Grenz-Überschreitung

Es war ein Sonntag wie viele andere. Die Kirche des kleinen Dorfes war mäßig gefüllt. Die Predigt des Pastors, schon nahe am Ruhestand, neigte sich dem Ende zu. Da stockte auf einmal der Redefluss. Die Gemeinde merkte auf. Die Pause war sehr lang. Dann nahm die Predigt ihren Fortgang, als wäre nichts gewesen. Am Ausgang bei der Verabschiedung fragt mancher nach. Was denn los gewesen sei. O, sagt der Pastor etwas verlegen, ich hatte eine Erscheinung. Wirklich? Was war es genau! Am nächsten Sonntag werde ich davon berichten. An den folgenden Tagen herrscht Unruhe im Dorf. Wundersame Erscheinungen hatte man sonst nur aus dem Wallfahrtsort jenseits der Berge gehört. Auch bei den Nichtkirchgängern spricht sich das Phänomen herum. Am nächsten Sonntag ist die Kirche zum Bersten voll. Alles lauscht auf die Predigt, begierig, was ihr Hirte wohl geschaut hat. Ja, ihr Lieben, verkündet er bescheiden, ich hatte wirklich eine Erscheinung. Eine Alterserscheinung. Ich hatte meinen Text vergessen. Die lange Pause brauchte ich, um den Faden wieder zu finden!

Von Petrus sind auch Erscheinungen bezeugt. Aber keine solchen. Die Sprache hat es ihm nie verschlagen, er war schnell mit dem Wort, und auch schon mal mit dem Schwert. Einer Erscheinung, die er hatte, verdankt das heutige Evangelium seine Überschrift: Die Verklärung. Während einer Auszeit, oben auf einem Berg, offenbart Jesus den drei vertrautesten Jüngern seine ganze Herrlichkeit.

Auch später sah Petrus in seltenen Momenten eine Erscheinung. Einer der ältesten Auferstehungsberichte erzählt davon. Die Emmausjünger, denen der Auferstandene begegnet ist, laufen zurück nach Jerusalem. Noch bevor sie ihren aufregenden Bericht erzählen können, werden sie mit den Worten empfangen: "Der Herr ist wahrhaftig auferstanden und Simon erschienen."

Diese Erscheinungen des Auferstandenen sind besonders sicher belegt und geben unserem Glauben ein festes Fundament. Und auch der vorliegende Bericht ist dadurch verbürgt, dass zwei ganz unterschiedliche Leute ein und dieselbe Erscheinung haben. Der eine ist ein Mann namens Cornelius. Er wohnt in der Stadt Cäsaäa. Das Wort kommt von Cäesar, auf deutsch Kaiser. Der Kaiser von Rom. Er wurde verehrt wie ein Gott. Auf jeder Münze war das Bild des Kaisers eingeprägt. Und auf den öffentlichen Plätzen standen noch keine Kunstwerke, wo das Volk rätselt, was das darstellen soll. Sondern da stand immer eine Statue mit der Figur oder wenigstens der Büste des Kaisers. Und die Leute, auch die jungen Leute, die da vorbeikamen, die machten da kein Graffiti dran, sondern die blieben stehen und machten eine andächtige Verneigung.

Manche haben das vielleicht nur äußerlich gemacht und sich nichts dabei gedacht. Sie waren kaisertreu nur nach außen, nur dem Namen nach. So ist das bei manchen Christen auch. Sie sind wohl getauft. Aber das Wasser bei der Taufe und die Urkunde, das genügt nicht. Es muss der Glaube dazukommen. Wir müssen Gottes Geist Raum geben in unserem Herzen. In Cäsarea herrschte der römische Geist. Die Stadtgründer hatten sich das so gedacht:: Wir nennen diesen Ort nach dem Kaiser. Und sein Geist soll von jetzt an alles bestimmen. Macht, Ansehen, Kultur, und die andern Völker sind sowieso rückständig. Aber mitten in Cäsarea liegt nun ein Haus, in dem weht ein völlig anderer Geist. Es ist das Haus von diesem Kornelius. Er ist von Kind auf römisch erzogen. Er hat noch nie etwas anderes gehört, als dass sein Kaiser der beste ist, der edelste, der größte Feldherr aller Zeiten, der weiseste alle Staatslenker, der gütigste aller Landesväter. Das hat er mit der Muttermilch eingesogen, im Kindergarten mitgesungen, in allen Schulungen gepaukt. Dann hat er beim Militär Karriere gemacht. Und in der Armee des Kaisers bringt er es bis zum Hauptmann.

