Hab keine Angst vor den lauten Dingen … (Ps 17,8)

Ps 17,8
[8] Behüte mich wie einen Augapfel im Auge, beschirme mich unter dem Schatten deiner Flügel …

Liebe Steffi, lieber Patrick, liebe Gemeinde,

vor mehr als 20 Jahren hat die Liedermacherin Bettina Wegener ein Schlaflied für ihren kleinen Sohn geschrieben. In den Versen dieses Liedes, die voller Zärtlichkeit für ihr Kind sind und voller Trost, singt sie: „Hab keine Angst vor den lauten Dingen, hab keine Angst vor dem Schwarzen Mann oder vor Löwen. Keiner ist da, der dir etwas tut.“ Und als das Kind eingeschlafen ist, singt sie in der letzten Strophe: „Wie klein du bist, das tut so weh. Ich kann nicht schlafen wie du, mein Sohn. Weil du noch nicht siehst, was ich schon seh!“

Wir hatten unser Taufgespräch geplant für Dienstag, den 11. September, abends um 18 Uhr. Um 15 Uhr liefen die ersten Bilder vom Terroranschlag in den USA über den Bildschirm. Und mir war nach allem anderen zumute, als dann am Abend eine Taufe vorzuplanen. Wir haben uns trotzdem getroffen, haben einige Zeit gebraucht, bis wir unsere Gedanken eine Zeit lang frei hatten, um über diesen Gottesdienst heute nachzudenken. Im Nachhinein und heute denke ich, wir waren und sind dem Sinn der Taufe so nahe gekommen, wie es vielleicht vor vier oder sechs Wochen nicht gewesen wäre.

Ein kleines Kind taufen mitten in Zeiten, in denen wir wie benommen sind von soviel unglaublicher Gewalt – ein Zeichen des Lebens setzen in Zeiten der Zerstörung von Leben – ein Fest der Liebe Gottes feiern in Zeiten, die von Schlagworten wie Rache, Vergeltung, Feldzug, auslöschen, … dominiert wird. Das, was jede Taufe immer bedeutet, bekommt in diesen Tagen in unserem Umfeld eine ganz andere Tiefe. Wobei wir nicht vergessen sollten, dass Gewalterfahrungen dieser Art für viele Menschen in anderen Gegenden der Welt zutiefst beschämender Alltag sind. „Wie klein du bist, das tut so weh“, singt Bettina Wegener. Und die Nähe zu einem kleinen Kind bekommt eine ganz andere Intensität, wenn neben unseren Kindern die aufgeschlagene Tageszeitung liegt. Mein Kind, du siehst noch nicht, was ich schon seh.

Wohin mit dem, was wir schon sehen, wenn wir die Augen nicht verschließen? Wohin mit unseren Ängsten und Befürchtungen, mit unserem Wissen, auf welch dünnem Boden wir uns bewegen mit all unseren guten Wünschen und Sehnsüchten für ein gelingendes Leben unserer Kinder, mit unserer Hoffnung, dass auch unsere Kinder ein Recht auf eine offene Zukunft haben? Wohin mit unserem Wissen, wie sehr ein kleines Kind auf Schutz und Bewahrung angewiesen ist?

In Psalm 17 bringt ein Beter diese Gedanken vor Gott: „Gott, behüte mich wie einen Augapfel im Auge, beschirme mich unter dem Schatten deiner Flügel!“ Es sind keine frommen Worte in einem luftleeren Raum. Sie sind umgeben von anderen Bitten und Bekenntnissen: „Herr, höre die gerechte Sache, … ich bewahre mich vor gewaltsamen Wegen … erhalte meinen Gang auf deinen Wegen … ich will dein Antlitz schauen in Gerechtigkeit … behüte mich vor Gewalt …!“

Worte, denen wir uns, nicht nur im Blick auf Dominik und alle unsere Kinder, sondern auch im Blick auf uns selbst ohne Fragen anschließen können. Wie schutzbedürftig sind wir. Wie sehr darauf angewiesen, von Gott bewahrt zu werden – vor dem Bösen, das in dieser Welt lauert, auch in uns selbst – bewahrt zu werden vor Unrecht und Gewalt, die auch in uns selbst zu finden sind. Bewahrt zu werden vor zu großer Lebensangst, die schnell umschlägt in Aggression gegen uns und gegen andere.

