Ich kenne das Christkind nicht

Es kam immer durch die Terassentüre. Eigentlich hätte man das Christkind sehen können, aber unsere Eltern hatten die Rollladen heruntergelassen. So saßen wir dort, die Tür war zu, die Sicht nach draußen versperrt. Und irgendwann ging die Terassentüre. Man hörte das leicht schlurfende Geräusch – es war eine von den Türen, die durch einen Hebel angehoben wurde, damit man sie aufmachen konnte. Meine Eltern ließen das Christkind ein, und es brachte die Geschenke. Und dann ging die Tür ein zweites Mal, das Christkind war wieder draußen, in der

Kälte, und ging von Haus zu Haus.

Ich habe mir das Christkind immer so vorgestellt wie ich es aus dem Heft von Tchibo kannte. Das kursierte bei uns in der Adventszeit. Das Christkind sah etwa so aus wie ein Engel – mit einem Nachthemdchen und hatte die Größe eines 10-jährigen Kindes. Und hatte auch irgendwas mit Petrus und dem Weihnachtsmann zu tun. Ich habe mir vorgestellt, dass der Schlitten in unserem Garten wartete, während das Christkind die Geschenke brachte. Nie aber habe ich als Kind dieses Christkind und Jesus wirklich zusammengebracht. Das waren zwei verschiedene Gestalten, zwei verschiedene Geschichten, die irgendwie zu Weihnachten gehörten. Und es ist mir auch schwer gefallen, jenes Kind in der Krippe mit den Geschichten zusammenzubringen, die ich von Jesus kannte. Wo Jesus Menschen geheilt hat, mit ihnen gestritten hat, Wunder tat, über Wasser ging – und dann auch am Kreuz starb. Es ist ja der gleiche Mensch, von dem diese ganzen Geschichten erzählt werden. Auf der einen Seite diese gemütlichen, lieblichen und romantischen Geschichten vom Christkind und von der heiligen Nacht im Stall. Klar – auch da wird es nicht immer friedlich zugegangen sein. Eine Geburt in einem Stall mit einem Futtertrog als Bett – das war sicherlich nicht nur romantisch.

Aber es kommt doch – vielleicht auch durch die eigenen Weihnachten, die man gefeiert hat, so etwas wie romantische Stimmung auf. Und auf der anderen Seite der erwachsene Jesus – da sind die Geschichten weniger romantisch. Der sagt Worte, die möchte ich nicht unbedingt an Weihnachten hören. Er hält Menschen einen Spiegel vor, und ruft zur Veränderung auf. Und wird dafür hingerichtet.

Das ist – so sagt man – ein Realitätsschock, da ist jede Romantik dahin. Soviel Wirklichkeit will ich an Weihnachten gar nicht hören. Ich weiß ja auch so wie schlecht die Welt ist. Aber ich glaube: beides gehört zusammen: die Romantik, das Liebliche und diese raue Wirklichkeit im Leben von Jesus – und an Weihnachten. Gerade an Weihnachten. Denn gerade an Weihnachten spielt die raue Wirklichkeit oft eine besondere Rolle. Man möchte es ja besonders schön haben. Es soll in der Familie und an diesem Abend besonders harmonisch und romantisch sein – irgendwie so wie man sich das vorstellt in der Heiligen Nacht. Kerzen, Lieder, gutes Essen und Trinken. Die Erwartungen sind hoch. Und selbst im größten Weihnachtsgedränge auf dem Weihnachtsmarkt und in der Innenstadt habe ich diese besondere Stimmung gespürt. Die Stadt ist geschmückt. Alles ist erleuchtet. Und gerade weil die Erwartungen so hoch sind, ist oft die Enttäuschung so groß, wenn es dann nicht so ist. Wenn man mit dem Auto 30 Min vor dem Parkhaus steht. Und alles hupt, weil es nicht vorangeht. Wenn man in Ruhe seinen Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt trinken möchte, und man wird – ich weiß nicht?! – hundertmal angestoßen, weil es so voll ist. Wenn man Ruhe seine Weihnachtsgeschenke kaufen will, aber 20000 andere möchten es auch. Wenn man sich schöne Geschenke ausdenkt, und doch nicht sicher ist: sind sie gut, kreativ genug? Zeigen sie genug, dass ich denjenigen / diejenige mag? Und dann ist Weihnachten oft fast unerträglich für die, denen die raue Wirklichkeit besonders hart ins Gesicht bläst. Wenn ein Mensch gestorben ist – und es ist das erste Weihnachten ohne ihn oder sie. Oder man liegt Weihnachten hier drüben im Krankenhaus – oder ein Angehöriger. Dann ist die Kluft zwischen dieser romantischen Erwartung, dem Weihnachtsgefühl und dem eigenen Erleben besonders groß. Dann bekommen viele den Weihnachtsblues und sind schwermütig. Oder an Weihnachten endet der Weihnachtsabend doch mit Streit. Oder Unzufriedenheit.

