Hirtenbilder (Joh 10,1-16.27-30)

Joh 10,1-16.27-30
[1] Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer nicht zur Tür hineingeht in den Schafstall, sondern steigt anderswo hinein, der ist ein Dieb und ein Räuber. [2] Der aber zur Tür hineingeht, der ist der Hirte der Schafe. [3] Dem macht der Türhüter auf, und die Schafe hören seine Stimme; und er ruft seine Schafe mit Namen und führt sie hinaus. [4] Und wenn er alle seine Schafe hinausgelassen hat, geht er vor ihnen her, und die Schafe folgen ihm nach; denn sie kennen seine Stimme. [5] Einem Fremden aber folgen sie nicht nach, sondern fliehen vor ihm; denn sie kennen die Stimme der Fremden nicht. [6] Dies Gleichnis sagte Jesus zu ihnen; sie verstanden aber nicht, was er ihnen damit sagte. [7] Da sprach Jesus wieder: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ich bin die Tür zu den Schafen. [8] Alle, die vor mir gekommen sind, die sind Diebe und Räuber; aber die Schafe haben ihnen nicht gehorcht. [9] Ich bin die Tür; wenn jemand durch mich hineingeht, wird er selig werden und wird ein- und ausgehen und Weide finden. [10] Ein Dieb kommt nur, um zu stehlen, zu schlachten und umzubringen. Ich bin gekommen, damit sie das Leben und volle Genüge haben sollen. [11] Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte läßt sein Leben für die Schafe. [12] Der Mietling aber, der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verläßt die Schafe und flieht – und der Wolf stürzt sich auf die Schafe und zerstreut sie -, [13] denn er ist ein Mietling und kümmert sich nicht um die Schafe. [14] Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich, [15] wie mich mein Vater kennt, und ich kenne den Vater. Und ich lasse mein Leben für die Schafe. [16] Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; auch sie muß ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde und ein Hirte werden. […] [27] Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir; [28] und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen. [29] Mein Vater, der mir sie gegeben hat, ist größer als alles, und niemand kann sie aus des Vaters Hand reißen. [30] Ich und der Vater sind eins.

Liebe Konfirmanden, liebe Eltern, Geschwister, Paten, Gäste von woher auch immer, liebe Gemeinde, liebe Schwesternund Brüder – puh, eine lange Begrüßung: Habe ich jemand vergessen?

1. Hirtenbilder. Als ich in die dritte Klasse kam, da bekam ich mein erstes Religionsbuch. Ich habe es lieb gehabt und ich mag es immer noch – Ihr werdet lachen: Manchmal verwende ich dieses 35 Jahre alte Buch heute noch in den ersten Grundschulklassen – die Bilder vor allem. Ein Bild hat´s mir angetan. Das Bild vom guten Hirten. Die Schafe stehen friedlich auf der Weide, zwischen ihnen der Hirte. Der Zeichner hat sich damals Mühe gegeben, dem Hirten ein gutes Gesicht zu malen. Andere Hirten habe ich auch kennengelernt – mehr oder weniger. Als Kind auf den Wiesen gegenüber von unserer Wohnung im Hänfigweg. Heute noch bleibe ich stehen, wenn ich Hirten sehe – irgendwie faszinieren sie mich. Auch dann, wenn´s manchmal Menschen mit Gesichtern voller Geheimnisse sind, rauhe Burschen. Einmal bin ich erschrocken, als ein Hirte mir nichts, dir nichts einen Stein auf ein Schaf am Rande der Herde sausen ließ: Ich konnte nicht verstehen, warum der Hirte dem Schaf weh tat. Ehrlich – das hat mich in meinem Hirtenbild geschockt. Was ist ein „guter Hirte“? Da scheint´s also solche und solche Hirten zu geben. Jesus spricht von sich als gutem Hirten und er muss da auch unterscheiden.

2. Jesus charakterisiert einen guten Hirten. „Der gute Hirte ist nicht irgend ein beliebiger Hirte,“ sagt Jesus. „Der gute Hirte ist vielmehr der, der ganz mit den Schafen lebt, der nie aufhört, Hirte zu sein. Der, der am Ende nicht einmal sein Leben für die Schafe schont.“

