Gottes Widerspruch

Liebe Festgemeinde,

Sie haben einiges auf sich genommen in den letzten Tagen und auch heute. Wochenlang haben wir uns auf das "Fest" vorbereitet. Wir, Sie und ich, haben dekoriert und beleuchtet, verpackt und uns besonnen, versucht es uns gemütlich zu machen oder wollten es vielleicht auch einmal ganz anders haben, denn es ist ja Weihnachten 1999, das letzte Christfest im alten Jahrtausend.

Und zu guter Letzt sind Sie hierher in die Kirche gekommen. Entweder sind sie schon eine Weile hier und haben einen Sitzplatz oder Sie müssen jetzt auch noch in der überfüllten Kirche stehen. Erst einmal nicht gar so gemütlich, wo Sie sich doch hoffentlich auf diesen Gottesdienst gefreut haben. Und doch sind Sie da!

Es scheint, dass wir alle an diesem Tag, an diesem Abend, in dieser Heiligen Nacht auf der Suche sind nach Gründen zum Feiern und Schenken und nach dem Grund des Lebens.

Heilig Abend ist ein besonderer Tag, es ist das Fest schlechthin. Ein Fest, das alle Sehnsüchte in uns aufkeimen lässt und alle Sehnsüchte erfüllt. Viele materielle Wünsche erfüllen wir uns auch sogleich. Doch alles was wir kaufen können, steht eigentlich doch nur stellvertretend für unsere großen Sehnsüchte nach Frieden, Harmonie und Bewahrung, Sehnsüchte, die in uns stecken und die das Fest weckt und dann möglichst auch gleich befriedigen soll.

Diese Sehnsüchte, diese Wünsche, sind Menschheitsträume. Hören wir, wie der Prophet Jesaja sie lange vor dem Geschehen von Bethlehem in Worte, Bilder, Visionen gekleidet hat:

[TEXT]

Eingangs habe ich versucht zu beschreiben, was Menschen im Deutschland am letzten Heiligen Abend des 2. Jahrtausend, was also Sie und mich, so umtreibt. Genau dasselbe tut der Prophet Jesaja auch erst einmal für seine Zeit aber gleichzeitig auch für unsere.

Erst einmal die große Erwartung: Das Volk, das aus dem Dunkeln kommt sieht ein großes Licht: Die erste große Sehnsucht. Und in der Beschreibung einer Sehnsucht steckt ja immer beides drin: Die Beschreibung der Gegenwart, die als dunkel oder zumindest nicht optimal gesehen wird und die Hoffnung auf die Zukunft, die schon in die Gegenwart hinein scheint. Viele Dinge können das sein, die uns heute hell scheinen: Die vielen Lichter am Christbaum genauso wie ein harmonisches und friedliches Fest, zufrieden Gesichter bei jung und alt… Wenn das klappt, kann ich nur mit Jesaja sagen: Du machst groß die Freude. Ja, so ist es gut.

Aber mit dem heimatlichen Idyll ist es nicht allein getan. Es gibt so viel, das uns in dieser Zeit anrührt, fesselt, treibt. Wie viele Menschen gibt es, die ein drückendes Joch zu tragen haben? Hier bei uns, gleich um die Ecke. Krankheit in diesem Haus. Trauer dort drüben. Streit und Gewalt da hinten… Unfassbar. Wie viele Soldatenstiefel zertrampeln in dieser Welt dröhnend die Felder. Stellvertretend für viele andere Orte sei heute nur Tschetschenien genannt.

Ja, so ist es. Wenn wir uns das so realistisch vor Augen führen, dann haben wir zwei Möglichkeiten: Entweder zucken wir mit den Schultern, sind vielleicht dankbar dafür, dass es uns gerade nicht so schlecht geht und machen dann weiter wie gehabt. Wir bleiben kalt. Oder wir lassen uns berühren, gestehen uns unsere Sehnsüchte ein und gestehen uns gleichzeitig ein, dass wir zwar manches aber gewiss nicht alles zur Erfüllung dieser Sehnsüchte beitragen können.

Aber wer dann, wenn nicht wir. Denn, sind wir ehrlich, am liebsten wären wir doch alle kleine und große Münchhausens, die sich ständig bemühen sich am eigenen Schopf aus dem Morast zu ziehen. Doch dummerweise gelingt das nicht oder nur immer wieder unvollkommen.

