bei den einfachen Menschen versuchen, so wie damals.“ Jesus ging zur Arbeitsagentur und sah dort einen jungen Mann, höchstens 20 Jahre alt, der sich aufgeregt mit seiner Sachbearbeiterin stritt. Es ging offenbar um Geld. Und Jesus trat zu ihm und flüsterte: „Du bist das Licht der Welt.“ Aber der junge Mann sah ihn nur mit leeren Augen an, schwieg und ging fort. Vielleicht sollte ich es mal in einer kleinen Stadt versuchen. Da wo die Menschen noch zuhören können. Und so kam Jesus nach Husum. Nachdem er über den Weihnachtsmarkt geschlendert war, traf eine alte Frau. Er sah sie, wie sie sich in der Stadt mit ihren Einkaufstaschen quälte und er konnte sehen, dass ihr jeder Schritt weh tat. Da ging er zu ihr, nahm ihr die Taschen ab und sagte: „Du bist das Licht der Welt. Laß es leuchten, es ist tief in dir drin. Glaub mir.“ Doch sie schüttelte nur den Kopf. „Komm man erstmal in mein Alter, mein Junge, dann leuchtest du auch nicht mehr. Dann wartest du nur noch, dass dein Lebenslicht erlischt.“

Langsam hatte Jesus die Nase voll. Dass Menschen, denen es so gut ging, so mutlos sein konnten, damit hatte er nicht gerechnet. Und dass eine Welt, die so reich war, so voller Glanz und Licht, inwendig so arm und verdunkelt sein konnte, das machte ihm Kummer und das tat ihm weh. Es müsste doch möglich sein, dass in einer zivilisierten Welt alle satt werden. Es sollten doch alle in eine solchen Gesellschaft einen Platz und eine Perspektive haben! Müsste nicht jeder Mensch Licht und Freundlichkeit finden können? Es müsste doch möglich sein, dass ihr diesen Traum festhaltet und das Wort der Liebe Gottes nicht wegwerft wie ein kaputtes Spielzeug. Sie haben es immer noch nicht kapiert, dachte er sich und war kurz davor zum äußersten zu greifen. Wenn nichts mehr hilft, dann muss eben ein Wunder her. Das wäre an sich kein Problem. Aber es war genau das gleiche wie damals – am Ende haben ihm die Wunder mehr Schwierigkeiten gemacht als alles andere. Aber lieber nichts überstürzen. Erst mal in Ruhe nachdenken. Abstand gewinnen. Früher ist er dafür immer an den See gegangen. Und, wo er schon mal da war, dann sollte es schon gleich die Nordsee sein. Er besuchte die Nordseeküste und sah einige Tage lang zu, wie das Wasser kam und ging. „Was für eine witzige Idee“, dachte er erheitert und bewunderte nicht zum ersten Mal die kreative Schaffensfreude Gottes, seines Vaters. Als er vom Deich zurückkam, war es überall hell erleuchtet. Lange Lichterschlangen an den Häusern, überall Bäume mit blinkenden Lichtern. Jesus war geblendet. So hatte er das nicht gemeint mit dem Licht der Welt. Ihm ging es mehr um das Innere Licht, das von tief drinnen kommt und wärmt. Das leuchtet, nicht blendet. Wenn man vor lauter Licht nichts mehr sehen kann, dann stimmt doch was nicht. Vielleicht ist das der Grund, warum sie den Satz nicht mehr kapieren.

Einen Versuch habe ich noch, dachte er sich und kam direkt hierher – zu uns.

Und nun kommst du: Nun stell dir mal vor, nicht ich, sondern er selbst stünde hier und sagte dir: „Du bist das Licht der Welt. Du sollst mit Liebe und Freundlichkeit, mit offenem Herzen und offenen Händen diese Welt heller machen. Du bist das Licht. Ich will in dir leuchten.“ Nun stell dir vor: Nicht ich, sondern er selber würde dir hier und heute erzählen, wie er es meint, was er sich wünscht und was dein Auftrag ist.

Nun stellt euch das mal vor: Jesus käme in diese Welt und würde das heute und hier jedem einzelnen von euch sagen. Und er würde jeden einzelnen meinen: die Alten und die Jungen, die Reichen und die Armen, die Pastoren und die, die Sonntags lieber ausschlafen: „Du bist das Licht der Welt. Durch dich will ich leuchten. Du musst mich nur einlassen.“

Dann müsste es hier doch den ein oder anderen geben, der kapiert, was er meint, oder?

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