Ich schäme mich des Evangeliums nicht

Römer 1,16ff + 3,28

Ich schäme mich des Evangeliums nicht…..

Was ist das eigentlich: Scham? Jeder Mensch schämt sich irgendwann einmal. Die Scham ist eine angeborene Reaktion. Und es gibt sie nur bei Menschen. Andere Gefühle, Angst, Zuneigung teilen wir mit den Tieren, aber Scham können nur Menschen empfinden. Denn die Scham benötigt Wahrnehmung der eigenen Identität. Und sie braucht ein Gegenüber. Wenn wir uns allein im Bad im Spiegel sehen, können wir mit den Falten oder Röllchen, die uns von Germany’s next Topmodel unterscheiden, ganz gut umgehen. Wenn wir damit in die Sauna gehen, überlegen wir uns, was andere denken…. Erst da beginnen wir uns möglicherweise zu schämen. Vielleicht haben Sie ja keine Röllchen oder gehen nicht in die Sauna, aber sie wissen bestimmt trotzdem, was ich meine.

Und was hat das jetzt mit dem Evangelium zu tun? Warum sollte man sich schämen für das Evangelium – wir haben die verfasste Kirche, den Staatskirchenvertrag, sind richtig etabliert. Warum schämen?

Paulus schreibt den Brief an die Römer in einer ganz anderen Situation. Er wollte die Gemeinde in Rom besuchen und sich vorher vorstellen. Der Glaube an Jesus Christus, das Evangelium, war noch relativ neu und keineswegs etabliert. Sowohl Juden als auch Nicht-Juden stießen sich an der neuen Botschaft, unter der sich Menschen zu neuen Gemeinden zusammengefunden hatten.

Und die Christen wurden angegriffen: was ist das schon für ein Gott, der am Kreuz stirbt, nicht besonders beeindruckend, der Messias ist das jedenfalls schon mal nicht. Es war zum Teil lebensgefährlich an Christus zu glauben, der Glaube musste verschämt gelebt werden, wenn man nicht im Kolosseum als Spektakel den Löwen vorgeworfen werden wollte.

Das ist heute natürlich nicht unsere Situation. Und trotzdem schämen auch wir uns manchmal. Wenn uns Menschen ohne Glauben so massiv entgegentreten und sich über unseren Glauben lustig machen. Wer traut sich, in der Kantine ein Tischgebet zu sprechen? Wer wünscht Gottes Segen statt Happy Birthday?

Und doch denke ich, dass unsere Sorge heutzutage nicht sein muss, mit unserem Glauben anzuecken – dafür gibt es zuviele Dinge, an die Menschen glauben, zum Teil wirklich abstruse, wie das Fliegende Spagetti-Monster oder die Heilkraft der Steine oder ähnliches.

Unsere Sorge heutzutage ist doch eher, dass wir in der Bedeutungslosigkeit verschwinden könnten, wenn wir nicht die Scham ablegen und über Jesus Christus und unseren Glauben und das Evangelium sprechen.

 

Und was ist das für eine unfassbar befreiende Botschaft! Wir werden gerecht allein durch Jesus Christus im Glauben, nicht durch die Werke. Nicht durch das, was wir tun.

Allein dadurch, dass wir an Jesus Christus und Gott glauben, werden wir gerettet. Wir müssen nichts dazu tun. Martin Luther sagt sogar: wir können gar nichts dazu tun. Den Glauben können wir nicht selber machen, den schenkt Gott uns. Das Gesetz können wir nicht einhalten – das hat alleine Jesus Christus geschafft und ist für unsere Sünden und Übertretungen des Gesetzes am Kreuz gestorben. Aber er ist auch wieder auferweckt worden von Gott, der uns ebenso auferwecken wird, am Ende der Tage.

Das ist doch großartig und unglaublich befreiend! Überall sonst in unserem Leben kämpfen wir darum, es zu schaffen. Im Beruf zählt nur Leistung und 100 % sind schon lange nicht mehr genug, um auch nur als moderat erfolgreich zu gelten. Es wird erwartet, dauernd über unsere Belastungsgrenze hinaus zu gehen, uns selbst zu optimieren und uns weiter zu entwickeln. Höher, schneller, weiter. Niemals ist es genug und wir alleine sind dafür verantwortlich, es zu schaffen.

Bei Gott und Jesus Christus ist das komplett anders! Wir werden anerkannt, angenommen und gerettet allein durch den Glauben.

Diese Erkenntnis hat Martin Luther geradezu umgehauen. Als ihm das klar wurde, hat er alles riskiert, ist geächtet worden, aber er ist nicht davon abgewichen. Er wurde umgetrieben von der Angst, die ja das gesamte Mittelalter prägte. Die Angst vor der Verdammnis, weil es ja jedem klar war, dass man die Gesetze ohnehin niemals alle einhalten könnten. Daher hatte ja auch der Ablasshandel so einen großen Erfolg. Wenn ich es schon nicht selbst schaffe, dann kann ich  mir die Rettung wenigstens kaufen – ein eigentlich ziemlich moderner Gedanke…

Martin Luther wies darauf hin, dass dies nur Geschäftemacherei war und die Menschen von der eigentlichen Erkenntnis abhielt, dass Gott uns die Befreiung durch Jesus Christus geschenkt hat und wir im Glauben daran teilhaben können.

Das ist doch nun wirklich wunderbar und befreiend! Gott hat schon alles getan, damit wir befreit leben können.

Was bedeutet das nun konkret? Ich denke, so befreit, kann man besser denken. Wir kennen das ja auch aus anderen Situationen. Wenn man befreit ist, wenn einem eine Last abgenommen wird,  dann kann man auf einmal wieder neue Ideen entwickeln, aufatmen und bekommt Weitblick.

Die Herausforderung für uns ist es, erst einmal wieder ein Gefühl dafür zu bekommen, wie befreit wir sind. Wir sind uns heute dieses Problems ja weniger bewusst, weil eben Paulus und für uns vermittelt durch Martin Luther diese Erkenntnis schon vor Jahrhunderten hatte. Wir sind in die etablierte Kirche hineingeboren, daher haben wir auch im Alltag kaum mit Angriffen auf unseren Glauben zu kämpfen. Ist eben da, die Kirche. Noch.

Es ist eine andere Zeit, aber der Auftrag ist derselbe. Aufstehen für Gott und Jesus Christus, bekanntmachen, was Glauben für das Leben bedeutet. Partei ergreifen, Stellung beziehen. In Anlehnung an John F Kennedy vielleicht: Frage nicht, was die Kirche für dich tun kann, frage, was du für die Kirche tun kannst.

Jedenfalls schon mal: die Scham ablegen, nicht aufdringlich, aber eindringlich über unseren Glauben sprechen, ihn leben, ihn in die Öffentlichkeit tragen.

Man kann ja etwas Gutes für die Mitmenschen tun und dabei davon sprechen, warum man es tut. Aus christlicher Überzeugung, weil die Bibel uns lehrt, einander zu helfen, auch wenn man sich gar nicht so sehr nahesteht.

Ich meine damit, in ganz normalen Situationen von Gott zu sprechen. Einladend zu sein und auch einzuladen in unsere Gottesdienste, zu unseren Festen, Konzerten, zum Lesen in der Bibel. Nicht groß und aufgesetzt, ganz normal, so normal, wie es doch auch für uns in unserem Leben ist, dass Gott dabei ist.

Ich schäme mich des Evangeliums nicht – denn es gibt keinen Grund.

Amen

 

Katrin-Babette Pfeffer, Prädikantin der Ev. Kirchengemeinde Wuppertal-Vohwinkel

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