Ich freue mich, dass du kommst (Pred 3,1+2.4-12)

Pred 3,1+2.4-12
[1] Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: [2] geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; [3] töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit; [4] weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit; [5] Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit; herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine Zeit; [6] suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit; behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit; [7] zerreißen hat seine Zeit, zunähen hat seine Zeit; schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit; [8] lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit; Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit. [9] Man mühe sich ab, wie man will, so hat man keinen Gewinn davon. [10] Ich sah die Arbeit, die Gott den Menschen gegeben hat, dass sie sich damit plagen. [11] Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende. [12] Da merkte ich, dass es nichts Besseres dabei gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben.

Liebe Familie N.N., liebe N.N., alle Angehörigen, werte Trauergemeinde!

Es gibt Zeiten und Stunden und es gibt Wege in unser aller Leben, die uns allen sehr viel abverlangen. Diese Erfahrung haben Sie, liebe Angehörige, in den letzten Wochen und Tagen machen müssen. Ein jeder von Ihnen auf die je eigene Weise und mit der Kraft, die ein jeder hat. Das ist eine Erfahrung, die man besser nicht machen möchte, so etwas wünscht man sich nicht, aber Sie spüren es sicherlich ganz gut, Sie sind dem ausgeliefert.

Wie mag es Ihnen jetzt in dieser Stunde wohl gehen, werde ich Sie überhaupt erreichen können mit dem, was ich auf dem Herzen habe und was ich Ihnen mitteilen möchte?

Ich weiß es nicht, ich kann mir nur wünschen, dass Sie ein Quäntchen von dem mitnehmen können, was heute gesagt wird.

N.N. ist tot. Mit dieser Feststellung und dieser Einsicht müssen Sie alle seit dem 14. September leben und – das ist nun das Schwierige an diesem Umstand – Sie alle müssen mit diesem Umstand leben lernen. Das ist sicherlich eine der schwersten Lektionen, die uns erteilt werden kann, das ist mit das Bitterste, was Menschen zugemutet werden kann. Ich würde das nicht sagen, wenn ich es nicht aus eigener Erfahrung wüsste. Wie ist das nun mit der Trauer, in der Sie alle bis zur Halskrause stecken?

Lassen Sie es mich so sagen: Mit der Trauer ist es wie mit einem Haus, durch das hindurchzugehen, wir genötigt werden. Und zwar müssen wir einmal durch jenes Haus gehen, in dem sich mehrere Räume befinden. Manche Räume stehen sperrangelweit auf. Sie sind lichtdurchflutet und aus ihnen kommt Musik, heitere Musik, Tanzmusik. Das sind dann die Räume, die Sie als engste Angehörige mit schönen Erinnerungen verbinden. Es fällt leicht, diese Räume zu betreten und da zu sein.

Leichter jedenfalls als die anderen Räume, Räume in denen es kalt ist, in denen wir spüren, dass wir leicht eine Gänsehaut bekommen und da fühlen wir uns nicht so gut. Aber auch diese Räume, in denen es nach Krankheit und nach Medikamenten riecht, gehören zum Trauerhaus dazu. Diese Räume wollen auch von Ihnen wahrgenommen und durchschritten werden. So ein Gang durch das Haus des Trauerns dauert seine Zeit, so etwas schafft man nicht an einem Tag und auch nicht in einer Woche. Nur ein Fehler sollte nicht gemacht werden. Sie sollten sich nicht sagen: Das ist mir alles viel zu grausam, das will ich nicht. Denn wenn Sie so verfahren, dann bringen Sie sich um die Erfahrung, in und an der Trauer wachsen zu können. Wenn Sie, liebe engste Angehörige, dieses Trauerhaus nicht betreten, und Raum für Raum durchschreiten, dann bringen Sie sich um die Erfahrung, was es heißt, den Menschen loszulassen, den wir nicht halten können.

Seien Sie ohne Sorge, Sie alle sind bei diesem Gang durch das Haus des Trauerns nicht alleine, Sie sind ebenso wenig alleine, wie es unsere Verstorbene in der Stunde Ihres Sterbens war. Denn, nicht wahr: es gibt ja weitaus mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen wir nichts wissen und von dem auch unsere Bildung kaum zu träumen wagt. Ich bin davon überzeugt, dass unsere Verstorbene nicht alleine war, denn Gott war da. Und so ist es auch wenn wir trauern: Gott, den wir nicht sehen, der uns aber sieht, ist da und weiß, was wir brauchen.
Übrigens auch jetzt in dieser Stunde.

