Im Bannkreis des Guten (Jahreslosung 2011)

Predigt Römer 12,21 (Jahreslosung 2011) von Pfarrer Johannes Taig

Paulus schreibt:

17 Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann.
18 Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.
19 Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5.Mose 32,35): »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.«
20 Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen; dürstet ihn, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln« (Sprüche 25,21-22).
21 Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.


Liebe Gemeinde,

eine Aufforderung wie die Jahreslosung 2011 kann man nicht ohne Vorbemerkungen predigen und schon gar nicht ohne den inneren Zusammenhang, in dem sie bei Paulus steht. Daher kommen wir nicht ohne Vorbemerkungen aus:

„Der Gegensatz zum Bösen ist nicht die Tugend oder das Gute, sondern der Glaube. Darum ist das Böse nicht in ein ethisches System zu fassen. Paulus bietet im 12. Kapitel seines Römerbriefs keine Ethik, sondern Ermutigung, Ermahnung und Tröstung in einem. Getröstet werden die, die Herz und Sinn bereits im Glauben auf den Christus ausgerichtet haben. Paulus ermahnt durch die Barmherzigkeit Gottes (Röm 12,1). Das Folgende gibt dem Christenmenschen Anregung, wie der Geist Jesu Christi im Leben der Einzelnen und der Gemeinden Gestalt gewinnen kann, nämlich als Gottesdienst im Alltag der Welt. Nur die vom Heiligen Geist bereits Angewehten können so ermahnt werden. Nur die, die schon bei Trost sind, können durch die Erinnerung an die Barmherzigkeit Gottes auch getröstet werden. Für die Trostlosen, weil Geistlosen, gereicht die Ermahnung nicht zum Trost. Sie wird vielmehr wieder zur trostlosen Moral, die sich die einen verbitten und durch die sich die anderen zum Richter bestellen lassen.

Nach Umfragen erwartet die Mehrheit der Bürger von den Kirchen, dass sie den Egoismus in der Gesellschaft zurückdrängen und für mehr Menschlichkeit sorgen. Zugleich bestreitet dieselbe Mehrheit den Kirchen das Recht, zur Lebensführung des Einzelnen Stellung zu nehmen oder gar Ratschläge zu geben und Normen aufzustellen. Nicht die religiöse Quelle bestimmter Haltungen wird geschätzt, sondern das Ergebnis, die sozialen Konsequenzen eines engagiert gelebten Christentums. Mit anderen Worten: Die Mehrheit erwartet von den Kirchen, dass diese den Menschen und die Welt verbessern. Von Gottes Wort will sie nichts wissen. Ja selbst unter den Kirchlichen gibt es viele, die weit davon entfernt sind wie Paulus unter dieser Welt zu leiden und sich nach Gott und seinem Wort auszustrecken. Tugend, Anstand und Moral, das zählt für sie. Das wird erwartet. Und wie viele Kirchlichen tun ihnen den Gefallen sich als Führer in der Wertediskussion, als Gemeinplatzbewacher, als Moralapostel aufzuspielen, weil sie selbst Heil und Heilung dieser Welt nicht von Gottes Handeln, sondern von den Geboten, dem Gesetz, der Ordnung und den christlichen Grundwerten erwarten. Damit sind sie aber für den Apostel Paulus genau die geworden, die sich „dieser Welt gleichstellen“ (Röm 12,1), und die er unter Tränen „die Feinde des Kreuzes Christi“ (Phil 3,18) nennen muss. Und der Seelenkenner Dostojewski ruft aus: Ein anständiger Mensch, was für eine Bestie!“ (frei nach Heinrich Braunschweiger, GPM 2/1990, Heft 3, S. 318f.)

Auch Jesus der Christus zeigt uns im Gleichnis vom barmherzigen Samariter zwei fromme Anständige, die nichts gemacht haben und sich strikt an die Vorschriften halten. Sie haben nur ihre Pflichten im Auge und machen sich – anders als der barmherzige Samariter – der unterlassenen Hilfeleistung schuldig (Lk 10,25 ff.). So wie all die, die der Christus im Gleichnis vom Weltgericht zur Linken stellen muss: lauter Anständige, die nichts gemacht haben und sich gerade dadurch der aus Gleichgültigkeit und Feigheit unterlassenen Hilfeleistung und Solidarität mit den geringsten Menschengeschwistern schuldig gemacht haben (Mt 25,31 ff.). Ein anständiger Mensch bleibt kein anständiger Mensch dadurch, dass er nichts Unanständiges tut und sich die Hände nicht schmutzig macht. Zuwenig des Guten. Und schon hat das Böse gewonnen.

