Ihm gehör\‘ ich!

Drittletzter Sonntag im Kirchenjahr
7. November 2010
Predigttext: Römer 14, 7-9

Denn unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber. 8Leben wir, so leben wir dem HERRN; sterben wir, so sterben wir dem HERRN. Darum, wir leben oder sterben, so sind wir des HERRN. 9Denn dazu ist Christus auch gestorben und auferstanden und wieder lebendig geworden, daß er über Tote und Lebendige HERR sei.

Liebe Gemeinde,
ein Text, der an Gräbern gesprochen wird ist das, in Leichenhallen und Friedhofskirchen. Menschen, die gerade bis an äußerste ihres Lebens gehen, hören diesen Abschnitt. Menschen, die einen schweren persönlichen Verlust betrauern. Menschen auch, die ins Zweifeln gekommen sind. Menschen vielleicht, die sonst eher wenig Kirche erleben; oder solche, die sogar öfter diese Worte hören. Menschen, die treu glauben oder eher trotzig. Menschen, die nicht mehr weiterwissen. Menschen, gefangen in ihrem Schmerz. Die alle hören diese Verse aus dem Römerbrief. Normalerweise.
Aber sind das nicht Menschen wie wir? Selbst wenn unser Anlass heute ein ganz anderer ist.
Hören wir den Kernvers nochmal in einer modernen Übersetzung :
Leben wir, so gehört unser Leben dem Lebendigen.
Sterben wir, so gehört unser Sterben dem Lebendigen.

