Gottes Herrlichkeit strahlt hinaus in alle Welt; Jes 11 (Eprobung Reihe III)

Christvesper 2014

Liebe Festgemeinde!

Auf einen Turm steigen

Herrlich, einfach herrlich. Eben war man noch eingezwängt in ein düsteres Treppenhaus. Schwer atmend siegt der Wille über die letzten, steilen Stufen. Und dann dieser Blick. Herrlich, einfach herrlich. Wie klein alles wirkt von hier oben und wie weit man schauen kann. Gott sei Dank, bin ich hier hinauf. Das hat sich gelohnt.
Wer oben auf einem Turm steht, genießt den Augenblick einer ungewohnten Souveränität. Unten in den Gassen verläuft man sich gerne einmal, obwohl man schon so lange hier lebt. In der Draufsicht ist alles so klar, so überschaubar. Wunderbar, wenn man von hier oben aus sein eigenes Hausdach sehen kann. Von hier oben aus ist der Horizont viel größer und weiter. Was er wohl verbirgt?
Oben auf dem Turm sind wir einige Augenblicke lang frei von all dem, was unten so wichtig ist. Eher widerwillig greift man zum Handy oder Fotoapparat. Was ich hier oben spüre und sehe, das kann nur die Seele sich merken. Wenn doch endlich die anderen absteigen würden! Ich hätte so große Lust, meine Initialen in den Stein zu ritzen. Ich war hier. Diesen Augenblick hielte ich so gerne fest. Unsere Sehnsucht nach Höhe und Erhebung über die Dinge wird angetrieben von der Sorge, in der Unübersichtlichkeit des Alltags hängen zu bleiben. Seltsam, hier oben auf dem Turm ist man zu keinem bösen Gedanken fähig.

Das Paradies
Wenn man auf den Turm unserer Petri-Kirche steigt, so findet man dort alte Inschriften. Namen aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Und das hier passt auch auf einen hohen Turm. Ein weit blickender Text. Ein alter Text, eine Vision guter Zukunft. Worte, hoch auf einem Turm gesprochen. Worte, die über den Horizont hinaus schauen:
Jes 11, 1-10
Ein Spross wächst aus dem Baumstumpf Isai, ein neuer Trieb schießt hervor aus seinen Wurzeln.
Ihn wird der HERR mit seinem Geist erfüllen, dem Geist, der Weisheit und Verstand gibt, der sich zeigt in kluger Planung und in Stärke, in Erkenntnis und Ehrfurcht vor dem HERRN.
Gott zu gehorchen ist ihm eine Freude. Er urteilt nicht nach dem Augenschein und verlässt sich nicht aufs Hörensagen.
Den Entrechteten verhilft er zum Recht, für die Armen im Land setzt er sich ein.
6Dann wird der Wolf beim Lamm zu Gast sein, der Panther neben dem Ziegenböckchen liegen;
gemeinsam wachsen Kalb und Löwenjunges auf. Die Kuh wird neben dem Bären weiden und ihre Jungen werden beieinander liegen; der Löwe frisst dann Häcksel wie das Rind.
Niemand wird Böses tun und Unheil stiften auf dem Zion, Gottes heiligem Berg.
So wie das Meer voll Wasser ist, wird das Land erfüllt sein von Erkenntnis des HERRN.
Von dem Ort, den er zum Wohnsitz nimmt, strahlt Gottes Herrlichkeit hinaus in alle Welt.
Die Älteren unter uns wissen noch, dass das Wort „Paradies“ religiösen Ursprung hat. Für gewöhnlich glauben wir – wenn wir denn noch glauben – das Paradies in ferner Vergangenheit in längst versunkenen Zeiten. Jesajas Turm-Text bringt die Vision einer in Gott gründenden, gerechten Gesellschaft zur Sprache. Das ist unsere Zukunft. So glaubt Jesaja. So feiern wir heute: Das hat unter uns begonnen in Christus.
„Wo denn?“ „Schau mal da hinten, ganz hinten am Horizont. Siehst du da den kleinen Stall. Da gehen wir hin.“ So steigen wir vom Turm herab und machen uns auf den Weg zur Krippe.
Ihnen hat etwas gefehlt in der Turmgeschichte? Auf die Höhenangst kommen wir noch zu sprechen.

