Hoffnung

"Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen." Das hat einmal ein berühmter Philosoph gesagt (Ludwig Wittgenstein, 1889-1951, Tractatus logico-philosophicus, Frankfurt 4/1988, S.85). Ich glaube, über das, was am Ostermorgen in der Nähe Jerusalems im Grab Jesu passiert ist, kann man tatsächlich nicht sprechen. Man kann sich die ganze Geschichte anhören, so, wie sie von den Evangelisten überliefert wurde und wie wir sie ja eben auch gehört haben. Und dann …? Tja dann glaubt man daran oder eben nicht – so einfach ist das.

Die Frage, die sicher auch in diesem Kirchenraum schwebt, ob sich das denn damals wirklich alles so zugetragen habe und wenn ja, wie man sich das erklären solle, die verstehe ich zwar sehr gut, ich kann ihnen darauf aber keine Antwort geben – denn – wie schon gesagt – sie fordert eine persönliche Glaubensaussage. Die verrate ich ihnen auch gerne, nur: hilft ihnen das weiter?

"Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen." Soll ich also jetzt einfach die Bibel zuschlagen, das nächste Lied anstimmen lassen und mich wieder auf meinen Platz setzen? Ludwig Wittgenstein würde das sicher gefallen. Aber so einfach will ich es dann doch nicht weder ihm noch ihnen und schon gar nicht mir selbst machen. Was tue ich dann aber hier vorne?

<i>[Pfr. greift in die Tasche und nimmt eine Uhr heraus.]</i>

Also, normalerweise nehme ich keine Uhr mit in den Gottesdienst. Mir hat nämlich mal jemand gesagt, dass Gottesdienst etwas mit Ewigkeit zu tun habe, und da macht eine Uhr wenig Sinn. Seitdem lege ich vor dem Gottesdienst grundsätzlich immer meine Uhr ab, die ich bei mir habe. Denn wo sonst wenn nicht hier darf man sich ruhig einmal Zeit lassen …

Heute habe ich eine Ausnahme gemacht. Denn ich möchte ihnen eine Minute Bedenkzeit schenken – genau eine Minute, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Worüber sie nachdenken sollen? Natürlich über Ostern, dafür sind sie ja schließlich hier! Damit sie mich nicht falsch verstehen: Ich werde von ihnen nachher keine öffentlichen Bekenntnisse verlangen, oder danach fragen, ob sie an die Auferstehung glauben oder nicht. Ich will von ihnen auch keine abstrusen Erklärungsversuche hören, wie sie sich so etwas denn vorstellen und so …

Aber ich schenke ihnen diese eine Minute Zeit, um darüber nachzudenken, was sie mit Ostern verbinden? Welche Bedeutung hat die Geschichte von der Auferweckung Jesu für sie? Oder anders herum gefragt: Was würde ihnen in ihrem Leben fehlen, gäbe es zwar den Karfreitag, aber nicht den Ostermorgen? Wie gesagt, sie haben eine Minute Zeit …

<i>[1 Minute Stille]</i>

Ich weiß, dass es oft sehr schwer ist, Gedanken oder gar Gefühle in Worte zu fassen. Ich wage es trotzdem einmal zu fragen, ob jemand ganz kurz erzählen möchte, was ihm gerade in dieser einen Minute so durch den Kopf gegangen ist …

<i>[Abwarten, ob sich jemand bereit erklärt, etwas zu sagen … Der folgende Predigtfortgang nimmt entweder spontane Äußerungen auf oder – falls niemand etwas mitteilen wollte – setzt neu ein.]</i>

Ich kann verstehen, dass es eine Hemmschwelle gibt, über dieses Thema zu sprechen – und dann auch noch so öffentlich in einem Gottesdienst! Ich tippe deshalb einfach einmal auf ein Wort, das sich vielleicht in den vielen Gedanken wiederfindet, die wir uns gerade gemacht haben. Hoffnung. Sicher verbindet der ein oder die andere damit etwas sehr Konkretes, für andere mag es mehr ein Gefühl sein, eine Stimmungslage.

Hoffnung. Für jeden bedeutet dieses Wort etwas anderes – und doch glaube ich, steckt darin auch eine uns allen gemeinsame Sehnsucht. Hoffnung wehrt sich gegen ein endgültiges Ende.

Denn gegen endgültige Enden haben wir immer wieder in unserem Leben zu kämpfen. Sei es in der Ehe oder in der Familie; unter Freunden und in den alltäglichen zwischenmenschlichen Beziehungen; in der Ausbildung oder später im Beruf; ob im Krankenhaus oder dann schließlich auf dem Sterbebett – überall droht immer wieder ein endgültiges Aus. Wie geht es ihnen damit? Also für mich ist das ein unerträglicher Gedanke, dem ich nicht wehrlos ausgeliefert sein möchte. Ihm gegenüber zu kapitulieren würde bedeuten, schon im Leben tot zu sein. Und das macht mir Angst, und Angst lähmt.

Dagegen hält die Hoffnung wach, sie lässt uns auch in den aussichtslosen Situationen nicht zu leblosen Spielfiguren werden. Sie muss allerdings auch einen Grund haben, auf dem sie baut, sonst nutzt sie gar nichts.

Nun wird es den einen oder die andere geben, die nicht einsehen, warum ausgerechnet diese seltsame Ostergeschichte der tragende Grund für unsere Hoffnung sein sollte. Lassen sich nicht auch woanders Gründe zur Hoffnung finden? Es gibt Menschen, die suchen sie im ‚Leben an sich‘ oder im Fortschritt der Menschheit oder im Lauf der Geschichte … Mir wäre das zu unsicher. Denn diese Hoffnung kann trügerisch sein und scheitern – Beispiele dafür gibt es genug. Sie hängt nämlich ab von der Leistungsstärke des Menschen, von seinem Umgang mit sich selbst und seiner Umwelt. Also ich finde, das ist ein ziemlich wackeliger Grund.

Ostern ist dagegen ein Angebot, sich eine Hoffnung zu eröffnen, die unabhängig ist. Unabhängig von wissenschaftlichen Erkenntnissen, unabhängig von medizinischer Forschung, unabhängig von kulturellen Errungenschaften, unabhängig von politischen Entscheidungen, unabhängig von philosophischen Betrachtungen, ja auch unabhängig von religiösen Überzeugungen!

Überall dort, wo von Menschen begründete Hoffnung auf Grenzen stoßen wird, da bleibt die Hoffnung von Ostern bestehen. Sie ist nämlich ein einzigartiges Geschenk und nicht irgendein Produkt mit Verfallsdatum. Wer sich ihr anvertraut, der hat es deswegen im Leben nicht leichter – aber er bleibt in Bewegung. Denn wir werden herausgefordert, diese Erfahrung vom leeren Grab, das die Frauen damals vorgefunden haben, immer wieder neu in unserem Leben zu entdecken – nicht um das Ostergeschehen zu beweisen, das können wir nicht. Aber um es zu bewahren. Nur damit ist die Angst vor einem endgültigen Ende zu überwinden. Denn Ostern bedeutet das Ende allen Endens.

Die Ereignisse am Ostermorgen – und da komme ich auf den Anfang zurück – kann man nicht erklären. Ostern kann man nur erleben – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes – und darauf hoffen, dass jeder einmal in den Genuss kommt, davon etwas in seinem Leben zu spüren. Deshalb, wenn wir uns gegenseitig frohe Ostern wünschen, dann wünschen wir dem anderen damit auch, dass er in seinem Leben Erfahrungen machen darf, die seine Hoffnung für sich und die Welt wach halten.

In diesem Sinne – frohe Ostern!

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