Lieber N.N., Sie müssen heute Ihre liebe Frau loslassen und das ist besonders bitter, denn 10 Jahre waren Sie mit unsere Verstorbenen verheiratet und sicherlich haben Sie damals, als sie die Ehe mit ihr eingingen, gehofft, dass Ihnen auf lange Sicht Glück beschieden sei. Das hoffen alle, die heiraten, aber bei Ihnen war es damals noch etwas anders, denn Sie hatten ja schon mal einen Verlust auf ganz tragische Weise hinnehmen müssen. Diese Zeit, die jetzt vor Ihnen liegt wird nicht leicht werden aber ich weiß, dass ganz viele aus Fuhrberg, Sie gedanklich und auch ganz praktisch begleiten. Das sind wahre Freunde, die einem in solcher Not beistehen und nicht weggucken.

Und auch für Euch, die Kinder und Schwiegerkinder, wird es eine Zeit sein, die euch manches Mal ins Grübeln und Nachdenken bringen wird, aber es ist die Zeit des Wachsens und Reiferwerdens. Wer durch die Trauer hindurchgekommen ist, ist ein anderer, hat sich verändert und kann mit dem eigenen Leben und den damit verbundenen Fragen besser umgehen.

Und ich sehe Sie, lieber N.N., Sie wissen wie das Leben ist, eben aus eigener Erfahrung und auch für Sie wird es gut sein, sich dem zuzuwenden, der unser Leben in seiner Hand behält, sei es im Leben oder im Sterben. Sie wissen gut, wie ich das meine.

Unsere Verstorbene war jemand, der lebensbejahend war, ja, man kann sagen bis zum Schluss. Sie hat so gerne getanzt, Sie hatte Freude an der Musik und war den schönen Dingen des Lebens zugetan. Überall in Ihrer Wohnung in der Celler Straße 13 werden Sie Spuren davon immer wieder neu entdecken. Geboren wurde unsere Verstorbene am 18. Januar 1949 in Metel, einer Ortschaft in der Nähe von Neustadt am Rübenberge. In den Nachkriegsjahren wuchs sie auf, sie hat also früh gelernt, was es denn heißt, sich in Bescheidenheit zu schicken. Die Lehre als Hotelfachfrau, die sie begonnen hatte, musste Sie aus gesundheitlichen Gründen abbrechen. Sie besuchte die Handelsschule, absolvierte danach eine kaufmännische Ausbildung und war 18 Jahre bei Rosenthal beschäftigt. Unsere Verstorbene hatte Sinn für Familie und sie hat es sich so sehr gewünscht, wenigstens die Geburten des zweiten und dritten Enkelkindes zu erleben. „Ach, Herr Pastor, wenn ich das noch erleben könnte…“, so hatte sie es zu mir gesagt, als ich an ihrem Krankenbett saß. Unsere Verstorbene – ich werde das Gespräch mit ihr so schnell nicht vergessen – war eine tapfere Frau, bis zum Schluss, sie wollte leben, sie wollte eine Perspektive für sich und auch für Sie, liebe Angehörige, aber die Krankheit war schlimmer und stärker, als es viele wussten oder auch wahrhaben wollten.

„Wie wird es sein, wenn ich sterbe?“, so hat sie mich gefragt. Ich habe geantwortet: „ Eines kann ich Ihnen sagen: Gott wird Sie nicht alleine lassen.“ Und danach haben wir zusammen gebetet und ich habe ihr die Hände aufgelegt und den Segen Gottes zugesprochen.

Ich wünschte, Sie hätten dabei sein können, dann hätten Sie das gesehen, was ich sah: Diese Erleichterung auf dem Gesicht, dieses schöne Funkeln in den Augen. Als wir Auf wiedersehen gesagt haben, hielt sie meine Hand und ich habe ihr noch mal übers Gesicht gestreichelt.

