Gratwanderung zwischen Vorsicht und Angst (Johannes 20, 19-23)

„Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste“ heißt eine Redensart und ich sehe, wie zum Familienfest vorsichtig die guten feingliedrigen Sammeltassen herausgeholt und mit ihnen der Tisch eingedeckt wird, um hinterher das zerbrechliche Porzellan behutsam mit der Hand zu spülen und sorgsam wieder einzuräumen – bis zum nächsten  Familienfest. So hat es viele Jahrzehnte unbeschadet überstanden. Vorsichtig ist eben die Mutter in der Porzellankiste, so hieß die Redensart wohl ursprünglich.

„Angst“ dagegen „essen Seele auf“. Rainer Werner Fassbinder hat das mit seinem Kinofilm 1974, in dem Brigitte Mira im Alter zeigen konnte, dass sie nicht nur Volksschauspielerin, sondern auch Charakterdarstellerin war; eindringlich vor Augen gestellt. Eine ältere Putzfrau verliebt sich in einen jungen Marokkaner und die beiden heiraten trotz aller Anfeindungen: aber Angst essen Seele auf….

Jetzt mag jeder für sich einmal schauen, ob er eher der vorsichtige oder der ängstliche Typ ist, – der der alles behutsam angeht oder von der Angst leidvoll und qualvoll aufgefressen wird….

Die Jünger sind im Augenblick in selbstgewählter Quarantäne: im Haus, alle zusammen, hinter verschlossenen Türen…

Es ist erst der dritte Tag, ja von was eigentlich?

Der dritte Tag der Enttäuschung, der Desillusionierung, seit ihr Traum, ihre Hoffnung, ihr Freund, ihr Leben am Kreuz gestorben ist.

Es war kein Virus, das sie zum Rückzug in die eigenen vier Wände veranlasst hat, wenn eines, dann das Virus kollektiver Ablehnung, und Anfeindung, der Verfolgung und Ausgrenzung abqualifizierte Minderheiten oder als gebrandmarkter Verschwörer, je nach Perspektive. Die Sorge, das gleiche Schicksal wie Jesus zu erleiden: Verleumdung, Verrat, Verspottung, Folterung und Tod, hat sie in die Häuser getrieben.

Das hatte was von Vorsicht, denn welcher vernünftige Mensch riskiert sein Leben und es hat etwas von Angst, denn wer ist schon so lebensmüde, dass er so tut, als gäbe es keine Gefahr…

Zwischen Vorsicht und Angst bewegen wir uns ebenso seit Wochen. Uns droht keine Verfolgung, kein Tod, weil wir Jesusanhänger wären…

Aber die Sorge um die Gesundheit der Kinder, der Familie, der Freunde, der Nachbarn, die Sorge um die eigene Gesundheit und die Überlebensfähigkeit einer ganzen Gesellschaft, haben die Verantwortlichen zu drastischen Einschnitten des privaten, des öffentlichen und des wirtschaftlichen Lebens auch mit Auswirkungen auf die Kirchen geführt. Am Anfang war allen klar, dass hier Vorsicht angebracht ist, zunehmend schimpfen aber immer mehr Verschwörungsanhänger und Besserwisser, weil drastische Krankheitsausbrüche in Deutschland vermieden werden konnten und ausblieben, dass alles doch nur ängstliches und panisches Theater gewesen sei. Vermeidungsparadoxon nennen das die Psychologen.

Ich bleibe dabei, dass Vorsicht ein Gebot christlicher Nächstenliebe war und ist, spüre aber, wie schmal der Grat zwischen Vorsicht und Angst ist.

Der Rückzug war ein Gebot der Vorsicht, denn die Stimmung in Jerusalem war gekippt. Aber auch die Angst hinter verschlossenen Türen ist allein beim Hören der Osterberichte mit Händen zu greife, , als ob es eben zwei Seiten der gleichen Medaille seien, nur dass jede Angstherrschaft keine Zukunft mit sich bringt – anders als die Vorsicht.

Angst lähmt, Ängst frisst die Seele auf, Angst tötet am Ende.

Das ist die Situation, wenn Ostern noch unbekannt und der Tod vom Karfreitag die einzig bekannte Wahrheit ist und bleibt.

