Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein. (Gen 12,2)

Gen 12,2
[2] Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein.

Jetzt ist er wieder überall zu sehen: der Löwenzahn, auch hier auf der Wiese vor der Kirche. Erst leuchtend gelb, dann weiß. Auf dem Konfirmationerinnerungsalbum, das ihr nachher bekommen werdet, ist eine solche einzelne Pusteblume abgebildet. Das Bild ist auch noch ‚mal vorne auf dem Gottesdienstprogramm zu finden: Da lösen sich die kleinen Fallschirme vom Blütenboden und fliegen davon – hinaus in den weiten blauen Himmel.

Ich finde, das ist ein treffendes Bild für euch Konfirmandinnen und Konfirmanden. Denn auch ihr löst euch und fliegt aus. Ich meine jetzt weniger nach diesem Konfirmandenjahr aus der Gruppe – auch das – und, so befürchte ich, wahrscheinlich auch aus der Kirche für eine Zeit lang. Nein, da geht es noch um etwas andres: Ihr verabschiedet euch von eurer Kindheit. An eurer feierlichen Erwachsenenkleidung heute wird uns deutlich, wie groß ihr geworden seid! Ihr wollt keine Kinder mehr sein. Ihr wollt erwachsen werden, aufbrechen, Neues kennenlernen und ausprobieren, mehr dürfen: abends länger aufbleiben oder länger wegbleiben, immer öfter außerhalb – bei einem Freund, einer Freundin – übernachten. Ihr wollt auf eigenen Füßen stehen und unabhängiger werden von euren Eltern und von anderen Erwachsenen, die euch sagen wollen, wo es langgeht. Ihr wollt eure eigenen Wege gehen und nicht mehr über jeden Schritt Rechenschaft ablegen müssen.

Folge von all‘ dem – und das kennen die Erwachsenen auch sehr gut: Meinungsverschiedenheiten und Konflikte häufen sich. Und wir als Eltern – ich gehöre dieses Jahr dazu – spüren: Ja, es ist so wie auf dem Foto: Ihr löst euch von uns, ihr werdet uns fremder und fliegt davon, auf der Suche nach eurem eigenen Platz in der Welt. Manchmal würden wir euch gern festhalten und euch vor mancher schmerzlichen Erfahrung bewahren. Aber das geht genausowenig, wie der Löwenzahn die Schirme festhalten kann, wenn sie reif sind. Und sicher erinnern sich einige von uns weh-mütig an früher: Es kommt ihnen vor, als wäre es erst gestern gewesen, als ihr die Schultüte getragen habt. Die ersten unsicheren Schritte …, in den Arm kuscheln und schmusen …, der Säugling in den Armen …, die Geburt …, die Schwangerschaft: Eine schöne Zeit, eine Zeit, die mit der leuchtenden gelben Löwenzahnblüte zu vergleichen ist: So, wie die kleinen gelben Blüten fest mit dem Blütenboden verwachsen sind, so, wie sie ihre Nahrung von ihm bekommen, ein Teil der Pflanze sind, so wart ihr als Kinder ein Teil der Familie. Ihr wart auf die Eltern angewiesen, um wachsen und gedeihen zu können, wart eng mit ihnen verbunden. Und wir spüren: Das ist heute unwiderruflich vorbei.

Und diese Veränderung ist nicht nur für Eltern schmerzlich. Auch ihr trauert vielleicht manchmal der Geborgenheit aus den Kindertagen nach, manche von euch vielleicht auch dem Kinderglauben, aus dem ihr herausgewachsen seid. Und ihr mögt euch bei den Schritten in die fremde Erwachsenenwelt – so spannend die oft sein mögen – manchmal verdammt allein fühlen und heimatlos. Denn ihr seid zwar keine Kinder mehr, aber eben auch noch nicht erwachsen. Wie die Löwenzahnschirme seid ihr dabei, euch von der Kinderzeit zu lösen – aber ihr habt euren neuen Platz im Leben noch nicht gefunden, seid noch nicht wieder „gelandet“.

