Hören sie etwas …?

Tja, guter Gott, heute geht es also ums Beten, also darum, wie wir beide miteinander ins Gespräch kommen, was ich dir zu sagen habe und was du mir darauf antwortest.

Ich meine, du hast ja gehört, was N.N. eben vorgelesen hat. Wie war das noch mal? "Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er’s euch geben.", oder so ähnlich.

Klingt gut! Klingt fast so, als brauchten wir dir nur unsere Hände hinzuhalten und schon bekommen wir, was wir haben möchten.

Aber, so ganz stimmt das ja wohl nicht! Ich meine, ich will dir nicht zu nahe treten, mein lieber Gott, Jesus muss ja wissen, wovon er redet, er ist ja schließlich dein Sohn.

Aber ich habe da so meine Bedenken. Ich habe das nämlich mit dem Beten und Bitten ausprobiert und, na ja, ehrlich gesagt, so einfach, wie sich das bei Jesus anhört, ist es nicht, also: eigentlich hat es so gar nicht funktioniert.

Um was habe ich dich nicht schon alles gebeten! OK, es waren auch ein paar unwichtige Dinge dabei, ‚ne Carrera-Bahn zu Weihnachten und so. Aber es gab auch Zeiten, wo ich dich wirklich gebraucht habe, in denen es mir echt dreckig ging, wo ich nicht mehr ein noch aus wusste.

Und dann habe ich mich an dich gewandt, ganz feste gebetet habe ich, ja manchmal richtig gebettelt. Und? Hast du mir da etwa geantwortet? Antwortest du mir vielleicht jetzt, hier im Gottesdienst in N.N., vor all den Leuten, die heute Morgen gekommen sind, um mit dir zu feiern? Bestimmt hat jeder einzelne von ihnen auch schon diese trostlose Erfahrung gemacht, dass sie mit dir reden und reden und du schweigst?! Warum antwortest du nicht? Hörst du etwa nicht, dass wir mit dir beten?

Ich höre nichts …

Hören sie etwas …?

Also, manchmal kommt man sich ja wirklich vor wie dieser Mann in der Geschichte, die Jesus seinen Jüngern einmal erzählt hat: der klopft und klopft an die Tür seines Freundes, weil er seine Unterstützung braucht, ruft sich die Kehle aus dem Hals, doch das Haus bleibt verschlossen und es regt sich nichts, alles bleibt still. Obwohl er doch weiß, dass da jemand zu Hause sein muss, dass da jemand ist, der vielleicht weiterhelfen kann.

Vielen Menschen geht das so, glaube ich. Etliche haben deshalb mit dem Beten aufgehört und andere fangen erst gar nicht damit an: "Das bringt ja doch nichts. Am anderen Ende hört ja doch niemand zu, und wenn ja, dann hilft der einem auch nicht."

Man sollte diese Menschen nicht all zu schnell in die Schublade "ungläubig" stecken. Es sind nämlich viele darunter, die Ernst gemacht haben mit solchen Worten, die wir eben von Jesus gehört haben, und die sich ehrlich bemüht haben, sich ihrem Gott verständlich zu machen. Und die dann schließlich an seinem Schweigen verzweifelt sind.

Es gibt ja so viele unterschiedliche Arten zu beten, wie es Menschen gibt, die an einen Gott glauben.

Man betet im Stillen, zurückgezogen, alleine für sich; dort, wo man sich zuhause fühlt, in einer vertrauten Umgebung.

Man betet in Gemeinschaft, wie wir es heute Morgen tun, mit eigenen und fremden Worten.

Man betet im Stehen oder im Sitzen, oft leise oder lautlos in seinen Gedanken. Andere klagen und schreien sich ihre Angst und Wut aus dem Bauch. Viele Psalmen in der Bibel beten genau so.

Manche beten lange und wortreich, andere stoßen, meist unbewusst, gerade mal ein "Ach Herr Je." heraus. Ja, auch das sind Gebete, Stoßgebete, und gesprochen werden sie meistens auf der Straße.

Und dann gibt es noch das Beten, das keine Worte braucht: ein Seufzen, ein Blick nach oben, eine Geste mit den Händen, man spielt für sich in seinem Zimmer ein bisschen Gitarre oder drangsaliert sein Schlagzeug … meistens dann, wenn Worte fehlen oder die Kraft zum Sprechen nicht mehr reicht.

Die einen beten aus Furcht, die anderen aus Gewohnheit. Der eine lobt Gott und die Welt, der andere dankt für sein Leben, ein dritter erzählt einfach was er den Tag über erlebt hat.

Die meisten aber bitten, wenn sie beten; für sich oder für andere.