Wie haben die Geschichten von Jesus versucht, damit umzugehen? Mit dieser Kluft. Man kann ja die raue Wirklichkeit nicht einfach ausblenden Und so tun, als wäre Jesus immer das süße Kind in der Krippe geblieben. Man kann aber auch nicht ständig von den aufrüttelnden Worten erzählen, die Jesus uns Menschen vorhält und die Weihnachtsstimmung ausblenden und so tun, als wäre sie verlogen und scheinheilig. Der heutige Predigttext versucht die Sache mit einem rätselhaften, geheimnisvollen Wort zu lösen. Die Worte stehen im Johannesevangelium. Der Autor des Johannesevangeliums spricht sowieso in rätselhaften Worten von Jesus. Im siebten Kapitel steht da:

[TEXT]

Da geht es um Wissen. Jesus sagt seinen Zuhörerinnen und Zuhörern: ihr wisst, wer ich bin. Ihr habt mich ja gesehen, habt gesehen, was ich getan habe. Ihr kennt die Geschichten. Ihr kennt die raue Wirklichkeit. Ihr wisst, dass ich Euch nichts geschenkt habe. Aber es gibt eine Sache, die ihr nicht erkennt, die ihr nicht erkennt: ihr wisst nicht, wo Gott ist. Und wer Gott ist.

Dabei ist die Antwort auf diese Frage ganz einfach. Die Lösung haben wir am Anfang des Gottesdienstes gehörte: Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit. Das ist ein anderer Ausdruck dafür, was die Engel zu den Hirten sagen: Euch ist heute der Heiland geboren … ihr werdet finden ein Kind in Windeln gewickelt in der Krippe liegen. Gott ist da, mitten unter den Menschen, mitten in einem Mensch. Jesus sagte den Menschen damals: sucht Gott nicht im Himmel, in den Bäumen, in der Natur: seht mich an. Ich bin Gott. Gott ist ein Mensch geworden – wie ihr. Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit. Das haben die Menschen damals nicht wirklich begriffen, und ist auch heute ganz schwer zu verstehen. Für mich liegen darin aber ein großer Trost und eine große Zuversicht. Wir fühlen ja die Weihnachtsstimmung – wir leiden unter enttäuschten Erwartungen. Wir sind Menschen. Mit diesen Gefühlen, den Erwartungen, mit unserer Geschichte, mit unserer Familie, mit unserer Einsamkeit, mit unserem Leid und unserer Freude. Und Gott kennt das – weil Gott selbst Mensch war. Gott kennt uns. Er weiß wie es sich anfühlt, in leuchtenden Kinderaugen zu blicken und wie es sich anfühlt, alleine vor dem Weihnachtsabendprogramm zu sitzen. Und ich glaube, dass Gott umgekehrt will, dass wir ihn auch kennen, wir ihn nicht vergessen. Gott möchte uns Menschen nahe sein, und ist uns Menschen nahe gewesen. Auf verschiedene Weisen, die alle zu unserem Mensch-Sein dazugehören.

Als Kind in der Krippe. Als Christkind auf der Terrasse. Als erwachsener Mensch mit all dem Wissen und dem Leiden, das wir Erwachsenen kennen.

Gott hat sich für uns entschieden. Und ist, so glaube ich – der große Unterschied zwischen Gott und den Menschen. Wenn wir Menschen uns entscheiden, dann brauchen wir immer noch einen Ausweg. Eine Entschuldigung, wenn es mal nicht so klappt. Lieber gehen wir Menschen tausend Kompromisse ein – auch an Weihnachten. Dann fährt man am 1. Weihnachtstag zu der einen Familienteil, am 2. zum anderen, versucht die Zeit möglichst gut aufzuteilen, an alle eine Weihnachtskarte zu schreiben, niemanden zu vergessen – auch dann, wenn man eigentlich mal endlich ein besinnliches Fest erleben möchte. Und ich glaube, dass Gott manchmal zornig ist – so wie es der erwachsene Jesus war – der den Menschen zugerufen hat: lasst doch diese faulen Kompromisse sein. Schaut in Eurem Leben nach Euren Gaben. Schaut danach, was Gott Euch geschenkt hat. Und verausgabt Euch nicht mit all den Nickeligkeiten, unausgesprochenen Erwartungen. Kehrt nicht alles unter den Teppich, sondern sprecht offen über Eure Erwartungen und Wünsche – und versucht auf gute Weise, mit verschiedenen Erwartungen und Wünschen umzugehen. Und sucht Gott in Eurem Leben. Denn Gott sucht Euch. Da ist Gott – glaube ich – manchmal am Ende seiner Geduld.

Aber dann glaube ich auch, dass er oft über uns und mit uns Menschen lächelt, weil er uns kennt und unsere Schwächen, die oft unsere Stärken sind. Wir sind eben verletzlich – und lassen uns deshalb anrühren von Weihnachten.

Wir sind sterblich – und gerade deshalb ist unser Leben so wertvoll. Wir wissen wie rau die Wirklichkeit ist – und vertrauen doch immer wieder anderen Menschen und der Welt. Und Gott lächelt – wie das Kind in der Krippe in jenem Stall in Bethlehem die Hirten angelächelt hat.

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