Jenseits von Eden

Predigt 1. Mose 3,1-24, Invokavit, Predigtreihe III, von Pfarrer Johannes Taig

1 Und die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der HERR gemacht hatte, und sprach zu der Frau: Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten?
2 Da sprach die Frau zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten;
3 aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet!
4 Da sprach die Schlange zur Frau: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben,
5 sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.
6 Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von seiner Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß.
7 Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze.
8 Und sie hörten Gott den HERRN, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seiner Frau vor dem Angesicht Gottes des HERRN zwischen den Bäumen im Garten.
9 Und Gott der HERR rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du?
10 Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich.
11 Und er sprach: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen?
12 Da sprach Adam: Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum und ich aß.
13 Da sprach Gott der HERR zur Frau: Warum hast du das getan? Die Frau sprach: Die Schlange betrog mich, sodass ich aß.
14 Da sprach Gott der HERR zu der Schlange: Weil du das getan hast, seist du verflucht vor allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde. Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Staub fressen dein Leben lang.
15 Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Samen und ihrem Samen; er wird dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen.
16 Und zur Frau sprach er: Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Mann sein, aber er soll dein Herr sein.
17 Und zum Mann sprach er: Weil du gehorcht hast der Stimme deiner Frau und gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen -, verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang.
18 Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen.
19 Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde wirst, davon du genommen bist. Denn Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück.
20 Und Adam nannte seine Frau Eva; denn sie wurde die Mutter aller, die da leben.
21 Und Gott der HERR machte Adam und seiner Frau Röcke von Fellen und zog sie ihnen an.
22 Und Gott der HERR sprach: Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist. Nun aber, dass er nur nicht ausstrecke seine Hand und nehme auch von dem Baum des Lebens und esse und lebe ewiglich!
23 Da wies ihn Gott der HERR aus dem Garten Eden, dass er die Erde bebaute, von der er genommen war.
24 Und er trieb den Menschen hinaus und ließ lagern vor dem Garten Eden die Cherubim mit dem flammenden, blitzenden Schwert, zu bewachen den Weg zu dem Baum des Lebens.


Liebe Gemeinde,

Mythen wollen uns unsere Existenz erhellen. Sie erzählen nicht historisch oder archäologisch, sondern eben mythologisch, wie wir wurden, was wir sind: Geschöpfe Gottes, die jenseits von Eden leben. Begabt mit Erkenntnis und Einsicht in sich selbst, die Welt – und ihre allgemeine Winzigkeit und Endlichkeit. Beschenkte des Lebens, die doch den Wert des eigenen und des anderen Lebens immer wieder verfehlen. Verdammt zu einem Leben, das hart ist und schön. Was wurden die, die vom Baum der Erkenntnis aßen und essen? Halbe und unglückliche Götter, denen die eigene Menschlichkeit nicht mehr selbstverständlich ist. Und die darum suchen und fragen nach dem, was sie sind, immer wieder, an der richtigen und falschen Stelle. Verantwortliche Wesen eben: auf Ansprache und Antwort angewiesen und zur Ansprache und Antwort herausgefordert.

Und Gott der HERR rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du? Ja, wenn Adam das wüsste! Versteckt und verborgen. Eben nicht mehr selbstverständlicher Teil seiner Welt, die noch Eden heißt. Eben nicht mehr selbstverständlich ein Mensch vor dem Angesicht Gottes. Schon fällt ihm die Antwort schwer. Nichts mehr versteht sich von selbst. Da stehen Adam und Eva auf dem Turm der Erkenntnis: jämmerlich nackt, erschrocken über ihre Winzigkeit und voller Angst vor der Stimme Gottes. Den Glücklichen schlug keine Stunde. Jetzt schlagen ihnen alle.

„In dem Roman von Uwe Timm „Rot“ (2001) ist dieses Lebensgefühl präzise eingefangen. Eine der Romanfiguren vertritt die Ansicht, der Tod habe in unserer Gesellschaft völlig an Bedeutung verloren, er sei sozusagen verschwunden. Darauf der Ich-Erzähler: Nein, lieber Ben, ich halte, sagte ich in guter alter Diskussionsmanier, deine These für falsch. Ich weiß, das ist die verbreitete Ansicht. Nein. In dieser Gesellschaft ist der Tod allgegenwärtig. Wo immer du hinblickst, Leute, die sich schminken lassen, liften, falsche Zähne einsetzen, kaufen, edelkaufen, eine unbeschreibliche Lebensgier, eine sich in Verdoppelung ausbreitende Sucht der Selbstverwirklichung, die nach einer Zweitwohnung, nach dem Zweitauto, Zweitfernseher, der Zweitfrau verlangt, denn man weiß, auch der Papst ahnt es, nichts, nichts kommt danach. Wir leben in der transzendentalen Obdachlosigkeit. Dies bisschen Erde. Das ist alles. Hier, hier, hier. Jetzt, jetzt, jetzt. Sonst nichts. Es ist nur die Frage, wie man damit umgeht also auf Schnäppchenjagd geht oder etwas anderes sucht.“ (Gottfried Claß, GPM, 2005/1, Jahrgang 59, Heft 2, S. 152)

So bleibt eine Gesellschaft, die Endlichkeit und Tod zum Tabu erklärt und in die Sterbezimmer der Kliniken verbannt, dieser Wahrheit über sich doch in jeder Regung verhaftet. Was treibt unsere moderne Welt eigentlich an? Nicht mehr die Utopie, der Traum von einer besseren Welt, nicht mehr die Sehnsucht nach dem Idealen, nach Frieden, nach Freiheit, nach Gerechtigkeit. Vielleicht ist es mehr denn je nichts als die blinde Angst vor dem Tod. Da wird dann freilich mit allen finanziellen und medizinischen Mitteln die transzendentale Obdachlosigkeit nur ein wenig verlängert. Trostlos, lächerlich. Das ist alles.

