Ich schimmere vor mich hin

Liebe Gemeinde,

ich möchte dieses Lied nicht mitsingen, sagt die Kollegin letzten Sonntag. Nicht einstimmen in die harten Worte denjenigen gegenüber, die sich nicht richtig verhalten. Die nicht dem entsprechen, wie Gott es sich dachte. Nicht einstimmen in eine Melodie, die von einem Gott singt, der richtet und der unsere Taten fast schon unbarmherzig beurteilt.

Ich muss ihnen sagen: Heute wird es nicht viel besser…

Wir sind sozusagen am Tiefpunkt der Vorpassionszeit. Es geht um die Nachfolge Christi. Um nichts weniger. Und wie mit einer Lupe und mit grellem Scheinwerfer wird auf unser Verhalten geschaut. Das hat eine gewisse Unbarmherzigkeit, aber auch eine schonungslose Ehrlichkeit. Der Zeigefinger geht hoch: „Du musst Dein Leben ändern!“ Es geht um Finsternis und Licht, um knallharten Dualismus. Falsch und gut, draußen und drin. Sonst kommt der Zorn Gottes über die Kinder des Ungehorsams, werden wir gemahnt.

 

Da ist kein Kuschelbärgott mehr, den wir uns weichgespült haben. Da ist ein zorniger Gott. Ein Gott, der Erwartungen an mich hat. Ich werde immer unruhig bei solchen Texten. Und ich merke, dass mich so eine einfache Einteilung in dunkel und hell, böse und gut skeptisch macht. Sekten machen das so, aber auch der politischen Welt dieser Tage ist das nicht fremd: Die Querdenker teilen ein in die Elite, die da oben und die anderen, das wahre Volk. Kein gutes Fahrwasser. Die Demokratiefeindlichkeit ist mit Händen zu greifen.

Und die Inzidenzen steigen. Der Lockdown bis Ende März verlängert. Das werden nicht alle durchhalten. Finsternis oder Licht? Bräuchten wir nicht endlich etwas Schönes und Aufbauendes?

Wobei – sind das nicht alles Vorder- und Rückseite ein und derselben Medaille?

Derjenige, der damals den Epheserbrief schreibt, der gibt zu bedenken: Ihr seid Kinder Gottes, Kinder des Lichtes und Christus hat euch geliebt. Denn ihr wart früher Finsternis; nun aber seid ihr Licht in dem Herrn. Wandelt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.

Wandelt als Kinder des Lichts… Also ran an den Pflug und den Blick nach vorne, würde der Wochenspruch wohl sagen. Keiner hat behauptet, dass Nachfolge Christi immer einfach sein würde. Immer ohne Hindernisse und unangenehme Seiten. Menschen fanden Jesus schon immer faszinierend. Wollen sich ihm anschließen, aber vorher noch kurz ihre Dinge regeln: Abschied nehmen von der Familie oder Tote bestatten. Und die Reaktion Jesus: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes (Lk 9,62).

Wir sind ein bisschen zum „Schönwetterchristentum“ verkommen. Alles geht in gewohnten Bahnen, wir verwalten unseren Glauben, alles erwartbar, alles wie immer.

Corona hält uns gerade den Spiegel vor. Und wir Ringen um Inhalte: Ist es verantwortbar, Abendmahl zu feiern oder ist es gerade jetzt dringend notwendig, dass wir in unserer Gemeinschaft gestärkt werden? Ist es bei der Konfirmation wichtig, Jugendlichen in diesen seltsamen Zeiten den Segen Gottes mitzugeben oder die Anzahl der geladenen Gäste und die Möglichkeit zu feiern? Was macht es mit uns, wenn wir plötzlich stumm werden, weil wir nicht singen dürfen? Wo sieht man denn unser Licht leuchten?

Denn die Latte liegt hoch: Wir sollen Gott nachahmen. Aha, denke ich. Eigentlich doch ein legitimes Anliegen, oder?

Auf jeden Fall damals in Ephesus! Das war bekannt für seine lockeren Umgangsformen. Da werden die Mahnungen schon berechtigt gewesen sein: Keine Unzucht, keine Habsucht, kein schändliches Tun und auch keine närrische oder lose Rede…

Während ich das aufschreibe, denke ich an Kardinal Woelki in Köln, aber auch an das, was in unseren diakonischen Einrichtungen in den 50er und 60er Jahren geschehen ist. Ich denke an die Flüchtlingslager, in den Menschen vegetieren und auch elendig verrecken. Und warum darf eigentlich ein Seenotrettungsschiff, das v.a. Jugendliche an Bord hat, nicht gleich in einen europäischen Hafen einlaufen? Ach ja und da waren ja auch noch die leeren Worte, die wir meiden sollen. Unwillkürlich denke ich an das politische Hin- und Her der letzten Zeit und den beginnenden Wahlkampf. Denn um dieser Dinge willen kommt der Zorn Gottes über die Kinder des Ungehorsams.

