Ich bin dann mal weg …

Liebe Gemeinde!

„Ich bin dann mal weg“ – so lautet der fast sprichwörtlich gewordene Titel des Buches, das im vorletzten Jahr erschien und das der bekannte Fernsehentertainer, Moderator und Schauspieler Hape Kerkeling hat. „Ich bin dann mal weg“. Darin beschreibt er seine Pilgerreise durch Nordspanien, seine sechswöchige persönliche Auszeit auf dem alten Pilgerweg, dem Camino, zum Grab des Apostel Jakobus in Santiago de Compostella.

„Ich bin dann mal weg.“ Das ist ein kurzer Abschiedsgruß – so kurz und bündig, wie man es schon einmal auf einen Zettel schreibt, den man auf den Küchentisch legt, um den anderen Familienmitgliedern zu mitzuteilen, dass man noch ganz schnell irgendeine Besorgung machen oder etwas erledigen möchte – und dann bald wieder da ist. „Ich bin dann mal weg“ – das ist eines jener Abschiedsworte, die unausgesprochen andeuten: „Ich komme wieder.“

Im Neuen Testament, das übrigens auch wieder Hape Kerkeling zu lesen begonnen hat, finden wir in den Kapiteln 13-16 die sog. „Abschiedsreden“, eine Zusammenstellung von wichtigen Worten Jesu, die vielen von uns bekannt sein dürften. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben, steht u.a. darin, oder auch: Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Im wahrsten Sinne des Wortes wegweisende Worte stehen darin, wie z.B.: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“. Oder: „In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen. Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, will ich wiederkommen und euch zu mir nehmen, damit ihr seid, wo ich bin“. Und schließlich auch jener Satz, den wir schon zu Beginn des Gottesdienstes als Jahreslosung für dieses neue Jahr 2008 gehört haben: Ich lebe, und ihr sollt auch leben.

„Ich bin dann mal weg“ –so könnte man etwas salopp auch das umschreiben, was Jesus in den Abschiedsreden seinen Jüngern andeutet, wenn er von seinem Tod und seiner Auferstehung spricht. Solche Sätze hörten die Jünger aber offensichtlich nicht gerne – und wir hören sie auch nicht gerne. Weder jene Sätze, in denen uns angekündigt wird, dass jemand für eine gewisse und doch ungewisse Zeit weggeht, wegfährt und uns allein zurücklässt, noch solche Sätze, in denen etwa ein schwer kranker Mensch von seinem Sterben redet. Trotzdem ist es immer beeindruckend, wenn sich jemand sehr bewusst und klar verabschiedet – sei es vor einer Reise oder aber vor dem Tod. Wenn ich mich von jemanden verabschiede, dann heißt das: Ich kann persönlich nicht mehr bei dir sein, wir werden uns nicht mehr sehen – für welchen Zeitraum auch immer – doch es bleibt eine ganz bestimmte Verbindung, in Gedanken oder wenigstens in der Erinnerung. Und im Blick auf die Abschiedsworte Jesu wäre zu ergänzen: Es bleibt die Verbindung im Glauben. Oder noch anders ausgedrückt: Der Glaube ist das, was bleibt, auch wenn Menschen sich trennen und wenn sie sterben müssen.

Ich lebe und ihr sollt auch leben. Das sind im Grunde genommen keine Abschiedsworte, sondern diese Worte enthalten ein Versprechen, und zwar in großer Gewissheit. Wir sehen uns bestimmt wieder, so sagen wir bei einem Abschied wohl auch, doch so ganz sicher können wir uns da nicht sein. Manchmal können wir Menschen ein solches Versprechen gar nicht einhalten, bisweilen wollen wir das auch gar nicht – und dann ist ein noch so höfliches „Auf Wiedersehen“ mit dem geheimen Wunsch verbunden, man möge sich in Zukunft lieber nicht mehr begegnen.

Jesus dagegen versucht es seinen Jüngern deutlich zu machen, dass auch noch so Schlimmes und Grausames, wie es ihm und später auch den Jüngern bevorsteht, sie auf Dauer nicht voneinander trennen kann – und nicht von der Liebe Gottes, und nicht von dem, worauf sich diese Liebe bezieht: Auf das Leben.

