In Bewegung

Liebe Festgemeinde,

wovon sollt ich euch heute Nacht erzählen? Von Josef und Maria und natürlich vom Kind. Ja, auch von Engeln wäre zu berichten und – natürlich von den Hirten. Aber vor allem möchte ich heute von der Bewegung erzählen, die durch die Heilige Nacht ging – von diesem ganzen Durcheinander dieser Heiligen Nacht. Maria und Josef waren aus ihrem Wohnort aufgebrochen, Hirten verließen ihre Arbeitsstelle, Fremde folgten einem Stern und die Engel des Himmels kamen den Menschen so nah, wie nie.
In jener Nacht geschah etwas, was die Leute später eine „Zäsur“ nannten. Gott schuf mit diesem Kind in Bethlehem eine ganz besondere Verbindung zwischen ihm und uns Menschen, dass man nach diesem Ereignis anfing, die Zeit neu zu zählen. Die Zeit aber fängt man nur neu zu berechnen an, wenn wirklich Bedeutsames sich abzeichnet, etwas Revolutionäres, das die Welt verändert oder zumindest das Leben in einem Land oder einer Region.

So lange ist das gar nicht her, da hat man die Zeit wieder einmal neu ansagen wollen – in unserem Nachbarland Frankreich zählte man die neue Zeit plötzlich nach der großen Revolution.
Doch auch lange vor Jesus setze man die Zeit – von Zeit zu Zeit – neu in Gang – Juden rechnen zurück zum Beginn der Schöpfung – Römer setzten ihren Anfang mit der Gründung Roms und wiederum Jahrhunderte nach Jesu Geburt beziehen sich bei ihrer Zeitrechnung Muslime auf die Hitschra, den Auszug Mohammeds aus Mekka zurück.

Nun also: diese Nacht von Bethlehem, diese unruhige Heiligen Nacht wird zum Fixpunkt für unsere Zeit. Die Geburt Jesu wurde zum Ausgangspunkt unserer Zeitrechnung.
Und wie das in der Geschichte genau verfolgt werden kann, haben es solche Umbruchzeiten immer mit recht viel Bewegung zu tun. Die Menschen sind in Bewegung und die Dinge, die Verhältnisse dringen zu einer neuen Gestalt. Die Geburtswehen einer neuen Zeit sind allerorts zu sehen, wahrzunehmen, zu erleiden. Und wer wollte es leugnen auch in unseren Tagen spüren wir wieder wie dieser Hauch der Veränderungen durchs Land zieht – kein großer Ruck, nein – aber viele kleine Erschütterungen – nichts scheint zu bleiben, wie es war, buchstäblich alles wird auf den Kopf gestellt.

Herzlich willkommen geheißen werden neue Zeiten in der Regel selten, auch heute nicht. Man bezieht sich lieber auf das, was man kennt, hält am Vertrauten fest.
So ist es ganz und gar nicht verwunderlich, wenn sich Abwehr gegen alles Neue formt, viele Menschen fühlen sich einfach überfordert. Auch das ist ganz und gar nicht neu. So muss es schon vor über 2000 Jahren gewesen sein.

Es muss ähnlich auch mit jenen sieben Hirten gewesen sein, die anders als ihre Kollegen nicht nach Bethlehem zogen. Denn: Zu eben derselben Zeit, da in Bethlehem ein wundersames Kind erschien und alle Hirten des Erdkreises sich aufmachten, es anzubeten, lebten in einem fruchtbaren Tal sieben Hirten. Sie waren Brüder. Jeder von ihnen besaß eine große Herde. Auch zu ihnen kam der Engel und sprach: „Ihr Hirten dieses Landes, lasst ab von euren Herden und achtet gering eure Hütten aus Lehm. Ihr sollt euch aufmachen und dahin geht, wo die Wintersonne über den Bergen steht.
Die sieben Brüder sahen einander an und besprachen die Sache, und jeder von ihnen ergriff das Wort.

