Herz zeigen und dem Herzen folgen (zur Jahreslosung 2021 Lukas 6,36)

Jahreslosung 2021:

Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!  Lukas 6,36 

Es gibt für mich neben den vielen Worten, die oft überflüssig und nutzlos in den letzten Wochen und Monaten dahergeredet wurden, einen Satz, der es verdient, der Satz des alten Jahres zu werden.

Er ist offen, ehrlich, eindeutig. Er ist wahrhaftig.

Ich kann ihn für mich auch als einen Satz des Glaubens hören:

Er stammt aus dem Munde eines Politikers, die oft ja nicht so gerne auf ihre Worte festgelegt werden wollen. 

„Wir werden wahrscheinlich einander viel verzeihen müssen“

Wer ist schon so ehrlich und gesteht vorsorglich ein, dass Fehler gemacht und Irrtümer nicht zu verhindern sein werden?

Wer macht sich angreifbar, in dem er schon vorab seine eigene Vergebungsbedürftigkeit bekennt?

Dem Glaubenssatz von der Vergebung der Sünden wurde oft vorgeworfen, klein und schlecht vom Menschen zu denken und zu reden.

Ich entdecke aber in der Ehrlichkeit den eigenen Grenzen und den eigenen Fehlern und Schwächen gegenüber eine ungeheure Größe und Erhabenheit, gerade, weil ich mich so ausliefere und angreifbar mache.

Wie mag wohl ein Jahresanfang aussehen, an dem ich mich ehrlich mache und im alten Jahr zurücklasse, was mich an meine Grenzen geführt hat oder wo ich Grenzen überschritten habe, die mich eigentlich schützen sollten?

Das alte Jahr hat uns gefordert: Der Umgang mit der Coronapandemie hat uns nicht nur unzähligen Beschränkungen auferlegt, hat neben Kontaktbeschränkungen auch wirtschaftliche Schwierigkeiten und Existenzgefährdungen mit sich gebracht. In der Behandlung Erkrankter konnte vielen trotz aller Anstrengungen und Bemühungen, trotz aller Forschungen und aller Fortschritte, nicht so geholfen werden, wie sie es gebraucht hätten. Viele mussten von vielen Abschied nehmen. Ob alle Maßnahmen schnell und konsequent genug getroffen wurden und dann die gewünschten Erfolge gebracht haben, wissen wir nicht.

Warum nicht alle überzeugt werden konnten mit Rücksicht, Abstand und Vorsicht sich und andere zu schützen, kann man nur vermuten.

Dass das Misstrauen immer noch so groß ist, lässt mich ratlos zurück.

Denn natürlich müssen wir da, wo verantwortlich gehandelt und entschieden wird, auch immer mitgedacht und eingestanden werden: es kann sein, dass wir trotz bester Absichten und gewissenhafter Diskussion und Überlegung Fehlentscheidungen treffen, Gefahren unterschätzen, oder die eigenen Möglichkeiten überschätzen.

Und was für die Großen und Mächtigen und für die Verantwortlichen in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft gilt, gilt für mein Privatleben ganz genauso.

Wir haben einander zu verzeihen: weil jede Beziehung, jede Freundschaft, jede berufliche und private Entscheidung, jede Verantwortung Kindern und Familienangehörigen gegenüber immer in der Gefahr steht, zu verletzen, zu enttäuschen. Scheitern ist genauso wie der Erfolg immer eine Möglichkeit und eine menschliche Erfahrung.

Diese Ehrlichkeit entspringt keinem Pessimismus, sondern einer großen Menschlichkeit, weil sie mir Mut macht:

zu leben, 

zu handeln, 

zu entscheiden, 

Irrtümer einzugestehen,

neu zu beginnen, 

zu lieben

zu irren

hinzufallen und aufzustehen

um Vergebung zu bitten

zu verzeihen

mit anderen Worten: Mensch zu sein, 

Mensch, wie Gott Menschen sein lässt: solche, die aus der Vergebung leben.

Diese Ehrlichkeit befreit von aller Überheblichkeit, als wüsste ich besser wie richtig und einzig

zu leben,

zu handeln,

zu entscheiden,

zu lieben, 

nach dem Hinfallen aufzustehen und weiterzugehen,

und wem einzig du allein zu vergeben sei.