Der Prophet weiß genau zu sagen woher das Licht in der Finsternis kommt. Um es gleich vorwegzunehmen: Es kommt nicht aus ihm selbst. Den von dem es kommt, spricht er vertrauensvoll mit "DU" an. "Du weckst lauten Jubel!" Hier wird deutlich, dass wir Menschen in unserer Vereinzelung nichts sind, dass wir ohne Bezüge zu anderen Menschen, ohne Kontakte zu unserer Umgebung, ohne Beziehung zu diesem großen "Du", nichts sind. Und er nennt den Grund warum das große "DU", das er da anspricht, lauten Jubel wecken kann, das Joch zerbrechen kann, die Gewalt ihrerseits zertrümmert.

JA, möchten wir da gleich sagen: Dann tu "DU" das doch endlich, dann schaffe Recht und mache es hell und fröhlich. Anschließend neigen wir dann dazu uns resigniert zurückzulehnen.

Dabei gibt es überhaupt gar keinen Grund zur Resignation: Denn uns ist ein Kind geboren, so lapidar kurz heißt es da in der Bibel …

Uns ist ein Kind geboren … Jesaja sagt nicht, dass irgendwann einmal etwas geschieht, sondern diese Geburt ist für ihn in seiner Zeit schon geschehen …

Für uns steht deutlich vor Augen, welche Geburt da gemeint ist: Wir haben das Evangelium gehört: Es begab sich aber zu der Zeit: Lange nach der Zeit des Jesaja und lange bevor wir hier in dieser Kirche zusammengekommen sind, um den Heiligen Abend, das Fest, das Christfest zu feiern, ist dies geschehen: Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen.

Aus diesen Sätzen aus dem Weihnachtsevangelium spricht für mich alle Sehnsucht von uns Menschen nach Geborgenheit, nach Halt, nach Frieden. Und es ist gleichzeitig die Erfüllung aller dieser Sehnsüchte: Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst.

Gleichzeitig kommt damit aber auch die Gebrochenheit der Erfüllung zum Ausdruck: Der Held ist ein Kind. Gott-Held, Ewig-Vater und Friede-Fürst, große Namen sind das, aber er ist nicht riesig und bedrohlich, sondern vielmehr klein und bedroht. Die Erfüllung der Sehnsucht ist bedroht und gerade so geht sie in Erfüllung.

In vielem entspricht diese Zwiespältigkeit Empfindungen am Heiligen Abend. Wir wissen um die Menschwerdung Gottes, damals im Stall, ob er nun in Bethlehem stand oder auch in Nazareth, wie es der SPIEGEL in einer Vorweihnachtsnummer groß kundtat. Wir wissen darum und doch können wir es nicht fassen, dass wir Gott in einem Kind fassen können. Wir wissen, dass unsere Sehnsüchte Erfüllung gefunden haben und wir sehnen uns immer wieder neu nach der Erfüllung.

Auch 1999 Jahre nach Christi Geburt, so sagt es uns zumindest unser Kalender, leben wir weiterhin in einem hin und her von "Es ist schon geschehen" und "es wird noch sein". Wir haben die Verheißung und warten auf die endgültige Erfüllung. Aber dort im Stall von Bethlehem, dort wird uns die Erfüllung unserer Sehnsucht vor Augen geführt: Ganz anders viel größer und wunderbarer und dabei viel bescheidener als wir es oft gerne hätten: Der Friede mitten in der Friedlosigkeit, die Geborgenheit mitten in einer kalten Welt, großer Reichtum in noch größerer Armseligkeit, Gottes Herrschaft in der Hilflosigkeit.

Ein Paradox, Gedanken voller Widersprüchlichkeiten und Gegensätzen sind das. Gewiss! Aber es ist vor allem Gottes Widerspruch gegen Resignation und das ewige weiter Durchwursteln in unserer Welt. Es ist Gottes Widerspruch dagegen, dass wir verloren gehen, dass wir weiter im finstern wandeln.

Weihnachten: Gott will, das wir das große Licht nicht nur sehen, sondern wir dürfen es in uns tragen und so leuchten und das Dunkel der Erde hell machen.

print

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn Sie diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwenden oder auf "Akzeptieren" klicken, erklären Sie sich damit einverstanden.

Schließen