Ich will singen von der Gnade des Herrn

Liebe Gemeinde!

Wenn ich an den Reformationstag denke, geht mir ein Lied durch den Kopf: Ich will singen von der Gnade des Herrn. Ich glaube, das fasst alles zusammen, worum es am Reformationstag geht, nämlich, dass wir aus Gottes Gnade leben. Das ist der Gedanke, für den Martin Luther gekämpft hat. Und gerade durch unseren heutigen Predigttext aus dem Römerbrief ist er darauf gekommen. Denn da steht: Alle sind Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten, und sie werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist. Nicht unser Verdienst ist es, dass Gott uns gnädig ansieht. Er schenkt uns seine Gnade.

Das ist eine wunderschöne Botschaft, die unseren Glauben zu etwas Befreiendem macht. Nicht dass wir bestimmte Dinge glauben müssen, damit wir auch richtige Christen sind- nicht darauf kommt es an, sondern dass wir aus Gottes Liebe und Gnade leben. Ja, ich will singen von der Gnade des Herrn. Martin Luther hat sich abgequält, bis er zu dieser Überzeugung gekommen ist. Zu seiner Zeit gab es ja den so genannten Ablasshandel. Die Kirche erließ den Menschen die Strafe für ihre Sünde, wenn sie dafür einen Geldbetrag zahlten. Es gab den Spruch: Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt. Damit haben die Ablassprediger Werbung dafür gemacht, dass die Menschen der Kirche Geld bezahlt haben. Martin Luther hat dagegen gesagt: Gott vergibt nicht dem, der der Kirche Geld bezahlt, sondern jedem Christen, der seine Sünde bereut. Das hat er in 95 Thesen zusammen gefasst, die er am 31.Oktober 1517 an der Schlosskirche in Wittenberg angeschlagen hat. So entstand die evangelische Kirche. Sie trennte sich von der katholischen Kirche.

Das Evangelium, die gute Nachricht von Gottes Gnade ist wohl bis heute das Zentrum des evangelischen Glaubens geblieben. Es gibt die Initiative „Evangelisch aus gutem Grund“, die bewusst machen will, warum wir denn nun gerade evangelisch sind. Und da ist eben das Wichtige, dass wir vor Gott zwar alle sündige Menschen sind, aber dass uns das nicht belasten soll. Sondern wir dürfen darauf vertrauen, dass wir durch Jesus Christus befreite Menschen sind.

Wenn man etwas zum Reformationstag liest, steht überall, dass die Gedanken von Martin Luther, die eben auf unseren Predigttext zurückgehen, heute nicht mehr aktuell wären. Kaum jemand würde sich den Kopf zerbrechen über Gottes Gnade. Eher würden die Menschen heute darüber nachdenken, ob sie überhaupt an Gott glauben oder nicht.

Mein Eindruck ist allerdings, dass das ganz aktuell ist mit der Gnade. Gerade in unserer Gesellschaft, in der nur noch Leistung zählt- gerade da sollte doch mal wieder von Gnade geredet werden. Der große Druck in der Schule, der Druck in der Arbeitswelt. Überall zählen nur die Zahlen. Wo bleiben die Menschen? Alles wird zertifiziert. Überall gelten Qualitätsstandarts. Alles muss perfekt sein. Wo bleibt die Menschlichkeit? Wo bleibt die Gnade? Die Kirche gibt kein gutes Beispiel ab. Überall werden Stellen gekürzt- in Wiefelstede gibt es seit Oktober auch nicht mehr zwei Pfarrstellen, sondern nur noch 1 ¾. Im Kirchenbüro wird gekürzt. In der Diakonie sieht es nicht gut aus. Im kirchlichen Perspektivpapier, das die mögliche Zukunft der Kirche beschreibt, steht nichts von Gnade. Aber wie sollen wir denn leben ohne Gnade? Gerade wir Christen, die von Gottes Gnade wissen- wir könnten doch anders denken und anders leben. Warum denn nicht? Was hindert uns? Warum stimmen wir ein in den allgemeinen Leistungsdruck?