Er ist ein kaisertreuer Soldat, aber eins macht er nicht mit: Die Anbetung des Kaisers. Denn das hat er begriffen: Einen Menschen verehren, das ist Gotteslästerung. Da ist Kornelius nicht von selber drauf gekommen. In Cäsarea lebt nämlich eine kleine Gruppe von Leuten, die es auch ablehnten, den Kaiser als Gott anzubeten. Das waren die Juden. Mit denen war Kornelius irgendwie in Kontakt gekommen. Vielleicht hat er seine Unifom bei einem jüdischen Schneider ändern lassen und zwischendurch was aufgeschnappt und hat dann seinen Dienern gesagt: Bring mehr in Erfahrung über die Juden. Bald findet er heraus: Die Juden sagen, es gibt nicht viele Götter, sondern nur einen. Der hat im 1. seiner 10 Gebote gesagt: ich bin der Herr dein Gott, du sollst keine andern Götter haben neben mir.. Die Juden sagen auch: Wir sind das auserwählte Volk. Wir dürfen uns nicht verunreinigen mit den schlechten Bräuchen anderer Völker. Niemals dürfen Juden und Andersgläubige zusammen essen, ja nicht mal in einem Privathaus zusammen sein. Das alles erfuhr der Kornelius. Und er sagte nicht etwa: Diese Hochmütigen, die bilden sich wohl ein, sie wären was besseres. Sondern er sagte sich: Dieser Glaube, der ist mehr wert alles unser oberflächlicher Kaiserkult. So kam es, dass Kornelius anfing zu beten. Er ging nicht etwa in den jüdischen Gottesdienst, das durfte er als Römer gar nicht. Aber er betete zu Gott. Und bald fing er an, seine Umwelt mit andern Augen zu sehen. Er sah die Armen und ihre Nöte. Er sah die Kranken und wie sich keiner um sie kümmerte. Er wirk aktiv und gründete eine Stiftung: Waisenhaus von Cäsarea oder etwas ähnliches.

Mancher würde heute sagen: Cornelius war also ein Christ. Er betet zu Gott. Er setzte sich für das soziale Wohl ein. Er nahm seine beruflichen Pflichten gründlich wahr. Aber so war es nicht. Cornelius war ein Heide. Wir lächeln bei dem Wort "Heide". Es klingt so als hätte einer die bürgerlichen Ehrenrechte nicht alle beisammen. Aber so war es nicht. Cornelius war als Römer ein Heide. Ein Heide ist jemand, der nicht zu Jesus Christus betet, der Jesus Christus sein Leben noch nicht anvertraut hat. Trotz all seiner Anständigkeit, all seiner Wohltaten, all seiner Gottgläubigkeit war Cornelius ein Heide. Von Jesus wusste er nichts. Das sollte sich ändern. Eben mit dieser Erscheinung. Es war an einem Nachmittag, er ist allein in seiner Villa. Da tritt ein Fremder ein. Cornelius erkennt in ihm einen Engel. Der Bericht betont, wie klar und deutlich diese Erscheinung war. Cornelius bekommt den Auftrag: "Sende Männer nach Joppe und lass holen Simon mit dem Beinamen Petrus. Der wohnt in einem Haus am Meer bei einem Gerber."

Cornelius schickt seine Diener hin und lässt die Einladung an Petrus überbringen. Damit überschreitet er eine Grenze. Ein röm. Hauptmann empfängt keinen Juden. Hat man Kontakt, dann vor dem Haus, eine Geselligkeit drinnen, gar ein Essen, ist undenkbar. Für Petrus gilt das gleiche umgekehrt auch. Denn die Römer halten sich an keine alttestamentlichen Speisevorschriften. Aber seit kurzem ist sich Petrus da nicht mehr so sicher. Denn auch er hatte eine Erscheinung. Er sah ein Tuch, darin verschiedene Speisen, die nach jüdischem Gesetz unrein sind. Eine Stimme sprach: Iss und sei unbesorgt. Ich werde dir jemand schicken, und dann wirst du verstehen, was das soll. Während sich Petrus noch wundert, läuten die Boten des Cornelius an der Tür. Sie überbringen die Einladung. Petrus entschließt sich mit Herzklopfen hinzugehen. Auch er überschreitet damit eine Grenze. Aber er weiß sich von Gott geführt.

Zur Sicherheit nimmt er noch ein paar Christen aus seiner Gemeinde mit. Einen Tag sind sie unterwegs. Inzwischen bereitet Cornelius alles zum Empfang vor. Er hat seine Freunde und Verwandten zusammen getrommelt. Die sitzen nun alle im Sonntagsanzug da wie im Theater, kurz bevor der Vorhang aufgeht. Diese Freunde eines röm. Hauptmanns sind natürlich nicht irgendwelche Leute. Das sind höhere Staatsbeamte, Offiziere, Geschäftsleute in Begleitung Ihrer Gattinenn, die wiederum samt und sonders in Samt und Seide gekleidet und in eine Wolke Parfum eingehüllt. Also alles feine Herrschaften. Die haben sonst mit Fischern wie Petrus oder so einem Gerber, der Viehleder bearbeitet, keinerlei gesellschaftlichen Kontakt.

