Im Rampenlicht der Öffentlichkeit (zu Lukas 5, 1-11)

Der rote Teppich ist ausgerollt, die Menschen stehen dicht gedrängt und erwartungsvoll. An Corona ist noch nicht oder nicht mehr zu denken, wohl aber an die, die gleich über den roten Teppich daherkommen, um gesehen zu werden. In Berlin werden die Filmfestspiele eröffnet, vielleicht sind wir aber auch Cannes beim dortigen Filmfestival oder in Bayreuth, wenn die Festspiele rund um Richard Wagner wieder einladen. Einen Augenblick im Glanz des Ruhms verweilen, einen Blick auf die Prominenten erhaschen – das scheint Massen zu mobilisieren. Die Menge drängelt, die Menge fotografiert, die Menge ruft, manchmal johlt und kreischt sie auch, vielleicht nicht in Bayreuth, aber wenn der oder die Teeniestars angesagt sind, dann bestimmt.

Wäre ich auch gerne ein Star im Rampenlicht, hätte ich gerne Ruhm, Glanz und Glimmer, ein wenig enthoben dem Einerlei des Alltags, oder was ist es, das so fasziniert?

Die sogenannten B-Promis haben es schwerer. Die müssen sich erst wieder in Erinnerungen bringen, auf sich aufmerksam machen, damit sie wahrgenommen und zumindest zum Gesprächsthema werden. Dschungelcamp oder Promi-Bigbrother – der Ruhm, das Leben als Star oder Sternchen kann ganz schön vergänglich und manchmal auch peinlich sein.

Aufmerksamkeit muss geweckt und dann am Leben erhalten werden. Sie braucht Nahrung, Neuigkeiten, vermeintliche Sensationen oder Skandale, damit das Interesse nicht abbricht.

 

Dicht steht die Menge am See Genezareth. Das Wort „Promi“ kennen die Menschen nicht. Zeitungen, Fernsehen sind ihnen völlig unbekannt. Sie leben von dem, was man erzählt,  gesehen und erlebt hat. Aber sie kennen Begeisterung. Sie kennen auch das Phänomen, dass Erwartungen und eigene Hoffnungen auf Personen projiziert werden: er wird doch jetzt derjenige sein, der uns rettet. Mit ihm fängt eine neue Zeit an, er stellt die Verhältnisse auf den Kopf oder stellt sie wieder her – alles eine Frage der Perspektive. Und diese Hoffnung spricht sich rum auch ohne Bilder und bunte Blätter. Sie steckt an und braucht keine roten Teppiche, lediglich die Sehnsucht und die Hoffnung, immer wieder, allen bisherigen Enttäuschungen zum Trotz.

 

Die Menschen stehen auf den Balkonen, denn ihre Häuser dürfen sie schon eine ganze Weile nicht verlassen. Aber einige müssen dafür sorgen, dass das Leben und für manche das Überleben funktioniert. In den Krankenhäusern, auf den Intensivstationen, an den Betten der Coronapatienten, die mit dem Tod ringen, auf den Straßen die Kapitäne der Brummis, die nicht nur Toilettenpapier nachliefern, die Erntehelfer auf den Spargelfeldern und in den Läden, um die Versorgung sicher zu stellen.  In den Altenpflegeheimen, in denen Pfleger und Pflegerinnen für Patienten oft der letzte Kontakt zur Welt da draußen sind. Wir entdecken mit einem Mal systemrelevante Berufe, ohne die es nicht geht, und sind gekrängt, dass wir mit unseren kirchlichen Berufen nicht automatisch zu den systemrelevanten gezählt werden, obwohl wir wissen, dass Glaube und Seelsorge lebensrelevant sind. Da wird den Helden des Alltags Beifall gespendet, ehe sie dann, da sie ja keine Promis sind, dann doch wieder gesichts- und namenslos vom Bildschirm der Öffentlichkeit verschwinden. Sie können sich vom Applaus des Augenblicks nur wenig kaufen. Ihr Ruhm ist nicht Glanz und Glimmer, sondern harte Arbeit, die es schwer macht, zufrieden und erfüllt zu sein (was für mich ein unerhörtes Privileg und Geschenk ist, mit Arbeit nicht nur den Lebensunterhalt, sondern auch Zufriedenheit und Erfüllung zu verdienen).

Die Fischer am See Genezareth sind auch unbekannte Helden des Alltags. Denn sie kämpfen Tag für Tag im Alltag ums Überleben für sich, ihre Familien, die Gemeinschaft ihres Dorfes und ihres Volkes. Zum Nachdenken darüber bleibt ebenso wenig Zeit wie für den Beifall. Und der Erfolg ist nicht garantiert. Manchmal bleiben die Netze leer und dann müssen sie auf die nächste Chance, die nächste Nacht warten in der Hoffnung, dass morgen alles besser wird.

Ob sie unzufrieden, unglücklich waren? Für solche Gedanken blieb wahrscheinlich gar keine Zeit, eher für die Sorge, wie es weitergehen kann. Und diese Sorge war real, so wie Hunger real ist. Aber mit den Sorgen spielen sie nicht, weil man auch mit Ängsten nicht spielt.