Ich lebe und ihr sollte auch leben. Ich habe diesen kurzen Satz schon als Kind auf alten Grabsteinen gesehen. Ich habe ihn zunächst missverstanden. So, als ob der Verstorbene zu mir und den anderen, die an diesem Grabstein standen, also zu den noch Lebenden, dies sagen würde: Ich lebe, und ihr sollt auch leben. Ganz verstanden habe ich das natürlich nicht. Später, als ich dann wusste, dass es Worte Jesu sind, habe ich sie als Grabinschrift immer als etwas Trotziges empfunden, als etwas, was dort auf dem, Friedhof man einem Grab dem Tod ins Gesicht geschleudert wird: Du, Tod, magst ja diese Menschen geholt haben, aber ich bin stärker. Und alle Menschen sollen das wissen. Ich lebe und ihr sollt auch leben.

Ja, nicht nur etwas Verheißungsvolles, sondern auch etwas Trotziges hat dieser Jahreslosung für uns am Beginn eines neuen Jahres, von dem wir alle miteinander noch nicht wissen, was es uns bringen wird, und über wir zu Beginn des nächsten Jahres hier wieder werden zusammenkommen können. Worauf können wir das verlassen, und wovon hängt das ab? Es gibt Prognosen aller Art, persönliche und politische – und wir wissen doch, dass sie Wünsche sind, die sich oft nicht erfüllen, und Pläne, die allzu schnell zunichte gemacht werden können. Es gibt Menschen, die sich auf Horoskope verlassen und auf Wahrsagerei, und werden dann doch im Laufe des Jahres die Erfahrung machen müssen, dass sie in Wahrheit von allen guten Geistern verlassen waren, als sie sich auf so etwas einließen.

Wer sich dagegen auf eine Jahreslosung als Motto für ein neues Jahr einlässt, beschreitet einen ganz anderen Weg. Einen Weg nämlich, der nicht in eine Illusion führt, der einen nicht von der Wirklichkeit fernhält, sondern im Gegenteil die Wirklichkeit, die Realität eines ganzen Jahres prägen und damit auch verändern kann. Ob wir resigniert sagen: Ach, wer weiß, was das neue Jahr bringt? Sicherlich nichts Gutes – der wird ganz anders in die kommenden Wochen und Monate hinein gehen und wird seinen Mitmenschen ganz anders begegnen als jemand, der sich jeden Tag sagen lässt: Ich lebe und ihr sollt auch leben.

Ich denke an Menschen, die krank sind, die vielleicht eine Operation vor sich haben, oder die sich mit einer langen Leidenszeit abfinden müssen, die zum Pflegefall werden oder schon geworden sind. Sie werden und müssen sich auf das verlassen können, was Ärzte und Pflegedienste ihnen sagen und mit ihnen und für sie tun. Doch wenn über all dem die Verheißung Jesu steht: Ich lebe und ihr sollt auch leben – dann kann das ungeheure Kräfte mobilisieren, solche Kräfte, wie sie mit keinem Medikament zu erreichen sind – und es sind Kräfte, die ohne Risiken und Nebenwirkungen wirksam sind. Wirksam im Leben und auch über die Grenze des Lebens hinaus. Davon redet Jesus, und darauf können sich diejenigen verlassen, die seinen Worten Vertrauen schenken.

Ich lebe und ihr sollt auch leben: Ich denke in diesem Augenblick an die Menschen, die im neuen Jahr vielleicht vor großen Herausforderungen und Veränderungen stehen. Auch von solchen werden welche unter uns sein oder in unserem Umfeld. Herausforderungen und Veränderungen machen Angst, sie bringen Menschen dazu zu fragen: Werde ich das auch schaffen? Während in dieser Frage vielleicht schon Resignation steckt, Menschen unschlüssig machen und lähmen kann, können Christen diese Frage anders stellen und zugleich schon beantworten, nämlich so: Wie werde ich das schaffen? Mit Gottes Hilfe! Das ist keine Selbstbestätigung, keine Selbstsuggestion, wie man auch sagen könnte, sondern das ist uralte Erfahrung on Menschen, die sie uns seit biblischen Zeiten weitergegeben haben: Dass nämlich derjenige, der auf Gott vertraut, ganz anderes durchs leben gehen kann, als jemand, der nur die Begrenztheit der eigentlichen Möglichkeiten sieht oder sich als total abhängig von anderen Menschen und Verhältnissen erlebt. Dem allem, diesem undurchdringlichen und unüberschaubaren Dickicht von Möglichkeiten und von Scheitern steht das befreiende Wort Jesu vom Leben entgegen, vom Leben mit allen seinen Möglichkeiten, vom Leben als Geschenk Gottes, vom Leben, dessen Chancen wir nutzen können und dessen Verlauf und Ende wir ohnehin nicht in der Hand haben, sondern getrost in Gottes Hände legen können.

