Gründung im Zwielicht, Kirche am Anfang

Liebe Gemeinde,
wir hören selten, dass die Kirche ihrer Zeit voraus wäre. Gegenteiliges aber sehr oft.
Die Gottesdienste reißen nicht mit. Die alten Lieder sind zu schwer. Die Kommunikation ist „Old-fashioned“. Dazu noch, Wein wird getrunken und Wasser gepredigt – Unglaubwürdigkeit, das wiegt schwer. Kein Wunder also, dass Gemeindeglieder davonlaufen.

Manchmal kommt aus der jüngeren Gemeinde der Hinweis, mehr in den Medien präsent zu sein. Z.B. bei Instagramm, Facebook, WhatsApp und Co.

„Old-Style – alte Stilistik“ finde ich sogar liebenswürdig. Alte Handys, ohne Wischfunktion, machen mir die Besitzer sympathisch. Demjenigen ist ein richtiges Gespräch wichtiger, als nur eine rasch hin gewischte WhatsApp.

Aber es gibt eine Art Rückgewandtheit, die lähmend ist: Menschen, die permanent erzählen, wie schön es früher war. Die klagen, dass die Kinder nicht mehr kommen. Eltern, die die Lieder ihrer Konfirmandenzeit einfordern. Von Kirchentagen wird geschwärmt, von denen noch prophetische Impulse ausgingen. Wie wird es dieses Jahr in Frankfurt werden? Wird er überhaupt stattfinden? Wird man wieder die alten Stars holen, um die Hallen zu füllen? Wird sich die Angst vor Bedeutungslosigkeit weiterverbreiten?

Petrus wollte, nach den frustrierenden Geschehnissen am Karfreitag, wieder in sein Dorf zurück. In sein altes Leben, was sollte er auch sonst machen?

Ich lese uns den Predigttext bei Johannes, im 21. Kapitel.

Es stellt sich eine irreale Atmosphäre zwischen Tag und Traum dar. Zwielicht, wie in Emmaus. Aber hier ist keine Abenddämmerung, sondern ein neuer Tag bricht an. Jesus erscheint im Morgengrauen, in aller Herrgottsfrühe. Am Morgen war Jesus bei denen, die ihre Hoffnungen begraben hatten. Traurig, sicher auch fröstelnd, blickten sie auf algenverklebte leere Netze. Auf Geheiß eines „vermeintlich Fremden“ warfen sie nochmals die Netze aus. Und plötzlich war da überbordender Erfolg.

Johannes erzählt, in dieser verwirrenden Situation, das Geheimnis des Lebens. Und wie so oft in der Bibel, liegt der Schlüssel in Zahlen verborgen.

„Sieben Jünger“ fuhren mit Petrus fischen. Das überrascht, warum nicht alle elf? Warum war Nikodemus, der nicht zu den Zwölfen gehörte, dabei? Weil er schon einmal etwas vom Geheimnis des neuen Lebens gehört hatte? Sie erinnern sich seiner Frage: „Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist?“ (Joh. 3,4)

Nikodemus und die sechs anderen repräsentierten wohl die Gesamtheit der Kirche – sieben Gemeinden sind im Buch der Offenbarung benannt. Diese Geschichte könnte als eine der Gründungsmythen der Kirche gelesen werden. Petrus, der Fels, und später das Haupt der Kirche war auf das Fundament der Kirche gestoßen worden.

Er, der erfahrene Fischer, wurde noch mal losgeschickt die Netze auszuwerfen. Eine echte Herausforderung für einen Profi. Er vertraute, sein Vertrauen wurde belohnt. Als er erkannte, dass Jesus ihm den Auftrag erteilte, sprang er ins Wasser uns schwamm ihm dankbar entgegen.

Die „zweite geheimnisvolle Zahl“ dieser Geschichte ist die „153“.
153 Fische waren in dem Netz. Warum genau 153? Hätte man doch abrunden können! 150 merkt sich viel besser und wäre immer noch sehr erstaunlich.

Die Kirchenväter wussten, dass in den Zahlen der Bibel tiefere Geheimnisse verborgen sind. Augustin, im 4. Jahrhundert, war so einer. 153 – das ist die Summe der Zahlen von 1 bis 17. Augustin wusste, dass im Hebräischen jeder Buchstabe einen Zahlenwert hat.
(Alef die 1, Bet die 2, Gimel die 3, usw.)
Die Zahl 17 kann in die Zahlenwerte 9+6+2 zerlegt werden. Werden diese dann aufs hebräische Alphabet gelegt, entsteht das Wort:“tow“. „tow“ bedeutet: „gut“. Dem geübten Bibelleser kommt die Schöpfungsgeschichte in den Sinn: „und Gott sah, dass es gut (tow) war“.