Unter diesem Vers gehen wir normalerweise also auf den Friedhof; und anschließend gehen alle, die trauern und die mitfühlen wieder zurück ins Leben. Und dieser Bibeltext geht auch diesen Weg. Wir werden, statt durch den Friedhof, durch die Geschichte Gottes mit uns Menschen hindurch geführt. Leben, Sterben und dann neues Leben. So ist es dem Sohn Gottes passiert und so ist es uns allen versprochen.
Du erlebst beim Gang zur Beerdigung, wie dieser Weg geht. Du gehst hin; und das Sterben ist zuerst mal das dominierende Thema; Leid und Tränen und Abschiedsschmerz. Das sind dort nicht nur Worte. Nein, du siehst ja Menschen weinen. Manche scheinen förmlich zusammenzubrechen. Sie sind am Ende, buchstäblich. Weil das Leben eines lieben Menschen zu Ende gegangen ist. Manches Mal hab ich das nur beobachtet. Oft aber haben wir es selber miterlebt, erlebt oder durchlitten: das Sterben lieber Menschen. Und dann wurden vielleicht diese Worte vom Sterben und vom Leben gesagt. Und ich hab sie ja selber schon oft vorgelesen. Und dann? Ja, was kommt dann? Ich verlasse die Kirche, den Friedhof. Ich gehe zum Leichenschmaus. Dann geh ich heim. Ich geh zurück in mein Leben. Es ist ein Leben, das Gott mir geschenkt hat. Ein Leben mit Lachen und Weinen, mit Glück und Sorgen, mit Freundschaft und Streit. Aus dem Leben bin ich gekommen, mit dem Tod war ich konfrontiert und zurück in mein Leben bin ich wieder gegangen. Mein Leben, dass ich selbst bestimme und führe.
Als glaubender Mensch nehme ich mein Leben aber aus der Hand des Schöpfers. Als sein Kind lebe ich, als sein Kind sterbe ich; und weil ich ihm gehöre, gibt es auch nach meinem eigenen Tod ein Leben, das weitergeht. Mein Leben gehört dem Lebendigen, mein Sterben gehört dem Lebendigen und neues Leben nehme ich auch einmal aus der Hand des Lebendigen.
Liebe Gemeinde!
Immer wieder in unserem Leben bilden wir diesen Weg nach. In der Taufe, sagt Martin Luther, kommt ein Täufling und wird im Wasser der Taufe ersäuft um als neuer Mensch, wieder mit neuem Leben aus diesem Bad aufzustehen. Aber ich denk selbst im Gottesdienst oder im Gebet kommen wir ja immer aus unserem ganz normalen Alltagsleben; dann begegnen wir dem, der den Tod kennt, ihn erlebt und überwunden hat, wir reden mit ihm und lassen uns von ihm, oder durch ihn ansprechen. Und dann gehen wir raus aus der Kirche, die gefalteten Hände lösen sich, der Segen ist gesprochen, das Nachspiel verklungen und unser Leben hat uns wieder. Wir plaudern noch vor der Kirchentür, gehen heim zum Mittagessen, ich bilde die Auferstehung nach.
Immer wenn ich bete, eine Andacht erlebe, einen Gottesdienst besuche, geschieht so eine Begegnung mit dem Sterben und jedes Mal entsteht auch neues Leben:
Wie nach langer Trauer ein erstes Lachen
Nach einer ernsten Predigt, die mich berührt hat ein lockeres Gespräch.
Nach der Trauerfeier ein gemeinsamer Leichenschmaus.
Nach dem Streit die Versöhnung.
Nach dem Gebet, das Leben des Glaubenden in seinem Alltag.
Es steckt auch in dieser Nachbildung der Auferstehung eine Dramatik drin. Bei der Trauer verstehen wir das leicht; aber auch bei den anderen Beispielen. Das ist theologisch wichtig, weil die nacherlebte Auferstehung ja kein Schauspiel ist, kein Pipifax.
Und die gewisse Dramatik ist für uns Menschen offenbar auch nötig. Warum sagen wir, dass wir aus Krisen gestärkt hervorgehen und nie aus dem Gleichmaß des Alltags?
Vernichtende Diagnosen bekommen wir Menschen von unseren Ärzten. Und doch entsteht Freude, Leben, Kraft während der Krankheit und danach. Viele Menschen haben mir schon voller Stolz davon erzählt. Ich glaube ihnen das. Ich hab‘s selbst erlebt.
Krisen durchlebt jede Ehe, schlimme Krisen auch. Manche Ehe zerbricht daran. Und die, die halten, die waren nicht immer auf Rosen gebettet, sondern sind froh und fest, weil sie es hindurch geschafft haben in ein neues Eheleben. Und die anderen die haben auch oft neue Lebenswege gefunden und sind gewachsen am Bruch einer Beziehung.
Gemeinden durchleben Krisen. Solche, die sich mit gutem Willen überwinden lassen aber auch solche, die sehr lange sehr schwer wiegen. Aber auch nach solchen Krisen werden Menschen fragen, wie Trauer und Ärger überwunden worden sind. Wie sind wir mit der Krise, mit der bleibenden Not vielleicht so umgegangen, dass deutlich geworden ist: Wir gehören dem Lebendigen. Wir haben unser Bestes getan, ohne nur auf unser Bestes zu sehen. Wir haben unseren Auftrag und unsere Geschwister im Blick behalten. Wir haben auch gelernt mit unseren Konflikten umzugehen – und zwar nicht als Opfer, sondern gestaltend und gemeinschaftlich.
Leben- Sterben – Leben / Nachbildung der Auferstehung bei uns.
Am heutigen Beginn der Friedensdekade fragen wir auch nach den unfriedlichen Zeiten und Gegenden der Welt. Nach dem Sterben auf der Welt. Und wir beten, dass der Lebendige hilft, den Unfrieden zu beenden. Wir erinnern uns daran, welch friedensbringende Kraft nach dem zweiten Weltkrieg oder dem Fall der Mauer entstanden sind und welche Friedensbotschaft wir der Welt gerade aus diesen Erfahrungen heraus mitteilen können.
Und alles das und dazu noch alle unsere persönlichen Geschichten dürfen wir selber erleben und dann auch weitersagen, weil unser Leben und Sterben dem Lebendigen gehört; und nicht uns selbst, die wir manches Mal scheitern; Sünder bleiben.
Wem g’erscht nen du? Bin ich als Kind in Gunzenhausen oft gefragt worden. Natürlich gehören wir unseren Eltern nicht, aber doch weißt diese Frage darauf hin, dass wir unser Leben unter gewissen Flaggen durchsegeln. Die Flagge unserer Eltern zuerst, später dann aber auch die Flagge unseres Berufes, unserer Familie, und natürlich auch unseres Glaubens. In schlichter Herzensfrömmigkeit kann ich dann das bestätigen, was im Römerbrief steht- unter welcher Glaubensflagge ich lebe: Mein Leben und Sterben gehört Christus, dem Lebendigen.
Aber dieses schlichte Bekenntnis entlässt mich nicht als einfältigen, womöglich sogar dümmlichen Nachbeter von Glaubensformeln. Nein, weil ich ihm gehöre, will ich seinen Besitz –also mein Leben- gestalten. Ich will ihm alle Ehre machen, indem ich versuche gut mit den Menschen umzugehen. Sie zu verstehen, ihnen freundlich und fröhlich zu begegnen, weil ich ja von der frohen Botschaft lebe und nicht von der traurigen. Ich will Verantwortung tragen und für andere da sein, weil ich ihm gehöre. Ich will auch um Entscheidung ringen und diese auf den Weg bringen und vertreten, weil das unter denen, die dem Lebendigen gehören notwendig ist.
Jedoch – und auch das will ich bekennen – gehört auch das andere für mich ganz persönlich zum Leben in Gott dazu: Nämlich mir vergeben lassen, weil ich das selber nicht kann. Mir meine Wunden verbinden lassen, die das Leben mir schlägt. Mich trösten lassen, wenn ich verzweifelt bin. Mich verteidigen lassen gegen die, die mir Böses wollen. Mich kritisieren lassen, weil ich auf einem Holzweg bin, der mich von der Quelle des Lebendigen weggeführt hat.
Liebe Gemeinde!
Der Blick auf meinen zweiten und dritten Lebensabschnitt macht mich gelassener – der Blick nämlich auf mein Sterben und mein Leben bei Gott. Jetzt im ersten Abschnitt – also im Leben auf dieser Welt -wird nicht alles gelingen. Im ersten Abschnitt gehören Konflikte und Nöte und Veränderungen dazu. Ich darf mich diesen aber stellen, weil ich dem Lebendigen gehöre und nicht mir und meinen Ideen, so toll sie auch sein mögen. In meinem Sterben wird Vergebung und Trost sein und im neuen Leben bei Gott noch mehr als das.
Wenn wir nachher die Kirche verlassen und nach dem Empfang nach Hause gehen, dann kann diese Perspektive neue Kraft und auch Freude am Leben freisetzen, Engagement sowieso. Denn alles das, was ich in meinem Leben jetzt erdulde oder auch gestalte; was mir aufgetragen ist, oder was ich anderen zumute ist eingetragen in einen Weg Gottes mit mir. Der wird mich im Tod halten, weil ich ihm gehöre und der wird mir Leben schenken, das aus dem Tod heraus Bedeutung haben wird.
Aber jetzt, solange ich lebe, will ich im Vertrauen meinen Weg gehen, dass jeder Schritt der Schritt eines Menschen ist, der Sünder sein mag und ein gerechter Mensch; oder je nachdem…
…der aber in jedem Fall dem Lebendigen gehört – für immer.
Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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