Heil in katastrophaler Welt

Wir stehen am Ende des Kirchenjahres, der heutige Sonntag trägt den Namen: drittletzter Sonntag des Kirchenjahres. Für Euch Konfirmanden ist das vermutlich vollkommen gleichgültig, aber ich vermute einmal, dass selbst wir anderen mit dieser Information wenig anfangen können. Wir wissen wohl, dass das Jahr langsam zu Ende geht, wir wissen, dass jetzt die dunkle und traurige Jahreszeit ist, dass Bußtag und Totensonntag vor der Tür steht. Aber welche Bedeutung hat dies für unser geistliches Leben und Denken? Seien wir ehrlich zu uns, es hat kaum Bedeutung, oder?

Vielleicht aber ist es gerade deshalb immer wieder wichtig, sich vor Augen zu führen, dass das Kirchenjahr, also die geistliche Betrachtung des Jahreslaufes doch mehr zu bieten hat, als wir oft glauben. Vielleicht gelingt es mir ja, dies für den heutigen Sonntag ein wenig lebendig zu machen.

Welche Themen haben die letzten Sonntage des Kirchenjahres: der letzte Sonntag ist der Totensonntag oder Ewigkeitssonntag, das kennen wir alle: das Ende des Lebens und die Hoffnung auf Ewigkeit bei Gott stehen im Mittelpunkt. Der Vorletzte Sonntag des Kirchenjahres, bei uns als Volkstrauertag bekannt, hat kirchlich gesehen das Thema: Endgericht vor Gott. Der drittletzte Sonntag des Kirchenjahres nun ist auch schon vom Ende bestimmt. Wir haben es in der 2. Lesung gehört: Wann kommt das Reich Gottes?

Das war die Frage nach dem Ende, nach der Nähe dieses Endes. Oder anders gesagt: es ist die Frage nach dem Heil des Menschen, danach wie der Mensch vor Gott heil dastehen kann, wie er vor dem Verderben, das in den Verfehlungen beschlossen liegt, gerettet werden kann.

Das Ende und das Heil von uns Menschen stehen also heute im Mittelpunkt unserer Gedanken. Für die Menschen zur Zeit der Bibel und auch noch viele Jahrhunderte später waren das wichtige Fragen.

Heute scheinen sie sehr unwichtig geworden zu sein. Wer hat schon Angst um sein Seelenheil? Wer denkt schon nach über das Ende des Lebens, außen wenn wieder irgendein Horrorszenario entwickelt wird. Und doch, so denke ich, macht es Sinn, über das Ende nachzudenken. Denn das was dahinter steht, ist doch die Frage nach Hoffnung auf eine Zukunft für mein Leben und für diese Welt.

Aber hören wir zunächst einmal einige Gedanken, die der Apostel Paulus dazu geschrieben hat.

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Paulus spricht hier sehr bildreich und das muss sicherlich erst ein bisschen übersetzt werden, damit wir verstehen, was es uns zu sagen hat bezüglich des Endes und unserer Hoffnung.

Zunächst einmal lehnt Paulus alles Gerede vom Ende der Zeiten ab. Niemand kann wissen, wann es kommt. Wie ein Dieb in der Nacht. Plötzlich und unerwartet, für uns Menschen völlig unvorbereitet. Das heißt soviel wie, wir Menschen können uns auf das Kommen des Endes auch nicht vorbereiten, zumindest nicht durch äußere Vorbereitung.

Paulus hat Menschen vor Augen, die davon sprechen, dass Friede sei und keine Gefahr bestünde. Wir haben schon alles im Griff, uns kann nichts passieren, so denken und reden diese Menschen und verlieren dabei aus den Augen, dass es eben Menschen sind, die alles glauben im Griff zu haben.

Hier wird das menschliche Leben nur aus der Sicht vermeintlicher Sicherheit gesehen und nicht aus der Sicht des Menschen, der sich selber als fehlerhaft ansieht. Mich erinnert das immer wieder an das Reden von Sicherheit im Bereich von Rüstung oder Atomindustrie. Es ist alles sicher, wie erhalten die Sicherheit, niemand braucht sich zu sorgen. Und dann gibt es doch Störfälle und es gibt doch Kriege auf dieser Welt. Es ist eine Scheinsicherheit, die uns da vorgegaukelt wird. Wir mögen wohl Vertrauen haben in den Willen um Sicherheit. Ich zumindest glaube, dass unser Militär und auch die Industrie ihr Bestes für unsere Sicherheit wollen, aber es fehlt mir zu sehr auch die kritische Seite, die sagt, wir wollen es, aber hier sind Menschen am Werk und wir können für nichts wirklich garantieren. Es gibt im menschlichen Bereich zu viel, was schief gehen kann, darum gibt es auch keine letztlich absolute Sicherheit.

Wenn man dies erkannt hat, dann gibt es zwei Weisen damit umzugehen. Zum einen könnte man sich resigniert zurückziehen und sagen diese Welt ist nicht mehr zu retten. Voller Angst geht man von einer Katastrophe zur nächsten, gibt dieser Welt keine Chance mehr. In diese Welt kann man doch kein Kind mehr setzen. Wir Menschen habe diese Welt so kaputt gemacht, dass ein Leben darin sich nicht mehr lohnt. Das war und ist die Sicht vieler Menschen, die diese Welt als unheil erleben, die keine Hoffnung mehr haben können für sich und andere. Es sind Menschen, die sich gefangen nehmen lassen, von ihren eigenen Gedanken zum Ende der Welt.

Die andere Herangehensweise ist die, dass wir solche Gedanken sehr ernst nehmen, dass wir die Menschlichkeit von uns Menschen sehr ernst nehmen. Zu dieser Menschlichkeit gehört nämlich hinzu, dass wir um die Fehlerhaftigkeit und die Schuldhaftigkeit von Menschen wissen. Vor Gott, so sagen wir Christen ja, ermangeln wir alle des Guten und sind auf Gnade angewiesen.