Das ist also ein Leben „zwischendrin“, auf der Suche, unterwegs; mit vielen Fragen und Unsicherheiten: Werde ich einen guten Abschluss in der Schule schaffen? Wie wird es sein mit meiner Berufsausbildung? Bei welchem Beruf werde ich landen? Wo werde ich wohnen? Welchen Lebenspartner, welche Lebenspartnerin werde ich finden? Kurz: Wohin geht’s, wohin soll ich gehen?

Beim Löwenzahn ist es so, dass die Schirmchen vom Wind weggetragen und hin- und hergetrieben werden. Sie können ihren Weg nicht selbst bestimmen. Das ist bei euch anders. Zwar gibt es das auch, dass man irgendwohin getrieben wird, dass mein Lebensweg dahin geht, wo ich nicht hin wollte – durch eine Erkrankung, einen Unfall… Und natür-lich kann man sich auch einfach nur so von Tag zu Tag da-hintreiben las-sen. Das geht auch. Aber im Unterschied zum Löwenzahn könnt ihr in vielem bestimmen, wohin die Reise geht.

Was kann euch dabei helfen? Ein Versprechen Gottes, das euch Mut machen will: „Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein“. (1.Mose 12,2) Das klingt ja nicht schlecht: dass nämlich eure Reise gut ausgehen soll, ihr einen Platz findet, wo es sich leben lässt. „Ich will dich segnen …“ das heißt so viel wie „Ich will dich reich machen“.

Vielleicht nicken jetzt einige schon und sagen: „Ja, das stimmt, die Konfirmation hat mich reich gemacht … Und wenn ich reich bin, dann kann ich mir mein Leben schön machen, mir endlich leisten, was mich glücklich macht. Wer Geld hat, hat’s geschafft.“ Und man hat vielleicht dabei die Werbung im Ohr und die neidischen Blicke vor Augen: „Woll im Loddo gewonne?“ „Ich will dich segnen“ – ist das gemeint? Wohl kaum. Ich weiß von vielen Menschen, die trotz ihres Reichtums kein bisschen zufriedener und glücklicher sind, sondern voller Misstrauen und Angst. Und ihr wisst alle: Echte Freunde, wirkliche Liebe, die lassen sich nicht kaufen. Und Jesus hat gesagt: „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon“ (dem Geld. Matthäus 6,24).

Ist es Gottes Segen, wenn du Karriere gemacht hast und an der Spitze stehst? Als Fachmann oder -frau gefragt und anerkannt bist? – Aber wenn du dort oben bist, bist du fast rund um die Uhr gefordert. Kaum noch Zeit für die Familie und Freunde. Viele Ehen von Spitzenmanagern gehen kaputt. Und durch die ständige hohe Belastung werden viele krank oder fangen zu trinken an. Das kann’s wohl auch nicht sein. „Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt und doch Schaden nimmt an seiner Seele?“ (Lukas 9,25), hat Jesus gefragt.

„Ich will dich segnen, dich reich machen“ – was ist denn dann damit gemeint? Manchmal sagt man über jemand: „Dieser Mensch ist ein Segen für andere.“ Es tut gut, mit ihm zu tun zu haben. Er oder sie ist aufmerksam und merkt, was hinter der Maske, die ich oft aufsetze, los ist. Er oder sie kritisiert mich nicht oder macht mich klein, sondern ermutigt mich, traut mir etwas zu, macht mir Appetit auf Leben, tröstet, ist bereit zu helfen. Solche Menschen haben ihre Kraft oft aus dem Glauben, aus dem Vertrauen zu Gott. Sie nehmen sich dabei selbst nicht so wichtig, stellen sich nicht in den Mittelpunkt. Kraft und Ruhe, Selbstbewusstsein strahlen sie aus.

