Hiskia, Bonhoeffer und wir- Gebet und Wunder (Erprobung OP V)

Liebe Schwestern und Brüder!
Da lag und liegt einer todkrank darnieder und bittet und fleht Gott, dass er ihm helfen und ihn vor allem heilen möge. Wer will es ihm verdenken.
Hiskia war sein Name und er war der König im Südreich Juda zur Zeit des Propheten Jesaja. Beide lebten, der König Hiskia und der Prophet Jesaja, im 8. Jahrhundert vor Christus im damaligen Südreich Juda. Kurz bevor die Assyrer mit ihrem König Sanherib das Königreich Juda eroberten.

Hiskia, so erzählt die Bibel, war ein legitimer Nachkomme des berühmten Königs David und ähnlich wie jener ein gottesfürchtiger und frommer König. In einer lebensbedrohlichen Phase seines Lebens, er war todkrank, verfasste er ein Gebet, eine Klage, die der Prophet Jesaja in seinem Buch überlieferte.
Dieses Gebet und diese Klage ist der heutige Predigttext.

Jesaja 38, 9-20
9 Dies ist das Lied Hiskias, des Königs von Juda, als er krank gewesen und von seiner Krankheit gesund geworden war:
10 Ich sprach: Nun muss ich zu des Totenreiches Pforten fahren in der Mitte meines Lebens, da ich doch gedachte, noch länger zu leben.
11 Ich sprach: Nun werde ich den HERRN nicht mehr schauen im Lande der Lebendigen, nun werde ich die Menschen nicht mehr sehen mit denen, die auf der Welt sind.
12 Meine Hütte ist abgebrochen und über mir weggenommen wie eines Hirten Zelt. Zu Ende gewebt hab ich mein Leben wie ein Weber; er schneidet mich ab vom Faden. Tag und Nacht gibst du mich preis;
13 bis zum Morgen schreie ich um Hilfe; aber er zerbricht mir alle meine Knochen wie ein Löwe; Tag und Nacht gibst du mich preis.
14 Ich zwitschere wie eine Schwalbe und gurre wie eine Taube. Meine Augen sehen verlangend nach oben: Herr, ich leide Not, tritt für mich ein!
15 Was soll ich reden und was ihm sagen? Er hat’s getan! Entflohen ist all mein Schlaf bei solcher Betrübnis meiner Seele.
16 Herr, lass mich wieder genesen und leben!
17 Siehe, um Trost war mir sehr bange. Du aber hast dich meiner Seele herzlich angenommen, dass sie nicht verdürbe; denn du wirfst alle meine Sünden hinter dich zurück.
18 Denn die Toten loben dich nicht, und der Tod rühmt dich nicht, und die in die Grube fahren, warten nicht auf deine Treue;
19 sondern allein, die da leben, loben dich so wie ich heute. Der Vater macht den Kindern deine Treue kund.
20 Der HERR hat mir geholfen, darum wollen wir singen und spielen, solange wir leben, im Hause des HERRN!

Im besten Alter, in der Mitte des Lebens klagte Hiskia mit eindrucksvollen Worten sein Leid und seinen Schmerz und danach als er gesundete, dankte er Gott für die Genesung.

Das alles ist schon etwas Besonders und der Mühe wert genauer betrachtet zu werden.

Die Situation von Hiskia ist ernst und lebensbedrohlich. Er meint, er klopfe an die Pforten des Totenreichr in der Mitte des Lebens.
Er hat Angst, durch seinen bevorstehenden Tod, alles zu verlieren, was ihm lieb und wert ist: Seine Angehörigen, Freunde und natürlich die, die er liebt und bräuchte.
Als Lebendiger – so glaubt er- wird er das Land des Herrn nicht mehr sehen.
Sein Leben scheint zu Ende gewebt. Und der Lebensfaden wird bald abgeschnitten.
Die Knochen und der Körper fühlen sich morsch an und sind zerschlagen wie durch einen Löwen.
Die Not und Angst sind groß, und auch das Flehen um Gottes Hilfe in dieser scheinbar aussichtslosen Situation treibt ihn um.

Der Wunsch nach Rettung und die Bitte um Genesung und Heilung sind groß.
Dabei fühlt er sich phasenweise in seiner Krankheit von Gott verlassen und im Stich gelassen.
Er schrie sich innerlich wund in seiner Seele und fragte sich, was er für Sünden begangen hätte, dass Gott ihn so strafe mit Krankheit und bevorstehenden Tod.

Die Seelenlage des Hiskia scheint die der absoluten Resignation zu sein.

Und plötzlich kommt wie durch ein Wunder aus heiterem Himmel der Umschwung und die Heilung und Genesung von Krankheit und nahendem Tod.

Kurz vorher wurde der Tod noch als absoluter Auslöscher disqualifiziert. Ähnlich würden wir es heute auch noch sehen.
Hiskia betet in seiner Verzweiflung mit der Hoffnung im Hinterkopf zu Gott:

18 Denn die Toten loben dich nicht, und der Tod rühmt dich nicht, und die in die Grube fahren, warten nicht auf deine Treue;
19 sondern allein, die da leben, loben dich so wie ich heute. Der Vater macht den Kindern deine Treue kund.