Und in diese erlauchte Gesellschaft vornehmer Damen und Herren tritt der Petrus ein. Von Haus aus ein Seemann, ohne Schulbildung, ohne Beziehungen zur röm. Kultur, Hände wie Schaufelräder, Thunfischparfum. Und er hat gleich noch ein paar Kollegen gleicher Sorte dabei. Beide Gruppen gucken sich erst mal neugierig an. Es weiß ja keiner, was auf dem Programm steht. Petrus ist wie immer vorneweg und meldet sich gleich zu Wort: "Kann mir mal jemand erklären, was hier eigentlich läuft?" Da erzählt der Kornelius von dem Befehl, den er von Gott bekommen hat, und das er ihn ausgeführt hat, usw. Und am Ende seiner Begrüßungsrede sagt er: "Nun sind wir alle hier zusammen um alles zu hören, was dir von Gott befohlen ist."

Alles sieht gespannt auf Petrus. Der erinnert sich an den Missionsauftrag. Darin war ihm ja nicht befohlen, geistvolle Reden zu schwingen oder feierliche Ansprachen zu halten. Sondern zu bezeugen von Jesus. Das tut Petrus dann auch. Er erzählt, wie Jesus die Kranken geheilt hat, sich um die Armen gekümmert. Zur Umkehr gerufen. Bis sie ihn gekreuzigt haben. Dass Gott seinen Sohn Jesus auferweckt hat. Und wie er, Petrus, samt einigen seiner hier anwesenden Kollegen mit diesem Jesus nach seiner Auferstehung gegessen und getrunken hat. Er schließt seinen Bericht mit dem Satz: "Und Jesus hat uns befohlen, zu predigen dem Volk und zu bezeugen: Er ist von Gott zum Richter der Lebendigen und Toten bestimmt. Und in seinem Namen können alle, die an ihn glauben, Vergebung der Sünden empfangen."

Man muss sich das mal vorstellen. Mitten im Lager des röm. Diktators, dessen Soldaten Jesus ans Kreuz genagelt hatten, behauptet dieser jüdische Fischer: "Jesus ist zum Richter über alle eingesetzt!" Hätte er sich nicht besser vorsichtig rantasten sollen? Auf keinen Fall die vornehmen Leute vor den Kopf stoßen. Die unangenehmen Themen wie Gericht und Sünde lieber weg lassen. Lieber anfangen mit einer Predigt über die Liebe …

Aber hatte Kornelius nicht gebeten: Wir wollen jetzt von dir alles hören, was dir von Gott befohlen ist! Na also. Die Menschen haben ein Recht darauf, alles zu erfahren aus dem Evangelium. Und so redet Petrus von Gericht und von Sünde. Es war für Petrus eine ganz durchschnittliche Predigt. Vielleicht ähnlich wie bei dem eingangs erwähnten Dorfpastor, nur ohne diese Gedächtnislücke. Aber die Wirkung ist eine ganz andere. Die Zuhörer werden im Innersten gepackt und umgekrempelt. Sie haben keinen sehnlicheren Wunsch als auch Christen zu werden.

Und Petrus sagt: Nur zu, wenn es euch ernst ist. Innerlich ist er aber ganz überwältigt, wie Gott seine gewohnten Grenzen aufgebrochen hat und ruft: Nun erfahre ich in Wahrheit, dass Gott die Person nicht ansieht. Sondern in jedem Volk, wer ihn fürchtet und recht tut, der ist ihm angenehm.

An jenem Tag in der Villa des röm. Hauptmanns Cornelius wurde eine Grenze überschritten. Erstmals wurden Menschen, die von Hause aus mit dem Judentum nichts zu tun hatten, Christen.

Natürlich gab das hinterher auch Entrüstung. Schon von einigen Augenzeugen wird berichtet: "Sie entsetzten sich, dass auch auf die Heiden Gottes Geist ausgegossen wurde." Und in fernen Jerusalem wird Petrus sogleich gerügt: "Du bist zu Männern gegangen, die nicht Juden sind und hast mit ihnen gegessen!" Aber Petrus stand zu seiner Grenzüberschreitung und der Fortgang der Ereignisse bestätigte seinen Schritt. Die Kirche dehnte sich über den Kreis des Judentums aus und bald über die ganze Welt.

