Ja, es ist immer derselbe Text

„Könnt Ihr nicht mal was anderes lesen! Die Weihnachtsgeschichte – das ist doch immer das gleiche!“ – Das höre ich von jemandem aus meiner Familie immer mal wieder, wenn es um Weihnachten und vor allem um Weihnachtsgottesdienste geht.
Am Heiligabend oder spätestens am Weihnachtstag wird in den Gottesdiensten auf der ganzen Welt die Weihnachtsgeschichte gelesen. Ich schätze mal das mindestens ein Drittel von Ihnen, wahrscheinlich sogar die Hälfte, wenn nicht gar noch mehr, die ersten Sätze auswendig kennen: Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war. Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeder in seine Stadt. Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa…
(Lk 2, 1-4a)

Ja, es ist immer der gleiche Text und ja, wir lesen ihn immer und ja, es wird immer der gleiche Text bleiben – übrigens: Wenn sie mal eine Lutherbibel in die Hand bekommen, eine echte aus dem frühen 15. Jh. oder einen Nachdruck: Sie werden feststellen, dass sich die Sprache in den letzten Jahrhunderten doch recht stark verändert hat und Luthers Deutsch schon noch anders war, als unser Deutsch. Aber zwei Texte in der Bibel haben sich kaum verändert und werden heute noch fast genauso gelesen wie damals: Die Weihnachtsgeschichte und Ps 23: Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.
Wir lesen diese Weihnachtsgeschichte immer und wir werden es auch immer tun. Weihnachten hat – allem Konsum und aller materiellen Oberflächlichkeit zum Trotz – bis heute auch etwas magisches, zauberhaftes und dass Sie und Ihr alle das auch empfinden oder erahnen, zeigt sich daran, dass Ihr alle heute hier seid. In der Kirche. Denn dieser Zauber der Weihnacht geht nicht von einem Baum aus oder von Geschenken sondern von dieser Geschichte.
Ohne sie kann es nicht Weihnachten sein und wer meint, es könnte doch, hat einen ganz wichtigen Aspekt dieses Festes nicht verstanden.

Ich möchte aber trotzdem noch einen zweiten Text uns hier auf den Weg geben. Da geht es nicht um das Kind in der Krippe, sondern um dem Mann, der daraus geworden ist. Und dieser ganz kurze Text geht so:

[Text]

Ihr kennt mich und wisst, woher ich bin – Das könnte fast eine Art Vorstellung sein. „Ich bin Jesus und ich bin in Bethlehem geboren und bin im Hause meiner Eltern in Nazareth aufgewachsen. Aber eigentlich wisst ihr das ja.“ Ein Vorstellung ja, aber es hat etwas trotziges: „Was wundert ihr Euch über mich? Ich kennt mich doch.“
Jesus will bei seinen Zeitgenossen Vertrauen schaffen. Er verweist auf seine Herkunft und darauf, dass sie ihn kennen. Alles, was er sagt und tut, tut er als Mensch, als Mitmensch und Mitbürger.

Aber es kommt noch mehr: Aber […] es ist ein Wahrhaftiger, der mich gesandt hat, den ihr nicht kennt. Natürlich redet Jesus hier von Gott. Alles, was er sagt und tut, sagt und tut er als Mensch, als Mitmensch, aber er tut es nicht, weil es seine eigene menschliche Idee war. Natürlich nicht, denn er Gott hat ihn gesandt, und das von Anfang an. Dass Jesus zur Welt gekommen ist, und dass er der wurde, der er ward, liegt einzig und allein daran, weil es Gott selbst ist, der in dem Menschen Jesus handelt.