Der Weg zur Krippe
Für den Fortgang unserer Predigt dient uns das Bild von Hieronymus Bosch als Wegweiser. Auf der Titelseite sehen wir in der Ferne hohe Türme. Dort mag Jesaja gestanden sein. Von dort aus hat er das erblickt, was uns der Vordergrund des Bildes zeigt. Die aus Gott geborene Zukunft in Jesus Christus.

Der Weg dorthin ist weit.

Glaubensfragen
Vor der Stadt steht ein Kreuz. Warum müssen Menschen leiden? Glaubensfragen. Von rechts stürmt ein Herr heran. Krieg. Warum lässt Gott Krieg zu? Der Weg ist weit. Über sandige Hügel hinweg. Kirche ist immer so lang und so langweilig. Im Wäldchen rechts hält sich ein Reiter zum Überfall verborgen. „Die Menschen sind doch so schlecht. Jesaja muss sich geirrt haben. Es gibt keine gute Zukunft“. Der allein umherziehende Händler bestätigt unsere Gedanken: „Es geht doch allen nur um das Geld. Mir auch“, lacht er grimmig und zieht seinen Esel weiter. „Ich will nicht mehr“, klagen die Kinder. Das ist so weit.
Auf dem linken Altarflügel tanzen Bauern. Sie sind schwer betrunken und grölen: „Anders ist die Welt nicht auszuhalten.“
Wer glaubt denn überhaupt noch an die kommende Herrschaft Gottes, die Jesaja auf dem Turm verkündet hat? Wer hat Hoffnung?

Hoffnung
Hoffnung für gewöhnlich treibt uns nach vorn, nach oben, zum Guten hin. Hoffnung holt das, was kommen wird, in unsere Gegenwart. Hoffnung ist der Anwalt der Zukunft in der Gegenwart. Hoffnung holt das, was sein wird, schon jetzt in mein Herz.
Aber der Platz ist leer. Wo einst religiöse Hoffnungsbilder standen ist jetzt gähnende Leere. Eine Weile hatten wir unsere technischen Fortschrittsbilder als Ersatz hier stehen. Aber vor denen graut uns nun.
Wie kaum eine Generation vor uns, sind wir ganz in der Gegenwart versunken? Unsere Hoffnung zielt meist darauf hin, dass sich bloß nichts ändert. Hoffnung kreist allein um mich. Das Selfie ist unsere Ikone geworden. Für echte Hoffnung ist diese Nahrung zu gering.
Was passiert dann? Dann greift die Hoffnung ins Leere und stirbt zuerst den Hungertod.

Gegen den Hoffnungshungertod hat Jesaja in damals sehr schweren Zeiten das Hoffnungsbild einer in Gott, in Weisheit und Verstand gründenden, gerechten Gesellschaft empfangen und verkündet. Maßstab der gerechten Gesellschaft ist ihr Umgang mit denen, die im Elend leben.
Aus unseren Zukunftsbildern hätten wir gerade diese Menschen gerne gestrichen.

Denk-Bild
Das „Denk-Bild“ des Hieronymus Bosch, das Nachdenk-Bild – wie es jemand genannt hat – zeichnet auch unseren Weg zur weihnachtlichen Krippe nach. Wir kommen in der Regel aus einem Lebensumfeld und einer Arbeitswelt, in der Religion und Glaube so gut wie keine Rolle spielen. Mancher bleibt deswegen lieber gleich daheim. Warum auf einen frommen Turm steigen? Das ist mühselig und bringt doch nichts. Wir kommen mit den Kriegsbildern. Wir kommen mit vielen, oft stummen Fragen in eine uns – Hand auf´s Herz – doch recht fremd gewordene Welt der Kirche.