So gibt es also Grenzen, die zu überschreiten ermutigt uns Gottes Wort. Es gibt daneben andere Grenzen, die wir respektieren und achten müssen. Das Gespür dafür geht unserer Zeit verloren. An allen gewohnten Grenzen wird gerüttelt. Wann das Leben beginnt und ob man es künstlich erzeugen kann. Ob man es verkürzen darf durch Sterbehilfe. Ob es einen Ruhetag in der Woche gibt und einen Feierabend im Sinne des Wortes. Die Gewohnheit ungestrafter Grenzüberschreitung wird ausgedehnt auf alle Gebiete. Auch auf die Religion. Im Namen der Freiheit. Auch die den Zorn der arabischen Welt erregenden Karikaturen aus Dänemark werden mit der Pressefreiheit und Religionsfreiheit verteidigt.

Aber die Freiheit, die Gott uns gibt, kennt immer auch Grenzen. Im Paradies ist eine Grenze um den Baum mitten im Garten. Das Buch Prediger, was in der Bibelwoche zugrunde lag, betont die Grenze zwischen Schöpfer und Geschöpf. Zwischen Ewigkeit dort und Vergänglichkeit hier. Gott ist im Himmel und die bist auf Erden. Grenzen sind wichtig, weil sie uns zeigen, was wir dürfen oder nicht dürfen. Wohin wir gehören oder wohin wir nicht gehören. Sie helfen uns zum Leben.

Wenn wir Grenzen überschreiten, nehmen wir meist Schaden. Viele übersehen das heutzutage. Sie merken nicht, wie sehr sie sich selbst schaden wenn sie einfach tun, was ihnen einfällt. Solange niemand sagt, das darfst du nicht oder sich wehrt, denkt man, ich darf das, oder ist ja nicht schlimm.

Es ist Aufgabe der Kirche, an Grenzen zu erinnern. Die Kirche hat das seit alters her mit dem Wort Wächteramt umschrieben. Manchmal hat die Kirche hier versagt, etwa als Demokraten und Juden im 3. Reich verfolgt wurden. Darum muss sie heute um so sensibler sein. Und so wir wünschen, dass unsere Religion respektiert wird, sollten wir auch für andere Glaubensrichtungen Respekt fordern. Das Lächerlichmachen des Propheten Mohammed ist eine große Respektlosigkeit. Wer Wind sät, kann leicht Sturm ernten.

Warum diese große Aufregung in der islamischen Welt? Es ist dort eine Frage der Ehre. Die Ehre der Familie oder des Glaubens ist dort ein heiliges Gut. Und wenn die Ehre Gottes angetastet wird, ist das nicht hinzunehmen, darf nicht geduldet werden. Dabei sehen wir wieder, wie anders der christliche Glaube ist. Gott ist nicht der ferne Allmächtige, dem wir nicht zu nahe kommen dürfen. In Jesus wurde Gott Mensch. Wurde schwach. Ein Muslim kann sich nicht vorstellen, dass Jesus als Gottes Sohn so behandelt wird, wie es die Evangelien berichten in der Passionsgeschichte. So entehrend. Bespuckt, mit dem Purpurmantel und der Dornenkrone verhöhnt. Entehrt mit dem schimpflichsten Tod, der Kreuzigung. Der Glaube an den Gekreuzigten, an den entehrten Gottessohn, unterscheidet uns also. Und hinzu kommt das Wort des sterbenden Heilands am Kreuz: Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun. Statt Rache und gerechte Empörung Leiden auf sich Nehmen und das Böse vergeben.

So anders, so einzig ist das Evangelium von Jesus Christus. Das haben die Menschen gespürt, die der Hauptmann Cornelius damals geladen hatte. Die den heiligen Geist empfingen. Den Geist der Vergebung. Der Versöhnung. Der die Kraft gibt, falsche Grenzen zu überschreiten. Aber berechtigte Grenzen zu achten und einzuhalten. Und es ist Gottes Geist, der uns zeigen muss, welcher Art die Grenze jeweils ist. Wo wir den Mut haben müssen, eingetretene Pfade zu verlassen und im Vertrauen auf Gott neues zu wagen. Und wo wir den Mut haben müssen, auf dem von der Bibel vorgezeichneten Weg zu beharren, auch wenn wir uns wir als eng oder von gestern belächelt werden. Nur so kann unser Leben gelingen. Und Menschen werden angezogen, möchten dazu gehören. In einer Welt der Gewalt, der Konkurrenz, der sich nicht verstehenden Kulturen schafft Jesus Gemeinschaft über Grenzen und Kontinente hinweg. Zu dieser Gemeinschaft darfst du gehören. Denn in jedem Volk, wer Gott fürchtet und recht tut, der ist ihm angenehm.

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