2.1. Er steht mit seinem Leben für die Schafe ein. Da fällt einem natürlich gleich das Kreuz ein – das Kreuz Jesu steht ja auch hier in der Kirche. Auf dem Altar das Kruzifix mit dem Gekreuzigten und an der Wand das leere Auferstehungskreuz. Ja, den Preis hat der gute Hirte bezahlt. Sein Leben für unsere Leben. Keine Kleinigkeit. Auch nicht der Satz, den Johannes in seinem Evangelium aufschreibt: „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hergab, damit alle, die ihm voll vertrauen nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben – Zukunft ohne Grenzen.“ Wer hätte das nicht gerne? – Zukunft ohne Grenzen? Aber eben nicht nur damals – damals: schön war´s ja und schlimm zugleich die ganze Geschichte hin zum Kreuz. Aber damit endet der Einsatz des guten Hirten für seine Schafe noch lange nicht: Vielmehr – Jesus ist fortwährend bereit, für Dich einzustehen. Der, der gegen Lohn Hirte ist, der hat schon Interesse für die Schafe – aber dem ist am Ende das Hemd doch näher als die Jacke und wenns hart auf hart geht, dann ist er nicht mehr zu sehen. Anders Jesus: Wie sollte er im Stich lassen, was er am Kreuz so teuer erworben hat? Das macht doch keinen Sinn. Wenn die Wolfsrudel kommen, die wilden Tiere mit denen Hirten damals ebenso zu kämpfen hatten wie mit einem tollwütigen Fuchs heute, dann stellt er sich in den Weg, lenkt die Aufmerksamkeit und den Angriff auf sich. Er will, das wir leben. Jesus will, das wir leben. Dafür setzt er sein Leben ein. Es ist ihm so wichtig, das wir leben, dass wir wirklich und richtig leben. „Schaut Euch die Lilien, die wild wachsen an. Sie sorgen sich nicht und jede einzelene von diesen Blumen ist schöner als Salomo, der berühmte König mit all seiner Pracht. Oder die Spatzen. Meint Ihr,“ fragt er die um sich herum, „dass auch nur ein einziger vom Himmel fällt, ohne dass Gott davon Notiz nimmt?“ Und er schließt: Wieviel mehr wert seid Ihr – Ihr sollt Leben. Leben und volles Genüge finden. Weniger ist zu wenig. Dafür ist er gekommen.

2.2. Jesus schützt Dich als unverwechselbar wertvolles Eigentum. Doch, ja: Das stimmt.

2.2.1. Eigentum behandele ich pfleglich. Besonders dann, wenns mir etwas wert ist – und das ist keine Frage des Preises. Denk nur daran, wie Du mit Dingen umgehst, die Dir teuer sind – Haustiere zum Beispiel. Und viele Dinge sind sogar Teil Deiner oder meiner Lebensgeschichte. Sie sind Teil meiner selbst. Ich habe da einen Hängeschrank in meinem Zimmer: Ihr Ältesten und Ihr Konfirmanden, Ihr kennt ihn. Und in einem Fach liegen kunterbunt Dinge durcheinander, da fragt man sich: Was soll das Durcheinander? Ein Matchboxauto, uralt – von meinem Opa, einem ganz lieben Mann. Haarlocken von unseren Kindern. Ein Stein, auf den jemand Liebes vor Jahren „I am happy“ draufgeschrieben hat . Wolle – von Schafen aus dem Dartmoor. Der Stein mit den Flechten – damals in den wilden Bergen von Dalarna mit meinen Geschwistern, mit meiner Frau. Alles kleine Dinge, aber Dinge eben, die mit Menschen und Situationen verbunden sind, mehr: die mit meinem Leben verbunden sind. Habt Ihr auch so etwas? Der Wert ist irgendwo bei Null, stimmt – was ist ein Stein oder ein bisschen Wolle wert? – aber für mich unvergleichlich wertvoll.

2.2.2. Und nun seht: Jesus betrachtet uns als ein Stück von sich selbst, weil er – und sei es weit in der Vergangenheit – mit uns etwas erlebt hat. In Deinem Leben. In meinem Leben. Kennst Du seine Fußspuren in Deinem Leben? Und dann: In jedem von uns steckt eine Stück Schöpferidee und -freude Gottes. Wir haben mit seinem Leben etwas zu tun – schließlich das: Er hat sich aufgeopfert, an Menschen, am Kreuz wundgerieben bis zum Tod. Wir sind wer in seinen Augen – Du und Du, jeder, ich auch -, weil er, der gute Hirte in jedem von uns ein Stück Schöpferidee des Vaters wiedererkennt, ein Stück von der Freude Gottes an seiner guten Schöpfung. Darum sind wir ihm – soweit wir seine Schafe sind, das heißt auch: Seine Stimme wahrnehmen – lieb, wertvoll und unvergleichlich teuer.

2.2.3. Da stellt sich natürlich umgekehrt die Frage: Wie ist mein Verhältnis zu Jesus? – Also ich schäme mich manchmal, wenn ich erkenne, wie ers meint und wie nebensächlich er mir dann wird. Kennt Ihr dieses Empfinden auch? Als wenn es das Allerselbstverständlichste auf der Welt ist, so einen Herrn zu haben. So einen Hernn, der liebt, der sich hingibt, der für mich einsteht, dem ich unvergleichlich teuer bin. So teuer, dass ermit seinem Blut am Kreuz für mich bezahlt hat. Das als Selbstverständlichkeit abtun und dann zur Tagesordnung übergehen, oder schlicht vergessen, wo, zu wem ich hingehöre ist im Grunde eine atemberaubende Unverfrorenheit. Sünde, ums etwas harmloser beim Namen zu nennen – Wie lange noch?

