Ich war’s nicht

Predigt über Joh 9, 1-7[1]

2.8.2020

  1. Sonntag nach Trinitatis, Reihe II

 

 

Die Gnade Jesu Christi

Und die Liebe Gottes

Und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes

Sei mit uns allen.

  1. Kor 13, 13

 

 

Liebe Gemeinde,

in der Küche unserer Gemeinde steht ein Becher, der mich jedes Mal, wenn ich ihn sehe, schmunzeln läßt. Er ist beschriftet mit dem Satz „Ich war’s nicht“.

„Ich war’s nicht“ – wer wäre nicht schnell dabei, sich mit diesem Satz zu distanzieren von was auch immer da geschehen sein mag: dem verschütteten Kaffee (passend zum Becher); den Schmutzstapfen quer über den Flur; dem Licht, das die ganze Nacht im Bad gebrannt hat.

Und da haben wir das Haus noch nicht einmal verlassen.

 

Menschen sagen: „Ich war’s nicht“, weil alles ja eine Ursache hat.

Kinder in einem gewissen Alter fragen von morgens bis abends „warum?“ – und das ist gut so. Denn wer nicht fragt, bleibt dumm. Indem Kinder fragen, erschließen sie sich die Welt.

Auch unser Predigttext aus dem Joh. Ev. beginnt mit einer Frage. Die Jünger fragen Jesus, warum ein Mensch blind geboren wurde.

Doch hören Sie selbst:

1 Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war.

2 Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist?

3 Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm.

4 Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann.

5 Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.

6 Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machte daraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden

7 und sprach zu ihm: Geh zu dem Teich Siloah – das heißt übersetzt: gesandt – und wasche dich! Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder.

Jesus und die Jünger gehen an einem Mann vorbei, der von Geburt an blind ist. Die Jünger fragen nun: Warum? Warum wurde dieser Mensch blind geboren? – Sie haben auch gleich zwei mögliche Erklärungen zur Hand: Entweder der Blinde hat gesündigt – oder seine Eltern. Irgendjemand muss diesen Zustand ja verursacht haben. Denn nichts passiert ohne Ursache. Aber im übrigen: Ich war’s nicht!

 

Das muss doch eine Ursache haben!

Ich glaube, so zu fragen, so zu forschen, ist tief in uns Menschen angelegt. Dass etwas keine Ursache hat, oder jedenfalls keine, die wir erkennen können, das können viele schlecht ertragen.

Und so fragen Menschen auch bei Krisen und Katastrophen: Warum? Wer ist schuld?

Die Entstehung und Verbreitung des Covid 19-Corona-Virus – wer steckt dahinter? China? Pharmakonzerne, die daran verdienen wollen? Eine Weltverschwörung? Die Strahlung von Mobiltelefonen?

Warum? Wer ist schuld?

So entstehen und verbreiten sich Verschwörungserzählungen: Weil wir es nicht ertragen können, etwas nicht zu durchschauen, nicht zu verstehen. Und weil wir gerne sagen wollen: Ich war’s nicht! Aber ich weiß, wer’s war. Ich weiß, wer schuld ist – und warum.

Und: ich kann mich von den Leidenden – seien es die vom Virus Heimgesuchten heute oder der Blindgeborene damals – distanzieren.

Der Blindgeborene interessiert die Jünger weniger als die Frage, wer schuld ist. Jesus aber sieht den Menschen und was er braucht. Er sieht den Blinden, wie er viele Menschen auf seinem Weg sieht: aufmerksam, achthabend, wahrnehmend, sorgend.

„Wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist?“, fragen die Jünger.

Jesu Antwort auf die Frage der Jünger ist eindeutig: weder – noch. Hier gibt es keine Schuldigen zu suchen.

Diese Feststellung macht es den Betroffenen leichter, die sich oft mit der Frage martern: was habe ich nur falsch gemacht? Was hätte ich anders tun können? Was, wenn …?

Jesu Antwort: weder – noch, gräbt auch denen das Wasser ab, die eine Antwort auf die Warum-Frage suchen, weil sie offene Fragen und ungeklärte Verhältnisse nicht aushalten.

Mit seiner Antwort nimmt Jesus den Blinden aus dem Scheinwerferlicht. Er richtet es stattdessen auf sich selbst und seine Aufgabe unter uns Menschen. Er sagt: Es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm, dem Blinden.

4 Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann.

5 Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.

Jesus wendet sich nun dem Blinden zu. Er macht aus Erde und Spucke einen Brei, den er ihm auf die Augen legt.

Für uns mag das seltsam und ekelig klingen, damals war es aber gängige Praxis.

Jesus schickt den Blinden zum Teich Siloah, damit er sich dort wäscht. Dem Wasser des Teiches wird Heilkraft zugesprochen.

Der Blinde wird zum ersten Mal in dieser Szene – vielleicht zum erst Mal überhaupt – aktiv. Er tastet sich durch die Stadt, die Stufen hinab zum Wasser des Teiches, wäscht sich – und kehrt als Sehender zurück.

Jesus hat ihm das Augenlicht gegeben. Er ist für ihn das Licht der Welt geworden.

Jesus hat damit das Werk dessen getan, der ihn gesandt hat: Den Armen das Evangelium zu verkündigen, den Gefangenen zu predigen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und den Zerschlagenen, dass sie frei und ledig sein sollen. (Lk 4, 18 vgl. Jes 61, 1; 42, 7). So beschreibt Jesus seinen Auftrag von Gott, als er in seiner Heimatstadt Nazareth in der Synagoge die Schrift auslegen soll.

Doch nicht nur Jesus hat diesen Auftrag, sondern auch wir. Wir sollen Licht sein in der Welt, damit es für alle Menschen hell werden kann.

Daher sollten wir uns nicht hinters Licht führen lassen von denen, die Verschwörungserzählungen weitertragen.

Dunkelheit und Nacht gibt es auch so noch genug auf der Welt. Verschwörungserzählungen stecken Irrlichter auf. Sie werfen nur noch mehr Schatten und verbreiten Dunkelheit.

 

Dunkelheit und Nacht gibt es noch genug auf der Welt.

Die Nacht der Trauer.

Die Nacht der Einsamkeit.

Die Nacht der Verzweiflung.

Wie leicht wird dann die Frage laut, wer schuld daran ist.

Nicht immer hilft diese Frage.

Manchmal müssen wir die Nacht ertragen und auf das aufgehende Licht warten. Und uns daran erinnern, dass Jesus mit uns geht, das Licht der

Welt. Er hat die Nacht selbst erlebt – und überwunden.

 

Amen

 

Und der Friede Gottes,

der höher ist als unsere Vernunft,

bewahre unsere Herzen und Sinnen

in Christus Jesus.

Amen

         Phil 4, 7

[1] Mit Anregung von Gertraude Kühnle-Hahn, Deutsches Pfarrerblatt – Heft 6/2020

print

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn Sie diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwenden oder auf "Akzeptieren" klicken, erklären Sie sich damit einverstanden.

Schließen