Hoffnungs-Menschen

(mit ein bisschen Kathrin Oxen)

Die Haare sind grau und kurz geschnitten. Eine praktische Frisur, so wie die Frau, die sie trägt. 83 Jahre alt, der Mann ist lange tot, Kinder haben die beiden leider nie gehabt. Sie haben sich damals schweren Herzens damit abgefunden. Haben sich arrangiert. Heute hält sie den Kontakt zur Außenwelt per Telefon, schreibt Briefe an ihre noch lebenden Freundinnen. Manche finden das vielleicht ein bisschen altmodisch, aber so ist sie nun mal. Mit dem Internet kann sie nichts anfangen. Gekonnt zündet sie die Kerzen am Adventskranz an. Bald leuchten alle vier Kerzen. Sie greift nach der Kaffeekanne, schenkt uns ein, schneidet ein Stück vom Stollen ab und pustet den Puderzucker vom Tisch.
So feiert sie den 4. Advent. So hat sich auch schon den 3., den 2. und den 1. gefeiert.

Das ist ein Stück aus unserer Wirklichkeit. Grauhaarige Frauen und Männer, alleine vor ihrem Adventskranz, gibt es landauf, landab. Das ist ein Stück der harten Realität, nicht erst im Lockdown. Ein Mensch seit Jahren allein. Nur einmal am Tag schaut die Pflegerin vom ambulanten Dienst vorbei und hilft beim Anziehen der Stützstrümpfe. Ab und an klingelt der Postbote und bringt ein Päckchen und auch die Nachbarin meldet sich immer wieder mal zu einem kleinen Plausch an.

Und der HERR erschien Abraham im Hain Mamre, während er an der Tür seines Zeltes saß, als der Tag am heißesten war. 2 Und als er seine Augen aufhob und sah, siehe, da standen drei Männer vor ihm. Und als er sie sah, lief er ihnen entgegen von der Tür seines Zeltes und neigte sich zur Erde. (…) 9 Da sprachen sie zu ihm: Wo ist Sara, deine Frau? Er antwortete: Drinnen im Zelt. 10 Da sprach er: Ich will wieder zu dir kommen übers Jahr; siehe, dann soll Sara, deine Frau, einen Sohn haben. Das hörte Sara hinter ihm, hinter der Tür des Zeltes. 11 Und sie waren beide, Abraham und Sara, alt und hochbetagt, sodass es Sara nicht mehr ging nach der Frauen Weise. 12 Darum lachte sie bei sich selbst und sprach: Nun, da ich alt bin, soll ich noch Liebeslust erfahren, und auch mein Herr ist alt! 13 Da sprach der HERR zu Abraham: Warum lacht Sara und spricht: Sollte ich wirklich noch gebären, nun, da ich alt bin? 14 Sollte dem HERRN etwas unmöglich sein? Um diese Zeit will ich wieder zu dir kommen übers Jahr; dann soll Sara einen Sohn haben. 15 Da leugnete Sara und sprach: Ich habe nicht gelacht –, denn sie fürchtete sich. Aber er sprach: Es ist nicht so, du hast gelacht. (Genesis 18,1-2.9-15)

Abraham und Sara, er ist 100 und sie ist 90 Jahre alt. Beide haben viel zu viel erlebt, als das das Leben sie noch einmal überraschen könnte. Dafür haben sie es sich schön gemacht. Haben sich eingerichtet, dort im Hain bei Mamre und sitzen, an ihrem Lebensabend, im Schatten ihrer Bäume und warten ab. Was soll noch kommen, jetzt am Ende ihres Lebens?!

Was soll noch kommen? Vielleicht ist dieser Gedanke noch gar nicht verklungen, da kommt Hektik in ihren sonst so gleichförmigen und ruhigen Alltag. Plötzlich ist Besuch da und der muss bewirtet werden. Und als alles aufgetischt ist, und die Gäste gegessen haben, platzt in die beschauliche Idylle die unglaubliche Ankündigung.
Sara wird ein Kind bekommen, sagt einer der Gäste. Als sie das hört, muss sie lachen. Verstehen Sie Sarah bitte nicht falsch: Das ist kein Auslachen, eher ein Verlegenheitslachen. Wie ungläubig staunend: Mit 90 noch einmal ein Kind bekommen? Das muss ja wohl ein Witz sein.
Vielleicht hat Sara in dem Moment des Lachens kurz zu Abraham rüber geschaut. Zu ihrem alten Mann, sie selbst eine alte Frau. Ist das die Möglichkeit? Gibt es diese Art Hoffnung in den letzten Tagen?
Sara will nicht spotten – es ist nur, sie kann es sich nicht vorstellen. Sie ist ihrem Gott treu, auch wenn sie sich nicht vorstellen kann, was er da behauptet. Ganz im Gegenteil, sie bleibt Gott verbunden, auch wenn sie seine Aussage amüsiert.

Graue Haare und am Adventskranz leuchten vier Kerzen. So sitzt sie seit Jahren schon zuhause. Aber sie ist nicht bitter. Genauso wie Sarah nicht bitter ist.
Sie wird auch dieses Weihnachten alleine verbringen. Ihre eingeübten Abläufe helfen ihr dabei. Am späten Nachmittag wird sie eine Freundin anrufen. Danach eine Suppe essen und dann den Gottesdienst im Fernsehen anschauen.
Die einsamen Jahre haben sie geprägt. Und der zweite Lockdown macht ihr zu schaffen. Sie sorgt sich um ihre Lieben, um ihre Freundinnen und um die Pflegekraft. Sie lacht nicht bitter angesichts dieser Wirklichkeit, die viele Möglichkeiten erstickt. In die Kirche hätte sie eh nicht gehen können. Aber sie weiß, dass viele das schmerzlich vermissen dieses Jahr.

Und Gott? Immer wieder gibt es Jahre des Wartens, dunkle Zeiten ohne Nähe und (Körper-)Kontakt. Zeiten, in denen einem jedes Lachen im Halse stecken bleibt, weil die Intensivstationen der Krankenhäuser voll sind mit Menschen, die nicht mal mehr genug Luft zum Atmen kriegen.
Was soll noch kommen?
Gottes Versprechen auf Erlösung, auf Hoffnung, stößt sich an dieser rauhen Wirklichkeit. Damals im Hain von Mamre und jetzt, im zweiten Lockdown.
Wir erleben in diesen Tagen etwas davon. Wir sehen, wie schwer es uns fällt angesichts der Lage von Hoffnung zu reden und nicht aufzugeben. Aber wir Christinnen und Christens sind doch Hoffnungs-Menschen. Wir sind die, die an eine Zukunft glauben. Genau wie Sarah und Abraham.
In der Wohnung der alten Frau ist es dunkel geworden. Unsere Kaffeetassen sind leer, der Stollen ist gegessen. Auf der Suche nach Trost in der Dunkelheit sehe ich Sarah und Abraham dort im Hain bei Mamre sitzen, an ihrem Lebensabend, im Schatten ihrer Bäume. In Sarahs Armen ein Kind. Hoffnung.
AMEN

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