Ich kann es kaum erwarten …. (zu Jakobus 5, 7-8)

Geduld ist nichts jedermann Sache: klammheimlich versucht er einmal hinter die Abdeckung zu schauen, um zu erkennen, was sich hinter dem nächsten Türchen des Schokoladenadventskalenders verbirgt, den Oma ihm geschenkt hat. Er könnte zwar bis morgen warten, aber…

Das frisch verliebte Pärchen hat sich gerade erst mit einer innigen Umarmung getrennt und morgen sehen sie sich wieder…aber die Zeit ist ja so lang bis dahin, die Minuten und Stunden wollen überhaupt nicht vergehen…

Nächste Woche sollte der Befund kommen, aber es ist leicht gesagt: hab Geduld und bleib gelassen, wenn die Gedanken immer nur um die eine Sorge, das eine Wort, die eine unaussprechliche Krankheit kreisen und die Stunden sich zäh aneinander reihen, ohne Klarheit zu bringen.

Auch Weihnachten und Geburtstag fordern eine Zeitlang im Leben viel Geduld, bis irgendwann die Einsicht sich breit macht: komisch, von Jahr zu Jahr vergeht die Zeit viel schneller und die Jahre werden immer kürzer… 

Ich habe mich gefragt, ob ich der Mensch bin, der warten kann.

„Natürlich“ war der erste Impuls und der zweite „es kommt darauf an, worauf ich warte“ Der Abschied kommt immer viel zu schnell, das Wiedersehen viel zu langsam; das Gute verfliegt und das Schlechte zieht sich in die Länge; das Leben kommt einem unendlich vor und mit einem Mal ist die Lebenszeit so weit vorgeschritten; das Tageslicht ist gerade erst gekommen, da hat es das Dunkel schon wieder verdrängt; der Frühling lässt das Grün gerade  erst erwachen, da weht der Herbst schon wieder die Blätter von den Bäumen. Dieses Jahr im Advent will ich die vier Woche ergiebig ausnutzen und habe alle Zeit der Welt, da ist der Heilige Abend schon ran und noch lange nicht alle Vorbereitungen erledigt

Und so könnte ich weitermachen und es kommt ihnen bestimmt alles bekannt vor…

Geduld ist nicht jedermanns Sache und die Zeit ist ein komisches Ding!

Dabei geht es Jakobus in seinem Schreiben nicht um dieses komische Gefühl, das jeden in seinem Leben einmal beschleicht.

Sein Appell an die Geduld ist von grundsätzlicher Bedeutung, er wartet auf Weltbewegendes und Weltveränderndes, was man nicht eben mit einem Lächeln beiseiteschieben kann.

Er wartet auf nicht weniger als auf das Kommen des Herrn, auf das Ende der Zeit, auf die Umkehr der Verhältnisse.

Stell dir vor: 

eine Welt, in der die Mächtigen nicht mehr die Oberhand haben und wahllos niederdrücken, 

eine Welt, die verlernt hat, Streit und Meinungsverschiedenheiten mit verbaler oder körperlicher Gewalt auszutragen, 

eine Welt, in der Natur, Mensch und Tier nicht mehr ausgenutzt und ausgebeutet werden, 

eine Welt, die allen ein zu Hause bietet, egal woher sie kommen, egal wie sie aussehen, egal wie sie leben oder lieben,

eine Welt, in der alle satt werden,

eine Welt, in der alle ihr Leben alt und lebenssatt beenden können, – wenn überhaupt –

eine Welt, in der Kinder lachen und unbeschwert spielen können,

eine Welt, bunt wie ein Regenbogen und lebensfroh wie wir in unseren glücklichsten Momenten, die wir fest umarmt behalten wollen, ohne Tränen,

ein neuer Himmel und eine neue Erde, wie Johannes sie gesehen hat,

eine Welt, die nicht mehr verurteilt, weil alle ihr Recht bekommen haben und Gott der Richter ist…

Wie sehr haben die Menschen darauf seit Generationen  gewartet und diese Hoffnung mit dem Messias, dem Erwählten, dem Gesalbten, dem König, sanftmütig und gerecht, verbunden.

