Inseln unserer Hoffnung (Ps 139,8+11)

Ps 139,8+11
[8] Führe ich gen Himmel, so bist du da;
bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da. [ … ] [11] Spräche ich: Finsternis möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein.

[72jährigen Frau nach schwerer Krankheit]

Liebe Angehörige von N.N., liebe Trauergemeinde,

an einem Tag wie diesem, an einem Abschiedstag von einer Frau, die uns allen lieb und wert war, da ist es uns, als würde eine nie gestillte Sehnsucht gegen verschlossene Türen hämmern. Denn eigentlich würden wir die Ehefrau, die Mutter, die Großmutter niemals freiwillig hergeben. Der Tod, so scheint es uns, kam zu früh und zu unbarmherzig. Ihr Leiden, ihr Sterben, steht in keinem Vergleich zu ihrem Leben.

Ebenso wie die Geburt, ist auch das Sterben mit Schmerzen verbunden und es ist so, als würden wir vertrieben aus unserer Geborgenheit, die uns so gut tat. Das Zerbrochene schmerzt so stark und die Sehnsucht nach dieser alten Geborgenheit, nach gesunden und frohen Tagen, dringt unausweichlich ein.

In einer solchen Abschiedsstunde wäre es tröstlich zu wissen, dass da ein Engel kommt, ein vertrauter Engel, der uns hinüberträgt in eine neue Geborgenheit, die ohne Ende ist; dann wäre das Sterben wie ein Heimgehen und der Tod nur ein Übergang in eine andere Art des Seins – so ähnlich wie die Geburt aus dem Dunkel ans Licht führt. Es wäre so, wie es der Psalmbeter schreibt: „… und die Nacht leuchtete wie der Tag.“ Aber wir hängen noch zu sehr an ihr, die „von uns gegangen ist“, wie wir sagen, wir wollen sie noch nicht hergeben und die Geborgenheit, die auf uns wartet, ist uns nicht Trost genug, weil sie uns fremd ist, weil wir keine absolute Gewissheit haben, dass sie uns wirklich erwartet. Wir fühlen uns viel wehrloser als sonst, so richtig ausgeliefert und verlassen. Unsere Gedanken irren umher in Vergangenem. Traurigkeit haftet an jedem Schritt. Die Nacht ist noch finster und selbst am Tag will noch kein Licht in unser Herz dringen.

Am Sonntag Abend ist das Leben von N.N. zu Ende gegangen. Wir lassen geschehen, was geschehen muss, aber wir weigern uns, blind zu werden für die Menschen, die gleich uns schwer tragen an der Last dieses Abschieds. Ein offenes Herz suchen wir, dem wir unseren Schmerz mitteilen können, einen winzig kleinen Stern unter der endlosen Weite des Winterhimmels.

N.N. wurde am XX in YY geboren. Als die älteste von drei Geschwistern ist sie in einer Familie aufgewachsen, die ihr die Geborgenheit und das Vertrauen vermittelte, das nötig ist, um das Leben gut zu bestehen. Sowohl mit ihrem Bruder als auch mit ihrer Schwester hat sie nicht nur die Jahre der Kindheit mit vielen Freuden geteilt. Ihr ganzes Leben lang blieb das geschwisterliche Band erhalten. Im NN durfte N.N. aufleuchten im Festkleid der Freude, weil sie gemeinsam mit LS aus NN den Bund fürs Leben schloss. Dem Paar wurde die Tochter M. geschenkt.

Zeitlebens war N.N. eine Gebende. Als Kind war sie für die beiden jüngeren Geschwister da, als junge Frau sorgte sie für die Großmutter, die ein hohes Alter erreichte. Dieses „Für-einander-Dasein“ prägte auch das Zusammenleben mit der Mutter in der elterlichen Schneiderei. N.N. war für das tägliche leibliche Wohl zuständig. Zu allen Zeiten war sie auch die gute Seele des Hauses. Die Familie ließ sie inmitten einer unbegreiflichen Welt den Reichtum des Lebens erfahren. So hat sie es auch als besondere Gnade und Bereicherung erlebt, dass die junge Familie P sich entschied, in NN zu wohnen. N.N. konnte so die Enkelkinder D und S heranwachsen sehen. Eine innige Beziehung konnte sich so entwickeln.

Es war IHR Leben, unverwechselbar und einzigartig – das Leben von Frau N.N. Ein Leben, das hell und weit war. Gott hat ihr 72 Lebensjahre gegeben; N.N. hat sie gefüllt – jeden Tag und jede Stunde ihres Lebens hat sie sinnvoll gelebt. Sie hat ihr Leben genutzt nicht nur für sich selbst – sie hat ihre Gaben auch für andere eingesetzt.

Als vor zwei Jahren die Schattenseiten immer mehr auf ihr Leben fielen, nahm sie auch diese hin: die Zeit der Krankheit. Für Sie alle war dies eine Zeit zwischen Hoffen und Bangen gewesen. Die letzte Zeit im Leben von N.N. ist vielleicht für die so aktive Frau die schwerste gewesen. Sie, liebe Familie P und Sie Herr S haben es ihr ermöglicht, in der Umgebung zu sterben, in der sie auch geboren war und die ihr 72 Jahre lang, von der Wiege bis zur Bahre, Heimat war. N.N. war nicht alleine in der Sterbestunde. Sie haben ihr gemeinsam beigestanden in dieser schweren Stunde.

