Hard Times (Ps 36,3)

Ps 36,3
[3] Herr, deine Güte reicht, soweit der Himmel ist und deine Wahrheit, soweit die Wolken gehen!

[Anmerkung: Als Symbol wird ein Lenkdrachen benutzt. Die KonfirmandInnen bekommen im Anschluss jede/r einen Lenkdrachen geschenkt.]

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Festgemeinde!

Hard times – Harte Zeiten, so heißt das Lied, das ihr euch, wie die meisten anderen Lieder auch, für den heutigen Gottesdienst ausgesucht habt. Harte Zeiten gibt’s im Leben. Und das Lied beschreibt es mit Hilfe von Regentropfen und Stürmen, von beißenden Winden, die zu Tränen reizen, mich zum Verzweifeln bringen. Hard times – ihr würdet sie vielleicht anders beschreiben. Vielleicht als eine Situation, in der ihr an euch selber zweifelt; weil’s bei einer in der Schule schon wieder daneben ging trotz aller Paukerei. Wo alles ganz unsicher und ungewiss wird. Wenn die Eltern sich trennen und die Stimmung zuhause ist zum Weglaufen. Wo gehöre ich eigentlich hin, fragt sich einer – Mutter oder Vater. Ich muss Stellung beziehen und will doch eigentlich nur, dass es wieder so ist wie früher, dass wir wieder eine Familie sind und die Welt in Ordnung. Und da ist Wut und der Wunsch zu verstehen und ich möchte wissen, wo’s eigentlich langgeht. Hard times. Und andere machen sich lustig über dich, weil du nicht so schlank bist, wie’s nun mal angesagt ist oder weil da noch Babyspeck ist statt Waschbrettbauch. Und cool musst du sein, möglichst wenig Gefühle zeigen; sonst bist du ein Weichei. Dabei brodelt es in dir und du möchtest manchmal einfach nur schreien oder abhauen. Tja, und was ist es eigentlich, was möchtest du eigentlich?

Ganz viel von dem, was ihr euch wünscht, was ihr euch vom Leben erhofft, das habe ich in den Sprüchen gelesen, die ihr euch zu eurer Konfirmation ausgesucht habt. Wir werden sie gleich bei der Einsegnung hören. Da scheinen Licht und Sonne, da seid ihr fröhlicher Hoffnung und erfahrt Liebe und Erbarmen, Da beschützen euch Gottes Engel und blickt ihr voll Vertrauen und Kraft in die Zukunft. Da erwarten euch Glück und Freiheit.

Mir ist selber ganz froh geworden dabei, als ich die Urkunden schrieb! Und unwillkürlich fiel mir ein Satz aus der Bibel ein, der aus dem Psalm stammt, den wir eben gelesen haben:

[TEXT]

Ich kann ihn richtig sehen, den weiten Himmel, der sich über dem Horizont wölbt. Die Wolken, die langsam dahinziehen, wie weiße Wattebausche auf blauem Hintergrund. Und das tue ich ja nicht, während ich zur Arbeit hetze oder Vokabeln büffele. Sondern ich nehme mir Zeit, liege vielleicht im Gras, höre die Vögel singen und die Bienen summen. Und dann tauche ich ein in diesen blauen Himmel, spüre die Weite in meinem Herzen, fühle mich frei und sorgenlos, lasse meine Gedanken mit den Wolken in die Ferne schweifen.

[TEXT]

Das ist ja auch so eine Erfahrung, die zu euch gehört: Ihr wisst, dass das Leben noch vor euch liegt. Da warten ungeahnte Möglichkeiten, Wege, die ihr nicht berechnet habt. Freiheit euch zu entscheiden und euch eure Welt zu erobern. Und vielleicht spürt ihr ja so ein Kribbeln im Bauch und freut euch auf das, was kommt, auf eure Zukunft.

Ich habe euch heute deshalb einen Drachen, ein kite mitgebracht. Als Zeichen für euer Leben, für eure Zukunft. Merkwürdig nicht? Schauen wir ihn uns doch mal an!

So ein Drachen, der hat es gut. Der schwingt sich hoch in die Lüfte. Was wir nicht können, das kann dieses leichte, zerbrechliche Gebilde. Kann sich tragen lassen vom Wind. Ganz weit oben flattert er im Wind. Mit freier Sicht über Felder und Wiesen, Seen und Berge, am Meeresstrand oder zwischen den Dünen. Ganz nah an den Wolken, frei und schwerelos.

Freiheit, unbegrenzte Möglichkeiten. Das ist gut, danach sehnen wir uns, gerade wenn wir uns begrenzt oder eingeengt oder gegängelt fühlen.