Gott will euch zu solchen Menschen machen: „Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein.“ Am Altar werdet ihr nachher seinen Segen empfangen. Freilich: Mit dem Segen ist es nicht so, dass ihr dann eine Kraft spürt, die über meine Hände in euch hineinströmt und auf einmal seid ihr solche Menschen. Kein Zauber ist das. Und der Segen ist auch nicht wie eine langsam wirkende Arznei (das fängt jetzt an und wirkt in die Zukunft und lässt euch im Lauf der Zeit allmählich und wie von selbst so werden). Nein, die aufgelegten Hände bei der Konfirmation teilen euch eine Botschaft mit, wollen euch Gottes Einstellung zu euch spüren lassen, nämlich: „Für mich bist du wertvoll und einzigartig auf dieser Welt.“ Er sagt wohlgemerkt nicht: „Du bist dann wertvoll für mich, wenn … du etwas bringst, oder wenn du dich so und so verhältst.“ Nein, diese Einstellung gilt immer, „Du bist immer für mich wertvoll und einzigartig“, auch wenn ihr in einer Sackgasse steckt, oder auf die Nase gefallen seid, oder von allen Seiten Ablehnung erfahrt. Das lässt er euch heute spüren, bei der Konfirmation. Diese Botschaft steckte schon in eurer Taufe. Und diese mutmachende Segenskraft könnt ihr immer wieder erfahren, da wo Menschen sind, die für andere ein Segen sind. So kommt Gottes Segen oft auf Umwegen zu euch, nicht irgendwo vom Himmel herunter, sondern versteckt im Alltag und in (nicht perfekten) Menschen.

Freilich – eines will ich zum Schluss noch sagen: Mit dem Segen hat es eine besondere Bewandtnis. Dazu möchte ich ein Bild benutzen: Vor zwei Jahren war ich in Israel, am Toten Meer. Es heißt deshalb „tot“, weil darin so viel Salz ist, dass nichts darin leben kann. Also kein Fisch, keine Pflanzen, überhaupt nichts. Die Besonderheit an diesem großen See ist, dass zu ihm nur Wasser hineinkommt, aber das Wasser nicht mehr abfließt. Und weil das Wasser durch das Klima verdunstet, wird der Salzgehalt immer höher. Am gleichen Fluss, der da hineinfließt, am Jordan, weiter im Norden, liegt ein See, der ist voller Leben. Im Norden fließt der Jordan hinein, im Süden fließt er wieder heraus. Wir können das mit uns vergleichen: Wo wir nur nehmen, wie verwöhnte Flaschenkinder, die einfach nicht erwachsen geworden sind, wo wir nur ein schönes Leben führen wollen, ohne auch etwas weiterzugeben von dem, was wir an Segen von Gott erleben, da wird unser Leben auch tot, da wird es sozusagen salzig und ungenießbar, werden wir auch ungenießbar. Wo es aber so ist, dass wir das, was wir geschenkt bekommen in unserem Leben, was wir an Segen erfahren, wenn wir das weitergeben, da haben wir einmal selbst etwas davon, werden wir lebendig, wird unser Leben wieder gesegnet – und das von anderen Menschen.

Ihr habt das ja erfahren durch andere Menschen, habt etwas gespürt von diesem Segen Gottes. Jemand, der euch etwas zutraut, euch Mut macht, euch in den Arm nimmt, tröstet, sich mit euch freut, euch Ideen gibt, euch Wege zeigt. Also: die Besonderheit am Segen ist: Er will fließen – durch euch hindurch, er will von euch weitergegeben werden. Und ihr könnt das: ein Segen sein, für andre und ihr sollt es sein. Die Möglichkeiten dazu liegen in euch, von Gott gegeben: Glaube in jedem von euch, Hoffnung in jeder, Liebe in jedem. Sie warten darauf, so wie das Samenkorn am Löwenzahnschirmchen, sich entfalten zu können. Bleibt auf der Spur von Jesus und seinem Leben, lasst seine mutmachende Botschaft auf euch wirken. Und ich wünsche euch, dass ihr davon etwas erfahrt, dass ihr jetzt, wo ihr noch auf dem „Flug“ seid, Menschen habt, die euch begleiten, mit euch überlegen, wo es hingehen kann, wo euer Leben wachsen kann und ihr Wurzeln schlagen könnt. Kurz: die euch Gottes Segen spüren lassen und dass ihr so einen guten Weg für euch findet.

„Vertraut den neuen Wegen und wandert in die Zeit!
Gott will, dass ihr ein Segen für seine Erde seid.
Der uns in frühen Zeiten das Leben eingehaucht,
der wird uns dahin leiten, wo er uns will und braucht.“ (EG 395,2)

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