Ich möchte wie Johannes sein können

I – Sein wie Johannes – Zurückstehen

Liebe Gemeinde,
ich möchte wie Johannes sein können. Ich möchte sein können wie so mancher altgewordener Mensch, den ich hier oder auf manch anderem Friedhof auf seinem letzten Weg begleitet habe. Aus deren Leben ich spüren konnte, dass solch ein Satz, wie ihn Johannes gesagt hat mitschwang: Ein Mensch kann nichts nehmen, wenn es ihm nicht vom Himmel gegeben ist.
Denn aus diesem Satz spricht eine wunderbare Einwilligung. Eine Einwilligung an den Ort und an die Stelle, an die das Leben einen gestellt hat. Oder eben nicht das Leben, weil das zu sehr nach blindem Zufall klingen würde, sondern an den Ort und an die Stelle, da einen der Himmel, da einen Gott gestellt hat.
Ich möchte da wie Johannes sein können, dem es ganz offensichtlich gelungen ist, die Balance zu finden. Zwischen der Versuchung, die immer wieder an ihn herangetragen wurde. Die Versuchung, mehr darzustellen als es sein Platz, sein Ort ist. Er musste sich immer wieder dem erwehren, selbst für den Christus gehalten zu werden. Die Erwartung der Menschen war so groß. Sie wollten eine Veränderung, eine Verbesserung ihrer Lage. Und da hofften sie schnell in jedem, der besonders nahe bei Gott stand, den Retter, den Messias, den neuen König zu sehen. Auch in Johannes. Und sie drängten ihn wohl gar, diese Rolle anzunehmen.
Welche Versuchung kann darin liegen, wenn Hoffnungen an einen herangetragen werden. Dann mögen solche Hoffnungen das Gefühl wecken, man sei der oder die Richtige. Es ist schön, wenn mir andere etwas zutrauen. Und wir mögen uns ja auch an der Ehre gekratzt fühlen, wenn andere etwas von uns abverlangen, aber wir sollten darüber nie die Selbstkontrolle verlieren, ob das wirklich der Platz ist, an den wir hingehören. Und das verlangt viel Selbstkontrolle.
Das gilt im Großen, wie im Kleinen. Das gilt, wenn es um Posten und lebenslange Stellungen geht, wie um die Frage nach scheinbar kleinen Lebensratschlägen, die uns abverlangt werden. Selbst wenn uns große Hoffnungen entgegenschlagen in solchen Fragen: „Sag mir, was soll ich nur machen. Wie soll ich mich nur entscheiden? Was ist denn das Richtige?“, ja selbst wenn uns da große Hoffnungen entgegenschlagen, wir sollten sehr gut überlegen, ob wir die Antwort wirklich haben, die wir geben wollen. Wir müssen im Großen, wie im Kleinen auch den Mut des Johannes haben können, „Nein“ zu sagen. Nein, dafür bin ich nicht geschaffen. Nein, das weiß ich auch nicht. Nein, das ist nicht mein Ort, meine Stelle, an die ich hingehöre.
Ansonsten hört die Versuchung nicht auf. Wir kennen das leider so oft. Wer zu hoch gestiegen ist. Wer eigentlich überfordert ist auf seinem Posten. Wer einen Rat gegeben hat, der ihm eigentlich nicht zustand. Der gerät dann oft in eine ganz unglückliche Verteidigungssituation. Und wenn uns das geschieht, dann spüren wir wie viel Energie es verbraucht, die Position, den falschen Rat zu verteidigen, denn alles andere würde nach Niederlage aussehen. Dann würden wir uns doch nur noch schwächer zeigen, dann würden wir doch offen legen, dass wir die Hoffnungen enttäuscht haben. Ja solche Selbstüberhebungen, nicht aus bösem Willen, vielleicht im Gegenteil, aus gutwilliger Nachgiebigkeit, die können in traurigen Konflikten enden.
Wenn solches auf mich zukommt, dann möchte ich sein können wie Johannes und Nein sagen können. Sagen können, da ist ein anderer, für den ist dieser Ort, diese Stelle. Möchte mich zurücknehmen können und auf meinem Platz an meinen Ort meine Aufgabe ausfüllen.

