Heilung

Ein Jahr geht zu Ende – still. In diesem Moment, wenn wir Gottesdienst feiern. Und ich muss gestehen. Ich liebe diese Stille vor der großen Knallerei. Diese Stille, in der ich über mich mein Leben und mein zu Ende gehendes Jahr nachdenken kann.

Die neue Jahreslosung will mir dabei helfen. Sie ist der letzte Vers des 12. Kapitels im Römerbrief und lautet: Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

In diesem Kapitel geht es um das Leben in der Gemeinde und darum zitiere ich hier auch den größeren Zusammenhang:

9 Die Liebe sei ohne Falsch. Hasst das Böse, hängt dem Guten an.
10 Die brüderliche Liebe untereinander sei herzlich. Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor.
11 Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Seid brennend im Geist. Dient dem Herrn.
12 Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet.
13 Nehmt euch der Nöte der Heiligen an. Übt Gastfreundschaft.
14 Segnet, die euch verfolgen; segnet, und flucht nicht.
15 Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden.
16 Seid eines Sinnes untereinander. Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch herunter zu den geringen. Haltet euch nicht selbst für klug.
17 Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann.
18 Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.
19 Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5.Mose 32,35): »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.«
20 Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen; dürstet ihn, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln« (Sprüche 25,21-22).
21 Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

ChristInnen sind keine besseren Menschen. Davon geht Paulus aus. Darum versucht er ihnen Hinweise zu geben, wie man christliche Gemeinschaft mit Leben erfüllen kann. Das tut er in einer endlosen Aneinanderreihung von Empfehlungen, die in unserer Jahreslosung gipfeln. Sie ist so etwas wie eine Zusammenfassung.

Ziel ist die Einordnung des eigenen Handelns in das Heilshandeln Gottes.

In dem Jahr 2011 jährt sich der Anschlag vom 11.9.2001. Die Erinnerung macht noch einmal deutlich, was das Böse alles leisten kann. Konkret und direkt, aber auch schleichend in den Köpfen.

Ich denke an die vielen Tausend Toten Verletzten, dauerhaft Behinderten, all die Menschen, die heute noch leiden, weil sie einen wichtigen Menschen verloren haben. Aber ich denke auch an die vielen Einschränkungen an Menschlichkeit an Freiheit, die spürbar Folge dieses Anschlags sind. Und ich denke an Menschen, die unter Generalverdacht geraten sind, weil sie das falsche Aussehen, den falschen Namen haben. Und ich denke an die Krieg in Afghanistan und im Irak. Alles Folgens dieses Geschehens vor fast 10 Jahren.

Es ist auf jeden Fall zu leichtfertig, die Welt zu unterteilen in Gut und Böse in Schwarz und Weiß. Wenn wir ehrlich sind macht das mehr kaputt als ganz, obwohl die schnellen klaren Antworten immer leicht von der Zunge gehen. Dann sind schnell alle Hartz4-Empfänger Faulenzer, alle Araber Terroristen, alle selbstbewussten Frauen Kampfemanzen.

Aber wehe, einer misst uns mit der gleichen Elle, bezeichnet uns als faule Beamte oder scheinheilige Kirchgänger.

In Wirklichkeit sind wir doch sehr unterschiedliche Menschen, die gemeinsam zum Tisch des Herrn gehen. Unterschiedlich nicht nur als verschiedene Menschen, sondern auch jeder in sich selbst. Kein Mensch ist nur einfach so. Er ist oft genug in sich selbst widersprüchlich, verhält sich nicht immer logisch.

Genauso dürfen wir auch Muslimen unterstellen, dass sie unterschiedlich sind und allen anderen Gruppen auch. Das Leben ist viel vielfältiger, als man gemeinhin annimmt. Die Menschen sind vielfältig.

Und das Böse ist auch vielfältig. Und vor allem es ist auch in uns. Wir sind nicht weiß und die anderen nicht schwarz. Wir müssen uns selber mit demselben kritischem Blick anschauen wie wir Fremde anschauen. Und dann werden wir feststellen, dass bei uns auch nicht alles eben ist.

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Das bedeutet, dass ich mit dem Bösen in mir rechnen muss und genauso mit dem Bösen in anderen Menschen. Und es bedeutet, dass gegen das Böse nur ein Kraut gewachsen ist – und wie das so ist mit den Heilkräutern. Sie müssen auch angewandt werden.

Anders ist Heilung nicht zu erwarten.

Diese Heilung wird nicht garantiert, aber es lohnt sich damit anzufangen, dass ich auf Aggression gelassen reagiere, dass ich Vergebung und Verständnis lebe. Ein Lächeln allein, kann schon befreiend wirken.

Das Jahr des Herrn 2011 kann gut werden, wenn wir im Sinne dieser Losung leben:

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

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