Jedes Fest hat seine Lieder

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

jedes Fest hat seine eigene Lieder. Wer Heilig Abend einen Gottesdienst besucht, möchte nicht nach Hause gehen ohne „Stille Nacht, heilige Nacht“ und „O du Fröhliche“ gesungen zu haben. Diese Lieder sind Weihnachten. Karfreitag, der Todestag Jesu, ist für viele ohne die Choräle der Matthäus- oder der Johannespassion undenkbar. Und lange Zeit konnte man bei dem Choral „O Haupt voll Blut und Wunden“ auch mit starkem Gemeindegesang rechnen. Ostern schallt es seit Jahrhunderten „Christ ist erstanden von der Marter alle“. Erkennungsmelodien kirchlicher Feste, Transporteure alter überkommener Botschaften, fest verankert im überlieferten Wissen ganzer Generationen. Und Pfingsten, dieses Fest, das ich Geburtstagsfest genannt habe?

Ein besonderes Lied steht heute im Mittelpunkt. Es ist alt, mehr als zweitausend Jahre alt. Es ist schon erklungen, als an Pfingsten in Jerusalem, wie Lukas es aufbewahrt hat, noch gar nicht zu denken war. Aber es ist kein typisches Pfingstlied. Insider werden sicherlich ihre Lieblinge aus dem Gesangbuch haben. Vielleicht „O, komm du Geist der Wahrheit.“ Manche werden auch ihr Lieblinglied heute morgen vermissen. Wer gerne gesungen hätte „Schmückt das Fest mit Maien“, den kann ich auf Morgen vertrösten, da wird dieses Pfingstlied gesungen werden. Aber bei diesem Lied ist es, denke ich, nicht so sehr die besondere Verbindung von Meldoie und Botschaft, von Tönen und Anlass, die es so beliebt machen. Es ist die Erinnerung an einen lieblichen Tag für Ausflüge und Sonnenbäder, die viele mit Pfingsten und dem geschenkten freien Tag verbinden, es ist die Sehnsucht nach Frühling, Sommer und Sonne nach langem dunklem, kaltem Winter, die sich hier deutlich Gehör verschafft – wogegen ich also nichts gesagt haben will. Nein, Pfingsten hat nicht wie Weihnachten oder auch noch Ostern seine eigenen Lieder, die fest in unserem Leben verwurzelt sind. Ja, Pfingsten selbst ist in unserem Leben nicht tief verwurzelt.

Psalm 33, dem wir heute immer wieder begegnen, hat auf seinem Weg durch Zeit und Raum viele Spuren hinerlassen, hat sich zu jeder Zeit auf seine Weise neu Gehör verschafft – so erklingt er in der Kantate von Phillip Johann Krieger nach mehr als 300 Jahren zum ersten Mal wieder in diesem Gottesdienst. Gerade weil Pfingsten eine so mühsame Spurensuche ist, ist Psalm 33 nicht nur eine Einladung: freuet euch, danket und singt. Es ist vor allem ein Spiegel, der uns vorgehalten wird.

Was singt und klingt in uns heute morgen? Welche Töne, welche Stimmungen bringen wir mit in diesen Gottesdienst. Unsere Wege, unsere Lebensgeschichten sind so unterschiedlich. Da freut sich die eine über ihren Geburtstag und Tauftag, da wollen andere noch einmal erleben, dass Menschen an ihrer Trauer teilhaben und für sie im Fürbittgebet der Gemeinde vor Gott eintreten. Da ist die eine aufgeregt, weil sie vor Menschen singt oder spielt, da möchten andere eigentlich ganz andere Lieder singen mit anderen Texten und Bildern.

Was bewegt uns im Alltag unsres Lebens, welche Antriebskräfte nehmen wir wahr? Wofür können wir uns begeistern? „Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder“ ist in der Bibel zu lesen. Ob ich das wohl mit meinem Leben untermauern kann, also Geistträger, Geistbesitzer bin? Nicht jeder schaut gerne in den Spiegel. Nicht alles, was er zeigt, ist schön anzusehen, vor allem: er ist so schonungslos ehrlich, wie im Märchen! Freuet euch, danket und singt dem Herrn!

Ich spüre mit einem Mal: Pfingsen markiert ein Erfahrungsdefizit; allzuoft springt der Funke nicht über, die Melodien und Lieder wollen nicht mitreißen. Die Worte können nicht begeistern. Halten sie also den Augenblick gut fest, wenn eine Melodie, eine Textzeile, ein Gedanke sie berührt, sie bewegt und beglückt – auch heute. Das ist wie ein Kuss des Heiligen Geistes, ein kurzer kostbarer Augenblick. Sicher hält man uns nicht für volltrunken, wie damals die Jünger auf den Straßen Jerusalems. Aber der Einladung des Psalm zu folgen könnte ein erster gewagter Schritt sein: sich Gott öffnen; sich vorbereiten auf eine Begegnung, die verändert; dem Geist Gottes, seiner Gegenwart Raum in mir geben.

Freuet euch des Herr, danket dem Herrn, singet ihm ein neues Lied. Da tauchen wir in eine innige(s), tiefe(s) Beziehung(sgeflecht). Ich freue mich meines Glückes, meiner Kinder, meines Partners, weil sie ein Wunder, ein Glücksfall für mich, ein Geschenk sind. Aber: Ich freue mich Gottes – ein ungeheurer Gedanke – ich freue mich Gottes, weil er etwas wunderbares ist, was mir widerfahren ist? Wer wagt schon so von Gott zu denken oder gar zu singen?