Ich habe ja lange Zeit geglaubt, man betet um Gottes Willen. Er möchte das, er will es so. Ich glaubte, es sei irgendwie Ausdruck von Anerkennung, eben Anbetung.

Aber das ist nicht wahr.

Wir beten um unsretwillen.

Gott braucht das Gebet nicht. Es gibt nichts, was ich ihm sagen, worum ich ihn bitten müsste, was er nicht schon längst weiß. "Euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet." hat Jesus einmal gesagt, als seine Freunde ihn danach fragten, wie man beten solle. Und dann hat er ihnen das Vater Unser beigebracht. Das genügt.

Oft sind es ja schlimme Momente im Leben, in denen man betet: Krankheit, Trauer, Angst, Lebenskrisen, die einem den Blick für die Zukunft versperren.

In solchen Zeiten braucht es jemanden, der zuhört, dem man alles sagen kann, auch die größten Geheimnisse, die man vor anderen verbirgt. Jemanden, der nicht so dumm daherredet, der keine blöden Ratschläge gibt, die einem nicht weiterhelfen können oder der schon immer weiß, woran es liegt und gleich auch die Lösung für mein Problem parat hat.

Jemanden, dem ich alles, aber auch alles sagen kann, bei dem ich mich beklagen kann, ja den ich sogar für all das, was in meinem Leben schief läuft, verantwortlich machen darf, ohne dass er gleich beleidigt davonrennt.

Jemanden, dem ich absolut vertraue.

Und die Erfahrung, die ich in solchen Stunden mit dem Beten gemacht habe, war, dass es tatsächlich hilft, auch wenn sich an der Situation erst einmal gar nichts ändert.

Irgendwie war ich nicht mehr so verzweifelt, nicht mehr so niedergeschlagen wie vorher. Irgendetwas verändert sich beim Beten eben doch, was genau, das lässt sich nicht in Worte fassen, das kann ich nicht erklären.

Aber man kann es spüren.

Vielleicht liegt das ja daran, dass, wer betet und Gott um etwas bittet, der noch Hoffnung hat, dass sich etwas ändert; man lebt in der Gewissheit, dass es doch irgendwie weitergehen kann.

Vor kurzem hat mir jemand von seiner Gefangenschaft während des 3. Reiches erzählt. Er saß in Berlin im Gefängnis, weil sein Bruder an dem Anschlag Stauffenbergs auf Hitler beteiligt gewesen ist. Alle Gefangenen hatten Einzelhaft, mit niemandem durfte gesprochen werden, die einzige Möglichkeit, mit jemandem zu reden ergab sich, wenn man zum Verhör abgeholt wurde – aber da wollte man nicht sprechen, weil man wusste, das jedes Wort, dass zuviel war, das Todesurteil für einen Freund bedeuten konnte. Und dieser Mensch sagte mir, das einzige, was ihn in dieser Zeit am Leben und bei Verstand gehalten hätte, wären die Psalmgebete gewesen, die er als Konfirmand hatte auswendig lernen müssen. Eigene Wort fehlten ihm, aber er konnte sich welche leihen und die hat er rauf- und runtergebetet.

Paulus hat während seiner Gefangenschaften ähnliche Erfahrungen gemacht. Türöffner nennt er seine und die Gebete anderer. Bemerkenswert, finden sie nicht?!

Beten heißt, sich die Zukunft offen halten.

Das bedeutet nicht, dass es egal wäre, ob am anderen Ende jemand wirklich zuhört. Es muss einen geben, bei dem unsere Gebete ankommen, denn Hoffnung kann man sich nicht selbst zusprechen, die muss einem zugesprochen werden. Vielleicht nicht hörbar, aber doch fühlbar.

Und darum finde ich es sehr traurig, wenn Menschen das Reden mit Gott verlernen oder aufgeben oder es als Selbsttäuschung abtun. Es ist meistens Ausdruck dafür, dass sie nichts mehr erwarten, weder von der Welt noch von ihrer eigenen Zukunft und schon gar nicht von dir, Gott. Etwas trostloseres kann ich mir nicht vorstellen.

Und deshalb, mein lieber Gott, werden wir dir auch weiterhin mit unseren Gebeten in den Ohren liegen. So, wie Paulus uns das geraten hat: "Seid beharrlich im Gebet."

Also: wir werden nicht aufhören mit dir zu reden, nicht aufhören dich zu bitten, nicht aufhören dich zu suchen und nicht aufhören bei dir anzuklopfen. Wir wissen nämlich, dass du da bist und uns hörst – und hoffen, dass du uns letztlich nicht allein lässt.

Denn das allein ist für uns schon eine große Hilfe.

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