II – Sein wie Johannes – Vorangehen

Denn das ist die andere Seite der Balance, die ich bei Johannes erkenne. Er ist ja kein passiver Mensch. Er ist ja keiner, der sich nur demutsvoll zurückzieht. Der etwa sagt, ich kann und ich bin nichts und lasst mich nur in Ruhe. Er kennt auch seine Aufgabe. Er weiß sich von Gott gerufen, und er nimmt diesen Auftrag auch an. Er tritt unter die Menschen, tritt auf an seinem Ort, an seiner Stelle auf und wird laut. Er tut es aus seinem gespürten Auftrag heraus. Er ist nicht der Christus, aber auch er hat einen Auftrag. Einen anderen wohl: „Ein Mensch kann nichts nehmen, wenn es ihm nicht vom Himmel gegeben ist.“ Vom Himmel ist ihm gegeben, die Menschen zur Buße zu rufen, auch dazu ihren Ort und ihre Stelle zu suchen. Und alles andere wegzulassen. Und so dem Christus den Weg zu bereiten.
Und da wird wohl auch Johannes oft gewusst haben, dass dies kein Vergnügen ist. Er wird in diesem Auftrag all die Schwierigkeiten, die Anfeindungen, ja vielleicht auch seinen Tod mitgesehen haben. Aber er hat ihn angenommen. Er hat den Ort ausgefüllt, an den er gestellt war. Er hat der Wahrheit seine Stimme gegeben.
Auch da möchte ich sein wie Johannes. Erkennen und spüren, wo ich gebraucht werde. Was ich sagen muss. Wo ich eingreifen soll. Den Ort leuchten sehen, den ich ausfüllen soll. Und dann nicht kneifen. Nicht aus Bequemlichkeit, nicht aus Angst, nicht aus falscher Bescheidenheit. Mich auszusetzen, wo aussetzen nötig ist. Mich einzusetzen, wo es mich braucht.
„Ein Mensch kann nichts nehmen, wenn es ihm nicht vom Himmel gegeben ist.“ Es ist so auch ein ganz aktiver Satz. Kein Satz der demutsvollen Hinnahme aller Lebenssituationen. Kein Satz der Schicksalsergebenheit in stiller Duldung. Vielmehr ein Satz der nach Gott fragt. Der danach fragt, was er von uns will. Auch nach den Aufgaben, dem Auftrag, für das Leben, für die Situation. Ein Satz der helfen soll die Balance zu finden, die Johannes gefunden hat.

III – Zur Umkehr befreit

Und es ist gerade in diesem Zusammenhang ein Satz der unsere Fehlbarkeit ernst nimmt. Auch unser Fehlbarkeit auf der Suche nach unserem Ort. Der ernst nimmt, dass das eine oder andere von beiden uns wohl immer wieder geschieht: Uns zu überheben oder uns vor dem Auftrag zu drücken. Wir wissen wohl von uns selbst, wovon wir am meisten gefährdet sind. Der eine will vielleicht eher überall mitmischen und denkt, dass ohne ihn nichts geht. Und die andere, lässt vielleicht lieber die anderen reden, obwohl sie weiß, dass Widerspruch angebracht wäre. Aus der Balance zwischen Selbstüberhebung und Annahme des Auftrags, geraten wir wohl alle, immer wieder.
Doch genau da liegt der Unterschied zwischen dem Auftreten von Johannes und dem auf den er hinweist. Johannes rief zur Buße. Er legte den Finger in die Wunde. Er zeigt solche menschliche Schwäche auf. Und er rief zur Umkehr.
Jesus, der Christus. Der auf den Johannes verwies, er macht eine solche Umkehr erst wirklich möglich. Weil er auf die Schwächen nicht einschlägt, sondern sie uns abnimmt. Weil er uns leben lässt, das wir nicht an unsere Fehler gekettet bleiben. Weil wir vor ihm bekennen und abgeben können, was falsch gelaufen sind. Die aufgedeckte Schuld allein, die muss abnehmen, die geschenkte Vergebung die muss zunehmen, damit wir leben können.
Damit wir nicht sinnlos Energie verschwenden um falsch eingenommene Orte, Posten und Verhaltensweisen zu verteidigen. Weil wir uns auch in unseren Schwächen zeigen können. Und zurücktreten von den falschen Orten. Und weil wir nicht der gestrigen Zurückhaltung wegen auch heute wieder nichts sagen, wo wir falschen Reden und Handeln Einhalt gebieten müssen. Aus der Vergebung in Jesus Christus werden wir von den falschen Orten, die wir eingenommen haben befreit und können neu unseren Platz, unseren Ort suchen. Und lernen können wir dabei von Johannes, dem dies gelungen ist. Und gelehrt hat: Die aufgedeckte Schuld allein, die muss abnehmen, die geschenkte Vergebung die muss zunehmen, damit ihr leben könnt.
Amen

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