Haus am Meer

Ist es noch weit? Schon zum fünften Mal hintereinander kommt die Frage jetzt vom Rücksitz. Meine Frau legt mir beruhigend die Hand auf den Oberschenkel. Ich atme tief durch und fahre einfach weiter. Es ist schon spät. Wir mussten viel stehen. Erst auf der A7, dann im Elbtunnel. Eigentlich wollten wir schon längst da sein. Im Urlaub. Am Sehnsuchtsort. Weit weg vom Alltag. In völliger Ruhe und Abgeschiedenheit.
Hinten auf der Anhängerkupplung wackelt der neue und vollbepackte Fahrradträger.
Hoffentlich fällt der nicht ab.

Mittlerweile ist es stockfinstere Nacht. Das Ziel immer noch mehr als eine Stunde entfernt.
Wo soll der Schlüssel liegen?
Hast du eine Telefonnummer von dem Vermieter?
Ich bin ziemlich genervt. Meine Frau auch.
Die letzte Stadt liegt schon wieder 20 Minuten hinter uns. Wir fahren über Land. Keine Straßenlaterne und das Navi berechnet schon wieder die Route neu.
Wir fahren im Dunklen durch ein fremdes Land.
Hoffentlich kommen wir bald an.

Nach über 12 Stunden im Auto, von einigen wenigen Pausen abgesehen, erreichen wir endlich unser Ziel. Über Kieswege, vorbei an kleinen Häusern aus Holz sehen wir unser Domizil für die nächsten 14 Tage. Als alle Koffer und Taschen im Haus verstaut sind, stelle ich mich auf die riesige Terrasse und höre in die Nacht. Der Himmel ist aufgerissen, hier und da blinken ein paar Sterne. Und tatsächlich, nicht weit entfernt rauscht das Meer.
Wir sind da. Angekommen. Alltag aus. Urlaub an.
Hoffentlich wird es so, wie wir es uns vorstellen.

Der Urlaub wurde dann ganz schön. Mit viel Baden im Meer und faul am Strand rum liegen. Schönen Familienessen und interessanten Ausflügen. Von einigen internen Störungen mal abgesehen, aber die sind immer eingepreist.
In diesem Jahr habe ich oft an diesen Urlaub gedacht. An die Stille und an das klare Meer. Es war ein besonderer Sommer damals, keine Quallen, nur kristallklares Wasser bis auf den Grund.
So gerne hätte ich dieses Jahr Urlaub in dem Holzhaus am Meer gebucht. Hätte wissend alle Strapazen auf mich genommen, 12 Stunden unterwegs, aber dann auf der Holzterrasse stehen und das Meer hören.
So gerne hätte ich. Hätte ich all das nur vorher gewusst. Ich hätte es mehr genossen.
Solche Gedanken hat man ja dann.
Hätte, hätte, Fahrradkette.

Aber dann kam alles anders. Satt Holzterrasse und Fischbude, gab es nur Freibad und Pommes. Es galt, neue Wörter zu lernen. Inzidenzwert. R-Wert. Alltagsmaske und FFP2. Ganz besonders schlimm: Triage.
Ich habe mich dieses Jahr mehrmals an meinen Sehnsuchtsort dort oben ans Meer geträumt. Hatte die Füße im klaren Wasser, spürte den Sand zwischen meinen Zehen.
Und während ich das denke, ahne ich, das wird mir für lange Zeit verwehrt bleiben. Denn auch die Grenzen waren dicht. Und könnten es vielleicht bald wieder sein.
Der Weg zurück in die Normalität ist ein langer Weg. Und weil er so lang ist, ist er gefährlich. Denn Menschen sind nicht gemacht für lange Ausnahmesituationen. Das kann man an der Geschichte studieren; schon jetzt sind für manchen 30 Sekunden Händewaschen eine Zumutung.

Schon damals, als ein berühmtes Volk aus der Sklaverei fliehen konnte, war es vielen Menschen bald zu viel. So wie bei uns jetzt. Lieber wolle man zurück zu den Fleischtöpfen Ägyptens, als hier mit Maske durch die Wüste zu laufen. Auch wenn das Ziel das gelobte Land ist, in dem man sich wieder umarmen darf, Menschen wieder zu Besuch in die Krankenhäuser und Altenheime dürfen, niemand mehr alleine sterben muss, man endlich zu Oma und Opa fahren kann und in der Kirche wieder „O, du fröhliche“ singen darf. Alle zusammen!
Hoffentlich wird das wieder. Irgenwann!

Knapp 600 km sind es von Ägypten nach Israel.
Knapp 600 km sind es bis zu meinem Sehnsuchtsort.
Aber schon nach 100 km fangen die Kinder im Auto an zu quengeln, nimmt die Unzufriedenheit mit jedem gefahrenen Kilometer zu.
„Gib doch einfach das Handy nach hinten. Dann ist Ruhe!“, sage ich in solchen Situationen oft zu meiner Frau.
Obwohl wir das beide doof finden.
Es ist der bequemste Ausweg aus der unbequemen Lage.
Aber der bequemste Ausweg ist oft nur kurzfristig mit Erfolg gekrönt.
Denn danach fangen die Probleme erst an.
Wie gesagt: Man kann das studieren. Über die Jahrhunderte hinweg.

So wie damals, als die Israeliten nicht mehr weiterwollten. Aber wer ein Ziel vor Augen hat, braucht nun mal einen langen Atem. So wie für diese besondere Zeit. Die Zeit der Pandemie ist wie eine Urlaubsfahrt über die A7. Man muss sich die Kräfte einteilen, darf nicht zu viel zu schnell wollen. Denn sonst reicht die Luft nach hinten nicht aus.
Natürlich gibt es Abkürzungen. Der Streckenverlauf ist nicht festgelegt. Aber nicht jede Abkürzung bringt einen schneller ans Ziel. 600 km bleiben 600 km. Da helfen auch keine Freiheitsboten oder andere Populisten, die mit kleinen Kerzen und bunten Schildern am Wegesrand stehen und versprechen, dass schon hinter der nächsten Abfahrt alle Antworten auf die vielen existenziellen Fragen unserer Zeit warten.
Das stimmte schon damals nicht. Als der Herr seinem Volk den Weg gezeigt hat:
20 So zogen sie aus (von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste.) 21 Und der HERR zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten. 22 Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.

Ein paar unbeschwerte Tage im Holzhaus am Meer sind mein erklärtes Ziel.
Aber zwischen der Nacht und dem Licht steht dieser beschwerliche Weg durch diese Zeit.
Ein Weg, der gewiss noch lange nicht zu Ende gegangen ist.
Ein unbekannter Weg, den man nicht einfach ins Navi eingeben kann.
Mit viel Gequengel darüber, dass man zum Einkaufen einen Einkaufswagen mitreinnehmen muss, aber immerhin begleitet von einem Gott, der am Tag und erst recht in der dunklen Nacht für uns erkennbar bleibt und der einen Weg kennt. Ein Gott, der gerne dabei hilft, das Wichtige vom Unwichtigem, das Lästige vom Nötigen zu unterscheiden – und echte Orientierung anbietet.
Er, der nicht von meiner Seite weicht, ist der einzige Freiheitsbote, dem ich traue und dem ich folgen will.
Dass sich das lohnt, hat die Geschichte gezeigt.
AMEN!

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