Ich lasse dich nicht fallen

<i>[Die Predigt arbeitet mit einem Bildmotiv vom ‚Gottesdienst-Institut Nürnberg Bayrische Landeskirche, ist aber auch ohne mit Änderungen verwendbar.]</i>

Der Jahreswechsel hat so seinen ganz besonderen Reiz, der schwer zu erklären ist. Da ist eine Schwelle im Kalender, die uns reizt zurückzublicken und vorwärts zu schauen. Das ist nicht immer schön. Da kommen Erinnerungen auf, die schmerzhaft sind. Erinnerungen an Leid und Tod, Erinnerungen an Verlust von Beziehungen oder Arbeitsplätzen, Erinnerungen an Streit und Probleme. Es gibt hoffentlich auch andere Erinnerungen.

Und die Zukunft? Träume blühen, aber auch Ängste. Ich möchte gerade heute die nicht vergessen, die sich ängstigen vor dem, was kommt, die Angst haben um ihren Arbeitsplatz, Angst vor Krankheiten und Operationen, Angst wie lange ihre Rente wohl noch reicht oder Angst um ihre Familie und deren Zusammenhalt. Angst auch vor der Einsamkeit nach einer Trennung oder dem Tod eines lieben Menschen. Dazu die Jahreslosung, die sie auf der Kalenderkarte in Händen halten: Gott spricht: Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht.

Ich denke heute besonders auch an Dietrich Bonhoeffer, dessen 100. Geburtstag wir im Februar feiern und dessen Text wir vorhin gesungen haben: ‚Von guten Mächten’. Aus seinem Text ist ein tiefes Vertrauen zu hören, aber auch von ihm wissen wir, dass er darum hart ringen musste. Zwei Weihnachten hat er im Gefängnis verbacht, eins in Tegel, das zweite im Gestapo-Keller. Gerade diese schlimmen Erfahrungen haben seinen Glauben nicht zermürbt, sondern zu einem Glaubensbekenntnis geführt, wie wir es vorhin gebraucht haben. Von ihm haben wir diese Erfahrungen vom wachsen im Glauben, die wir uns wünschen können, um die wir beten können, die wir aber nicht nachmachen können. Das könnte ein guter Neujahrsvorsatz werden, um solchen Glauben zu beten, der die Gewissheit ausstrahlt, die au unserer Jahreslosung spricht: Gott spricht: Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht.

Dieser Vers gehört biblisch in die Geschichte Israels am Ende der Wüstenwanderung, am Beginn einer neuen Ära, der Sesshaftwerdung, die nicht ohne Verletzungen abging, aber wohl auch nicht so kriegerisch, wie uns das Alte Testament glauben machen will. Das Josuabuch ist entstanden in einer Zeit, in der die (siegreichen) Kriege mit Gott denen gegenüberstellt, die das Volk ohne Gott gewinnen wollte und die in der Katastrophe endeten.

Unser Vers ist ein Wort der Ermunterung in schwierigen Zeiten.

Das ist eigentlich kein Vers, den man Anderen zusprechen kann, sondern einer, den jeder sich selber zusprechen muss. Ich habe in den letzten Jahren die jeweilige Jahreslosung immer als Halleluja-Vers nach der Lesung der Gemeinde zugesprochen. Ich will es auch 2006 tun und bitte Sie, dies als Einladung zu verstehen, sich einzulassen auf den, der sie tragen will.

Dieser Vers passt vielleicht in die Situation von Menschen, die sich einsam und verlassen fühlen, oder zu Menschen, die Angst haben vor der Zukunft, aber gerade dort steht er auch in der Gefahr des Missbrauchs – zu gerne werden solche Verse missbraucht um Menschen damit zu vertrösten, um sie abzulenken, oder noch lieber um sich selber abzulenken von allen Gefühlen des Mitleids. Ich müsste mich ja stärker um den Menschen bemühen, als speise ich ihn ab mit einem schönen Spruch: Kopf hoch, wird schon werden oder einem solchen frommen Spruch wie: Gott spricht: Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht.

Dieser Vers kann Menschen aber auch ermutigen, von dieser persönlichen Erfahrung des Gehalten Seins zu reden und anderen Mut zu machen zum Glauben und zum Gebet. So macht dieser Vers Sinn, wenn ich ihn mir zuspreche und darin bekenne. Ich weiß, dass ich nicht allein bin und aus diesem Bewusstsein kann ich näher bei den Menschen sein, die mich brauchen und vielleicht so auch etwas mitteilen von der Kraft, die mich trägt.

Das bloße Sagen alleine hat noch niemanden überzeugt. Die alten Missionare wussten: Nur so ist der Glaube überzeugend, wenn er auch gelebt wird. Wir können missionarisch werden, nicht indem wir viel erzählen, aber indem wir unseren Glauben leben, dass Menschen spüren, was uns 2006 begleitet: die Zusage Gott spricht: Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht.

Auf dem Kalenderkärtchen, dass Sie am Eingang erhalten haben, sehen sie einen Mensche, der an einem Paraglider hängt. Er schwebt zu Tal. Das muss ein erhabendes Gefühl sein: Herabschweben aus dem blauen Himmel in die Landschaft, die vor einem liegt. Die Landschaft, die von oben klein aussieht scheint einem entgegenzuschweben und wird dabei immer größer.

Ich weiß nicht, ob ich mich wirklich trauen würde, wen mir jemand einen solchen Paraglider zur Verfügung stellen würde. Es ist ja auch ein gefährlicher Sport, bei dem immer wieder Unfälle passieren. Wahrscheinlich stünde ich mit dem gerät da, wie damals als ich zum ersten Mal auf einem 5-Meter-Brett stand, überlegend, ob ich nicht doch lieber wieder absteigen sollte.

Aber wenn ich mich dann doch trauen würde à es wäre wie im Traum, davon bin ich überzeugt. Das Vertrauen in die Technik hätte ich ja – das Vertrauen in mich?

Dabei ist das Leben eigentlich nicht wesentlich weniger gefährlich, als sich mit so einem Gerät in die Tiefe zu stürzen. Ich müsste nur einfach loslaufen, mich in die Lüfte erheben und die Welt läge mir zu Füßen.

So einfach klingt das. Aber so einfach ist das nicht. Ich müsste mich selbst überwinden und das ist vielleicht das größte Hindernis. Meine Ängste, meine Sorgen, meine Selbstzweifel müsste ich ablegen und mich einfach fallen lassen, fallen in die Gurte des Paragliders, fallen lassen in die Zusagen und die Güte Gottes, der spricht: Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht.

Darauf darf ich mich verlassen. Darauf kann ich mich einlassen in allen meinen Ängsten, in allen meine Problemen. Ich muss mich nicht mit einem Schirm von einem Berg stürzen, aber ich darf mich auf seine Zusage verlassen: Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht.

Und wenn wir gleich das Mahl miteinander feiern, dann kann es mich bestärken in dem Gedanken: Der, der mich nicht verlassen will, ist es, der mich an den Tisch lädt, der mich bewirtet und mir damit Mut machen will, mein Leben zu gestalten und denen Bruder zu sein, die mich brauchen.

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