Ihr kennt mich und wisst, woher ich bin. – Die Menschen damals wussten: Ja, das ist Jesus aus Nazareth, der in Bethlehem geboren war und der jetzt aus Galiläa hierher nach Jerusalem gekommen ist. Aber haben die Menschen das andere auch gewusst und verstanden? Dass Gott in ihm handelt?
Ihr kennt mich und wisst, woher ich bin. – Weiß ich das? Ja, ich weiß, was in der Weihnachtsgeschichte steht und in den Evangelien. Ich kenne die Geschichten und viele von Ihnen und Euch kennen sie auch, wissen jedenfalls in groben Zügen, wie der Weg dieses kleinen Kindes in der Krippe weiterging.

Aber weiß ich trotzdem wer dieses Jesus ist? Kenne ich ihn? Im Lied „Es ist ein Ros‘ entsprungen“ gibt es eine Textzeile, da heißt es: „Wahr‘ Mensch und wahrer Gott.“ Das ist ein Stück aus einem ganz alten Glaubensbekenntnis, das bis heute in allen Kirchen der Welt als das Bekenntnis angesehen wird, was den christlichen Glauben auf den Punkt bringt: Das Glaubensbekenntnis von Nicäa und Konstantinopel. Da heißt es, dass Jesus Christus sowohl Mensch als auch Gott gewesen war bzw. noch ist. Ganz Mensch und ganz Gott. Von Anfang an und immer zu.
Wie soll das gehen? Das Kind in der Krippe – ist Gott! Der Mann am Kreuz – ist Gott!

Ihr kennt mich und wisst, woher ich bin. – Weiß ist das? Kann ich es wissen und verstehen?

Weihnachten hat bis heute auch etwas magisches, zauberhaftes und dass Sie und Ihr alle das auch empfinden oder erahnen, zeigt sich daran, dass Ihr alle heute hier seid. In der Kirche. Denn dieser Zauber der Weihnacht geht von der Weihnachtsgeschichte aus. Und von dem, was da passiert ist und was wir nie ganz verstehen werden und können.

Was da beschrieben ist, ist auf der einen Seite so alltäglich: Ein Paar kriegt ein Kind und das unter sehr ärmlichen Umständen. Das passiert jeden Tag millionenmal auf der Welt. Dass eine Familie keine Unterkunft findet und auf der Straße leben muss, dass war früher und bis heute Alltag nicht nur in den armen Ländern der Erde sondern leider auch in Deutschland.
Und dass natürlich andere Arme davon Notiz nehmen und der jungen Familie Glück wünschen, wie es die armen Hirten tun, ist ebenso normal. Aber dann sind da eben auch die Engel. Und im Matthäusevangelium kommen noch die Weisen aus dem Osten. Und dann ist da eben da, was aus diesem Kind wurde. Es ist diese Vermischung aus armseligen Alltag und dem Einbruch des Himmlischen, des Göttlichen, des Rätselhaften, Unverständlichen, was diesen Zauber zum Teil ausmacht.
Die göttliche Ewigkeit und die Heiligkeit und das große Geheimnis Gottes hat in dieser Nacht in Bethlehem die Erde in ganz besonderer Art und Weise berührt und ganz eine ganz besondere Spur hinterlassen.

Ihr kennt mich und wisst, woher ich bin. – Ich weiß es nicht wirklich, erahne es höchstens und kann e nie verstehen, aber ich möchte es glauben. Möchte, dass der Zauber der Weihnacht erhalten bleibt, dass ein bisschen von der göttlichen Ewigkeit und der Heiligkeit und ein bisschen des großes Geheimnisses Gottes auch an diesem Abend und in dieser Nacht hier spürbar ist und über diesen Tag hinaus spürbar bleibt – in meinem und unser aller Herzen.

Und es lohnt sich vielleicht heute Abend, wenn das Essen aufgegessen und die Geschenke ausgepackt sind und wenn Ruhe eingekehrt ist, einmal über Jesu Satz nachzudenken: Ihr kennt mich und wisst, woher ich bin.

Die Erinnerung an die Nacht von Bethlehem hilft, sich diesem Geheimnis zu nähern. Darum lesen wir die Weihnachtsgeschichte – jedes Jahr aufs Neue.

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