Jeder Mensch braucht das Erleben von Gnade. Jeder Mensch braucht das Gefühl: Ich darf so sein, wie ich bin. Ich bin angenommen, so wie ich bin. Ich bin geliebt. Von anderen Menschen. Von Gott. Im Sommer beim Kirchentag in München habe ich eine Podiumsdiskussion besucht zum Thema Pubertät. Unter anderem war ein Biologe auf dem Podium, der beschrieben hat, wie das menschliche Gehirn funktioniert. Es ist ja jetzt im Trend, psychologische Vorgänge durch biologische Vorgänge im Gehirn zu erklären. Die Gehirnforschung ist ja groß im Kommen. Dieser Biologe sagte: In der Pubertät läuft vieles im Gehirn der Jugendlichen anders als sonst. Wenn wir Erwachsenen uns über die Jugendlichen ärgern, müssten wir sehen, dass sie oft nicht anders können, weil das Gehirn das eben verursacht, dass sie anders ticken. Aber in einer Hinsicht läuft im Gehirn der Jugendlichen das Gleiche ab, wie bei allen Menschen: Sie reagieren auf Anerkennung. Wenn Jugendliche Anerkennung erfahren, dann motiviert sie das. Dann stimmt es sie guter Laune. Dann geht es ihnen gut. Das kann man nicht nur auf psychologischer Ebene sagen. Das kann man direkt durch die Gehirnforschung belegen. Und das gilt für alle Menschen. Anerkennung hat Auswirkungen im Gehirn.

Das hat mich beeindruckt, dass die Gehirnforschung im Grunde genommen auch unsere Theologie bestätigt. Wir brauchen Anerkennung. Wir brauchen Gnade. Und heute ist die zentrale Aussage des Reformationstages, dass uns die Gnade geschenkt wird. Vor Gott zählt nicht unsere Leistung. Vor Gott zählt nicht unsere Frömmigkeit. Wir werden nicht gerecht durch Gesetzeswerke, wie es im Predigttext heißt, sondern durch den Glauben.

Es scheint so, als ob dieser Glaube ein zartes Pflänzchen wäre, das gehegt und gepflegt werden muss. Martin Luther hat zu seinem Markenzeichen die Lutherrose erklärt, die Sie auf den Karten am Eingang bekommen haben. Mit meinen Konfirmanden habe ich über die Farben der Lutherrose gesprochen: das rote Herz, das von Gottes Liebe und Leidenschaft zu uns spricht, das schwarze Kreuz in der Mitte, das auf Jesu Leiden hinweist, aber auch auf seine Vergebung für uns, das Weiß der Blüten- die Konfirmanden sprachen von der Farbe der Unschuld und des Friedens und dem blauen Himmel drumherum, der uns an Gottes Himmel erinnert. Luther selber hat diese Farben so gedeutet. Der Stil mit den grünen Blättern ist ursprünglich nicht an der Lutherrose zu sehen. Er verstärkt aber die Aussage, dass der Glaube wachsen muss. Ich denke, er wächst zum Beispiel dadurch, dass wir von Gottes Gnade singen, reden und anderen Menschen gegenüber Gnade walten lassen- auch uns selber gegenüber.

Wir pflanzen ja gleich draußen einen Lutherbaum. Das knüpft an an den Luthergarten in Wittenberg, ein Projekt, das letztes Jahr begonnen wurde und das bis zum Jahr 2017, dem Jubiläumsjahr der Reformation, in aller Welt fortgesetzt werden soll. Überall sollen Lutherbäume wachsen in Verbundenheit mit dem reformatorischen Gedanken. Für uns ist das ein Zeichen: Möge unser Glaube blühen und gedeihen, dass wir befreit das Lied von Gottes Gnade singen können. Ja, ich will singen von der Gnade des Herrn.

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