Großer Mut und weites Herz

Das Thema des zweiten Advents ist die Zukunft.

Genauer: Was wird die Zukunft bringen?

 

Ich glaube, es gibt kaum einen Menschen, der das nicht manchmal gern wissen möchte:

Was wird sein? Was kommt da noch alles auf mich zu?

Wie wird mein Leben weiter gehen?

Geht es bergauf oder bergab?

 

Wir leben gerade in einer Zeit, in der die Zukunftsaussichten sehr unsicher geworden sind.

Wie geht es mit Corona weiter?

Schmiert die Wirtschaft ab?

Welche Folgen hat die Erwärmung der Welt?

Alles unsicher, alles ungewiss.

 

Ungewissheit ist oft ganz schwer auszuhalten.

Viele, die eine schwere Krankheit haben, haben das so erlebt:

Die Zeit der Ungewissheit war viel schlimmer auszuhalten als die Gewissheit der Diagnose – so verheerend sie auch war.

 

Ungewissheit ist oft ganz schwer auszuhalten.

Darum suchen wir Menschen gerne nach Antworten, nach Sicherheiten, nach Gewissheiten.

 

Viele Zeitschriften drucken Horoskope, die vorgeben, einen Blick in die Zukunft zu geben.

Ich hab gestern mal im Internet gestöbert unter dem Stichwort: Zukunft.

Da gibt es seitenweise Links auf Seiten wie:

Ihr persönlicher Blick in die Zukunft. Rufen sie an: Für nur 1,86 €/Minute zeigt ihnen unsere Kartenlegerin, was vor ihnen liegt.

Es gibt in Deutschland übrigens viel mehr hauptberufliche Kartenleser und Astrologen und Wahrsager als evangelische und katholische Pfarrer zusammen.

Die könnten alle nicht leben, wenn es nicht viele Menschen gäbe, die an der Zukunft brennend interessiert sind.

 

Verschwörungsideologien wachsen auch wunderbar auf diesem unsicheren Boden.

Eine einfache, klare Erklärung, ein roter Faden, der sich durch das Wirrwarr und die Ungewissheit der Nachrichten durchzieht – das ist für viele attraktiv, weil es endlich Halt gibt, Gewissheiten gibt.

Und weil das so wertvoll ist, lassen sie sich das dann auch nicht durch Fakten und Argumente wegnehmen.

 

Vielleicht hängt diese Sehnsucht nach Gewissheiten damit zusammen, dass viele das Vertrauen in die Zukunft verloren haben.

Vor einigen Jahren, da war das noch anders.

Da haben die meisten Menschen ganz optimistisch in die Zukunft geschaut.

Es wird aufwärts gehen, haben sie geglaubt.

Wachstum ohne Ende.

Es wird immer besser, wir werden immer reicher, freier, zufriedener.

 

Diesen Optimismus finden wir heute kaum mehr.

„Die Zukunft ist auch nicht mehr das, was sie einmal war!“ hat Karl Valentin einmal gesagt.

Wir haben vorhin im Evangelium gehört, was Jesus über die Zukunft sagt.

 

Auch er malt kein rosarotes Bild.

 

Auch er spricht davon, dass sich die Menschen fürchten werden und nicht mehr weiter wissen.

Auch er spricht von lähmender Angst und Ungewissheit.

 

Was ich an Jesus gut finde:

Er ist ehrlich.

Er macht uns nichts vor.

Er sagt nicht: Komm mit mir, und vor dir liegt eine goldene Zukunft.

Und die gebratenen Tauben fliegen dir in den Mund.

Nein, er ist ehrlich und sagt: Leute, es kommen schwere Zeiten auf euch zu.

Zieht euch warm an.

Macht euch auf was gefasst.

 

Für mich stellt sich dann aber die Frage:

Wie kann ich damit umgehen? Wie kann ich diese Aussichten ertragen ohne verrückt zu werden?

Soll ich einfach die Augen zumachen? Den Kopf in den Sand stecken?

Oder soll ich mir doch am besten gleich die Kugel geben?

Diese Frage ist so alt wie das Christentum. Schon ganz am Anfang, in der Urkirche, haben Menschen nach Antworten auf diese Frage gesucht.

Einer dieser Menschen war Jakobus. Der Bruder von Jesus und der erste Leiter der Gemeinde in Jerusalem. In seinem Brief, der in der Bibel steht, schreibt er:

Liebe Brüder und Schwestern, haltet geduldig aus, bis der Herr kommt! Seht, wie der Bauer voller Geduld auf die kostbare Frucht der Erde wartet. Er weiß, dass sie zum Wachsen den Herbstregen und den Frühjahrsregen braucht. Auch ihr müsst geduldig aushalten! Fasst Mut; denn der Tag, an dem der Herr kommt, ist nahe. (Neue Genfer Übersetzung)

Harrt nun aus, Brüder, bis zur Ankunft des Herrn! Siehe, der Bauer erwartet die wertvolle Frucht der Erde, harrend auf sie, bis er empfängt Frühfrucht und Spätfrucht.  Harrt auch ihr aus, stärkt eure Herzen, denn die Ankunft des Herrn ist nahegekommen! (Münchner Neues Testament)

Jesus Christus kommt wieder.

Das ist für Jakobus die Grundlage für alles.

So sicher, wie Gott die Welt geschaffen hat, so sicher steht er auch in ihrer Zukunft.