Freiheit klingt gut – „Marlboro man“, der Geschmack von Freiheit und Abenteuer. Alles ist möglich. Freie Auswahl. Was wollen wir heute essen? „Ist es nicht verrückt,“ sagte mir letztens eine Frau, „wir haben uns am Wochenende tatsächlich gefragt, was wir heute essen – dies oder das oder vielleicht doch lieber noch was anderes. In anderen Ländern,“ fuhr sie fort, „da fragen sich die Menschen, ob sie heute was zu essen haben.“ Aber uns geht es gut, zum Glück, trotz aller verordneter Sparmaßnahmen. Wir brauchen nicht zu hungern, wir können auswählen. Welche Hose ziehe ich an? Freie Auswahl – was sagt die Mode? Was hast du? – D1, D2, e-Plus? Gibt’s Unterschiede? Welche Partei? Welches Auto? Welche Marke? Welches Skateboard – freie Auswahl – wonach richte ich mich? Habe ich selber Kriterien dafür oder verlasse ich mich auf das, was andere sagen oder auf die Medien, auf die Werbung? Freiheit – heißt das, alles ist gleich gültig, die Weltanschauung, die Religion, die Werte. Oder ist mir das schon gleichgültig?

Freiheit, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Gemeinde, Freiheit, Weite, unbegrenzte Möglichkeiten – das ist manchmal wertlos, einfach nur Gewohnheit – dann, wenn ich sie nicht gelernt habe zu nutzen und einzusetzen. Wenn ich nicht gelernt habe, was für mich wichtig und richtig ist. Wenn ich keine Wertmaßstäbe habe, verliert alles seinen Wert.

Doch zurück zu unserem Drachen. So ein Drachen, der besteht aus einem leichten Segel, das durch ein Gestänge ausgebreitet wird. Bei den meisten Drachen trifft sich das Gestänge in der Mitte und bildet zusammen mit der Waage, die den Auftrieb bestimmt, ein Kreuz. Das Kreuz stabilisiert den Drachen. Ein Kreuz als Mitte – das interessiert mich. Ein Kreuz als Lebensmitte, das fasziniert mich. Damit meine ich nun nicht, dass alles sich in unserem Leben ums Kreuz und um den Glauben dreht – wir wissen, dass das anders ist. Aber es bedeutet: hier in der Mitte, erfährst du, wo du herkommst, was dich trägt, wer dich segnet. Gott ist es, den Jesus Christus uns gezeigt hat, von dem er erzählt hat mit seinen Worten und mit seinem ganzen Leben, mit seiner Leidenschaft und seinem Sterben. Dieser Gott hat dich geschaffen, trägt und segnet dich! Wie bunt, wie widersprüchlich oder spannungsreich unser Leben auch immer ist, Jesus Christus ist und bleibt die Mitte. Er bleibt die Mitte eures Lebens. Das ist gut zu wissen, denn ihr werdet in Zukunft immer wieder entscheiden müssen, welchen Weg ihr gehen wollt, was wichtig sein soll, welche Grenzen ihr akzeptiert. Ihr seid frei, ja. Aber nutzt diese Freiheit. Vertraut euch Gott an mit dem, was euch bewegt. Wenn ihr Entscheidungen zu treffen habt, die euch etwas bedeuten, wendet euch an Gott im Gebet; lasst euch von ihm Masstäbe geben für euer Handeln.

Das Besondere an einem Drachen ist auch, das er zwar frei in den Lüften schwebt, doch er ist nicht haltlos. Es gibt eine Halteleine oder wie bei dem Exemplar, das ich euch mitgebracht habe, zwei Halteleinen. Der Drachen braucht diesen Bezug zur Erde, damit er nicht ins Trudeln gerät und abstürzt. Derjenige, der den Drachen hält und lenkt, den nennt man Pilot. Ein guter Pilot geht sorgsam mit seinem Drachen um. Er weiß den Auftrieb und die Windböen richtig einzuschätzen. Durch geschickten Zug an den beiden Leinen können Piloten einen Lenkdrachen an Höhe oder Geschwindigkeit gewinnen lassen. Dabei kann der Drachen Loopings oder Schrauben drehen ohne abzustürzen.

So wie ein geschickter Pilot, so hält Gott unser Leben. Wir sind mit ihm verbunden, können in aller Freiheit ganz sicher sein, dass er weiß, was gut für uns ist. Die Halteleinen sind, wie gesagt, dabei ganz wichtig. In dem Psalmvers werden sie benannt.