Dieses Klage- und dann in Dank mündende Gebet des Hiskia ist der verzweifelte innere Schrei eines sterbenskranken Menschen. Auch die Klage vor Gott für das Leid und die Angst und Sorge ist universal gültig. Auch heute beten die Menschen noch so wie der hier genannte König Hiskia..
Viele schwer chronisch Kranke und fast alle sterbenskranken Menschen, wenn sie noch bei lichtem Verstand sind und sich artikulieren können, stimmen dem zu. Auch wenn sich die medizinischen Möglichkeiten seit dem extrem verbessert haben
Doch Krankheiten machen den Menschen klein und zerstören dann in ihrer tödlichen Folge jede Hoffnung.
Das ist heute noch genauso wie zur Zeit des Königs Hiskia oder auch in den Klagepsalmen niedergeschrieben.

Was kann man in solcher einer Situation von Gott erwarten?
Hilfe, Gesundung oder gar Heilung?
Oder Linderung der Schmerzen und Einsicht in die Tatsache, dass jeder einmal sterben muss?!

Erst bei einem Mangel oder einer schweren Krankheit, bei Tod oder Trennung wird uns dieses täglich gewährte Wunder des intakten Lebens bewusst, das wir als Selbstverständlichkeit ansehen. Und im Krankheitsfall wird das Ganze anders. Es kippt in den Zweifel und in die verständliche Resignation. Gott und seine Güte und Treue sind plötzlich nicht mehr da. Das Wunder der göttlichen Fürsorge und Liebe scheint weg zu sein. In diesen Momenten werden wir Menschen nachdenklich und kritisch. Zweifel stellen sich ein.
Wenn es einen Gott gibt, wo ist er denn? Warum tut Gott ausgerechnet mir das an? Warum muss ich oder mein Partner so schrecklich leiden? Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Und so weiter und so fort.

Auch hier stehen wir wieder vor einem Rätsel Gottes.
Dazu will ich ihnen einmal folgendes Gebet von Dietrich Bonhoeffer vorlesen. Es heißt "Große Not".

Herr Gott,
großes Elend ist über mich gekommen.
Meine Sorgen wollen mich erdrücken.
Ich weiß nicht ein noch aus.
Gott, sei mir gnädig und hilf.
Gib Kraft zu tragen, was du schickst.
Lass die Furcht nicht über mich herrschen,
sorge väterlich für die Meinen,
für Frau und Kinder.

Barmherziger Gott,
vergib mir alles, was ich an dir
und den Menschen gesündigt habe.
Ich traue deiner Gnade
und gebe mein Leben ganz in deine Hand.
Mach du mit mir, wie es dir gefällt
und wie es gut für mich ist.
Ob ich lebe oder sterbe, ich bin bei dir,
und du bist bei mir, mein Gott.
Herr, ich warte auf dein Heil
und auf dein Reich.

Auch Bonhoeffer, der große Theologe hatte Angst und formulierte diese im Gebet.
Aber er und der König Hiskia schreien im Gebet um Gottes Liebe und Fürsorge, sie flehen um Anwesenheit und Heilung.
Und so ist das Paradoxe und Widersinnige der göttlichen Hilfe das eigentliche Wunder. Religiöse Menschen, Menschen, die vom glauben geleitet werden in ihrer Lebenspraxis und Haltung wissen tief in ihren inneren, dass diese schwere Prüfung ein Ende hat. Auch die medizinische Kunst ist heute viel, viel weiter als zu Hiskias oder Bonhoeffers Zeit.
Doch die Angst vor dem Sterben und Tod nimmt sie einem nicht.
Das Wunder kommt, wenn ich weiß und fest in mir den Glauben bewahre, dass ich in Gottes Hand falle oder lebe.
IM Leben und im Sterbe.

Bonhoeffer sagt dazu:
Ob ich lebe oder sterbe, ich bin bei dir,
und du bist bei mir, mein Gott.
Herr, ich warte auf dein Heil
und auf dein Reich.

Der gläubige König Hiskia und Dietrich Bonhoeffer hatten diese innere Gewissheit, die auch Kraft, Halt und Dankbarkeit für Gottes Fürsorge geben. Auch die innere Kraft das unausweichliche den Tod vor Augen zu sehen.
Weder sind wir hier momentan in der gleichen Situation oder gar der hier beschriebene biblische König Hiskia aus dem 8. Jahrhundert v. Christus noch der Märtyrer Dietrich Bonhoeffer am Ende des 2. Weltkriegs, sondern Menschen, die sich auf Gottes Treue, Fürsorge und Liebe im Leben und Sterben verlassen. Das gilt für alle religiösen Menschen und für das alles sind wir dankbar.
Und dann ist das eigentliche Wunder und hat der Glaube geholfen, in dem er Kraft gibt, Geduld, Ausdauer und Widerstand, das unausweichliche auszuhalten und zu tragen. Auch das Wissen zu besitzen, dass andere diese Erfahrungen gemacht haben, lindert bisweilen das Leid.
Und am stärksten ist der Glaube dann, wenn er weiß, dass all unser Leben in Gottes Hand liegt. Täglich neu in Dankbarkeit empfangen mit der nötigen Gesundheit und Kraft zum Leben im hier und jetzt.

Hiskia betet:
20 Der HERR hat mir geholfen, darum wollen wir singen und spielen, solange wir leben, im Hause des HERRN!

Das tun wir hier jeden Sonntag: Singen und beten im Hause des Herrn.

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