Mit den „153 Fischen“ erinnert Johannes an Gottes Schöpfungshandeln. An das Erstehen des Lebens aus dem Tohu Wabohu. Das war die Osterbotschaft an die Jünger: „Aus dem Tohu Wabohu eures Lebens, eurer Tränen um Jesu Tod, eurem Nicht-Wissen-Wohin-Mit-Euch, entsteht Neues.“

Wir haben vorhin von Thomas Zweifeln gehört. Wir selber kennen Zweifel. Viele Menschen fragen: „Warum lässt Gott so viel Leid zu?“ Die biblischen Erzählungen um Ostern treiben diese Frage auf die Spitze:
Eine Welt voller Leid, in der Unschuldige gekreuzigt werden.
Eine Welt, wo ein wunderbarer Mensch vor der Zeit zu Tode kam.
Eine Welt, in der das Böse mächtiger zu sein scheint als das Gute – da kann man nur zweifeln und auch verzweifeln. Die Jünger hatten es gerade erlebt. Jesus – für den sie alles aufgegeben hatten – war nicht mehr da.

Ein erster Versuch, dort wieder anzufangen wo Jesus sie weggeholt hatte, – von ihren Fischerbooten –, scheitert. Und nun, diese 153 Fische mit ihrer geheimnisvollen Botschaft: Das Leben ist gut. Die Schöpfung ist gut. Auch wenn es manches Mal zum Verzweifeln ist.

Aus dem Zwielicht des Morgens entstand ein neuer Tag. Das neue Leben entsprang dem Vertrauen, das die Jünger in den auferstandenen Jesus setzen. Sie folgen seinem Auftrag. Obwohl erfahrene Fischer, fuhren sie noch einmal los. Warfen die Netze aus, wie er ihnen gesagt hatte. Obwohl sie nicht einmal genau wussten, wer da mit ihnen sprach. Aus diesem Vertrauen entsprang das Gute der Schöpfung: 153 Fische – Siehe, es war gut.

Das ist ein schöner Gründungsmythos der Kirche: Leben im Zwielicht, obwohl der Herr da ist. Vertrauen, obwohl die Erfahrung dagegenspricht. Auch nach Ostern wird es Erfolge und Misserfolge, Zweifel und Verzweiflung geben. Man könnte das Osterfest hinter sich lassen. Aber die Geschichte erzählt, dass es so, wie bisher, nicht weiter gehen kann.

Zwielicht, Atmosphäre der Uneindeutigkeit. Die Erlösung muss uns unser Umfeld nicht ansehen, die Wahrheit von Ostern müssen wir der Welt nicht beweisen. Es geht nicht um fröhlichen Schein, sondern um zuversichtliches Sein.

Der Osterglaube ist ein immerwährender Anfang im Zwielicht. Traut euch, wieder mehr Vertrauen zu haben. Vertrauen, dass das Leben gut ist, weil Gott da ist.

Die Szene am Ufer des Sees erzählt geradezu liebevoll, wie der Auferstandene schon das Frühstück bereitet hatte. Auf einem Kohlefeuer, das noch an die Verleugnung erinnerte, wurde nun das Mahl zubereitet. Der Auferstandene stärkte seine Kirche. Alles wird gut. Es ist genug da zum Leben. 153 Fische. Gott sorgt dafür. Wir müssen nur vertrauen.

Das Frühstück gemacht bekommen ist die wunderbare Zuwendung von Liebespaaren und Familien, von Freundschaften und Arbeitskollegen, da ist ein „Mehr“ an Verbindung. Wer das Frühstück gemacht bekommt, kann sich getragen und geliebt fühlen. Und er weiß, dass er gut über diesen Tag kommen wird.

In diesem Glauben wären wir unserer Zeit voraus. Nicht alte Lieder, sondern die ewigen Klagen der Unzufriedenheit sind staubig und muffig. Vertrauen macht lebendig. Es kann glücklich machen, wenn daraus entsteht, womit man nicht gerechnet hat.

Einige schreiben, dass Petrus mit dem Sprung ins Wasser seine Taufe erlebt hat. Aus dem Wasser heraus geht er in sein neues Leben, zum Frühstück. Wie ein Kind und wie viele zu Ostern Getaufte nach ihm an Gottes Tisch. Amen.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

(Danke, Anregungen zu Teilen meiner Predigt habe ich erhalten von Jutta Noetzel.)

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