Ich habe für dich gebeten …

<i>[Wegen der Zwiesprache mit der Gemeinde halte ich diese Predigt nicht von der Kanzel sondern im Kirchenschiff. Jede/r Gottesdienstbesucher/in erhält eine Karte mit der Jahreslosung wie sie beim Rauhen Haus erhältich ist, ein Aquarell von Claudia Krug, Best-Nr. 13541-8. Dazu hängt bei uns in der Kirche ein großformatige Jahreslosung mit dem gleichen Bild.]</i>

Liebe Gemeinde,

ein buntes Bild halten Sie in den Händen. Es ist wieder eine Karte mit einem Gemälde zur Jahreslosung, dem Vers aus der Bibel also, der uns in diesem Jahr begleiten soll. „Ich habe für Dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre.“ (Lk 22,32) Auf dem ersten Blick ein freundliches und helles Bild, das von vielerlei farbigen Rechtecken unterteilt wird.

Ich möchte Sie einladen mit mir zusammen zu sammeln, was Sie darauf sehen <i>[zusammen mit der Gemeinde entdecken]</i>:

Sonne – Licht

Mond

Häuser

Kirche mit Häusern

Wasser

Felder

Feuer – rotes Feld

Blauweiße Felder – Luftgemisch

vier Elemente (Wasser, Feuer, Erde, Luft)

Hintergrund links hell

Dunkles Kreuz hinter der Kugel

Interpretation:

Gehen wir von dem oberen Drittel des Kreises aus: Am auffälligsten scheint mir der leudhtende Punkt zu sein mit den Kreisen drumherum. Diese brechen auch in andere Felder vor. Es ist wohl eine Lichtquelle, die in anderes hineinstrahlt. Es liegt nahe, diesen Lichtkreis mit der Sonne gleichzusetzen, die für die Welt der Menschen wichtig ist – sie strahlt die bunten Häuser an und erhellt den Himmel links von ihr. Genauso strahlt sie aber auch in das rechte Feld weiter, ich könnte mir vorstellen, dass es die reife Frucht auf den Feldern bedeutet – die Lebensgrundlage der Menschen. Darüber erstreckt sich verwinkelt der Nachthimmel und noch weiß-blaue Elemente, die mir vorkommen wie die Luft zum Atmen. Ganz links im oberen Kreis findet sich die Farbe rot. Die Farbe steht für die Liebe, für das Blut oder für das Element des Feuers.

Darunter im Mittleren Drittel des Halbkreises könnte man die vier Elemente nacheinander erkennen: zuerst link das blaue Feld des Wassers, dann das rote Feld für Feuer, das dunkelgrüne Feld für die grünende Erde, und zuletzt rechts am Bildrand, die Luft.

Das ist die Basis menschlichen Lebens, die reinen Elemente, die uns zur Verfügung stehen. Doch dieses dunkelgrüne Feld kann ich auch als blaugraues Feld bezeichnen, und es hat in mir sofort eine andere Assoziation ausgelöst: es hat mich an die Flutkatastrophe in Südasien erinnert. Das schmutzige Wasser, das alles mit sich reisst und zerstört, Häuser, Existenzen und Menschenleben. Mit etwas Phantasie könnten wir in den Formen auf diesem Feld die nebeneinander gesammelten Leichen der durch das Wasser Umgekommenen erkennen.

So würde dieses Bild eine Aktualität erlangen, die die Künstlerin bestimmt nicht beabsichtigt hat.

Gehen wir weiter in das untere Drittel des Halbkreises. Dort finden wir ähnliche Felder vor wie im oberen Drittel. Eine Ansammlung von bunten Häusern, vielleicht nicht so geordnet wie oben, dafür dichter gedrängt und mehr Häuser als oben. Und Ohne einen Kirchturm.

Daneben finden wir wieder die Elemente von Wasser, Erde, Luft und Feuer wieder. Warum sind die beiden Felder mit den Häuseren eigenltich voneinander getrennt? Hat jemand von Ihnen dazu eine Idee?

Von Rotem Feld getrennt – Liebe, Blut, aber auch: Zorn!, Wut! Und wenn wir uns die Welt anschauen, auf der wir leben, müssen wir immer noch feststellen, dass Nord und Süd voneinander abhängen, aber doch getrennt sind und gänzlich unterschiedliche Lebensbedingungen bieten: die nördliche Welt hat alles, auch das, was die südliche Welt zu bieten hat: ich nenne nur Früchte wie Annanas, Orangen, Papaya, Kaffee und Tee. Der Süden arbeitet und schifft die Nahrungsmittel zu uns in den Norden. Doch, tut uns Leid, die WELTMARKTPREISE SIND gerade gefallen, wir könne euch jetzt nur noch die Hälfte für euere Ernte geben! Wir würden ja gerne, aber versteht, wir machen die Weltmarktpreise nicht! Sie halten das für übertrieben, liebe Gemeinde?

Überlegen Sie was vor der Euro – Einführung ein Pfund Kaffee gekostet hat – wer weiss es noch – DM 11,99. Und heute? Bei Aldi 3,99 Euro? Der Nachmittag zum Thema Kaffee im Herbst ist mir nachhaltig in Erinnerung geblieben. Zur Zeit wird sowenig für Kaffee bezahlt, das kein Pflücker vor Ort davon leben kann, geschweige denn seine Kinder in die Schule geben kann. Nein, die müssen mithelfen Geld zu verdienen, sonst geht es überhaupt nicht. Welch ein Segen ist da der Fair gehandelte Kaffee, der garantierte Abnahmepreise garantiert, so dass die Pflücker und Kleinbauern vor Ort, investieren können, Kredite aufnehmen können, weil sie wissen, sie werden sie auch wieder zurückzahlen können. Und in vielen Gemeinden können Schulen entstehen und die Kinder etwas lernen, damit sie aus dem Kreislauf der Verarmung durch die Weltmarktpreise entkommen können.