Und darin treffen sich dann der alte Satz des Jahres 2020 mit dem Wort, dass schon längst als das biblische Wort des neuen Jahres ausgewählt wurde und aus dem Munde Jesu stammt: ein Lebenswort

Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

Drum herum stehen noch andere richtige und wichtige Worte: „richte nicht“ oder „verdamme nicht“ und „gib, damit dir gegeben wird“. Aber sie haben alle einen faden Beigeschmack, wenn nicht ein Satz vorgeschaltet wird, wenn die Vorzeichen nicht klar sind, wenn der Glaube zur Moral wird, wenn das Leben in die Zwangsjacke korrekter und unzweifelhafter Verhaltensregeln gekleidet wird.

Aber gerade das tut Jesus nicht.

Er macht den Horizont weit.

Ich kann auf- und durchatmen.

Er bietet mir etwas zum Leben, nicht nur zum Überleben, auch zum Erleben an:

Euer Vater im Himmel ist barmherzig.

Für all die, denen es in diesen Tagen schwer fällt von Barmherzigkeit zu reden, weil sie mit den Kranken und Toten, den um Leben und Überleben kämpfenden fühlen und bangen, weil sie die Bilder aus den Flüchtlingslagern kennen, weil sie Alten und Einsamen sehen, die Verunglückten an den Straßenrändern nicht vergessen oder die unter die Räder des Lebens gekommenen kennen:

Da wird nichts schöngeredet und weggeleugnet.

Es wird tröstend gegen alles sinnlose, so hoffnungslos zurücklassende Leid behauptet und zugemutet: 

all das geht Gott zu Herzen.

Alles Bangen, alles Sorgen, alle Ängste, alles Weinen, alles Hoffen, alles Beten, alles Arbeiten, alles Mühen um Auswege, alles geht Gott zu Herzen. 

Sie alle liegen Gott am Herzen. Und ich werde nicht müde gegen allen Augenschein dies immer weiter und weiter anzuglauben:  du und ich liegen Gott am Herzen.

Diese Welt und dieses Leben ist und bleibt schön, denn Gottes Herz schlägt dafür, Tag für Tag und Mensch um Mensch.

Denn dazu ist er Mensch geworden: Weihnachten, das ja jedem Jahreswechsel immer voraus liegt, ist nichts anderes als die Vergewisserung dieses Versprechens: euer himmlischer Vater ist barmherzig: Er hat ein Herz für euch. Er erbarmt sich.

Mehr Gefühl, mehr Emotion, mehr Beziehung und Leidenschaft in seinem Verhältnis zur Menschen- und Lebenswelt ist eigentlich nicht aussagbar.

Jedes Jahr, jeder Monat, jeder Tag, jede Stunde ist ein untrügliches Zeichen seiner Barmherzigkeit.

Und nur weil Gottes Barmherzigkeit, sein Herzschlag, seine Leidenschaft, seine Liebe, sein Mitleid und sein Mitgefühl immer schon vorausgehen, macht es Sinn, an unser Herz, an unser Mitgefühl, an unser Mitleid zu appellieren: seid auch ihr barmherzig.

Lasst euer Herz sprechen.

Denn Gott traut es euch zu.

Er traut eurem Herz und eurem Verstand.

Eurem Mitgefühl und eurer Neugierde.

Trotz allem Egoismus, allem Irrtum, allem Neid, aller Gewalt, allem Starrsinn, trotz aller Hartherzigkeit und Überheblichkeit: er hört nicht auf, um unsere Herzen zu werben, in dem er sein Herz zeigt.

Schon lange nicht mehr hat ein Wort am Anfang eines Jahres so gutgetan.

Und es ist so leicht mitzunehmen auf den Weg durch dieses Jahr. Es ist so leicht aufs Herz zu legen, damit die Menschherzen und Gottes Herz im Takt schlagen: Seid barmherzig mit euch und mit anderen, egal wer sie sind und wie sie leben, wie auch euer himmlischer Vater barmherzig.

Ich wünsch uns allen, dass Gottes Herzschlag dieses Jahr zu spüren ist,

uns hilft unser Herz zu entdecken, 

dem Erbarmen Raum zu geben, 

der Liebe Gehör zu verschaffen,

ich wünsche uns ein Jahr der Barmherzigkeit.

Das schenke uns der barmherzige und gnädige Gott. AmenHerz

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