Jeder, der Religionsunterricht erteilt, macht diese seltsame Erfahrung: Auch nach zehn Jahren Unterricht können sich viele Kinder nichts aus diesen Stunden merken. Sie spüren: meinen Eltern und den Erwachsenen überhaupt ist das ziemlich egal, was ich da lerne. Und so vergessen auch die Kinder das, was sie lernen könnten, weil es in ihrem Umfeld schon längst vergessen ist.

Derzeit versammeln sich tausende von Menschen – sinnfälliger Weise mit Schwerpunkt dort, wo die Kirchenzugehörigkeit gering ist – im ängstlichen Protest zur Wahrung des „christlichen Abendlands“.
„Unseren Weihnachtsmarkt will man künftig Wintermarkt nennen“, klagt ein junges Mädchen bei einer dieser Demonstrationen in Dresden. Zu gerne hätte ich nachgefragt: „Was weißt du denn über Weihnachten?“ Nur ein Viertel der Bevölkerung in Sachsen gehört einer Kirche an.

Das ist doch eher unser Problem: Wir haben die Bindung an unsere eigene Tradition verloren. Die bedeutet uns nichts mehr. Freilich, der Satz klingt sehr pauschal. Was davon auf sie persönlich zutrifft, können nur sie selbst feststellen.

Wir betreiben ein wenig Ursachenforschung.

Freiheit
Das Drama des modernen Menschen ist seine Freiheit, mit der zu leben so manchem Menschen immer schwerer fällt. Dass wir Freiheit haben, gründet in unserer Religion, im Glauben. Davon aber haben wir uns distanziert. Diese Quelle haben wir vergessen. „Kirche – ich doch nicht!“ Und so ist man frei und weiß nicht mehr, warum. Das macht vielen Menschen Angst und sie sehnen sich nach Herrschaft zurück.

Ein zeitgenössischer Psychologe bietet uns eine Erklärung an: „Der Grund, warum Angsterkrankungen so dramatisch im Ansteigen sind, liegt möglicherweise darin, dass die persönliche Freiheit des Einzelnen, sich jeder Tradition und jeder Sittlichkeit nachhaltig zu entziehen … stark zugenommen hat. Die Folge ist, dass der Mensch, gleich einem Irrlicht, regelrecht zu flackern beginnt. Überwältigt von der Möglichkeit, sich jeder beliebigen Dummheit sanktionsfrei zu überlassen… geht die Freiheit in die Knie – und verfällt dem Nichts. Vielleicht ist das mit ein Grund dafür, warum sich heute so viele Menschen wie hilflose Kinder nach staatlicher Betreuung und Regulation sehnen.“

Höhenangst
Kirkegaard, ein christlicher Philosoph, der seine Kirche radikal kritisierte, hat sich viel mit dem Thema Angst beschäftigt. Er meint, es gäbe auch eine „Angst vor dem Guten“. Und vielleicht ist das ein weiterer Grund dafür, warum wir uns so schwer tun, mit dem Turm-Text des Jesaja und mit dem Glauben überhaupt.
Jesaja beschreibt eine wunderbare, gerechte Gesellschaft, frei von Vorurteilen und frei von Gewalt. Selbst die Schöpfung bezieht er ein: Wölfe werden bei den Lämmern wohnen. Nirgends wird mehr Sünde sein. Das Land wird voll Erkenntnis des Herrn sein. Ein wunderbares Bild einer wunderbaren Zukunft.
Wenn wir zu diesem Hoffnungs- Bild emporsteigen, erfasst uns – mehr oder weniger stark – die Höhenangst. Wenn ich mich danach richte und die anderen nicht, dann stürze ich doch ab. Wir fragen uns: Ist das schöne Bild tragfähig genug? Seine Stufen wirken morsch wie angesägte Leitersprossen. Unsere Welt schaut doch ganz anders aus. Krieg, grausame Morde, Anschläge, Unterdrückung, Ausbeutung und Lüge über Lüge der kämpfenden Parteien. Und ich soll an das Gute glauben?
Nein, auf Türme steige ich nicht. Türme sollte man überhaupt nicht besteigen. Das ist viel zu gefährlich. Die können umstürzen, Stufen können zerbrechen und vor allem kann man von oben abstürzen und in die Tiefe fallen.
Nein, da bleibe ich lieber auf dem Boden der Tatsachen. Da bleibe ich lieber in der Gegenwart. Glaube, ja, gerne, aber bitte in ungefährlicher Form.