Jede menschliche Beziehung trägt bereits ihr Ende in sich. Jeder Augenblick des Glücks vergeht. Wir dürfen die gemeinsam erlebte Zeit mit Frau N.N. als Geschenk bewahren. Wir dürfen für jede Stunde dankbar sein und uns über jede gute Begegnung von Herzen freuen. Jeder von Ihnen, liebe Angehörige hat einen Teil seiner Lebenszeit in der Nähe der Ehefrau, der Mutter und Großmutter und Schwester verbringen dürfen. Für die Tochter, die beiden Enkel D und S, ist es ein ganzes Leben gewesen, das Sie mit Ihrer Mutter und Großmutter verbunden hat. Ich kann mir vorstellen, dass es für Ihre Mutter ein be sonderes Geschenk war, ihre Tochter und Enkel so nahe zu wissen. Für Sie, Herr S waren es 46 gemeinsame Ehejahre. Je näher Sie N.N. gestanden haben, desto mehr hat sie miteinan der verbunden. Lassen Sie uns nun in der Stille bedenken, was Sie von dem gemein sam Erlebten für Ihr Leben bewahren wollen.

[STILLE]

Es bleibt die Dankbarkeit für die Güte und Freundlichkeit, das Füreinander-da-sein. Es bleibt aber auch der gegenseitig empfundene Dank. In der Bibel heißt es, dass Gott den Tod besiegt hat. Und doch wird Gott uns die Ehefrau, die Mutter, die Großmutter, die Schwester nicht zurück geben.

In der Welt, in der wir leben, gibt es keine gemeinsame Zukunft. Sie wissen das. Und doch ist am Anfang auch das Gefühl, dass alles nur ein schrecklicher Traum sei. Wir meinen, die zarte Stimme noch zu hören, die Nähe des geliebten Menschen noch zu spüren. Doch sie fehlt! Das haben Sie bereits schmerzlich erfahren. Gott wird sie uns nicht zurück geben. Er wird auch nicht die Trauer nehmen, denn die Trauer ist für Sie, liebe Angehörige, „lebenswichtig“, auch wenn sie mit Schmerzen verbunden ist. Wir können aber festhalten an dem Gott, der die einzige Verbindung zu denen ist, die uns vorangegangen sind, die die Geborgenheit Gottes näher spüren als wir auf dieser kalten Erde. Beim Beten entsteht eine enge Beziehung zu dem „Gottessohn“, der selbst den Schmerz und die Ohnmacht gegenüber dem Tod erlebt und durchlitten hat. Sie können spüren, dass er Ihre Schmerzen und Ihre Trauer zutiefst versteht. Sie dürfen darauf vertrauen, dass Sie den Schmerz nicht alleine tragen müssen, sondern dass „er“ ihn mitträgt.

Es ist uns nicht verheißen, dass wir hinüber getragen werden. Wir wollen uns nichts vormachen: Sterben kann bitter sein, so wie auch Jesu Sterben bitter war. Aber die Auferstehung ist uns zugesagt durch Jesus: „Ich gehe hin zu meinem Vater und zu eurem Vater“ . Darum haben wir die Zuversicht, dass wir durchs Sterben hindurch an seiner Auferstehung teil haben. Dann wird auch für uns die Nacht leuchten wie der Tag und die Finsternis wird nicht finster sein. Manchmal ist unser Glaube nur ein brüchiger Steg über Abgründen. Gott aber hat uns durch seinen menschgewordenen Sohn Jesus Christus eine feste Brücke über die Tiefen gebaut. Er will uns an seiner Hand sicher hinüber führen. Wir brauchen ihm nur zu vertrauen. Er hat für uns ein Licht angezündet, als die Nacht am dunkelsten war, damit die Nacht leuchte wie der Tag. Wenn wir wirklich daran glauben können, wird unsere Angst vor dem Leben und vor dem Tod klein, weil wir die Geborgenheit, die uns erwartet, schon hier empfinden können, weil wir das Leben hier schon menschlicher gestalten können, weil wir daran glauben, dass das Gute, das wir hier erfahren, nur ein kleiner Abglanz davon ist, was uns erwartet. Wir nehmen diese andere Wirklichkeit mit unseren Sinnen hier nicht wahr, aber immer dann, wenn ein lieber Angehöriger in diese Wirklichkeit der Nähe Gottes eingeht, können wir ein wenig deutlicher als sonst spüren, dass sie existiert, dass Jesu Versprechen eine Wahrheit ist, der wir bedingungslos vertrauen können.

Jenseits unseres Horizonts warten die Inseln unserer Hoffnung, die Orte der ewigen Erfüllung, die Begegnung einer nicht endenden Liebe. Uns allen kann Gott so begegnen, wie er für uns dasein will, der uns von allen Seiten und zu allen Zeiten umgibt und seine Hand auf uns legt und uns bewahrt.

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