Trostlos und lächerlich bleiben schon im Mythos auch die Versuche der ersten Menschen, die mit dem Biss in die Frucht vom Baum der Erkenntnis gewonnene Verantwortung, wieder von sich zu weisen. Zumindest diese Erfahrung des Menschen scheint sich vererbt zu haben. Die Kette der ausgestreckten Zeigefinger scheint angeboren. So zeigt Adam auf Eva und Eva auf die Schlange. An der abgebrochenen Lehre ist die schwere Kindheit schuld; an der Straftat die schlechte Gesellschaft, an der Unbelehrbarkeit schwadronierender Neuherrenmenschen die Arbeitslosigkeit, an der Arbeitslosigkeit die Regierung, an der Regierung die Bürger, an den Bürgern die Regierung. So ist sich jeder selbst der unschuldige Nächste, der in Kampf und Feindschaft mit den bösen anderen lebt. Das ist von der wunderbaren Lebensgemeinschaft im Garten Eden übrig geblieben.

Freilich kann der heutige Mensch nun leider nicht mehr mit dem Finger auf Gott zeigen, denn an den glaubt er nicht mehr. In seinem neuen Buch „Kraft“ (C. H. Beck, München 2017) lässt der Schriftsteller und Philosoph Jonas Lüscher seinen Helden, der eben diesen Namen „Kraft“ trägt, grandios scheitern an der Theodizee, der Frage nach dem Bösen und dem Leid in der Welt. Denn nun kann Gott ja für nichts mehr verantwortlich gemacht werden. Auf der Anklagebank sitzt nicht länger Gott, sondern der Mensch!

Aber das macht ihn nicht weiter verlegen. Jetzt kann er noch auf seine Gene zeigen, die sich in einer rein vom Zufall bestimmten Evolution über Jahrmilliarden zu solch einem Produkt entwickelt haben und die ihr Produkt bis in die Abläufe von Gefühlen und Gedanken am Wickel haben. Die neuste Hirnforschung will uns glauben machen, alles was uns im Glück und Unglück, im Guten wie im Bösen bewegt, sei nichts als das Produkt biochemischer Vorgänge, gegen die wir machtlos und für die wir folgerichtig auch nicht verantwortlich sind. Eine Ansicht, die inzwischen sogar wissenschaftlich widerlegt wurde.

Der Philosoph Robert Spaemann schreibt: „Der Rationalismus der Aufklärung ist innerhalb des Szientismus (der heutigen wissenschaftlichen Weltanschauung) längst dem Glauben an die Ohnmacht der menschlichen Vernunft gewichen, dem Glauben, dass wir nicht das sind, wofür wir uns halten, vernünftige, freie, selbstbestimmte Wesen. Der christliche Glaube hat den Menschen zwar nie für so vernünftig und so frei gehalten, wie es die Aufklärung des 18. Jahrhunderts tat. Er hält ihn aber auch nicht für so unvernünftig und so unreif, wie es der heutige Szientismus tut. Und er traut der Vernunft, der ratio, eine größere Reichweite zu als der Szientismus. Ratio heißt sowohl Vernunft wie Grund. Die wissenschaftliche Weltanschauung hält die Welt und damit auch sich selbst für grundlos und irrational.“ (Robert Spaemann, Am Anfang, die WELT vom 31.12.04)

Das tut die Schöpfungsgeschichte der Bibel nicht. Auch der aus seiner gottkindlichen Naivität erwachte Mensch, den wir gern den „erwachsenen“ nennen, wird von Gott nicht als misslungen verworfen. Auch der mit Vernunft und Erkenntnis begabte Mensch wird von seinem himmlischen Vater nicht verstoßen. Er hat nun die Möglichkeit seinem Schicksal, Seinesgleichen und seinem Schöpfer ins Gesicht zu spucken und die Möglichkeit zur liebevollen Beziehung. Er hat nun die Möglichkeit unheilvoll seine Grenzen zu überschreiten und die Möglichkeit, sich heilvoll selbst zu begrenzen. Er hat nun die Möglichkeit jedem Rattenfänger auf den Leim zu gehen und seine Fähigkeit zur Erkenntnis und Weitsicht zu nutzen. Aber vor dem Tor zum Garten, in dem auch der Baum des Lebens wächst, steht der vierflügelige Engel mit dem flammenden Schwert. Unter den Ewigen hat der Mensch nichts mehr verloren. Jenseits von Eden werden diese Kinder ihrem himmlischen Vater viel Mühe und Arbeit machen.

Aber schon die alte Geschichte aus dem Paradies hat die gute Botschaft, dass Gott sich diese Mühe und Arbeit macht. Er bekleidet seine Menschen mit dem Nötigsten für Acker und Kindbett. Er macht dem mörderischen Nachfahren Kain ein Mal auf die Stirn, damit er am Leben bleibt. Er setzt den Regenbogen an den Himmel als immer wiederkehrendes Zeichen seiner Güte. Er schickt seinen Sohn, um in ihm der Welt sein Gesicht zu zeigen. Durch Schläge, Leiden und Tod lässt sich seine Liebe nicht beirren. Sie widersteht der Angst vor dem Tod und macht ihn zum Türsteher an der Pforte zum Himmelreich. Er möchte, wie der gute Vater im Gleichnis, dass die verlorenen Kinder nach Hause kommen (vgl. Lukas 15.11ff).

Kann gut sein, dass wir einmal an der Hand des Christus, der man die Nägel noch ansieht, wieder Einlass finden. Denn das erste ist vergangen. Und der auf den Thron saß sprach: Siehe, ich mache alles neu. (Off. 21,5)

Die Predigt zum Hören

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