Der älteste und erfahrenste unter den sieben Brüdern sprach: „Mir scheint, dieser Mann ist ein Lügner. Keiner von uns kennt ihn , und was er sagt, ist Trug."
Der Zweite sprach: "Ich glaube nicht dass er ein Lügner ist. Aber man hat ihn selber betrogen. Wer sollte so närrisch sein und auf ihn hören?" Schnell warf der Dritte ein: „Habt ihr gesehen, wie böse seine Augen brannten? Er will uns auf Irrwege locken.“ Der vierte aber sprach: „Ich werde seinen Worten folgen und dorthin gehen, wo er gesagt hat. Aber ich will warten bis Sommer ist. Durch den Schnee ist der Weg zu beschwerlich.“ Der fünfte hatte schon von den guten Täler jenseits der Berge gehört. Doch will er die Hütte verkaufen, die Tiere schlachten und das Leben genießen, dann will er sich mit einem Säckel voll Gold auf den Weg machen.
Der Zweitjüngste nun fürchtete sich, den Weg zu verfehlen. Und der Jüngste, der letzte der Brüder, wollte allzu gerne gehen, weil er im Herzen gespürt hatte, dass der Engel die Wahrheit gesagt hatte, aber allein mag er die Reise nicht auf sich nehmen. So sprachen die sieben Hirten, und keiner war unter ihnen, der dem Engel gefolgt wäre. So saßen sie die ganze Nacht um ihr Hirtenfeuer bis an den Morgen. Da aber die Sonne aufging des nächsten Tages, waren sie alle sieben zu Stein verwandelt, samt ihren Herden. (Geschichte aus dem „Seniorengruß“ 3 / 4 2003 , Die sieben Hirten von Cosmus Flam)

Keiner der sieben, liebe Gemeinde, hat den Glanz in dem ärmlichen Stall von Bethlehem gesehen, keiner hat die Engel im Himmel singen hören, keiner! Sie alle waren stehen geblieben, sie alle waren der großen Bewegung, die durch die Welt ging nicht gefolgt und sie waren zu Stein geworden.
Wie gut, dass es noch die anderen Hirten gab, wir säßen nicht hier, wären auch sie daheim geblieben. Aber diese Hirten von Bethlehem sie ließen sich mitten aus dem Alltagsgeschäft reißen – sie brachen auf – ohne einen Sack voll Gold in der Tasche, ohne Furcht, auf diesem Weg allein zu bleiben, ohne Angst vor der Beschwerlichkeit des vor ihnen liegenden Weges, ohne den Argwohn, der hinter allem erst einmal Schlechtes wittert, ohne den zermürbenden Zweifel, der auf der Stelle treten lässt.

Hirten waren aufgebrochen in der Nacht auf das Geheiß eines Engels hin – und sie machten sich auf, um zu sehen, was da geschehen sei, was ihnen der Engel kundgetan hat. Und wir heute sind auch der Botschaft gefolgt, die Bequemlichkeit und Furcht und alle Bedenken hinter sich lässt. Wir haben uns in dieser Heiligen Nacht auf den Weg macht, um zu hören, was Gott heute zu uns sagt. Und wir spüren, wie wir in diesen unsicheren Zeit doch nicht allein sind, dass wir losgehen dürfen – auf Geheiß Gottes und mit dem Versprechen, dass wir einen Weg für unser Leben finden werden. Wir hören es von neuem: nicht der Stillstand, nicht, dass immer alles gleich bleibt, ist das Leben . sondern Leben heißt: Aufbruch und sich verändern, Leben heißt, seine Hand in Gottes Hand legen und darauf vertrauen, dass er uns durch die Unsicherheit des unbekannten Weges auch heute führen wird.

Die Hirten, die zum Stall gekommen sind, sie haben ihren Aufbruch nicht bereut – ihrer Reise kommt beim Kind in der Krippe zum Ziel.
Und so will ich diesen Mut des Aufbruchs und der Bewegung mit aus diesem Gottesdienst nehmen und die Zusage: Gott geht mit auf meinem Weg.

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