Ihr seid dran!

Liebe Gemeinde,

„Ihr seid dran!“, sagt Jesus zu seinen Jüngerinnen und Jüngern. Der eine oder die andere aus dem Kreis seiner Freundinnen und Freunde wird bei diesen Worten sicher einen Kloß im Halse gespürt haben. „Nun wird es ernst…“, durchzuckt es vielleicht manchen.

„Ich habe euch alles erklärt, was ihr wissen müsst. Nun ist es an euch, die Botschaft weiterzutragen!“, so ungefähr fährt Jesus dann fort.

Wie ein Trainer vor dem Entscheidungsspiel nimmt er sich sein Team von Jüngern vor und sagt ihnen, was er von ihnen erwartet und was bei diesem Auftrag auf auf sie zukommt. Ich lese Ihnen aus dem Matthäusevangelium aus dem 10. Kapitel vor: (Mt 10,26b-33):

[TEXT]

„Ihr seid dran!“, sagt Jesus im Grunde. Er bereitet seine Jünger darauf vor, zu den Menschen zu gehen und den Glauben weiterzutragen. Jesus hält eine „Aussendungsrede“. Er macht seinen Jüngern Mut, denn es wird nicht einfach werden auf dieser Mission. Nicht alle Menschen werden ihre Botschaft auch hören wollen.

Wir feiern heute Gottesdienst zum Reformationsfest. Und unsere Gottesdienstordung sieht den Abschnitt, den ich Ihnen eben vorgelesen habe, als Predigtgrundlage vor.

Ich finde, diese Rede Jesu ist kein klassischer Bibeltext der Reformation. Man erwartet heute eher solche Sätze, wie wir sie vorhin aus dem Römerbrief gehört haben – Sätze, die von der Rechtfertigung aus Glauben erzählen.

Aber gerade dieser untypische Text macht mich neugierig, genauer nach reformatorischen Aspekten in Jesu Rede zu suchen:

Jesus beauftragt die Jünger. Sie sollen den Glauben weitertragen: „Es ist nichts verborgen. (…) Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht.“

Jesus macht seinem Leuten Mut: „Darum fürchtet euch nicht; ihr seid besser als viele Sperlinge!“ Wenn Gott schon selbst die Sperlinge in seiner Hand hält, um wie vieles mehr wird er erst für Euch da sein?

Beauftragung und Ermutigung sind die Elemente, die ich am stärksten aus Jesu Worten heraushöre. Beides, Auftrag und Ermutigung gehören für mich zum Glauben und sind Kennzeichen protestantischer Frömmigkeit.

Der Auftrag lautet: „Ihr seid dran!“ Jesus spricht in unserer Geschichte zu seinen Jüngern – dennoch sind wir hier in Mölln knapp 2000 Jahre später genauso angesprochen. Auch wir sollen den Glauben weitertragen und anderen von unserem Vertrauen zu Gott erzählen. Das ist keine Aufgabe, die nur den Talarträgern vorbehalten ist. Im Gegenteil, sie gilt allen, die getauft sind.

„Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das predigt auf den Dächern.“, sagt Jesus. „Pfeift die gute Nachricht, dass Gott die Menschen liebt, wie die Spatzen von den Dächern!“

Verkündigung und die Weitergabe unseres Glaubens geht uns alle an. Das ist ein wichtiges Kennzeichen der evangelischen Kirche: das Priestertum aller Getauften. „Denn was aus der Taufe gekrochen ist, das kann sich rühmen, dass es schon zum Priester, Bischof und Papst geweiht sei.“, so ähnlich hat es Martin Luther formuliert. Ich tue hier oben auf der Kanzel nur stellvertretend, was Sie alle im Grunde auch tun könnten und auf vielfältige Weise auch tun: vom Glauben reden und ihn weitergeben.

Möglichkeiten, den Glauben weiterzugeben, gibt es ohnehin viel mehr. Die Predigt auf der Kanzel ist nur eine davon. Es beginnt in der Familie durch Gespräche, gemeinsame Gebete oder durch Rituale, die bei Kindern schon früh das Vertrauen auf Gott stärken. Auch der gemeinsame Gottesdienstbesuch gehört dazu.

Auch hier in unserer Kirchengemeinde gibt es viele Möglichkeiten den Glauben „von den Dächern zu predigen“: Ich denke an das Engagement im Kirchenvorstand. Auch in den verschiedenen Chören wird unser Glaube über die Musik weitergegeben. Er geht sozusagen über die Töne durchs Ohr ins Herz. Ich denke aber auch an Menschen, die sich um Alte und Kranke kümmern. Manchmal wird durch einen Besuch, ein freundliches Wort oder ein gemeinsames Aushalten von Kummer und Leid ganz viel von der Kraft und der Hoffnung des Glaubens verkündigt. Manchmal auch im gemeinsamen Schweigen.

„Reden im Licht“ und „predigen auf den Dächern“ kann sich in unterschiedlichen Formen zeigen. Der Auftrag, den Jesus uns allen hier erteilt, beschränkt sich auch keineswegs auf den Bereich der Kirchengemeinde.