Und Kaffee scheint mir nur ein Beispiel zu sein, woran es besonders deutlich wird. Nord und Süd – sind immer noch getrennt. Obwohl wir auch von den vielen Produkten aus dem Süden leben.

Ein rotes Feld trennt uns, das Blut der Unterdrückung? Oder der Zorn der Unterdrückten? Die Welt ist nicht heil, sondern zerrissen. Aufgeteilt in zwei Hälften. Vielleicht können wir mit unseren Kaufentscheidungen in diesem Jahr dazu beitragen, dass sie ein kleines Stück weiter zusammenwächst?! Das hängt von Ihnen und mir ab, liebe Gemeinde.

Und so haben wir den Halbkreis betrachtet, der einen Großteil des Bildes ausmacht. In seinen bunten und so verschiedenen Farben bildet er das Leben auf unserer Erde ab. Nicht zur Gänze, ein Teil des Planeten fehlt ja noch, aber doch einen erheblichen Teil denke ich, bildet dieses Bild die Bedingungen menschlicher Existenz und die Folgen menschlichen Handelns ab. Darüber hinaus sehen wir noch hell und dunkle Felder außerhalb des Kreises – systematisch geordnet – zu einem – Kreuz.

Die Querachse geht vom linken schwarzen oder dunkelblauen Feld über die vier Elemente nach rechts. Der Längsbalken geht von oberhalb des Bildes mit dem Kirchturm hinunter über das rote Feld hin zu den engen Häusern und darüber hinaus in das weitere dunkle Feld über. Bedrohend oder Tröstlich?, so stellte ich mir die Frage.

Zum einen bedrohend, weil verdeckt, man sieht nicht vollständig was von der Welt verborgen wird. Und es ist dunkel vor einem hellen Hintergrund. Und irgendwie macht es das bunte und helle Bild des Erdkreises merkwürdig ambivalent. Das dunkle lauert im Hintergrund. Ja es geht ja durch die Welt hindurch, unterteilt die Felder mit seinen Querlinien fast unmerklich, aber wenn man den Blick darauf richtet, sieht man es sofort!

So ist es, liebe Gmeeinde, das Leid gehört zur Welt dazu. Ja das Leid ist fast ein Charakteristikum dieser welt, zumindest ist alles – und mag es noch so schön und freundlich, so bunt und schön anzusehen erscheinen, alles ist vom Leiden still durchdrungen. Selbst die Sonne wird von den Querbalken des Kreuzes unterbrochen. Es gibt nichts was einfach nur unbeschwert sein könnte in dieser Welt. Dafür ist sie zusehr vom Dunklen, vom Tod durchdrungen.

Und so wäre das Fazit beinahe ein düsteres. Doch hinter dem Kreuz, liebe Gemeinde, wird es hell. Links oben und Links unten sehen sie es hellblau, beinahe neutral, aber eben doch: hell. Das Kreuz füllt nicht den ganzen Hintergrund aus, sondern das Helle überwiegt. Das Leid behält nicht das letzte Wort, so vermag es uns der Glaube zu sagen: Christus stirbt am Kreuz, doch nach drei Tagen wird er auferstehen. Davon, von dieser Zusage leben wir als Christen!, liebe Gemeinde.

Gott ist größer als menschliches Leid, größer als das Leiden und Sterben seines Sohnes. Er geht darüber hinaus und das ist der Grund, warum wir nicht depressiv diese Welt anstarren sollen! Ja, wir merken es, was der christliche Glaube auch weiß und mit dem Begriff der „Verfallenheit an die Sünde“ bezeichnet: wir merken es, diese Welt ist schön, aber sie ist der Vergänglichkeit unterworfen, unser Körper ist dem Sterben geweiht, das gilt für jedes Kind, das wir in den Händen halten, wir wissen und müssen es erfahren, das Leiden dieser Welt, die Verfallenheit an den Tod, und das Getrenntsein voneinander bestimmen dieses Leben.

Doch Gott ist größer als diese Welt, Jesus sagt: in der Welt habt ihr Angst, aber siehe, ich habe die Welt überwunden. Gott hat die Verfallenheit dieser Welt überwunden und daran sollen wir uns halten. Das ist christlicher Glaube: nicht die Augen verschließen vor den Gefahren und dem Leiden dieser Welt, zu helfen wo es geht – aber dennoch festzuahten an dem Glauben, dass Gott das letzte Wort sprechen wird, nicht das Leiden dieser Welt. Sondern Gott in der Welt, die über die unsrige hinausragt.

Das ist Inhalt christlichen Glaubens, daran sollen wir uns halten, oder wie es die Jahreslosung uns als Worte von Jesus Christus mitgibt: Ich habe für dich gebeten, dass sein Glaube nicht aufhöre. Denn dieser Glaube, der an das Kreuz in dieser Welt sieht, aber an das Licht dahinter glaubt, dieser Glaube verändert die Sicht auf die Welt an sich. Denn das Licht hinter dem Kreuz lässt die Welt nicht nur vom Kreuz bedroht erscheinen, sondern auch durch das Licht dahinter geborgen sein. Aber das, liebe Gemeinde, das können wir nur im Glauben erfassen:

Gott gebe uns diese Zuversicht im Glauben, er bete für uns, dass unser Glaube nicht aufhöre.

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