Das alte Volk Israel wagte es, weil es seine Geschichte als eine wunderbare und große Liebe zwischen Gott und diesem Volk begriffen hat mit allen Höhen und Tiefen, die zu so einer Liebe gehörte. Und es lebte diese Freude aus – mit seinen Liedern und Tänzen, mit Musik und Begeisterung. Alle sollten es hören, begreifen, erfahren und einstimmen: Gott ist gross, die ganze Welt und jedes einzelne Geschöpf, die Ewigkeit und jede Stunde meines Lebens sind in seiner Hand aufgehoben und geborgen.

[TEXT V.4-9]

Wie komme ich dazu so vollmundig von Gott zu reden? Weil alles um mich herum seine Handschrift trägt, seine Sprache spricht, selbst wenn diese immer wieder durch Leid und Unglück, das Menschen trifft, verdunkelt wird. Die Erde ist voll der Güte Gottes. Gerade jetzt im Mai und im Juni, wenn alles grünt und blüht und vor neuem Leben explodiert, ist das mit Händen zu greifen. Diese wunderbare Welt ist uns Lebensraum, Wohnung, Mutterboden, Halt unter unseren Füssen. Das ist Gottes Güte. Die Frische des Meeres, der gebändigte Sturm, die zurückgehaltenen Fluten. Das ist Gottes Güte. ass Gerechtigkeit und Recht sich immer wieder Gehör und dann auch Raum verschaffen, dass sie Menschen bewegen dafür einzutreten, in unserem Land und weltweit, ist nicht selbstverständlich. Dass die Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Recht lebendig und umtreibend ist. Das ist Gottes Güte. Dass mich Himmel und Erde, Weite und Wärme berühren, dass ich diese Glückmomente erlebe, die ich so gerne mit den Händen festhalten möchte, damit sie nie vergehen, und die dann doch aufhören, Erinnerung werden, die, wenn sie nicht mehr wehtun, trösten. Das ist Gottes Güte. Wenn dann die Zeiten der Dunkelheiten kommen, wenn das Leben um mich herum verblüht, wenn Stürme und Wasserfluten bildlich oder real über mir zusammenbrechen, dann soll ich mich daran erinnern, das ich der Güte Gottes doch schon begegnet bin, dass die Rede von Güte und Liebe kein Wunschtraum sondern wahrhaftig ist. Ich habe von ihr gekostet und sie wird einmal diese Welt verändern, ihr ein neues Gesicht geben

Gott spricht und darauf ist Verlass.

Was Gott zusagt, dass hält er. Wenn er spricht so geschieht es. Da wo diese Hoffnung für mich Boden unter den Füßen und Halt im Sturm ist, da ist Gottes Geist am Werk, da berührt mich sein Geist, da nimmt er Wohnung in mir und der Glaube kann wurzeln schlagen und wachsen.

[TEXT V.10-17]

Jetzt habe ich viel von mir geredet. Ich soll aber nicht allein bleiben, ich soll auch nicht bei mir bleiben. Pfingsten hat die ganze Welt im Blick. Menschen aus aller Herren Länder mit unaussprechlichen Namen und unverständlichen Sprachen kommen sich ja mit einem Mal nahe. Pfingsten ist ein Gemeinschaftsfest und Gemeinschaftsereignis. Pfingsten führt Menschen zusammen, träumt von der einen Menschheit des einen Gottes.

Gott sieht alle Menschenkinder. So einfach sagt es Psalm 33. Und er meint es tröstlich. Wir alle werden von ihm angeschaut. Kein Mensch, kein Leben, kein Schicksal entgeht seinem Blick, wird von ihm übersehen. Seine Gedanken sind Gedanken für und für. Und wir können es nicht oft genug hören: es sind Gedanken des Friedens und des Heils, weil die Erde voll der Güte des Herrn ist. Macht haben nicht die sogenannten, selbst ernannten Machthaber, Gott allein ist am Ende mächtig. Deshalb lohnt es sich ihm zu vertrauen. Gott sieht alle Menschen. So einfach sagt es Psalm 33.

Jetzt liegt es an uns. Wie sehen wir aufeinander. Gottes Geist macht uns zu Gottes Kindern und öffnet uns den Blick füreinander in unserer Verschiedenheit. Wir dürfen heute schon leben als die eine Menschheit Gottes, als sein Volk, auf dass er Acht hat und einstimmen in das alte und immer wieder neue Lied, damit der Funke überspringt, Menschen bewegt und begeistert. So klingt der Psalm 33 heute auch: Die nach Gott fragen werden es gut machen.

Gott ist Gerechtigkeit und Güte, Friede für die ganze Welt. Die auf Gewalt bauen, machen noch mehr kaputt. Die groß herauskommen wollen,bringen nichts. Die es allen recht machen wollen, verwaschen die Unterschiede. Und es bleibt, wie es ist. Die aber den Frieden wollen, gehen vom anderen aus. Sie nehmen die Geschichte ernst und haben langen Atem. Sie machen sich nichts vor und behalten die Hoffnung. Sie können zugeben und verkürzen doch nicht das Ziel. Sie verstehen sich auf Güte und stecken Verdächtigungen ein. Das bringt die Welt vom Tod zum Leben. Darum: Freuet euch des Herr, danket ihm mit Harfen und singet ihm ein neues Lied.

[TEXT V.18-22]

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