[TEXT]

Güte und Wahrheit also, darauf kommt es an; kurz darauf werden noch Gerechtigkeit genannt und Liebe. Ich möchte dazu nur 2 Beispiele anführen.

Oft fängt es ganz harmlos an: Mal eine Zigarette mit Elf und dann zwei Jahre später schon mal Haschisch probieren. Die Freunde, die einen überreden, sind immer so gut drauf, da muss doch was dran sein. In der Disco ein Rumcocktail und ein bisschen Speed eingeworfen. Danach fühlt man sich ja so gut! Alles ist leicht und weit. Grenzenlose Möglichkeiten. Doch die Wahrheit sieht anders aus. Die Abhängigkeit legt sich wie eine Schlinge um deinen Hals. Abgebrochene Ausbildungen, kriminelle Delikte. „Dann stehst du in einer Zelle, kahle Wände, Plastikmatratze und dann wird dir bewusst, wie weit du unten angekommen bist,“ so erinnert sich, vorgestern in der Zeitung zu lesen, eine Frau an ihren Absturz aus der Drogenwelt.

Herr, deine Wahrheit reicht soweit die Wolken gehen! Die Wahrheit ist: Wenn du vor deinen Problemen flüchtest, landest du nicht über den Wolken, sondern im Wolkenkuckucksheim. Die Weite des Bewusstseins, das Abdriften der Gedanken und Gefühle beim Kiffen, ist in Wirklichkeit nur eine Täuschung, sie führt nicht in den Himmel, sondern in die Hölle. Die Wahrheit ist, so sagt es der Apostel Paulus: Euer Leib ist ein Tempel des Heiligen Geistes. Der Heilige Geist Gottes wohnt in euch. Gott hat euch in der Taufe seinen Geist gegeben. In euch selber wohnt der Himmel. Darum gebt Gott die Ehre und geht sorgsam mit dem um, was er euch geschenkt hat!

Oder ein zweites Beispiel: Bald ist es soweit. Der Countdown läuft. Nur noch X Tage bis zur Fußball-Weltmeisterschaft. Menschen aus der ganzen Welt werden zu Gast sein in unserem Land. Heißen wir sie willkommen! Zeigen wir uns gastfreundlich. Sport verbindet. Der Ball ist rund und ein Spiel dauert 90 Minuten.
Genau, der Ball. Wo kommen sie eigentlich her, die vielen Bälle in den Fußballstadien bei der WM oder in unserem Verein zuhause? Made in Germany? Nee, kein Gedanke dran, das wäre viel zu teuer. 90 % der Bälle kommen aus Pakistan. Wir leben schließlich im Zeitalter der Globalisierung. Sie werden hergestellt von Kindern, die den ganzen Tag brauchen, um einen Ball fertig zu nähen. Der Verdienst ist mager; Kinder kriegen nicht viel Geld für ihre Arbeit. Doch die Familie ist auf ihr Einkommen angewiesen, sonst ist nicht genug zu essen im Haus. Dumm nur, dass diese Kinder in Pakistan dadurch nicht zur Schule gehen können, nicht rechnen, nicht schreiben lernen. Keine Ausbildung, keine Chancen auf ein besseres Leben. Aber Bälle nähen für unsere Meisterschaften und Turniere, das tun sie, von morgens bis abends, im Schneidersitz und bis die Finger blutig sind.

Herr, deine Güte reicht soweit der Himmel ist – der Himmel, der auch für die Kinder in Pakistan da ist. Güte gibt es überall, sie soll jeden Menschen erreichen. So wird der Himmel, so wird das Reich Gottes unter euch Wirklichkeit, sagte Jesus. Fair spielen, fair handeln, heißt darum das Motto, das die Evangelische Kirche und die Gepa sich gesetzt haben. Im Eine-Welt-Laden, da gibt es Bälle zu fairen Preisen, die den Kindern ein besseres Einkommen und eine Ausbildung sichern. Damit sie wie wir den Himmel sehen, der weit und blau sich über ihnen wölbt, damit auch für sie das Leben mit unbegrenzten Möglichkeiten auf sie wartet, damit sie sich freuen mit einem Kribbeln im Bauch, auf das, was kommt, auf ihre Zukunft.

Ja, so ist das mit diesem Drachen, als Zeichen für euer Leben, als Zeichen für eure Zukunft. Er fliegt hoch und weit und erforscht den Himmel. Und er ist gehalten und gelenkt von den Leinen, stabilisiert durch das Kreuz in seiner Mitte. So fliegt er sicher, auch in harten Zeiten, hard times, auch wenn der Himmel sich mal verdunkelt und die Winde stürmisch gehen.

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