Herr Krause sucht das Glück

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da war, der da ist und der da kommt. Amen.

Liebe Gemeinde! Herr Krause ist ein echter Nörgler. Nichts kann man ihm recht machen. In dieser Zeit ist es wieder besonders schlimm mit ihm: Die Äpfel und die Kastanienblätter des Nachbarn fallen in seinen Garten. Es nervt ihn tierisch, dass er das alles aufsammeln und entsorgen muss. Schon zigmal hat er sich beim Bürgermeister beschwert, mit dem Nachbarn selber spricht er schon seit Jahren nicht mehr. Jetzt geht die ganze Sache vor Gericht. Herr Krause will sich das nicht gefallen lassen.
„Gucken Sie sich das mal an“, er schreit fast, als die Pastorin ihn besucht. „Mein Garten ist völlig verhunzt! Und hier“, er zeigt unter die mannshohe Hecke, „hier, sehen Sie! Da kommt der Giersch durch, bloß weil der da drüben seinen Kram nicht in Ordnung hat.“ Und Herr Krause läuft rot an, die Pastorin sorgt sich um seine Gesundheit.
Aber es ist nicht nur der Garten. Die Pastorin nimmt sich Zeit und hört dem aufgebrachten Herrn Krause zu. Hinter dem Haus liegt der Fußballplatz. Immer wieder fliegt der Ball auf sein Grundstück, die Kinder steigen über den Zaun, um ihn sich zurückzuholen. Herr Krause lauert derweil auf der Terasse, um das Spielzeug einzukassieren. „Sonst lernen die das ja nie“, grunzt er. Kürzlich wurde Herr Krause operiert, der Arzt ist natürlich, wie könnt’ es anders sein, ein absoluter Volltrottel. Die Narbe heilt nicht gut, „weil der sich die Flossen nie wäscht“, behauptet Herr Krause. Bakterien seien seiner Meinung nach die Ursache für den schlechten Heilungsprozess. Beim Kaufmann vor Ort kauft er schon lange nicht mehr ein, da hat sich mal die Kassiererin vertippt und nun glaubt Herr Krause, dass er dort betrogen wird. Ob er zum Ewigkeitssonntag in den Gottesdienst kommen möchte, fragt die Pastorin, er dürfe für seine verstorbene Frau eine Kerze anzünden. Aber da hat sie was gesagt! „Die Kirche und ihre Pfaffen“, schreit Herr Krause, „das sind doch die Schlimmsten von allen! Halsabschneider, Betrüger und Heuchler allesamt.“ Er denke gar nicht dran, sagt er und komplementiert die verdutzte Pastorin unfreundlich vor die Tür.

Am Sonntag drauf hat sie diesen Predigttext zu verkündigen, der im Brief des Paulus an die Römer steht. Und die Pastorin, sie weiß selbst erst nicht warum, denkt sofort an Herrn Krause, als sie diese Worte liest:
Unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber.
Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.
Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei.

Kennen Sie, liebe Gemeinde, einen wie Herrn Krause? So extrem ist es selten, aber es gibt überall Menschen, die einfach nicht zufriedenzustellen sind. Menschen, die voller Missgunst und Misstrauen sind, menschliche Kleingeister, die allein sind, weil sie jeden wegstoßen, der sich ihnen nähern möchte. Menschen, die sich vergraben in sich selbst und dabei unleidlich und unbarmherzig werden. Sie tun mir eigentlich leid, diese Menschen. Sie sind ja Gefangene ihres Zorns und vergeuden ihr Leben, indem sie Gift und Galle spucken.

Ob Paulus seine Krauses vor Augen hatte, als er den Römerbrief schrieb? Er reagiert in unserem Predigttext auf einen Konflikt in der Gemeinde, der uns heute kleingeistig vorkommen könnte. In der römischen christlichen Gemeinde trafen sich Juden und Heiden. Und Sie wissen sicher, dass Juden kein Schweinefleisch essen – das taten sie schon damals nicht und halten sich daran bis heute. Den heidnischen Römern, die sich zu Christus bekehrten, war das aber egal, die kannten diese Speisevorschrift nicht und sahen eigentlich auch keinen Grund, sie kennenzulernen. Wir wissen nicht, wie scharf der Konflikt ausgetragen wurde, aber wir wissen, dass die römischen Christen Paulus um Rat baten beziehungsweise eine Entscheidung von ihm verlangten, wer jetzt im Recht sei. Und als Antwort schreibt er ihnen unter anderem unseren Predigttext: „Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: Ob wir leben oder sterben, wir sind des Herrn.“

Was das bedeutet? Nun, ganz einfach. Paulus sagt: Es ist nicht wichtig. Es trägt nichts aus. Schweinefleisch oder nicht – das ist ganz egal. Selbst das jüdische Sonntagsgebot halten oder nicht – es spielt keine Rolle. Wir gehören Gott, sagt Paulus. Im Leben und im Sterben. In allem, was wir tun und denken – alles, was wir sind, liegt in Gottes Hand. Es liegt in Gottes Hand bis in den Tod und darüber hinaus.

