Habseligkeiten

Liebe Gemeinde,

kennt ihr Doris Kalka? Zugegeben, bis vor einer Woche kannte auch ich sie nicht und Hand aufs Herz man muss sie nicht wirklich kennen. Und dennoch hat diese Frau – wenn vielleicht auch
nur für einen Augenblick – ein Wort zur Sprache gebracht, das fast vergessen war und das nun Karriere gemacht hat.

Um das Wort Habseligkeiten dreht es sich. Dieses alte Wort Habseligkeiten wurde auf Vorschlag jener Frau Kalka aus insgesamt 22.838 Worten zum schönsten Wort des Jahres 2004 gekürt. Noch vor dem Wort Geborgenheit und lieben landete es auf Platz eins bei der Jury. Libelle war übrigens das liebste Wort der Kinder. Auch Prominente gaben ihre Lieblingsworte zu Protokoll:
Kulturstaatsministerin Christina Weiss wählte das Wort "Erfahrungsschatz",
die Bundesernährungsministerin Renate Künast nannte "tafeln." Loriot schlug
dagegen "Auslegeware" vor.

Nun ist heute Reformationstag und ich habe mich gefragt, welches Wort wohl Martin Luther zu seinem Lieblingswort erklärt hätte? Getafelt hat er bekanntlich ganz gern – mit Auslegeware hätte er kaum etwas anfangen können, schon eher mit Erfahrungsschatz – doch die Habseligkeiten lägen ihm wohl am nächsten.

Ich denke dabei nicht in erster Linie an die ständigen Geldsorgen von Käthe Luther,
die über die paar Habseligkeiten im Hause Luther oft Klage führte. Ich glaube, er hätte bei dem Wort „Habseligkeiten“ ganz gern die Betonung auf Seligkeit gelegt. Und um Seligkeit ging es Martin Luther schon – vielleicht sogar um Habseligkeiten. Lasst uns sehen.

Unter Habseligkeiten versteht man landläufig ja eine Sammlung kleiner, nicht unbedingt wertvoller Dinge. Manchmal hat die Verwendung des Wortes auch so einen Nebenklang – wie: die paar Habseligkeiten. Dennoch können solche Habseligkeiten einen hohen ideellen Wert für einen bestimmten Menschen besitzen. Erinnerungen und Assoziationen verbinden sich damit, manchmal auch das kleine persönliche
Glück.

Was die Habseligkeiten bedeuten, was menschlicher Besitz taugt oder eben auch nicht – das wusste Luther spätestens seit dem Bauernkrieg, bei dem weder Hab noch Gut noch Menschenleben geschont wurden. Er wusste auch, selbst wenn die äußeren Dinge des Lebens geregelt sind und das, was einer hat, alles andere als habselig ist, können einem andere Dinge arg zu schaffen machen, einem die Seelenruhe nehmen: Das Gewissen zum Beispiel, Fragen nach dem Sinn oder die Ungewissheit über eine Entscheidung. Sie können einem das Leben mehr als schwer machen.

Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? Mit dieser Frage schlug sich Martin Luther lange herum. Erst nach intensivem Ringen, Studium, Gesprächen bekam Martin Luther eine Ahnung davon, was wirklich selig macht, worauf es zu allererst und zuallerletzt ankommt. Er staunte darüber und wunderte sich, dass er dies nicht viel früher für sich und andere entdeckt hat.

Mit einem ganz alten Wort – ähnlich den Habseligkeiten hat er es umschrieben, was ihm zum Schatz geworden ist, zum Glück, zur Seligkeit: ich meine die Gnade Gottes, das freundliche Angesicht Gottes, das über jedem Menschenkind leuchtet, wer er auch sei, was er getan oder unterlassen hat, diese offenen Arme, die geduldig warten. Was hatte sich dieser Martin Luther gemüht, es Gott recht zu machen. Wie hatte ihm sein Gewissen vorgehalten: du bist nicht gut genug. Du bist nicht so, wie Gott sich das wünscht. Du bleibst meilenweit hinter dem zurück, wie ein Mensch vor Gott bestehen könnte. Wie habselig kam sich Luther selbst vor, wie bedürftig und unzulänglich. Dabei war er so erfüllt von dem Wunsch nach einem gelingenden Leben – selig sein – glücklich seine Tage verleben im Bewusstsein, er würde einmal vor seinem Schöpfer bestehen können – das war der große Wunsch des Martin Luther.

„Gott hab ihn selig“ – das sollte man einmal von ihm sagen können, wenn er diese Erde verließ. Gott sei´s gedankt, er hat es noch rechtzeitig zu seiner Lebzeit entdeckt, was heute in unserem Predigttext steht: Er hat den Schlüssel zur Seligkeit gefunden, als er las und übersetzte:

[TEXT]

Liebe Gemeinde, Gott habe ihn selig diesen Reformator, diesen Martin Luther, diesen Gottessucher, diesen verzweifelten Menschen, der um Gottes Liebe rang und für den Christus eintritt wie auch für uns – er hab ihn selig und auch uns.

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