2.3. Was wir Jesus wert sind, wird an einem anderen Satz noch deutlicher. Er sagt: „Ich kenne meine Schafe und sie kennen mich so, wie wie mich mein Vater kennt und ich ihn.“ Da vergleicht Jesus wieder die Allerweltshirten mit sich, dem guten Hirten: Die Lohnhirten hüten die Herde. Das ist gut so. Der gute Hirte lebt mit den Schafen – und das ist entschieden besser. Das bedeutet nämlich, dass er jedes Schaf kennt, von Geburt an kennt und lieb hat, eine lebendige Beziehung hat und mit seinem Namen kennt. Versteht Ihr? Die einen verwalten und versorgen die Herde, er ruft uns beim Namen. – Das kennt ihr auch von Haustieren und wisst, wie ungleich vertraulicher Ihr mit ihnen umgeht. Eben so, wie Jesus mit uns umgehen will. Keine Spur davon, dass Du oder ich bei ihm als Nummer in der Masse untergehen, keine Spur! „Ich habe Dich bei Deinem Namen gerufen – Du bist mein, gehörst zu mir!“ Er freut sich auch, sehr sogar, wenn seine Herde wächst. Aber er ist nicht in die großen Zahlen vernarrt – bei Ihm geht die persönliche Beziehung vor der vorzeigbaren Masse. Er braucht sich ja auch nicht mehr – womöglich auf Kosten der Herde – profilieren, wies andere nötig haben. Sein Profil hat er am Kreuz erworben. Und uns sieht er – sie hören richtig – wie Blutsverwandte, Kinder des einen Vaters.

2.4. Die anderen Schafherden. Ja – und das auch noch: „Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; auch sie muss ich herführen, und sie werden meine Stimme hören und es wird eine Herde und ein Hirte werden.“ – Was das bedeutet, daran haben schon viele herumgerätselt. Ich glaube, die Lösung liegt im einfachen Denken: Ich weiß gar nicht, wieviele Menschen aus anderen Kirchen, Landeskirchen und Konfessionen ich heute nicht begrüsst habe. Wer kommt denn nicht aus der evang. Landeskirche in Baden? Wo sind Lutheraner? Reformierte? Wo die Geschwister aus den Freikirchen? Baptisten? Methodisten? Mennoniten? Katholiken sind sicher auch hier. – Für Sie ist das ja sicher eine fremdere Kirche mit einem anderen „Stallgeruch“. Unbesorgt – nicht nur für Sie. Ich bin über dem Gottesdienstbesuch hier in den letzten Monaten auch nicht euphorisch geworden – manchmal habe ich gebetet und geweint.

Wir sind also heute auch – soweit Jesus unser gemeinsamer Herr und Hirte ist – Abordnungen aus verschiedenen Schafställen [grüßt Euren Heimatstall von uns Schafen hier]. So ist das. Und das ist schön und das macht mich im Herzen froh.

Nur manchmal ist das wirklich ätzend: Da betet Jesus: „Vater, ich will, dass sie eins seien“ und es entstehen immer mehr Kirchen und Gemeinden. Und jede hat ihre eigene Richtung – und manchmal (ich schließe uns da ein) ist die eigene Erkenntnis größer als die Liebe zueinander. Und der Sehnsucht nach mehr Einheit wird Mal um Mal ein Bein gestellt. Die Einheit wird so langsam, geht so viele Umwege, dass unsere Schnecken am Salat schneller sind. Aber wenn wir Schafe des einen guten Hirten sind und unsere Leithammel in den verschiedenen Kirchen auch, dann genügt es völlig, auf die Stimme Jesu zu hören und seid sicher – wir finden im Großen zueinander wie heute im Kleinen. Nur eben: Seine Stimme – immer wieder seine Stimme hören. Anders gehts nicht. Nicht, weil die Evangelische Landeskirche in Baden das sagt – die ist am Ende so unwichtig. Vielmehr: Weil Jesus das sagt. Das zählt. Der zählt. –

3. Wenn ich jetzt noch einmal überdenke, was Jesus mit dieser Rede vom guten Hirten gemeint hat, dann kann ich den 23. Psalm noch einmal neu, aufmerksamer lesen und neu buchstabieren – so: Der Herr ist mein Hirte und kein anderer. Bei ihm habe ich keinen Mangel, andere benutzen mich als Nummer unter Nummern. Er führt mich auf saftige Weiden und zum frischen Wasser. Die anderen nehmens damit nicht so genau – sie denken eher an das Fell, das sie mir über die Ohren ziehen können; Durst ist ein guter Bekannter. Und wenn ich durch ein dunkles Tal muss – der Hirt ist da, sein Stecken, sein Stab leiten mich auf sicherem Weg. Den Stock der anderen muss ich fürchten, denn sie schlagen mich. Inmitten einer feindlichen Welt deckst Du mir einen Tisch – andere überlassen mich meinem Schicksal. Bei Dir bin ich mein ganzes Leben lang geborgen. Bei Dir kann ich leben, wirklich leben – sogar das Leben überleben. Darum will ich bei Dir bleiben. Du bist gut.

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