In diesem Wissen um unsere eigene Person taufen wir. Sprechen Dominik zu und erinnern und vergewissern uns selbst aufs Neue: Unser Leben ist getragen von der Liebe Gottes, ist unverlierbar wertvoll durch Gottes Zuspruch und Güte, hat seine Herkunft, Gegenwart und Zukunft in Gott. Wer das weiß und damit lebt, kann auf ein Handeln, das aus der Angst geboren wird verzichten, kann auf Gewalt und Gegengewalt verzichten, muss sein Leben nicht sicherstellen durch Abgrenzung und Aggression gegenüber anderen, kann sein Leben gestalten auf dieser Grundlage, diesem Zuspruch Gottes, dass wir geliebt sind und geliebt bleiben, was immer kommen mag.

Wir wissen das alles, haben es oft gehört, feiern es, nicht nur bei Taufen, immer wieder neu. Und doch bekommt es in diesen Tagen, im Angesicht der Abgründe dieser Erde, in ganz anderer Weise noch einmal seinen eigenen Klang.

Mit der Taufe von Dominik setzen wir für ihn, seine Familie und uns alle ein neues Zeichen des Lebens. Wir widersprechen der Versuchung der Resignation, der Versuchung, uns der Angst und Mutlosigkeit müde hinzugeben. Wir widersprechen der Versuchung, uns zurückzuziehen und zu verschanzen und uns und unsere Welt aufzugeben.

Mit dem Wasser der Taufe geben wir dem Leben neue Nahrung – so wie der Rose von Jericho, die inzwischen schon am Aufgehen ist. [zeigen] Und wenn wir heute versprochen haben – im Namen Jesu Christi getauft und versprochen haben, dass wir Dominik in sein Leben begleiten werden, dann haben wir damit auch versprochen, an der Gestaltung dieser Erde so mitzuwirken, dass sie für Dominik eine lebenswerte Erde bleibt und wird. Deswegen in diesem Gottesdienst das gemeinsame Sprechen des Sozialen Bekenntnisses unserer Kirche, mit dem wir bekennen, dass der Glaube Gestalt gewinnen will und muss in der Weise, wie Christus gelebt hat und wie wir leben und handeln werden. Wir nehmen Dominik auf in unsere Gemeinschaft unserer Gemeinde und Kirche – und sprechen ihm zu, dass wir – mit Gottes Hilfe – eine Gemeinschaft sein wollen, die dem Leben, auch seinem Leben dient. Die ihm Halt und Mut geben will, Trost und Hoffnung, wenn er uns braucht.

Wir haben heute ein kleines Kind getauft – noch voll von beklemmenden Gedanken, wie nahe uns das Böse plötzlich rücken kann. Und wir spüren dabei, wie wenig eine Taufe nur ein schöner traditioneller Familienanlass ist. Sie ist ein Zeichen, wie entschieden Gottes Willen für das Leben ist, wie entschieden sein Widerspruch gegen den Tod und wie verpflichtend es für uns ist, wenn wir ein Ja sagen zur Taufe, diesen Lebenswillen Gottes Gestalt gewinnen zu lassen in unserem Alltag.

In Wochen wie diesen geht uns bei der Taufe sicher etwas von der unbefangenen und fröhlichen Gelassenheit des Glaubens verloren. Vielleicht taufen wir mit zitternden Händen im Wissen darum, was in dieser Welt auf uns warten kann. Gerade darum aber sind wir hier und bekennen, dass wir auf das Kommen Gottes warten, dass wir seine Gegenwart brauchen als Wasser des Lebens, dass wir seine Welt des Friedens erwarten und sie vorwegnehmen wollen im Leben unserer Kirche, zu der wir gehören. Und wir bitten Gott für Dominik, seine Angehörigen und für uns alle mit den Worten des Psalmes: „Gott, behüte Dominik, behüte uns alle wie einen Augapfel im Auge, beschirme Dominik und beschirme uns alle unter dem Schatten deiner Flügel!“

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