Wir Menschen sind, wie Luther sagt, allzumal Sünder, von Gott getrennte Menschen, und wir bedürfen der Vergebung. Aber genau hier liegt der Kern des hoffnungsvollen christlichen Glaubens. Nicht unser eigenes Tun, nicht wir selber machen uns gut vor Gott, nicht wir selber haben die Welt in der Hand, sondern Gott macht uns gut, macht uns recht vor ihm, er hat die Welt und die Zukunft in der Hand. Gott hat uns nicht dazu bestimmt, zugrunde zu gehen, schreibt Paulus, sondern dazu gerettet zu werden. Und der uns rettet, das ist unser Herr, Jesus Christus, der für uns gestorben ist, damit wir mit ihm leben, jetzt – und dann wenn dieses Leben vorüber ist. Hier liegt der Kern des Glaubens und der Hoffnung angesichts des Nachdenkens über das Ende der Welt. Wir Christen glauben und hoffen, dass Gott für diese Welt jetzt und hier Heil bereit hat. Der Tod Jesu hat ja alles Trennende überwunden, mit ihm sollen wir jetzt leben. Und wir können und sollen Leben als Menschen, die im Licht stehen, wir gehören zum Tag. Klar und wach sollen wir sein, uns nicht benebeln lassen, nicht im Finstern tappen.

Was bedeutet dies angesichts der Unheilsgedanken von vorhin. Als Christen, so wird mit gerade an diesen Worten des Paulus immer wieder deutlich, könne wir offen mit unserer Menschlichkeit, mit unserer Fehlerhaftigkeit umgehen.

Wir brauchen sie nicht zu verstecken, wir brauchen sie nicht im Finstern zu belassen. Vor Gott dürfen wir sie offen legen, denn er hat die Schuld längst auf sich selbst genommen in Christus. D.h., ein Leben im Licht ist ein offenes Leben, dass ehrlich mit sich umgeht, bis in die Schattenseiten hinein. Und christliches Leben kann offen mit sich umgehen, weil wir im Angesicht Gottes keine Angst haben müssen zu verderben. Gott will Heil. Das ist wichtig für unser ganz persönliches Leben vor Gott, aber sicher auch für das gemeinschaftliche Leben. Ein solches Leben im Licht, ermöglicht auch im Großen einen offeneren Umgang mit den Menschen. Wenn ich die beiden Bereiche anschaue, die ich vorhin genannt habe, dann heißt das für mich konkret: nicht der Mensch im Rüstungsbereich oder im Atombereich ist zu verurteilen, sondern es ist nüchtern und wachsam nach Möglichkeiten zu suchen, wie das Leben erhalten bleiben kann, wie trotz menschlicher Schwachheit dem Leben kein Schaden zugefügt wird.

Glaube, Liebe und Hoffnung, das sind dann die Motoren, die uns von den negativen Gedanken des Endes, aus der Finsternis herausführen. Nüchterner und wachsamer Glaube lässt sich nicht entmutigen von den Verhältnissen dieser Welt. Er nimmt sie ernst, wie sie sind, aber er gibt die Hoffnung nicht auf, dass sich etwas verändern kann, dass der Wille Gottes für ein sinnvolles Leben auf dieser Welt uns Menschen auch verändern kann. Wenn Gott nicht das Verderben will, dann gibt es immer auch Wege aus dem Verderben.

Nur oft genug sind diejenigen, die damit befasst sind, so in der Finsternis der eigenen Gedanken oder der sogenannten Eigendynamik gefangen, dass das Licht des Heiles, das Gott will, nicht gesehen wird.

Wer so lebt, dass er im Licht des Glaubens das wirkliche menschliche Wesen anerkennt, dass er gleichzeitig um die Gnade Gottes weiß, der kann sehr getrost und hoffnungsvoll die Aufgaben in dieser Welt wirklich bis zum Ende durchführen.

Sie kennen sicherlich alle das Wort, das Martin Luther zugeschrieben wird: Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt zugrunde geht, so würde ich heute einen Apfelbaum pflanzen. Dieses Wort beschreibt auf seine Art und Weise, was es heißt, den Tag des Herrn vor Augen zu haben, das Ende der Welt als etwas anzusehen, das jeden Tag hereinbrechen kann, und im Glauben seine Verantwortung für die Welt und in der Welt wahrzunehmen. Wenn wir am Ende des Kirchenjahres über das Ende der Welt nachdenken, dann eben nicht so, dass wir resignieren und nur noch auf das Ende starren – so wie es die Menschen tun, die dieser Welt keine Zukunft mehr geben -, sondern dass wir ganz hoffnungsvoll von Gott her die Aufgaben angehen, die es gilt anzugehen für ein gutes Leben aller. Gerade weil wir das Ende ganz in Gottes Hand legen, gerade weil wir das Heil von Gott erwarten, nicht von Menschen, weil wir darauf bauen, dass Gott das Ende ist und nicht das Handeln von Menschen, haben wir Hoffnung auch in hoffnungsloser Zeit. Weil wir als Christen im Licht des Heiles stehen, können wir diese Hoffnung haben. Vielleicht ist das der Grund, warum wir das Ende so wenig bedenken, warum es bei uns oft bedeutungslos ist. Aber dann wollen wir es doch bewusst so sehen, als bewussten Akt des Christseins.

Wenn Gott der Anfang ist, dann steht er auch am Ende da. Und wenn sein Tag kommt, dann wollen wir dem vertrauensvoll entgegengehen als hoffnungsvolle Menschen, die bis dahin tun, was auf sie zukommt.

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