Der bunte Christus
Hieronymus Bosch hat eine ganz seltsame Figur in den Stall der Krippe gestellt. Eine Christus-Parodie. Ein Mann mit einer vergoldeten Dornenkrone. Umhängt mit dem roten Mantel der Macht. Leidensspuren auf seinem Körper wirken wie geschminkt.
Ist es das, was wir erwarten? Predige vom Kreuz. Aber bitte so, dass es mir nicht wehtut. Predige vom Reich Gottes. Aber so, dass es nichts von mir verlangt aber viel von den Anderen. Predige vom Heil. Aber so, dass es mich nicht verändert.
Der eine oder die andere unter uns erwartet heute vielleicht sowieso nur ein bisschen schöne Stimmung, für die das schwarze Kasperle auf der Kanzel bitte Sorge tragen soll.

Draufsicht
Unten in den Gassen unseres Lebens verlaufen wir uns gerne einmal, obwohl man schon so lange lebt. In der Draufsicht aber wird alles so klar, so überschaubar.
Das ist das, was wir heute feiern. Gott ist in unsere Tiefe hinabgestiegen in seinem Sohn, dass es uns hinaufgeleitete auf den Turm des Glaubens, von dem aus wir im Herzen bis hin zu Gott schauen dürfen.
Gott weiß um unsere Angst und nimmt uns bei der Hand. Gott ist Mensch geworden, damit wir Menschen werden: Gut im Herzen, stark in der Hoffnung, begabt zur Liebe.
Uns Christen ist das Wort Gottes anvertraut. Dafür steht Maria. Im Evangelium vorhin haben wir von ihr gehört: Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen. Darin ist Maria auch Vorbild aller Christen und Christinnen aller Konfessionen. Dass wir das Wort Gottes im Herzen behalten und darüber nachdenken, es meditieren, darüber nachsinnen und – wenn es uns möglich ist – danach auch handeln.
Skeptisch schaut Petrus über seine Schulter zu uns. „Ich war auch nicht besser als ihr“, ruft er uns zu. Aber ER, ER hat zu mir gehalten.
Das ist das, was in jedem Gottesdienst geschieht. Jeder Gottesdienst ist die Draufsicht auf unser Leben aus der Höhe Gottes. Jeder Gottesdienst ist die Feier des zu uns haltenden Gottes.

Das Licht Gottes hat Hieronymus Bosch über alles gestellt. Der Stern in seinem Bild ist der Fluchtpunkt, von dem alle Linien herkommen. Gottes Herrlichkeit strahlt hinaus in alle Welt. Das ist die Mitte unseres Festes, das wir heute feiern.
Gebe Gott, dass wir die „Angst vor dem Guten“ überwinden können.

Drei Männern, drei Philosophen, drei Wahrheitssucher knien nieder vor dem in der Welt geborenen Gottessohn. Das sehen wir im Vordergrund.

Ein praktischer Rastschlag zum Schluss: Nehmen sie doch das Liedblatt aus diesem Gottesdienst mit nach Hause. Beten sie vor dem Essen nochmals den Psalm im Wechsel. Oder sprechen oder singen sie eines der Lieder. Wagen sie es ohne Angst, im Turm des Glaubens ein oder zwei Stufen zu nehmen. Sie stürzen nicht ab. Gott behütet sie.
Amen

Bild
http://en.wikipedia.org/wiki/The_Epiphany_%28Bosch%29
Liedblatt
http://kulmbach-petrikirche.de/nachricht_3.php

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