Heilig Abend leuchtet uns heim

Heilig Abend leuchtet uns Heim. So ist das seit dem Beginn dieser Geschichte vom Kind. So ging es den Hirten auf dem Feld, den Königen, den Engeln – sie folgten alle dem Licht.

Keine Weihnachtsansprache eines Bundespräsidenten ohne Kerzenbeleuchtung oder Christbaum, kein Weihnachtsmarkt ohne Lichterglanz. Irrlichternde Erleuchtungen, die sich dranhängen und vorweg zu nehmen sucht, was viele von uns heute Abend erahnen, erwarten, erhoffen?

Besonders mit unserem Land und unserer Kultur ist dieser Abend verbunden.

Ich weiß von fremden Menschen, die von anderen heute Abend eingeladen worden sind, um dieses einzigartige Licht des Heiligen Abends zu sehen, dem Thomas Mann in seinen Buddenbrooks fast ein gleißendes Denkmal gesetzt hat: 
(Text Buddenbrooks, Achter Teil 7. Kapitel, Frankfurt 2002, S.589, Vs. 4- S. 590, V. 10)

„Direkt in den Himmel hinein“… geht es nicht nur für die Buddenbrooks als einem der letzten Höhepunkte gegen Ende des Romans.

Lichter, die Finsternis erhellen, Ausstieg aus dem Alltag und Einstieg in eine andere Welt danach sehnen sich viele am Heiligen Abend. 
Nicht dauerhaft, nicht immer – aber heute Abend! Das täte wohl.

Christfest, Heilig Abend birgt in sich mehr die Chance auf einen Neuanfang als es das Neujahrsfest in einer Woche tut. Da schauen wir nach vorne: Was bringt ein neues Jahr? Welche Vorsätze nehme ich mit? Was muss ich tun, um an ein Ziel zu gelangen.

An Heilig Abend blicken wir zurück, auf Ursprüngliches, Unverdecktes, Eindeutiges:
Den Stall, das Kind in der Krippe, die Hirten, die Engel, Bethlehem. Jedes Jahr wiederholen wir das. 

Keiner, der sich beschwert, es sei schon wieder dieselbe Geschichte vorgelesen worden, dieselben prophetischen Texte, dieselben Lieder gesungen: 
„Heut schleußt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis“… „direkt in den Himmel hinein“, davon haben wir eine Ahnung behalten. Auch deshalb sehnen wir uns heute Abend an Unbeschwertes zurück.

Unbeschwertes vermuten wir im Neuanfang, in einem Kind, in unserer eigenen Geschichte. Lebenstüchtigkeit lernten wir durch Wiederholung guter Erfahrungen und Vorbilder, die wir hilfreich empfanden. Solche guten Erfahrungen nehmen wir auf unseren Weg mit.
Hoffen damit unser Leben bestehen zu können.

Gott wird Mensch – Geborgenheit liegt in dieser Guten Nacht Geschichte. Denn in ihr wird uns etwas von Gott versprochen, was Menschen nicht immer zu halten vermögen: Wir werden geliebt um unserer selbst willen. 

Das spüren all die, die in Bethlehem an der Krippe zusammenkommen, damals und heute.

Kindern, denen früh vermittelt wurde: „So wie du bist, bist du nicht richtig.“ „ Du reichst nicht aus!“, „ das schaffst du nicht!“, fühlen sich nicht nur von ihren Eltern, sondern auch von Gott verlassen. Wonach sollen sie sich richten? Wie wandelt man in der Finsternis ungewollter Lieblosigkeit? Denn die, die nicht lieben können, sind oft selber nicht gesehen worden. Was richtet mich aus? Gibt mir Orientierung? Was befreit mich von verbitternden Sätzen, die mein Handeln leiten?
Nicht, dass Kinder es anfangs wüssten, präzise benennen könnten. Aber sie ahnen etwas davon, dass sie in dieser Welt auf sich selbst gestellt sind:

Es zählt nur, wer
- etwas leistet,
- gut aussieht,
- Geld verdient,
- zu den Gewinnern gehört.

Wer schon von Kindesbeinen Liebe als Leistung erfährt, darum kämpfen muss, von Vater oder Mutter gesehen oder ernst genommen zu werden, nimmt häufig diesen existentiellen Kampf mit auf seine Lebensreise.

Verlieben fällt leicht. Anfangs kommt einem alles licht, bedingungslos vor. Geradezu geblendet sind wir dann von des Anderen Vollkommenheit. 
Anfangs weigern wir uns zu sehn: Licht und Schatten gehören zusammen. Meine Träume, Erwartungen, Prägungen und Hoffnungen beschatten den Blick auf den Menschen neben mir, den ich vollkommen lieben möchte.

Bedingungslose Liebe ist also göttlich unerreichbar für uns? 
Nein! Das Kind in der Krippe wird bedingungslos lieben. Denn es setzt seine Hoffnung ganz auf uns. Auf dich, auch mich. Andere Menschen hat Gott nicht geschaffen. Diese kindliche Ahnung haben wir bewahrt. 

Deshalb kehren Menschen in aller Welt zum Christuskind am Heilig Abend zurück. Gott fängt immer wieder neu mit uns an. Vielleicht werden deshalb die Besucher in Bethlehem still, vom Licht erleuchtet, das es schafft ihre Lebenswirklichkeit zu durchbrechen. 
Heilig Abend leuchtet uns heim, bringt uns an den Beginn unserer Geschichte!
Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende. 


Amen.


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