Ich muss trocken schlucken. Geht ihnen das auch so?

Derjenige, der das damals aufgeschrieben hat, der malt uns Christus vor Augen, der das Verlorene liebevoll sucht bis in den eigenen Tod. Wer sich dem zuwendet, wird sich von all den Zeitgenossen abwenden, denen das Verlorene bei uns und in der weiten Welt nicht einmal ein Achselzucken wert ist. Wir müssen nicht auf allen Hochzeiten tanzen und über jeden Witz lachen. Wir müssen unser Fähnchen nicht in jeden Wind hängen. Wir können auch nicht jeden Dreck gebrauchen. Das ist Moral, wie sie biblisch ist: Ausdruck von Freiheit. Denn wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit (2.Kor 3,17).

Es kommt mir so vor, als ob sich dieser Predigttext heute vor mit auf dem Tisch dreht wie eine Münze, die man angeschuggt hat. Vorne, hinten, vorne, hinten. Die beiden Seiten überlappen sich. Das eine bedingt das andere.

Wir sind schon längst Licht der Welt und Salz der Erde (Mt 5, 13f). Und unsere Hand liegt am Pflug. Mal packen wir fester zu, manchmal halten wir ihn ganz lose. Und natürlich schauen wir auch zurück. Trotz allem, trotz aller Fehltritte und allem Zögern und Zaudern, trotz aller Ausreden, sind wir Kinder des Lichts.  Wir müssen das nicht erst werden!

Das kann ich dann aber auch nicht delegieren an andere, sondern ich selbst bin gefragt. Ich kann mein Christsein nicht immer verschieben in Diakonie oder mich entschuldigen mit den Umständen. Das ist wohl der Anspruch, den diese Sache Gottes an uns hat. Das ist aber auch das Zutrauen Gottes in uns, dass wir trotzdem leuchten werden. Jede und jeder an seinem Platz.

Da helfen hier bei uns Menschen einander und sie vergessen einander nicht. Da hat einer ein offenes Ohr und ein offenes Herz für die Anliegen seiner Mitmenschen. Oder eine andere reicht jemanden die Hand. Die Alten werden zum Impfen begleitet. Jugendliche teilen nicht jeden depperten Kommentar. Ein Kind im Kindergarten verteidigt seinen Freund. Unzählige Menschen engagieren sich in Impfzentren. Da läutet ein Kollege die Kirchenglocken, wenn bei einer Querdenkerdemonstration, menschenverachtende und demokratiefeindliche Unwahrheiten verkündet werden. Viele stellen Kerzen ins Fenster, als Zeichen des Mitgefühls mit allen, die unter Corona besonders leiden. Andere legen bunte Steine aus, um anderen eine Freude zu machen.

 

Wandelt als Kinder des Lichts, die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit. Von [vielem] soll bei euch nicht einmal die Rede sein, wie es sich für die Heiligen gehört, […] sondern vielmehr von Danksagung.

 Die Münze vor meinem inneren Auge dreht sich weiter. Vorder- und Rückseite verschwimmen. Finsternis und Licht. Doch immer wieder blitzt das Licht eben auf. Viele Menschen treffe ich gerade, die mir erzählen, wofür sie dankbar sind.

Vielleicht ist diese Dankbarkeit ja Teil unserer Aufwärmphase in der Vorpassionszeit für den eigentlichen Auftrag, Gott nachzuahmen. Oder zumindest ein Schritt in die richtige Richtung. Eine innere Haltung, die nach außen durchschimmert. Die andere ansteckt oder nachdenklich macht.

Und vielleicht ist es ja ein gesundes Unwohlsein, das ich bei solchen Texten haben. Vielleicht ja, weil sie den Finger in die Wunde legen. Ich denke an Psalm 73, den wir gebetet haben: Dennoch bleibe ich stets an dir; denn du [Gott] hältst mich bei meiner rechten Hand. Und mit der linken Hand nehme ich den Pflug wieder. Natürlich schaue ich dann und wann zurück. Und natürlich lasse ich auch mal los oder ich stolpere. Aber bei all dem schimmere ich vor mich hin als Kind des Lichtes.

Amen.

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