Die Perspektive, liebe Trauergemeinde, die unsere Verstorbene sich gewünscht hat, ist ihr in diesem Leben so nicht mehr geschenkt worden, aber dafür hat sie jetzt eine Perspektive, die ihr nichts und niemand streitig machen kann. Das ist gut so, sehr gut sogar.

Liebe Trauergemeinde, bitte hören Sie auf Worte aus der Heiligen Schrift. Ich lesen ein Stückchen Weisheitsliteratur, und zwar aus dem Prediger aus dem 3. Kapitel in Auswahl:

[TEXT V. 1-12]

Liebe Trauergemeinde,
also, das kennen Sie, zumindest den ersten Teil der Aufzählung, alles in unserem Leben hat einen Anfang und ein Ende. Und wenn das Leben lange währt, dann sind es 70 oder 80 Jahre; bei unserer Verstorbenen hat es nicht einmal so lange dauern dürfen.

In der Aufzählung fehlt das, was unsere Verstorbene gerne getan hat, nämlich das Tanzen. Dieses durch Bewegung zum Ausdruck bringen der Lebensfreude, war ihr wichtig, wir sagten es bereits eingangs.

Ich denke, dass wir das auch brauchen: Es zum Ausdruck bringen, wie es uns geht: Wer traurig ist, der weint oder ist in sich selbst verkrümmt. Wer glücklich ist, der kann das durch Lächeln oder durch Lachen zum Ausdruck bringen.

In der Mitte leben, traurig und glücklich sein und es auch zeigen können, das ist das, was ich Ihnen, liebe Angehörige, wünsche. Dass sie bei sich selbst auch zu Hause sind und dem einmal nachspüren, wie sie empfinden. Sehen Sie, eines steht fest, diese Zeit, die Sie vor sich haben, ist schwer. Das weiß ich gut, aber sie sind dabei nicht alleine, denn:

[TEXT V. 11-12]

Hier können wir aufhorchen. Gott alleine kennt Anfang und Ende. Und er kennt eben auch dieses Gefühl, das sich einstellt, wenn wir in der Trauer stecken.

Gottes Sehnsucht ist der Mensch, so heißt es bei Augustinus und wenn ich mich diesem Satz anschließe und ihn erweitere, komme ich nicht umhin, Ihnen allen zu sagen: Gottes Sehnsucht sind Sie, bist Du und ich. Gottes Sehnsucht sind Sie, die Sie für Ihre Trauer gar keine Worte wissen. Gottes Sehnsucht sind wir seine Geschöpfe und zwar nicht nur zu bestimmten Zeiten, sondern vom Anfang des Lebens bis zum Ende. Und Ende meint das Ende dieses zeitlichen Lebens, das aber gleichzeitig der Anfang des ewigen Lebens sein soll. Nur der Glaube, dieser ewig währende Versuch des Menschen in Gottes Nähe zu sein, kann uns den Schlüssel für das ewige Leben geben.

Sehen Sie, liebe Trauergemeinde, Jesus sagt zu seinen Jüngern:

14,1 Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott
und glaubt an mich! 14,2 In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen.
Wenn’s nicht so wäre, hätte ich dann zu euch gesagt: Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten? 14,3 Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu
bereiten, will ich wieder kommen und euch zu mir nehmen, damit ihr seid, wo ich bin.

In diesen Worten wird nun das gesagt, was wir alle brauchen: Eine Perspektive. Eine Perspektive für die Lebenszeit, die wir noch haben und von der Gott alleine weiß, wie lang sie noch währt. Und gleichzeitig ist es die Perspektive für das Ende.

Hier leben mit allem was grausam ist, aber und erst recht mit allem, was auch schön ist um am Ende den schauen zu dürfen, der eine Sehnsucht nach uns in sich trägt. Gottes Sehnsucht ist der Mensch.

Das gilt auch für unsere Verstorbene. Sie wird nicht verloren gehen. Für sie gilt der Zuspruch Jesu, dass sie bei Gott sein wird. Dort, wo es keine Krankheiten gibt, keine Schmerzen und keine Tränen.

Nein, unsere Verstorbene geht nicht verloren, sie ist bei Gott in guten Händen, denn Gott spricht zu ihr: Ich freue mich, dass Du kommst.

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