Dieser Tage las ich – druckfrisch – in einer frommen Bekehrungsschrift: „Zum Schluss bleibt dann nur noch die Strafe. Du strafst das Kind aber nicht, weil du Gefallen daran hast, sondern weil es der einzige Weg ist, das Kind vor größerem Schaden zu bewahren. In Wirklichkeit tut es dir selbst weh, aber du nimmst diesen Schmerz in Kauf, um Schlimmeres zu vermeiden. Weh dem Vater, der es versäumt sein Kind zu strafen. Er handelt eigensüchtig und lieblos. Seine Bequemlichkeit geht ihm vor dem Wohl des Kindes.“ Zitat Ende. So haben Väter und Erzieher, die die Ihnen anvertrauten Kinder in der Familie und in den „Rettungshäusern“ (wie die Heime damals hießen) grün und blau geschlagen haben, ihre Lust am Prügeln und Strafen christlich gerechtfertigt. Bestimmt und hoffentlich gab es in den Heimen auch welche, die den Schlägern in den Arm gefallen sind mit den Worten: Hör auf, das ist zu viel des Guten. Zuviel des Guten. Und schon hat das Böse gewonnen.

Ja, das Böse hat in unserer Welt allen Grund sich schlapp zu lachen über all die, die nur ihre Pflicht getan haben und all die, die es nur gut gemeint haben. Ach, es gibt so viel Gutes, das sich in den Dienst des Bösen stellen lässt, dass in der Hölle schon die Sektkorken knallen und die Gläser klingen. Nicht nur am Jahresende ist der Weg dorthin mit guten Vorsätzen gepflastert.

Wir tun deshalb gut daran, wenn wir uns mit Paulus von all dem abwenden, was wir für gut und böse halten und uns dem zuwenden, der allein der Gute ist. Wenden wir uns – durch eigene Niederlage beraten – Gott selbst und seinem Wort zu.

„Und das kann überall und jederzeit geschehen, sogar mitten im Krieg. So am 26. April 1945: Ein LKW rast mit 21 deutschen Soldaten durch Norditalien. Die Front hat sich aufgelöst, überall sind Partisanen. In einem Dorf wird der LKW von allen Seiten beschossen. Der tödlich getroffene Fahrer lenkt das Auto noch von der Fahrbahn. Die drei Soldaten auf dem Vordersitz sind tot, die übrigen 18 werden von einer wütenden Menge aus dem Auto gezerrt: „Al muro! An die Mauer!“ Einer der Deutschen spricht mit dem Chef der Partisanen, der eine blutrote Binde trägt. Er scheint vernünftig zu sein, aber die Menge bedroht auch ihn. So marschieren sie in einen Steinbruch. „Al muro!“ schreien die Partisanen wieder. Noch einmal spricht der Deutsche mit dem Partisanenchef. Die deutschen Soldaten dürfen noch ein letztes Vaterunser sprechen. Alle knien nieder und beten. Dann erheben sie sich lautlos und treten still an die Mauer. Eine erneute Bitte des Unterhändlers: „Darf ich für Sie alle nach dem Vorbild Christi ein Vaterunser beten?“ „Padre nostro, beginnt er auf Italienisch. Alle Italiener beten bis zum Amen mit. Und dann, dann ist nicht mehr die Möglichkeit gegeben, nachdem man miteinander und füreinander gebetet hat, aufeinander zu schießen. Befehle. Abmarsch. Die 18 marschieren aus dem Steinbruch unangefochten zur nächsten Kreisstadt, kommen dort in ein Gefangenenlager und später nach Hause.“ (Heinrich Braunschweiger, a.a.O., S. 320f.)

Wo die Barmherzigkeit Gottes im Raum steht, bekommen alle Dinge einen neuen Platz. „Martin Luther hat es so formuliert: der Glaubende, das ist der sich auf Gott verlassende Mensch, tut frei, fröhlich und umsonst, mit Lust, aus Liebe und Freiheit, was Gott wohlgefällt. Ja, der Christ bedarf nicht einmal mehr des Gesetzes und des Mose, um Gutes zu tun. Sein Handeln ist schöpferisch, so sehr, dass es sogar neue Dekaloge (neue Gebote) zu schaffen imstande wäre, die klarer wären, als die des Mose. Denn wirklich sittliches Handeln bringt mit der Form auch die Regeln des Handelns selbst hervor. Es tut nicht nur das Selbstverständliche, es schafft neue Selbstverständlichkeiten. … Wo dies geschieht, wo sich die neuen Möglichkeiten des Glaubens an den harten Notwendigkeiten der Welt bewähren, da endet das Paradies der Werte und da beginnt, um es mit einer (Bochumer) Metapher zu sagen, der Abschied vom Unverbindlichen.“ (Eberhard Jüngel, Wertlose Wahrheit, Mohr Siebeck, 2003, S.92)

„Ich in dir, du in mir“ (EG 165,5), so lautet ein Herzensgebet des Glaubens. Es will fürs neue Jahr gebetet sein. Denn vor diesem Gebet und seinem machtvollen Licht fliehen alle Nächte.

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