 

Wer sich aufrichtig um andere sorgt, der weckt keine Ängste. Populisten und Extremisten, Umstürzler und Verschwörungstheoretiker versuchen, sich die Ängste zu eigen, zu Nutze zu machen, um ihr eigenes Süppchen zu kochen. Sie propagieren Verschwörungstheorien, spielen mit dumpfen Vorbehalten und sprechen dunkle, aus- und abgrenzende Seiten in den Menschen an.

Wer sich um andere sorgt, geht den Weg der Fürsorge, den geduldigen Weg der Fürsorge und Aufmerksamkeit.

„Fahrt noch einmal heraus auf den See und werft eure Netze aus“ – auch gegen die Erfahrung, auch gegen den Augenschein, auch gegen die Vernunft, aber voller Hoffnung.

Davon lebt auch die Forschung, nicht nur von der Hoffnung mit neu entwickelten Medikamenten oder Impfstoffen Millionen zu verdienen, sondern Leben zu retten. Auch von der Geduld, immer wieder einen neuen Anlauf zu nehmen, sich von den bisherigen Ergebnissen nicht entmutigen zu lassen. Irgendwann werden sie die richtige Entdeckung machen und auf dem richtigen Weg sein. Wie vielen Krankheiten kann heute schon begegnet und Leben gerettet werden!

 

Demagogen verführen und überreden Menschen. Sie können blenden,  vortäuschen, was sie nicht sind. Am Ende fragt dann keiner wirklich nach Fakten. Wir wissen  gut, wie Propagandamaschinen funktionieren, wie ich Menschen manipulieren und beeinflussen kann, statt sie zu informieren und zu eigenständigem Nachdenken und Entscheiden zu befähigen.

Jesus hatte etwas an sich, was in Petrus und den Fischern Vertrauen erweckt, so dass sie sich gegen die Erfahrung und Vernunft auf das Experiment eines Fischzuges am Tage einlassen.

Wem vertrauen wir im Leben eigentlich wirklich? Denn ohne Vertrauen regiert nur Misstrauen, Streit und Unsicherheit.

Simon Petrus wusste Anfang noch nicht wirklich, was Jesus vertrauenswürdig gemacht hat und ist am Ende nicht nur überrascht, sondern erschüttert, dass sein Vertrauen nicht umsonst war, sondern sich gelohnt hat. Die Netze sind voll, die Schiffe drohen zu kentern.

Seine Erschütterung reicht bis an die Wurzeln seiner Existenz, nichts ist und bleibt so wie es war.

Aber anders als bei den großen Menschenverführern – wir Deutschen wissen das nur zu gut – ist es bei Petrus nicht die Erschütterung der Zerstörung und Vernichtung, wie am Ende des Nationalsozialismus und des Faschismus, sondern die Erschütterung der Gottesgewissheit und der Selbsterkenntnis: „ich bin Mensch, mit Grenzen und Fehlern, ein Sünder, und dennoch ganz in Gottes Gegenwart“.

Der Alltag, die Sorgen, das Leben sind zu jeder Zeit und an jedem Ort erfüllt von Gottes Gegenwart, auch wenn ich meine, es nicht wahrhaben zu können.

Gottlosigkeit gibt es eigentlich nicht – wie sollte ich Gott los sein?

Ich gebe zu, Gott erschüttert Menschen heute nicht wirklich. Aber es gibt bis heute Menschen, die wissen, wie Gott sie in der Tiefe ihrer Verzweiflung aufgelesen und abgeholt und ihrem Leben neue Bedeutung geschenkt hat.

Und es gibt bis heute, für uns, denen Gott selbstverständlich Teil des Lebens ist, wie für die, die ihm ganz neu in der Gestalt Jesu begegnet sind, die also eine ganz neue Sicht auf Leben und Tod gewonnen haben, den Auftrag, Gott zu den Menschen zu bringen, Menschenfischer zu sein, nicht Menschenverführer, aber Menschlichkeits- und Lebensretter, Hoffnungsbringer und Ewigkeitsverheißer. Das ist die Lebensrelevanz, die uns auch in der Krise begleitet, ebenso wie Jesu „Fürchte dich nicht…!“, das über allem steht.

Was bleibt?

Geduldig, respektvoll dem Leben, den Menschen und den Sorgen ihres Alltags gegenüber zu bleiben, neugierig auf die helfende und tröstende Wirklichkeit Gottes zu setzen und sie den Menschen immer wieder zu bezeugen, einladen und hoffentlich bald wieder auch zu besingen.

Paulus beschreibt in der Epistel des Sonntags, was Simon Petrus als Erschütterung am See Genezareth erfuhr: „Eine Kraft Gottes, die selig macht“ (1.Kor. 1, 18)

Abram hat es als Lebensmotto erfahren: „ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein.“ (Genesis 12,2)

Amen

 

print

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn Sie diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwenden oder auf "Akzeptieren" klicken, erklären Sie sich damit einverstanden.

Schließen