Weitergabe des Glaubens geschieht überall da, wo ich mein Vertrauen auf Gott im Leben sichtbar werden lasse – sei es in Worten oder in Taten. Da, wo mein Glaube mein Leben sichtbar für andere prägt, strahlt aus, was mich trägt und mir Halt gibt.

Diesen Halt und dieses Vertrauen möchte ich heute aus dem Blickwinkel Martin Luthers beschreiben.

Im Römerbrief, nur wenige Zeilen vor dem Abschnitt, den wir vorhin gehört haben, hat Martin Luther eine Entdeckung gemacht, die seinem Glauben eine völlig neue Perspektive gab: In unserem Verhältnis zu Gott kommt es nicht auf unser Tun an, sondern allein auf Gottes Handeln an uns.

„So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.“

Dieser Satz bedeutete für Luther eine unglaubliche Befreiung.

Ihn beschäftigte eine Frage, die ihn schon lange niederdrückte und die ihn schwer in seinem Glauben belastete. Die Frage: „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ Oder anders ausgedrückt: „Wie kann ich leben, so dass es Gott recht ist?“

Alle möglichen Bußübungen, Fasten, Gebete hatten sein Gewissen nicht beruhigen können. Luther hat sich immer als fehlerhaft, als minderwertig empfunden – nicht wert von Gott geliebt zu werden. Er fürchtete den gnadenlosen Anspruch eines richtenden und verurteilenden Gottes, den er durch nichts, aber auch gar nichts erfüllen konnte.

Bis ihm in der Beschäftigung mit dem Römerbrief die Erkenntnis kam, die seinen Glauben von grundauf veränderte: Gottes Gerechtigkeit ist nicht Gottes eigener gnadenloser Maßstab, mit dem er uns misst und dem wir niemals genügen können.

Gottes Gerechtigkeit ist vielmehr etwas, das Gott uns schenkt und zwar ohne irgendeine Vorleistung.

Wir müssen und können nichts tun, damit Gott uns gnädig ansieht. Er sieht uns bereits gnädig an.

Die Gerechtigkeit Gottes ist etwas anderes als unser übliches Verständnis von Gerechtigkeit. Es bedeutet nicht, dass jeder das bekommt, was ihm zusteht oder einen gleichen Anteil an irgendeinem Gut erhält. Gottes Gerechtigkeit beschreibt das Verhältnis zwischen Gott und uns. Ich formuliere das Wort Gerechtigkeit einmal um: Wir sind Gott recht. So wie wir sind, vielleicht sogar, obwohl wir so sind wie wir sind.

Unser Predigttext heute ist kein klassischer Reformationstext. Das Stichwort „Gerechtigkeit“, an dem Luther seine Glaubenseinsicht festmachte, taucht hier nicht auf. Trotzdem eröffnet auch die Rede Jesu einen entscheidenden Blickwinkel auf unser Verhältnis zu Gott. „Wir sind Gott recht.“, so formuliere ich einmal Luthers Erkenntnis. „Ihr seid Gott mehr als nur recht!“, höre ich aus den Worten Jesu: „Kauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. Nun aber sind auch eure Haare auf dem Haupt alle gezählt. Darum fürchtet euch nicht; ihr seid besser als viele Sperlinge.“

„Für Gott seid ihr besser als viele Sperlinge!“ Wir sind wertvoll in Gottes Augen. Und dass das so ist, dafür müssen wir nichts tun. Das ist uns von Gott geschenkt!

Diese Glaubenswahrheit kann gar nicht häufig genug wiederholt werden. Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Leistungsfähigkeit immer bestimmender für den persönlichen Lebenswert wird. Was ist mit denen, die nicht mithalten können? Was ist mit denen, deren Biographie, deren geistige Fähigkeiten oder deren Alter die Leistungsfähigkeit so stark einschränkt, dass sie aus dem System fallen? Was ist, wenn Krankheit die Lebens- und Karriereplanung völlig durchkreuzt?

Eine gute Freundin muss ihren Beruf aufgrund einer Krankheit vorerst auf unabsehbare Zeit aufgeben. Sie schrieb mir neulich: „Es ist nicht mehr in meiner Hand. Bis auf die Knochen erfahre ich jeden Tag auf´s neue, dass ich aus Gottes Gnade lebe.“

Leistungsfähigkeit ist nicht das Maß aller Dinge. Dass wir – bei Gott – wertvoll sind mit unseren Schattenseiten und Schwächen und mit unseren Gaben und Fähigkeiten, die er uns schenkt, davon gilt es anderen weiterzuerzählen.

„Redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das predigt auf den Dächern.“

„Ihr seid dran!“, sagt Jesus. Er nimmt uns in seinen Dienst, so wie wir sind – ohne Aufnahmeprüfung und ohne Abschlussexamen.

„Wir sind dran!“ Nicht allein, sondern wir alle zusammen.

„Wir sind dran!“ Wir sind nicht auf uns selbst gestellt, sondern können auf Gottes Hilfe vertrauen.

print

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn Sie diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwenden oder auf "Akzeptieren" klicken, erklären Sie sich damit einverstanden.

Schließen