Haltet mich nicht auf … (Gen 24,56)

Gen 24,56
Da sprach Isaak zu ihnen: Haltet mich nicht auf, denn der HERR hat Gnade zu meiner Reise gegeben. Lasst mich, dass ich zu meinem Herrn ziehe.

Liebe Frau XY, liebe Angehörige, liebe Trauergemeinde,

Wenn man einen Menschen verloren hat, fühlt man sich ihm oft näher als zuvor, auf merkwürdige Art und Weise. Bilder ziehen an einem vorbei, Situationen, die man miteinander erlebt hat. Das werden bei Ihnen allen unterschiedliche Bilder sein. Oft spüren wir erst im Verlust, was wir an einem Menschen gehabt haben. Sie, liebe Angehörige, am Ehemann, Vater, Bruder und Großvater, am Schwiegervater.

Wir können Gott danken, für den Nachbarn, den Freund, den langjährigen Kirchenältesten, den Müller XY, von dem wir heute Abschied nehmen müssen, zumindest Abschied in diesem, für uns überschaubaren Teil des Lebens. Am Mittwoch letzter Woche haben wir noch miteinander gesprochen, ich habe mich gefreut über den wachen Blick aus den braunen Augen, in dem auch in den letzten Monaten der schweren Krankheit immer noch ein Funke Humor steckte. Zumindest ich habe nicht gedacht, dass das ein Abschied für lange Zeit sein würde – ich habe gesagt: „Bis zum nächsten Mal“ und habe überlegt, ob ich dann die Geige mitbringen soll, weil ich wusste, dass er Musik liebt und selbst viele Instrumente gespielt hat. Er selbst mag wohl gespürt haben, dass es für ihn Zeit zum Aufbruch wird. Im Nachhinein erst ist mir das klar geworden. Und so kam ich auf diesen Bibeltext aus dem Alten Testament: Da sprach Isaak zu ihnen: Haltet mich nicht auf, denn der HERR hat Gnade zu meiner Reise gegeben. Laßt mich, daß ich zu meinem Herrn ziehe. 1.Mose 24,56.

Statt Isaak dürfen wir getrost „“ einsetzen, denn unser Herr, sein Herr, ist derselbe, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Das Leben XYs, das Leben, das er, wie Sie alle wissen, geliebt hat, war zuletzt zur Last geworden. Er hat nicht mehr daran festgehalten. Es war genug. Für Sie, liebe Angehörige, die Sie an ihm gehangen haben und wussten, was Sie an ihm haben, bleiben vielleicht gerade jetzt widersprüchliche Gefühle: Schmerz und Trauer auf der einen Seite, aber auch Erleichterung auf der anderen Seite. Kann nicht der letzte Atemzug für ihn, der so sehr um Luft ringen musste, eine Erlösung gewesen sein? . Lasst mich, daß ich zu meinem Herrn ziehe.“ Dieses Loslassen fällt schwer. Schließlich erinnert Sie alles an ihn: die Mühle, in der er der letzte einer Generationskette von Müllern gewesen war, die Mühle, in der er geboren und aus der er nun aufgebrochen ist. Müller, das ist ein Beruf, der in romantischen Liedern sehr idyllisch besungen wird – aber in Wirklichkeit ist es harte Arbeit, staubige Arbeit, die ihren gesundheitlichen Tribut fordert. So wollte XY auch nicht, dass sein Sohn, wie bisher üblich, auch Müller wurde. Seine Kinder sollten es gut haben. Er war stolz auf seine Kinder und Enkel, und Sie konnten sich darauf verlassen, dass er zu Ihnen gestanden hat. Bei allem, was Sie sich vorgenommen haben… Manche werden sich vielleicht wundern, wenn ich hier nicht den Lebenslauf vom XY detailliert wiedergebe. Sie, liebe Frau XY, haben sich eine Ansprache gewünscht, in der es nicht um einen Nachruf, sondern um Glauben und Hoffnung gehen soll, zwei Dinge, die Sie als Angehörige ganz besonders brauchen. Das Leben Ihres Mannes, Vaters und Bruders kennen Sie selbst am Besten. Was den Glauben und die Hoffnung betrifft, so darf ich den Apostel Paulus in seinem 1. Brief an die Thessalonicher zitieren: Brüder, wir wollen euch über die Verstorbenen nicht in Unkenntnis lassen, damit ihr nicht trauert wie die anderen, die keine Hoffnung haben.

Wenn Jesus – und das ist unser Glaube – gestorben und auferstanden ist, dann wird Gott durch Jesus auch die Verstorbenen zusammen mit ihm zur Herrlichkeit führen.

Festhalten und Loslassen gehören zu unserem Leben wie Einatmen und Ausatmen, meistens sind wir uns dessen gar nicht so bewusst und machen das ganz selbstverständlich. Wir nehmen Dinge in die Hand und legen sie wieder hin, wir kaufen uns ein Kleidungsstück und geben es irgendwann in die Kleidersammlung. Schon das fällt dem einen schwerer als dem anderen. Wir bekommen Kinder, ziehen sie groß – und wir müssen sie loslassen. Manchmal, und auch das hat XY, haben Sie als Familie erlebt, manchmal auch für immer, zumindest für dieses Leben. Alles Festhalten und Loslassen können wir als Übung verstehen für das Letzte, wenn wir alles aus der Hand geben müssen. Aber auch dann greifen wir nicht ins Leere, dann sind unsere Hände frei für die Hand Gottes, die sich uns entgegenstreckt. Gott nimmt uns bei der Hand, um uns neues und ewiges Leben zu schenken. Haltet mich nicht auf, denn der HERR hat Gnade zu meiner Reise gegeben. Wer glaubt, und wer den Weg von Jesus Christus vor Augen hat, weiß, dass dieses Leben eine Durchgangsstation ist. Das bedeutet nicht, dass wir dem Aufenthalt hier keine Sorgfalt und Aufmerksamkeit widmen brauchen.

Klar ist uns dieses Leben, das wir kennen, lieb und wichtig. Das war auch bei XY so – er das Leben geliebt, und er hat Spuren hinterlassen, durch seine gesellige Art – jemand hat ihn einmal das „Unikat von Alterode “ genannt, aber auch durch sein Festhalten am Glauben. Ich habe in den alten Protokollbüchern des Gemeindekirchenrates den Namen XY immer wieder gefunden, gerade in schwierigen Zeiten, wo mancher andere glaubte, man könne sich von Gott so einfach verabschieden. XY wusste, dass das nicht der Weg sein kann. Gott hält uns in der Hand – nicht wir ihn. Und er hält uns auch dann fest, wenn wir glauben, keine Spur davon sehen und spüren zu können.

Wir Christen leben und sterben auf Hoffnung. Der Apostel Paulus schreibt:

„Wir dagegen haben schon jetzt Bürgerrecht im Himmel, bei Gott. Von dort her erwarten wir auch unseren Retter, Jesus Christus, den Herrn. Er wird unseren schwachen, vergänglichen Körper verwandeln, so daß er genauso herrlich und unvergänglich wird wie der Körper, den er selber seit seiner Auferstehung hat. Denn er hat die Macht, alles seiner Herrschaft zu unterwerfen.“

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