Hinaus in das Leben

Reformation: Erneuerung der Kirche von Grund auf, ist nötig, war immer nötig – und bleibt schwierig. Wer wollte das bestreiten – und das war ja auch Thema im Hintergrund beim Papstbesuch, als sich der Papst mit Schwulen und geschiedenen Wiederverheirateten in der Regierung traf und gleichzeitig kritisierte. Da spottet sich gut über eine kirchliche Haltung, die so inkonsequent daherkommt. Und da klingt der Schrei nach Modernisierung von Kirche besonders glaubwürdig.

Aber wenn es um Reformation unserer eigenen Kirche geht, da liegt manches im Argen. Und da vergeht manchmal der Spott. Dabei wäre es gut, wenn wir Evangelischen etwas selbstbewusster und dankbarer auf unsere Reformationsgeschichte schauen und versuchen zu erkennen, ob wir an dem Thema Reformation sinnvoll, das heißt biblisch, weiter gearbeitet haben. Wissen wir überhaupt, was die Bibel von uns fordert oder zermartern wir nach wie vor unser Gewissen mit der Frage Luthers: Wie kommen wir dahin, dass unser Tun Gnade findet vor Gottes Augen?

Manchmal habe ich den Eindruck als würden wir hin- und herpendeln. Einerseits ist unser Gott ja ein ganz lieber, der alles verzeiht. Andrerseits ist er auch ein ganz strenger, der die Bösen hart bestraft.

Aber wer ist er wirklich, der Gott, zu dem wir uns bekennen und was bedeuten die alten Schriften, die von ihm erzählen für uns heute? In der Bibel finden wir immer wieder Hinweise. Denen nachzugehen dienen unsere Predigten. Sie sind Auseinandersetzungen mit dem Wort Gottes. Darum war die deutsche Predigt der deutschen Bibelübersetzung ein so zentrales Anliegen.

[TEXT]

Dreimal wird gewarnt vor der Furcht, weil sie Leben und Liebe kaputt macht. Das ist ein erster Hinweis auf das wirkliche Wesen Gottes, so wie ihn Jesus uns vorstellt. Im Zentrum des Willens Gottes steht die Liebe und Furcht ist nicht in der Liebe.

Liebe ist aber auch nicht jene Haltung, die immer alles zudeckt, alles versteht, alles gut heißt. Liebe bedeutet aber, sich liebevoll dem Menschen zuwenden, auch dem, der Falsches getan hat. Insofern hat der Papst Recht, wenn er anmahnt, was er für falsch hält und trotzdem die Menschen umarmt, deren Tun er verurteilt. Ob er inhaltlich Recht hat, bleibt dann immer noch eine ganz andere Frage.

Richtig aber bleibt: die Liebe sieht den Menschen an, nicht sein Tun. Liebe ist, wenn ich einen Menschen ohne Vorbehalte annehme, auch dann wenn ich sein Handeln verurteile – und ihm das auch deutlich sage. Einem Menschen mit Liebe zu begegnen, ihn als Gottes Kind zu behandeln. So liebt Jesus.

Und da kann unsere Kirche, können wir als Christinnen und Christen eine ganze Menge lernen. Wir können lernen, wie wir mit Menschen und ihren Problemen umgehen. Ob wir die Menschen weiter lieben, auch wenn wir ihr Tun falsch finden. Ob wir Menschen nicht nach ihren Taten richten.

Und wir dürfen uns selber überprüfen, was wir eigentlich wissen über den Willen Gottes. Wir dürfen auch biblische Gebote überprüfen, inwieweit sie wirklich den Willen Gottes widerspiegeln oder nicht nur Widerschein menschlicher Vorurteile sind. Denn schließlich enthält die Bibel zwar Wort Gottes, wurde aber von Menschen geschrieben. Und Menschen lassen sich manchmal gerne von Vorurteilen leiten.

Und mit solchen Menschen spricht Jesus. Und er nimmt sie ernst als schwache und ängstliche Menschen. Als Menschen, die von Verfolgung bedroht sind, als Menschen, denen das Hemd näher ist als der Rock.

Und er spricht ihnen die Fürsorge Gottes zu, der sich um jedes seiner Geschöpfe kümmert. Er erzählt von der Liebe dieses Gottes, der sich um jedes einzelne Lebewesen kümmert. Sperlinge sind die billigsten Vögel jener Zeit, der Braten des kleinen Mannes und auch für sie sorgt Gott. Um wie viel mehr sollte er sich um die Menschen kümmern, die immerhin Ebenbild Gottes sind.

Darum ist Furcht nicht Teil christlichen Wesens, sondern Teil unseres irdischen Lebens. Genau das meint Martin Luther wenn er in Lied 362: Ein feste Burg dichtet: Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib: lass fahren dahin, sie haben’s kein‘ Gewinn, das Reich muss uns doch bleiben.

Er spielte nicht leichtfertig mit irdischen Gütern, schon gar nicht mit dem Leben von Menschen, aber er weiß, dass wir auch in der Extremsituation der Verfolgung nicht aus Gottes Liebe und Fürsorge fallen können. Das darf uns als christliche Gemeinde nicht davon abbringen, an die Schwestern und Brüder in der Verfolgung, z.B. in Ägypten zu denken. Im Gegenteil: aus dem Bewusstsein heraus, dass wir alle nicht aus der Liebe Gottes herausfallen können, können wir um so stärker eigene Sicherheiten vergessen und uns für die Verfolgten einsetzen.

Die Predigt Jesu, so wie Matthäus sie hier wiedergibt, spiegelt die reale Gefährdung menschlicher Existenz wider, in denen sich die NachfolgerInnen Jesu befanden. Dagegen die Parole: Lasst Euch nicht fertig machen! Die Macht Eures Vaters ist unermesslich, die eurer Gegner mickrig und bescheiden. Das sagt er angesichts von Lebensbedrohung. Nicht um sie klein zu reden, sondern um die Größe Gottes deutlich zu machen. Diese Größe Gottes zu verkünden sind JüngerInnen berufen. Aus dieser Größe kann ein großes Selbstbewusstsein wachsen.

Deutschland ist eine der furchtsamsten Nationen geworden, trotz der objektiv besten Wirtschaftsdaten, vielleicht als Ausdruck dessen, dass der Glaube vielen Menschen verloren gegangen ist. Dagegen setzt Jesus hier die Einladung zum Vertrauen und zur Hoffnung (Die meint Martin Luther mit seinem Wort vom Apfelbäumchen)

Die Kirche lebt aus dem verkündigten Wort. Darum muss es immer wieder laut verkündigt werden auf allen Gassen, in allen Häusern. Wenn wir das Evangelium in unsere Kirchenmauern einsperren, bleibt es tot, es muss hinaus in das Leben, in den Alltag.

Jesus Christus nachzufolgen heißt bereit zu sein, dem Mann zu folgen, der sich selbst aufopferte. Das bedeutet nicht automatisch, dass wir uns selbst aufopfern müssen, aber es bedeutet, wir dürfen seinem Wort vertrauen, unsere Ängste klein werden lassen und auf sein Wort losgehen.

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