Wenn wir keine andere Perspektive haben als „gleich ist alles aus und vorbei“ – was soll denn da noch kommen und möglich sein, als maßlose, grenzenlose Lebensgier oder ängstliche Verklemmtheit und Selbstisolation?

Was für ein geistloser Zustand ist das denn oder ist das etwa schon längst der Normalfall unter uns?

Es braucht schon einen anderen Geist, um die verschlossenen Türen der Angst und Verzweiflung, aber auch die Fesseln dauerhaft ungestillten Lebenshungers zu lösen. Es braucht einen anderen Geist, um eine freie Perspektive für heute und morgen, und erst Recht für die Ewigkeit zu eröffnen! Es braucht eine andere Wirklichkeit: also nicht weniger als Ostern und Pfingsten, den Auferstandenen und Lebendigen, der die Macht des Todes gebrochen hat und seinen Geist, der unsere Herzen weit macht und Ängste überwindet.

Und so tritt er mitten in den von Angst verschlossenen Raum und tut, was notwendig ist, was alle Not wendet: Er schenkt Frieden, er zeigt auf den Weg, der vor allen liegt, er verheißt Begleitung und verspricht, was jeder und jede immer und auf jedem Weg braucht:

  • nicht nur den Mut etwas zu wagen, auch auf die Gefahr von Fehlern und Irrtümern hin,
  • auch das Versprechen, dass es für jeden Fehler und für jeden Irrtum auch Vergebung geben kann.

Es ist menschlich, zu irren, etwas zu versäumen, unvollkommen und fehlerhaft zu sein. Es ist aber verhängnisvoll, nicht bereit zu sein, Verantwortung zu übernehmen und stattdessen andere zu Sündenböcken zu machen.

Wer aber Schuld, Fehler und Irrtümer einräumt, der hat das Recht und die Verheißung von Vergebung.

Manche fragen, ob es auch in dieser Corona Krise, den einen Satz geben wird, der alles sagt oder den entscheidenden Impuls gegeben hat.

Ich hatte ihn schon fast wieder vergessen, bin aber glücklicherweise an ihn wieder erinnert worden, denn davon leben wir:

Wir werden in ein paar Monaten wahrscheinlich viel einander verzeihen müssen“…mit so vielen Unwägbarkeiten hätten so tiefgehende Entscheidungen getroffen werden müssen, sagte der Bundesgesundheitsminister im April und der Tagesspiegel schrieb in einem Kommentar:  Wir werden einander verzeihen müssen, hofft Spahn. Werden wir es können? Nur dann, wenn weiterhin für Verständnis geworben, Geduld geübt und Zuversicht genährt werden.

Im Leben vor Corona und im Leben danach fällt es schwer, die eigene Fehlerhaftigkeit und Anfälligkeit für Selbstüberschätzung und Irrtum, für Egoismus und Hartherzigkeit oder die eigene Sündhaftigkeit anzuerkennen.  Pfingsten ist die Ermutigung  solche Größe zu wagen, zur eigenen Verantwortung und Schuld zu stehen und sich immer wieder Vergebung und Neuanfang schenken zu lassen.

Jesus tritt mit seinen Todeswunden als Gezeichneter und  Auferstandener in den Raum derer, die vor Angst geflohen, ihn im Stich gelassen und sich hinter verschlossenen Türen versteckt haben. Er bringt und verspricht ihnen Frieden. Er weist ihnen einen Ausweg und macht sie zu Arbeitern  und Boten der Vergebung und Versöhnung.

Das ist schon Vergebung und Versöhnung: wenn Jesus in die Mitte tritt, sein Frieden sich Gehör verschafft, er einen Weg zeigt und seinen Geist schenkt:

Schmückt das Fest mit Maien, / lasset Blumen streuen,/ zündet Opfer an; /  denn der Geist der Gnaden / hat sich eingeladen, / machet ihm die Bahn. / Nehmt ihn ein, / so wird sein Schein / euch mit Licht und Heil erfüllen / und den Kummer stillen.

2) Tröster der Betrübten, / Siegel der Geliebten, / Geist voll Rat und Tat, / starker Gottesfinger, / Friedensüberbringer, / Licht auf unserm Pfad: / gib uns Kraft und Lebenssaft, / lass uns deine teuren Gaben

zur Genüge laben.   Amen

print

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn Sie diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwenden oder auf "Akzeptieren" klicken, erklären Sie sich damit einverstanden.

Schließen