So gewiss, wie Jesus einmal als Baby in Windeln in der Krippe gelegen ist, so gewiss, wie Jesus durch das Land gezogen ist, so gewiss er gekreuzigt und begraben worden ist, so gewiss wird er auch wiederkommen.

Gott lässt seine Welt nicht im Stich.

Gott lässt seine Menschen nicht auf eine große Katastrophe zutreiben und das war’s dann.

Nein, Gott lässt das nicht zu.

Vorher greift er ein und macht dem allem ein Ende.

Jesus Christus kommt wieder.

 

Für Jakobus ist das die Grundlage für die Bewältigung aller Angst vor der Zukunft, denn diese Aussicht gibt ihm Hoffnung und Zuversicht.

Aus Hoffnung und Zuversicht kann man große Kraft gewinnen:

 

Ich habe einmal von einer Untersuchung gelesen über deutsche Kriegsgefangene in Russland. Diejenigen, die wussten: Daheim, da wartet jemand auf mich, da lebt noch meine Familie; diejenigen, die die Hoffnung auf ein Wiedersehen hatten, die hatten eine viel größere Überlebenschance als die, die von ihren Angehörigen nichts wussten, oder die wussten: Daheim wartet niemand mehr auf mich, weil alle tot sind.

Hoffnung und Zuversicht machen einen großen Unterschied.

Und auf dieser Grundlage rät der Jakobus: Wartet geduldig.

 

Für viele klingt die Mahnung, geduldig zu warten, ganz schlecht.

Das klingt nach: Passiv abwarten und alles erdulden und ertragen und nicht aufmucken und nach Klappe halten und alles gehorsam hinnehmen, wie es kommt.

So hat Jakobus es aber gar nicht gemeint.

Geduld heißt auf griechisch – und Jakobus hat auf griechisch geschrieben –  „makrothymos“ – „Makro“, das kennen wir aus anderen Fremdwörtern, hat immer etwas mit „Größe“ zu tun. Und „Thymos“ bedeutet „Herz, Leben, Gemüt, Mut“.

„So seid nun großen Mutes; lebt mit weitem Herz, liebe Brüder, bis zum Kommen des Herrn.“ So müssten wir die Worte von Jakobus eigentlich wörtlich übersetzen.

Oder: „Liebe Brüder, seid nicht kurzatmig und verkrampft als Christen in dieser Welt.“

Großer Mut, weites Herz – wer so lebt, der kann Dinge verändern.

Wer nicht kurzatmig und verkrampft ist, der lebt leicht und frei und lebt aus Hoffnung.

Und das steckt an.

Und das gibt einen langen Atem, schwierige Zeiten durchzuhalten, ohne den Lebensmut zu verlieren.

 

Geduld, das ist die Kraft, drunterzubleiben.

Martin Luther hat einmal über die Geduld gesagt:

„Das Evangelium lehrt uns nicht, wie wir des Unglücks loswerden und Friede haben, sondern wie wir darunterbleiben und überwinden; dass es nicht durch unser Zutun und Widerstreben abgewandt werde, sondern dass sich’s an uns matt und müde arbeite und solang uns treibe, bis es nimmer kann und von selbst aufhöre und kraftlos abfalle; wie die Wellen auf dem Wasser am Rande sich stoßen und von selbst zurückfahren und verschwinden. Es gilt nicht weichen, sondern beharren.“

 

Geduld, das kann man auch übersetzen mit: Zähigkeit oder mit Standhaftigkeit.

Das mit der Standhaftigkeit gefällt mir.

Ich muss dabei an Dietrich Bonhoeffer denken.

Am Ende des Jahres 1942, nach beinahe 10 Jahren Hitler, mitten im Wahnsinn des Zweiten Weltkriegs hat er sich hingesetzt und für sich und für ein paar Freunde einige Gedanken niedergeschrieben. Er nannte es einen Rechenschaftsbericht nach zehn Jahren.

Und besonders bewegte ihn dabei die Frage: Wer hält stand? Wer wagt es, feste Schritte in die Zukunft zu gehen, so ungewiss und finster sie auch aussehen mag?

Und er schreibt:

Wer hält stand? Allein der, dem nicht seine Vernunft, sein Prinzip, sein Gewissen, seine Freiheit, seine Tugend der letzte Maßstab ist, sondern der dies alles zu opfern bereit ist, wenn er im Glauben und in alleiniger Bindung an Gott zu gehorsamer und verantwortlicher Tat gerufen ist, der Verantwortliche, dessen Leben nichts sein will als eine Antwort auf Gottes Frage und Ruf.

Das klingt ziemlich kompliziert. Er war halt Theologieprofessor.

Ich sag’s noch einmal mit meinen Worten:

Die Menschen, die auf ihre eigenen Kraftquellen vertrauen, werden alle scheitern.

Die Menschen, die sich allein an ihrer Vernunft, an ihren Überzeugungen und so weiter orientieren, werden in die Irre gehen.

Die Menschen, die im Vertrauen auf Gott und auf seine Zusagen gegründet sind, die haben einen festen Stand.

Die Menschen, die sich von Gott rufen lassen, trotz allem verantwortlich zu handeln, auch wenn es verrückt aussieht und aussichtslos, die aber trotzdem im Vertrauen auf Gott handeln, einfach weil sie wissen: Gott ruft mich, er fragt nach mir.

Diese Menschen halten allem Stand.

Egal was die Zukunft bringen wird.

Diese Menschen leben mit einem großen Mut und einem weiten Herzen.

Gott schenke uns allen diesen großen Mut und solche weiten Herzen.

Amen.

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