Gottes höchste Absicht ist das Gebären


Christvesper 2015

Gottes höchste Absicht ist das Gebären“ (Meister Eckhart)

Das Weihnachtsoratorium und die alten Weihnachtslieder…. Wie gut das tut. Zum Aufatmen, zum Seufzen, zum Innehalten und Ruhigwerden. Und der uralte Text, die Worte von der Geburt des Kindes. Eingebettet in die alte Erzählung aus den unruhigen Zeiten. Zeiten von Umbruch und Auflösung. Mitten hinein in die Weltgeschichte: eine Geburt.

Und diese besondere Geburt – warum will Gott es gerade so? In einer Krippe, fern der Heimat? Weil sich Leben eben nicht auf Villa und Oase beschränkt. Weil das Leben unter allen Umständen von Gott gewollt ist. Ja, mehr noch, weil es Gottes höchste Absicht ist, Leben zu schenken. Mitten in unsere bisweilen klägliche Erfahrung und in unseren Abgründen.

Gottes Willen zum Leben bleibt nicht Geist, nicht Wort, nicht Idee. Es geht leiblich zur Sache. Ein Kind zur Welt bringen – Rotz und Blut und noch viel mehr, Gebrüll und Schmerz. Das Gebären von Leben, das Lebenschenken ist eine Angelegenheit von Leben und Tod. Und die Hebamme erinnert die Mutter daran, dass sie nicht sterben darf, sondern Leben zur Welt bringt. Von Geburtsschmerzen ist in den biblischen Texten immer wieder die Rede. Neues Leben zur Welt bringen, ist mit Schmerzen verbunden, mit Loslassen und Verlorengehen. Und wir alle wissen das, ob wir Kinder selbst geboren haben, oder Frauen bei der Geburt begleitet haben oder die eigene Geburt als verborgene Erinnerung in uns tragen. Wir wissen das aus unserer Lebensgeschichte, dass wir Erneuerung, neues Leben und neue Möglichkeit gebären müssen, und wie oft unter Schmerzen, wie oft mit dem Verzicht auf Liebgewonnenes und dem Verlust des Gewohnten. Neues ins Leben zu bringen, ist ein schmerzhafter Prozess. Und das ist keine Strafe oder Unfähigkeit, sondern schlicht die Wahrheit unseres Lebens: Neues wird unter Schmerzen geboren.

Gottes höchste Absicht ist das Gebären – so schlicht sagt es Meister Eckhart. Nicht zeugen im Stillen, sondern öffentlich zur Welt bringen. Das Gebären von Leben hat für Gott oberste Priorität. Die biblischen Texte erzählen von der immer wieder kehrenden Zusage neuen Lebens: für die Sklaven und die Gebeugten, für die Ausgeschlossenen und Ungeliebten, für die Fremden und die Feinde. Nicht für einen frühen Tod, nicht für den Absturz in Verzweiflung, nicht für Arbeit und Leistung schafft Gott das Leben – das Gebären dient dem Wachstum, Gedeihen, groß werden und genießen dürfen, stark und fröhlich werden, den eigenen Klang zur Welt hinzufügen können. Leben zur Welt bringen, das ist in jedem Blatt und jeder Schneeflocke anders, wie viel mehr in jedem Tier und jedem Menschen die unwiderbringliche Einzigartigkeit und Besonderheit und Schönheit.

Nein, nicht so schön? Wir brauchen ein paar Aufhübscher, Aufheller, Antidepressiva, Alkohol, um uns erträglich zu finden? Falsch!, sagt Gott – du bist einmalig und unverwechselbar mein Kind, mein geliebtes Kind, an dem ich Wohlgefallen habe und das ich unter Schmerzen geboren habe. Das ich bestaune in seiner Schönheit und seinem Zauber. Einzigartig mit deiner Art das Leben zu bereichern. Mitten in der Vergänglichkeit und Zerbrechlichkeit des Lebens. Eine vollkommene, eine gewollte Vielfalt und jede, jeder von uns ein Tropfen in diesem Ozean von Leben, ein Ton in dieser großen Symphonie. Jede, jeder von uns geboren, weil Gottes höchste Absicht das Gebären ist.

Und an dieser Schöpfung haben wir Anteil, in diesen Prozess werden wir hineingezogen. Leben zu schenken, Leben möglich zu machen und zu stärken, zum Leben zu ermutigen. Leiblich und praktisch. Den Wirt gibt es gar nicht in der Weihnachtsgeschichte, er kommt nicht vor. Da heisst es schlicht bei Lukas „Es war kein Platz in der Herberge.“ Aber dieser nicht vorkommende Wirt ist berühmt geworden. Und egal, ob als Griesgram und Widerling, hier ist kein Platz mehr, das Boot ist voll, hier sind schon genug von Euresgleichen oder ob als hilfsbereiter Zeitgenosse – letztlich wird die Tür geöffnet und es findet sich eben doch noch ein Platz für die Geburt von neuem Leben. Wirtin, Wirt zu werden, Herberge zu geben, Obdach, Asyl zu gewähren – das ist die Gabe, die uns menschlich macht und die Leben schafft. Beitragen, dass bedrohtes Leben erhalten wird und geringes Leben Wert geschätzt wird – ja, mit dieser Gabe zieht Gott uns hinein in seinen Schöpfungshandeln, in sein Gebären, in sein Lebenschaffen. Einander die Zeit geben die wir brauchen, um wachsen zu können, um leben zu können, einander den Raum schenken, uns zu entfalten, einander Herberge geben, egal ob wir auf der Durchreise sind oder bleiben wollen – ach, welch menschliche, welch göttliche Gabe.

Gottes höchste Absicht ist das Gebären. Und uns begabt Gott mit der Fähigkeit Leben zu schenken! Die Welt wird sich in den nächsten Jahren so verändern, dass wir sie kaum wieder erkennen werden. Aber tat sie das nicht schon immer? Nicht auf Gerüchte hören! Ruhe bewahren! Gelassen handeln! Ja, wir sind in der glücklichen Lage nicht auf der Flucht zu sein, nicht vor Herodes und seinen Milizen, nicht vor einer drohenden Eiszeit, wir sind in der glücklichen Lage, Herberge bieten zu können, damit Leben weiterhin zur Welt gebracht werden kann. Lassen wir uns nicht dazu verführen, Ausgrenzung und Abschreckung zu träumen. Lassen wir die Bilder des Lebens, Bilder von Heimat und Herberge und Geburt in uns leuchten, denn darin liegt das Heil. Am Anfang, im Grunde ist nur das nackte Leben. Wenn es geborgen, geherzt, beherbergt wird, wenn es ins Recht gesetzt und in Würde gehüllt wird, dann werden wir einander zu Menschen. Wer sich auf unsichere Flucht wagt, wenn in der Heimat nichts besseres als Tod wartet, erhält die Kraft dazu aus Gottes Willen zum Leben. Unsere Sehnsucht nach einer solidarischen Gesellschaft – deutlich sichtbar im Engagement zehntausender Menschen in der Flüchtlingsarbeit – ist ein Teil von Gottes Gebären. Keine, keiner soll Schatten bleiben – ins Licht, ins Leben soll jede, jeder von uns eintreten können.

Überrascht, überwältigt vom Wunder der Geburt. Wenn wir das neugeborene Leben das erste Mal im Arm halten. Versöhnt. Geliebt. Für uns und unser Heil. In uns, durch

uns wird Gott heute, mitten im Umbruch der Zeiten, fruchtbar und lebendig. Amen.

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