Jenseits von Eden (Von Erdwespen und Eintracht)

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Und der Mensch sagte ja. Und alles war gut. Alles war paradiesisch. Der Himmel war blau und die Sonne zog ihre Bahnen, völlig unbeeindruckt von allem irdischen Tun. Die Erde war noch nicht ausgebeutet, blutete noch nicht aus so vielen Wunden. Alles war gut und im Werden.

Es gab auch noch nicht die demente Großmutter im Pflegeheim, die ich solange nicht besucht hatte, oder die überforderten Schwestern, mit ihren vielen Überstunden. Es gab auch keine Zwietracht und keine Sticheleien. Die Wälder brannten nicht und die Meere stiegen nicht an. Die Welt war rein, die Luft nicht verschmutzt.

Mensch und Natur lebten in Eintracht. Und die Tiere nicht in zu engen Boxen. Kein Schild weit und breit war nötig, das einen davor warnte, dass Erdwespen links neben mir im Boden sind und mich stechen könnten. Und auch die Flüsse wurden nicht begradigt und immer weiter ausgebaggert, weil noch größere Kreuzfahrtschiffe durch kleine Flüsse aufs offene Meer fahren mussten.

Alle sieben Meere und alle Flüsse waren rein. Plastik war noch nicht erfunden und niemand schmiss alte Räder in die Landschaft oder kippte seinen Müll in die Wälder. Auf den Straßen klebte kein Kaugummi und niemand hatte seinen Zigarettenstummel achtlos weggeworfen.
Der Mensch ging respektvoll mit der ihm von Gott anvertrauten Schöpfung um. So wie eine Kindergärtnerin mit einem Kind, dass man morgens über den Tag in ihre Obhut gibt.

Die Trennlinie zwischen Gut und Böse, zwischen zu viel und genug war klar und der Mensch drang nicht weiter als nötig in die Lebensräume der Natur ein. Und auf der Suche nach immer mehr Wachstum und Profit zerstörte der Mensch auch nicht die Umwelt, rodete keine Wälder, schuf keine Monokulturen und brauchte auch keine Pestizide, um die Ernte zu schützen.

Und siehe, alles war gut. Der Mensch war sich seiner Verantwortung bewusst und schätzte den Garten, den Gott so liebevoll für ihn angelegt hatte. Und weil Gott wusste, dass es nicht gut ist, wenn der Mensch alleine war, schuf er ein Gegenüber. Einen anderen Menschen. Und beide hatten die gleiche Rechte und Pflichten. Es gab kein Oben und kein Unten. Sie waren vom gleichen Rang. Und der Umgang miteinander war geprägt von einem tiefen Respekt, der sich aus der Tatsache speiste, dass das Gegenüber auch von Gott geschaffen war.
Und siehe, es war sehr gut. Es gab einfach keinen Riss und keinen Bruch.

Aber Gott hatte auch den Baum der Erkenntnis mitten in den Garten gepflanzt. Und wer davon aß, der konnte unterscheiden. Wusste vom Guten und vom Bösen. Ahnte, dass das schöne Leben eine Kehrseite hat. Und als die beiden ersten Menschen vom Baum der Erkenntnis gegessen hatten, lernten sie zu unterscheiden. Und sie sahen die Welt mit anderen Augen. Erkannten, dass neben dem Schönen das Schwere lag. Wurden sich darüber bewusst, dass die Welt, in der sie Tag für Tag aufwachten, kaum mehr etwas paradiesisches hatte. Aber viel Mühe und Schwierigkeiten bereithielt. Das eigene Leben, es war ausgespannt zwischen Abhängigkeit und Freiheit, zwischen Müssen und Wollen. Die Welt hatte sich weitergedreht und war wohl auch ein bisschen aus der Bahn geraten.

Viele Jahre waren seitdem vergangen. Die Menschen hatten sich eingerichtet. Hatten sich abgefunden mit dem Hunger. Mit der Ausbeutung der Erde und allem, was darinnen ist. Hass und Krieg zerriss die Welt an immer mehr Orten und überall grüßten sich Nachbarn nicht mehr oder nur mürrisch und hinter vorgehaltener Hand machte man sich lustig über andere. Das Internet quoll über vor Hasskommentaren. Weltweit demonstrieren junge Menschen für die Rettung der Welt, aber die Wälder brannten trotzdem. Norwegen verlor einen ganzen Gletscher und Diktatoren klammerten sich hier und dort an ihre scheinbare Macht. Und während man in einem Walmagen 40 Kilogramm Plastikmüll fand, entdeckte man in einem Kühllaster auf einer Autobahn Richtung Österreich 70 Leichen. Menschen auf der Flucht in eine bessere Welt.

Früher wusste der Mensch, dass allen Geschöpfen der Lebensatem von Gott eingehaucht war, aber heute glaubten sie es nicht mehr. Irgendwann war dieses Wissen verschwunden und manche behaupteten stattdessen, sie wären besser als die anderen. Glaubten ernsthaft, Ihnen würde mehr zustehen als anderen. Manche unterschieden sogar zwischen Hautfarben und Nationalitäten. Als ob das jemals eine Rolle gespielt hätte.

Aber viele Menschen spürten immer noch die Sehnsucht nach dem geschützten Garten aus alter Zeit und manche fragten:
„Und der Garten Eden?“
„Das Paradies ist verriegelt und der Cherub hinter uns“[1], sagten viele.
Aber die anderen ließen nicht locker:
„Wir müssen die Reise um die Welt machen, und sehen, ob es vielleicht von hinten irgendwo wieder offen ist.“

Denn trotz aller Erkenntnis und aller Erschütterungen des Selbstverständlichen, gab es immer noch Menschen, die den Glauben an einen Weg zurück nicht verloren hatten.
Und auch das gibt es ja: „Das Menschen die Wirklichkeit bis hin zu den Rändern durchmessen und sich schließlich trotzdem in Gott geborgen wissen.“[2]
AMEN.

[1] Heinrich von Kleist: Über das Marionettentheater.

[2] Ulrike Wagner-Rau: GPM, II. Reihe, 15. Sonntag nach Trinitatis, 74. Jahrgang, Heft 4, S.455.

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