Wie innig haben sie geglaubt das Heil ihres Gottes in den Spuren Jesu zu entdecken: Hosianna dem Sohn Davids, gelobt sei der  da kommt im Namen des Herrn., haben sie gesungen.

Wir real klang diese Hoffnung im Gesang der Engel: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden, den Menschen ein Wohlgefallen,

wie klar stand diese Welt vor Augen, als sie dem Auferstandenen begegneten: Tod, wo ist dein Stachel…

Hannes Wader sang einmal vom Kommen und Gehen und an deise Zeile musste ich denken, allerdings nicht melancholisch, sondern hoffnungsvoll:

So vergeht Jahr um Jahr/  Und es ist mir längst klar
Dass nichts bleibt/  Dass nichts bleibt, wie es war

Jakobus ist immer noch zu hören: seid geduldig und stärkt eure Herzen. 

Seid geduldig in diesem Jahr 2020, von dem so viele sich wünschen, dass es endlich zu Ende geht und mit dem neuen Jahr ein Stück Lebensnormalität zurückkehrt. Seid geduldig, bis Forschung und Medizin einen Impfstoff und wirksame Therapien gegen das Coronavirus gefunden haben. Seid geduldig, bis wir unsere Kontakte nicht mehr so behutsam auswählen und oft einschränken müssen. Seid geduldig und geht verantwortungsvoll damit um, dass wir uns und andere momentan vor allem mit Rücksicht und Einsicht schützen können.

Seid geduldig, wenn Verantwortliche um den richtigen Weg ringen, manchmal lange diskutieren und sich in ihren Entscheidungen nicht sicher sind oder sogar einmal daneben liegen. Wir alle leben aus der Vergebung. Keiner kann sich da über den anderen erheben.

Seid geduldig miteinander, aber auch barmherzig, wenn nicht alle einer Meinung sind, die Wahrheit umstritten ist, die Überzeugungskraft der Argumente nicht durchdringt. Haltungen darf man widersprechen, für die Menschen aber sollen wir nicht aufhören zu beten und ihre Person als solche zu respektieren.

Seid geduldig, wenn ihr Gott nicht versteht, nach Zeichen seiner Macht sucht, drauf pocht, dass euer Flehen und euer Gebet erhört wird, ihr aber nur Stille vernehmt, der Tod sich immer noch anmaßt, das letzte Wort zu sprechen.

Seid geduldig, wenn ihr im Widerstreit zwischen eurer Vernunft und eurem Gefühl feststeckt, wenn ihr mit euren Plänen scheitert, Hoffnungen platzen, Zeit verrinnt, Leben vergeht, Menschen euch enttäuschen.

Seid geduldig, wie der Bauer, der das Wachsen der Saat erwartet und doch Regen und Sonnenschein nicht machen kann und mit seiner Saat körperlich in der Hitze und Trockenheit leidet.
Seid geduldig und staunt, was am Ende wird – gegen alle Erwartung und gegen allen Augenschein.

Maria hat Monate auf ihr Kind gewartet, die Augen Simeons sind müde geworden ehe sie das Heil Israels erblickten, Generationen haben nach Zeichen der königlichen Herrschaft Gottes und seines Gesalbten gesucht, die Jünger Jesu haben die Nacht vor Tod gebangt und sind darüber eingeschlafen, am dritten Tag erst hat das Leben seine Macht gezeigt und der Auferstandene die Welt Gottes sichtbar und spürbar gemacht, der Sehnsucht nach ihr neue Hoffnung gegeben: nichts bleibt, nichts bleibt, wie es war…

Auch wenn Hannes Wader daran nicht gedacht hat – genau das ist Advent: Gott kommt, in der Dunkelheit scheint Sein Licht, ein Stern geht über allen auf, ein Kind ist uns gegeben, ein Immanuel, denn Gott ist mit uns, der Schrei „mein Gott, mein Gott“ geht nicht ins Leere, Herzen werden stark: das Kommen des Herrn ist nah. Und Gottes Geist vermag unseren ängstlichen, verstörten und ungeduldigen Herzen Kraft, Liebe und Besonnenheit schenken. So verwandelt sich die Welt heute schon zu Gottes neuer Welt, ehe dann ein neuer Himmel und eine neue Erde werden.

Amen

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