Ich lebe und ihr sollt auch leben. Ich denke an alle, die gerade zur Jahreswende nachdenklich werden, die im Rückblick auf das vergangene Jahr ganz allgemein fragen: Was war da alles wieder los? Und die im Blick auf das neue Jahr fragen: Was wird es uns bringen? Ich denke an die Verantwortlichen in der Politik, in der Wirtschaft, in den Medien, in den Kirchen, den Kindergärten und den Schulen. Bei diesem Blick zurück und nach vorne kann einem auch immer wieder Menschen angst und bange werden, und ich erlebe es momentan so, dass sich bei vielen Menschen eine Mischung aus Ratlosigkeit und Ärger breit macht, im Blick auf so manches, was immer schwieriger erscheint oder scheinbar schlechter wird als besser. Ob es wohl daran liegt, dass wir Menschen dabei die Ziele aus den Augen verlieren, das, worum es geht? Es geht doch bei allem, was wir planen und tun können, darum, dass gerechte Verhältnisse herrschen, ja das alle Menschen angemessen und fröhlich gut leben können.

Leben und leben lassen, so sagen wir dann, doch das kann schon wieder leicht einschränkend oder gleichgültig klingen. Das, was Jesus sagt, klingt dagegen ganz anders und öffnet unseren Blick ganz weit: Ich lebe und ihr sollt auch leben. Weil ihm, Jesus, nach Gottes Willen selbst der Tod nichts anhaben konnte, darum sollen auch wir in Gewissheit und mit Würde leben können nd andere Menschen leben und sich entfalten lassen. So wie es Gottes Willen entspricht. Und wenn auch schon die Zeit und die Möglichkeit unseres Lebens begrenzt ist und begrenzt bleibt, sollten wir uns dadurch nicht irre machen lassen. Der uns gesteckte Rahmen wird durch den geöffnet, der uns auch jenseits der Grenze unseres Lebens nahe bleibt und nicht fallen lässt: Jesus Christus.

Noch ein letztes Mal seine Worte, jener Satz, der uns durch das Neue Jahr leiten soll: Ich lebe und ihr sollt auch leben. Wenn man so will, dann fehlt diesem Satz, so wie wir sie auf Kalendern und Postkarten abgedruckt ist, ein wichtiges Wort. Vielleicht sogar das wichtigste Wort. Der Satz, aus dem die Losung stammt, beginnt nämlich mit dem Wörtchen „Denn“, oder aus der griechischen Sprache noch genauer übersetzt, mit dem Wörtchen „Weil“: Weil ich lebe, sollt ihr auch leben, oder: Weil ich lebe werdet auch ihr leben. Mit anderen Worten: Weil Jesus Christus zu uns in die Welt gekommen ist, durch Leben und Tod hindurchgegangen ist, darum haben wir die Chance, unser Leben zu begreifen und zu gestalten, in aller Begrenztheit und Vorläufigkeit; und wir haben die Verheißung jenes Lebens, das auch dann bestehen bleibt oder auf uns zukommt, wenn wir uns einmal von dieser Welt verabschieden müssen.

„Ich bin dann mal weg“ – das müssen für uns keine Abschiedsworte sein. Sie passen ohnehin nicht zum Neubeginn am Neujahrstag. Es sind Worte, die einen neuen Anfang, eine Kehrtwendung markieren, so würde es vielleicht Hape Kerkeling sagen. Aber auch wenn es nicht der steinige, mühsame Jakobsweg ist, der nun vor uns liegt, sollten wir uns doch jetzt miteinander auf den Weg machen. Auch der Weg durch das Jahr 2008 wird streckenweise vielleicht steinig und mühselig sein – so wie er in den bisherigen Jahren auch war – aber Richtung und Begleitung, Stütze und Ermutigung sind uns durch den gegeben, der uns sagt: Ich lebe und ihr sollt auch leben.

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