Inzwischen weiß die Pastorin, warum ihr bei der Predigtvorbereitung Herr Krause nicht aus dem Kopf wollte. Der Krause, soviel hat sie verstanden, der will sein Leben aus sich selbst ins Licht setzen. Der hat keinen Blick dafür, dass Gott ihn hält. Der kämpft um seinen Garten, als ob es um seine Existenz ginge. Der ringt um Anerkennung, der erzwingt sich den Sieg, weil er nicht glauben kann, dass Christus um ihn ringt und längst den Sieg für ihn errungen hat. „Armer Herr Krause“, denkt die Pastorin. „Er muss müde sein und sehr, sehr traurig.“

Ich hatte mal einen Herrn Krause in meiner Gemeinde. Der sprach mit niemandem. Der prozessierte gegen Gott und die Welt. Der kämpfte mit Worten und mit Waffen, wenn es um das ging, was er für Recht hielt. „Ein Stinkstiefel ist das“, sagten andere. „Mit dem kann man nicht zurecht kommen.“ Nur zögerlich rückten sie mit seiner Geschichte heraus. Früher war mein Herr Krause ganz normal, ein angesehener Landwirt, ein großzügiger noch dazu. Er lebte mitten im Dorf mit seiner großen Familie. Aber dann starb seine jüngste Tochter bei einem Autounfall. Der Fahrer ließ das Kind einfach liegen und wurde nie gefunden. Seine Frau war damals gerade schwanger – sie verlor ihr Baby und litt seitdem an Depressionen. Im Dorf munkelte man, und was man munkelte war nicht nett und nicht mitfühlend, sondern gemein und gehässig, wie das auf dem Dorf manchmal so ist. Zum Krause wurde mein Krause aber erst, als ihm bei einem Jagdunfall einer der Treiber vor die Flinte lief. Der Mann starb in Krauses Armen. Seitdem ist Krause ein Krause: Unleidlich, ungerecht und zornig ohne Ende. Was ihm geschehen ist, eigene Schuld und die Schuld anderer, das war einfach zu viel für ihn. All das hat ihn krank gemacht, hat ihn verändert.

Was meinen Sie: Soll die Pastorin ihren Garten-Krause noch einmal besuchen? Soll sie ihm von der Liebe Jesu Christi erzählen, von der Heilstat Gottes am Kreuz von Golgatha? Soll sie ihm den Predigttext vielleicht auf eine Karte schreiben, ihn einladen zum Gottesdienst am drittletzten Sonntag des Kirchenjahres, weil sie ihm etwas zu sagen hat? Soll sie es riskieren, noch einmal an seine Haustür zu klopfen, auf die Gefahr hin, dass er sie hochkant rauswirft?

Ich hab meinen Herrn Krause oft besucht. Seine Schimpftiraden habe ich mir angehört, und dabei gesehen, wie sehr er sich selbst mit seinem Zorn schadete. Nein, Herr Krause wurde nicht zum Christen und nicht zum Kirchgänger. Aber am Ende lächelte er, wenn ich kam.

Kennen Sie, liebe Gemeinde, einen wie Herrn Krause? Ich schon. Schlimmer noch. Ich kenne mich selbst. Und ob Sie’s glauben oder nicht: Das kommt schon mal vor, dass ich mich in irgendeine Kleinigkeit so verbeiße, als ob mein Seelenheil davon abhinge. Es passiert auch mal, dass ich so wütend bin, dass ich nicht aus meiner Haut kann, verzeihen einfach nicht geht, an einen ersten Schritt meinerseits nicht zu denken ist. Ich kenn das Krause-Gefühl, dass die ganze Welt gegen mich ist und dass ich kämpfen muss, um zu bestehen.
Kennen Sie, liebe Gemeinde, Ihren kleinen Herrn Krause?

Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: Ob wir leben oder sterben, wir sind des Herrn – diesen Satz sage ich bei jeder Beerdigung. Manchmal komme ich mir dabei ein bisschen blauäugig vor. Es ist natürlich nicht egal, ob jemand lebt oder stirbt. Aber Paulus sagt diesen Satz nicht zu Toten, er sagt ihn zu Lebenden. Und ich habe erfahren, welch großer Trost darin liegt, dass Paulus mit mir über den Tellerrand meines Jetzt und Hier sieht. Die Worte des Paulus helfen mir, meine Gegenwart mit Gottes gütigen Augen zu sehen, die sich nicht einmal vor meinem Zorn und meiner ganzen Erbärmlichkeit verschließen, sondern sich voller Liebe und Mitgefühl gerade dann auf mich richten, wenn ich es am wenigsten verdient habe.

Der Herr Krause in mir oder in der Nachbarschaft, er ist nicht der liebste aller Zeitgenossen. Aber er gehört dazu. Und ihm gilt, genau wie mir und Ihnen, das Wort Gottes: Du bist geliebtes Kind. Für dich habe ich mein Leben gegeben. Du musst nicht kämpfen, um gar nichts, ich habe alles für dich erstritten. Es ist doch nur ein Garten, es geht doch nur um Schweinefleisch oder nicht, du weißt doch, dass die Zeit Wunden heilt. Komm zu mir, so sagt es Jesus, du bist mühselig und beladen. Ich verstehe deinen Zorn. Komm, ich will dich fröhlich machen.

Keiner von uns lebt sich nur für sich selbst, und keiner stirbt für sich allein. Gott hält uns fest in seiner Hand. Dich und mich, Herrn Krause und all die, die das Leben und sich selbst manchmal viel zu wichtig nehmen.
Amen.

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